18:53

Gott, der Retter, rettet uns rettet der Retter, Christus
Predigt zu Tit 3,4–7

6 Christfest I, 25. Dezember 2019, Bremen

Gott, unser Retter, rettet uns rettet, unser Retter, Christus. Das sind zwei Sätze in einem. Und man weiß nicht, wo der eine Satz aufhört und der andere Satz anfängt. — Das ist Absicht! Grammatikalisch mag das fragwürdig sein, aber theologisch ist es genau richtig.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Gedicht, das der Apostel an Titus schreibt,
im 3. Kapitel:

4Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters,
5rettete er uns
– nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen,
die wir getan hatten,
sondern nach seiner Barmherzigkeit –
durch das Bad der Wiedergeburt
und Erneuerung im heiligen Geist,
6den er über uns reichlich ausgegossen hat
durch Jesus Christus, unsern Retter,
7damit wir,
durch dessen Gnade gerecht geworden,
Erben des ewigen Lebens würden
nach unsrer Hoffnung.

0. Annäherung

Liebe Gemeinde,

der Abschnitt,
den ich uns heute morgen auslegen soll –
ist ein einzelner Satz.
Auf Griechisch hat er einen geprägten Rhythmus.
Wir haben es also mit einem Gedicht zu tun,
in dem mit wenigen Worten viel gesagt werden soll.

„Verdichtete“ Sprache ist Sprache mit hoher Bedeutungsdichte.
Das ist wie bei einer Instant-Suppe:
Man hat so einen Würfel,
denn tut man da heißes Wasser ’drauf
und drei Minuten später hat man einen Teller Suppe.

Diese Predigt soll aber nicht die Suppe sein,
sondern sie ist das heiße Wasser.
Es ist unsere Hoffnung und unser Glaube,
dass der Heilige Geist durch das Wort der Predigt
„die Herzen tröstet und Glauben gibt“
und unseren Inneren Menschen nährt und stärkt.
Deshalb sprechen wir am Anfang der Predigt ein Gebet
um den Heiligen Geist.
Dies möchte ich jetzt ganz bewusst tun:

Lasst uns beten:
Herr Gott, himmlischer Vater,
ich bitte dich:
Sende uns den Heiligen Geist,
damit uns die Freundlichkeit und Menschenliebe
klar vor Augen tritt,
die du uns geschenkt hast in deinem lieben Sohn,
unserem Herrn und Heiland Jesus Christus.
— Amen

Liebe Brüder und Schwestern,
die Alten Griechen habe lange, komplizierte Sätze
wie unseren Predigtabschnitt
geliebt.
Die fanden das schön!
In Deutschland war das auch mal Mode:
zum Beispiel bei den „Gebildeten“ des 19. Jahrhunderts.
Wenn man Kant oder Hegel ließt,
muss man auch als Muttersprachler hergehen,
und mit Buntstiften die Sätze einteilen,
damit man den Hauptsatz findet.
Hat man den Hauptsatz dann gefunden,
kann man ziemlich sicher sein,
dass da das Wichtigste drinsteht:
das, worum es eigentlich geht.
Was ist das Wichtigste an unserem Satz aus dem Titus-Brief?
Ich würde so formulieren:

Gott, unser Retter, rettet uns rettet, unser Retter, Christus.

Bitte was? Moment – nochmal:

1. Trinitätslehre I: „Vater“

Gott, unser Retter, rettet uns rettet, unser Retter, Christus.

Das sind zwei Sätze in einem.
Und man weiß nicht,
wo der eine Satz aufhört
und der andere Satz anfängt. —
Das ist Absicht!
Grammatikalisch mag das fragwürdig sein,
aber theologisch ist es genau richtig:
Wenn wir darüber reden,
dass Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus,
dann kommen wir schnell an die Grenzen von dem,
was mit Menschenworten auszusagen geht.
Alle unsere Bilder werden schief.
Was wir sagen wollen,
überschreitet den Horizont jeder menschlichen Logik.

Ich hatte am Donnerstag vor dem 3. Advent
wieder den Kindergarten zu Besuch
und wir haben über unseren Adventskranz gesprochen.
Ich habe den Kindern erzählt,
dass wir glauben,
dass Gott im Himmel
und das Kind in der Krippe der selbe sind.
Und eines der Kinder meldet sich und fragt:

Wenn Gott im Himmel ist,
wie kann er dann als Jesus in der Krippe liegen?

Ich habe mich sehr gefreut über diese Frage!
Nicht, weil ich eine kurze, Antwort auf die Frage hätte,
die mich besonders klug aussehen lässt,
sondern weil das genau die Frage ist,
die man sich als Erwachsener nicht mehr traut zu stellen:
Es könnte ja so aussehen,
als habe man die Trinitätslehre nicht richtig verstanden.
Ich möchte aber jeden Christenmenschen ermutigen:
Es gibt keine Geheimlehre und auch keine magische Formel!
Doch es gilt, was für jede Menschliche Erkenntnis gilt:

Je mehr ich weiß,
desto mehr weiß ich,
dass ich nichts weiß.

Wenn man über Trinitätslehre redet,
kommt man an die Grenze von dem,
was ein Mensch wissen kann.
Wenn man über diese Dinge redet,
wird diese Grenze gerade sichtbar –
und das ist genau richtig.

Dem Kindergarten-Kind habe ich dann geantwortet:

Klar kann Gott im Himmel und auf der Erde zugleich sein.
Gott ist überall zugleich,
aber in Jesus ist er ganz besonders bei uns.
Jesus und Gott haben die selbe innere Stimme.
Es ist so, als wenn du in deinem Kopf redest,
ohne mit dem Mund zu reden.
So nah sind sich Gott und Jesus:
Sie sind die selbe innere Stimme.

Das war nun mein Versuch,
Johannes’ berühmte Worte für ein Kindergarten-Kind zu übersetzen:

Das Wort wurde Fleisch
und wohnte unter uns.

Meine Gesprächspartnerin fand das nicht so richtig überzeugend, glaube ich.

Ihre Sitznachbarin konnte nicht viel anfangen
mit „inneren Stimme“.
Da war ihr noch nicht so ganz klar,
was ich damit meine.
Als Kind hat man das vielleicht noch nicht:
Wenn man redet, redet man immer mit dem Mund.
Und es braucht einen Weile
in der Entwicklung und der Reifung,
bis man „in seinem Herzen“ redet und überlegt.

Bei manchen Dingen braucht man ein bisschen Geduld,
bis man sie verstanden hat.

Eine Sache möchte ich aber,
dass ihr sie aus dieser Überlegung mitnehmt:
Die Trinitätslehre mag ihre Herausforderungen haben,
wenn es darum geht,
sie jemandem zu erklären.
Die Geheimnisse Gottes sind tief.
Über eine Sache lässt Gott uns aber nicht im Zweifel.
Die Bibel bringt sie mit Worten zum Ausdruck,
die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen:
Gottes Motiv,
das, was ihn dazu bringt,
in Christus Mensch zu werden:

…die Freundlichkeit
und Menschenliebe Gottes…

Das ist es, was uns in Christus erschienen ist.
An Jesus können wir sehen und begreifen,
dass Gott es gut mit uns meint.
Ganz egal, wie wir ihm gegenüber sind,
seine Haltung uns gegenüber ist,
dass wir ihm wertvoll sind:

Er 5rettete uns
nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen,
die wir getan hatten,
sondern nach seiner Barmherzigkeit.

2. Trinitätslehre III (sic!): „Heiliger Geist“

Gott rettet uns aus Liebe.
Wie erreicht uns aber diese Rettung?
Der Apostel schreibt:

[Er rettet uns…] 
durch das Bad der Wiedergeburt
und Erneuerung im heiligen Geist,
6den er über uns reichlich ausgegossen hat.

Gottes Geist ist,
was diesen Satz zusammenhält:

Gott, unser Retter, rettet uns rettet, unser Retter, Christus.

Und Geist ist auch die Verbindung zwischen dieser Rettung
und unserem persönlichen Leben.

Der Apostel redet vom „Bad der Wiedergeburt“
und er meint damit unsere Taufe.
In der Taufe wurde über uns Wasser ausgegossen –
wie kann das unsere Rettung sein?

Die meisten von uns werden diese Antwort aus dem kleinen Katechismus kennen:

Wasser tut’s freilich nicht,
sondern das Wort Gottes,
das mit und bei dem Wasser ist,
und der Glaube,
der diesem Wort Gottes vertraut.

Denn ohne Gottes Wort ist Wasser schlicht Wasser
und keine Taufe,
aber mit dem Wort Gottes ist es eine Taufe,
das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens
und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist,
wie St. Paulus sagt zu Titus im dritten Kapitel…

…und dann zitiert Luther unseren Predigtabschnitt von heute morgen.

Dieses Wort Gottes ist wie eine Liebeserklärung.
Und zwar nicht wie eine, die nur leeres Gerede ist,
sondern dies ist die Art Liebeserklärung,
die ein Versprechen ist, dass erfüllt wird.

Der Heilig Geist öffnet unsere Ohren für Gottes Wort.
Wenn wir zum Beispiel die Bibel lesen
oder die Predigt hören,
wird Gott mit uns persönlich reden.
Er wird uns sagen, was in unserem Leben falsch läuft.
Er wird uns seinen Willen für unser Leben sagen.
Und am allerwichtigsten:
Gott wird uns sagen,
dass wir in seinen Augen wertvoll sind
und dass er uns liebt.

Der Heilige Geist wird uns Trost schenken,
zum Beispiel durch andere Menschen,
mit denen wir Gemeinschaft haben in ihm.

Er wird uns Vergebung zusprechen,
so dass wir befreit leben können
und Kraft haben,
auch denen zu vergeben, die Schuld an uns tragen.

3. Trinitätslehre II (sic!): „Sohn“

Zu dieser Liebeserklärung gehört eine Umarmung:

Es ist wichtig, einem Menschen zu sagen,
dass man ihn lieb hat.

Es ist wichtig, dass man sich so verhält,
dass es zu dieser Liebeserklärung passt.

Es ist genau so wichtig,
einen Menschen,
den man lieb hat,
in den Arm zu nehmen.

Wir Menschen sind von Anfang an
von Gott als leibliche Wesen gemacht worden:
Das hier, dieser Körper, das ist, was ich bin.
Ich bin keine Software, die auf einem Eiweiß-Computer läuft,
sondern ich bin gemacht aus Knochen, Fleisch und Blut.
Und deswegen ist unsere Rettung ist nicht theoretisch
und intellektuell,
sondern praktisch und körperlich.

Gott, unser Retter, rettet uns rettet, unser Retter, Christus.

Gott ist körperlich einer von uns geworden
und hat am eigenen Leib das Leben eines Menschen gelebt.

Unsere Leiber kommen uns ja als ein Problem vor:

Wir altern

und wir sterben.

Wir haben Bedürfnisse:

Essen,

trinken,

Schlaf und Ruhe.

Oft genug bringen diese Bedürfnisse Konflikte mit sich.
Das ist, was Paulus gerne mit „Fleisch“ bezeichnet:
Wenn der Magen knurrt,
nehmen nicht immer Rücksicht auf die anderen
oder auf Gottes Gebote.

Doch der unendliche, körperlose, allgegenwärtige Gott
hat uns angenommen,
mit Leib und Leben und allem, was dazu gehört.
Daran sehen wir,
dass er unsere Körper gewollt hat.
Auch wenn in der gefallenen Schöpfung manches schwierig ist:
Vor Gott ist dein Körper
- angenehm,
- angemessen
- und schön.
Ein Körper, wie du einen hast, war gut genug für Gott.

Als Jesus in dem Stall in Bethlehem geboren wurde,
ist Gott leiblich zu allen Menschen gekommen.
Zu dir persönlich kommt er auch leiblich und mit Macht.
Im Heiligen Abendmahl schenkt er sich dir
mit seinem Leib und Blut.
Das ist auch nicht theoretisch oder intellektuell,
sondern praktisch und körperlich.
Christus kommt in unser Leben,
um an uns stark zu machen, was Gott gefällt.
Das Abendmahl ist ein Weihnachtsgeschenk,
an dem man das ganze Jahr durch Freude hat
und das man ein Leben lang gebrauchen kann.

4. Conclusio

Liebe Brüder und Schwestern,

Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe ist unter uns erschienen. Gott ist in Christus zu uns gekommen,
ohne den Himmel verlassen zu haben.
Das ist nicht theoretisch und abstrakt
für das große Ganze der Menschheit,
sondern praktisch und konkret:
- In deiner Taufe
- und im Heiligen Abendmahl
wird diese Verbindung zwischen Gott und dir
deutlich und greifbar.

Durch sein Wort handelt Gott in seinem Leben,
– jetzt –
und in ihm liegt auch die Hoffnung,
die wir teilen,
über dieses Leben hinaus mit ihm verbunden zu sein
in seiner Ewigkeit. — Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 σωτήρ: „Retter“ statt Heiland. Der Luthertext verschleiert die Stichwortverknüpfung durch den Verb-Stamm σω-.

 ἔσωσεν, d.i. σῴζω, „retten“.

 Vgl. Fn. 1.

 Kanzelgebet kommt noch, siehe unten!

 Nach CA 5, vgl. BSELK 100.

 οἶδα οὐδὲν εἰδώς — Σωκράτης

 Joh 14,6

 Nach BSELK 884.

 Phil 4,7