15:01

Verwandlung: aus Feind mach Freund
Predigt zu Kol 1,15–21; 2

102 Christfest I, 25. Dezember 2022, Frankfurt a. M.

Die ganze Welt, die Kirche und wir einzelne Menschen: Diese drei Ringe haben eine gemeinsame Mitte: Christus, den Mensch-gewordenen Gott. — Das ist die Bekenntnisgrundlage, von der Apostel ausgeht.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht geschrieben im Brief an die Kolosser
im 1. und 2. Kapitel. Der Apostel schreibt:

15[Christus] ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene vor aller Schöpfung.

16Denn in ihm ist alles geschaffen,
was im Himmel und auf Erden ist,
das Sichtbare und das Unsichtbare, —
es seien
- Throne
- oder Herrschaften
- oder Mächte
- oder Gewalten —
es ist alles3 durch ihn
und zu ihm geschaffen.

17Und er ist vor allem,
und es besteht alles in ihm.

18Und er ist das Haupt des Leibes,
nämlich der Kirche.
Er ist der Anfang,
der Erstgeborene von den Toten,
damit er in allem der Erste sei.

19Denn es hat Gott wohlgefallen,
dass in ihm alle Fülle wohnen sollte
20und er durch ihn alles3 mit sich versöhnte,
es sei auf Erden oder im Himmel,
indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

21Auch euch,
die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken, 22hat er nun versöhnt6 durch den Tod seines sterblichen Leibes,
damit er euch
- heilig
- und untadelig
- und makellos
vor sein Angesicht stelle […]

2,6Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt,
so lebt auch in ihm
7und seid in ihm verwurzelt und gegründet
und fest im Glauben,
wie ihr gelehrt worden seid,
und seid reichlich dankbar.

8Seht zu, dass euch niemand einfange
durch Philosophie und leeren Trug,
gegründet auf die Lehre von Menschen
und auf die Mächte der Welt
und nicht auf Christus.

9Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig,
10und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm,
der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

Lasst uns beten:
Herr Gott, Heiliger Geist, komm in unsere Mitte, damit der Brief des Paulus an die Römer zu einem Brief an uns wird vom Herrn Jesus Christus. — Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

(Gliederung)
- die ganze Welt,
- die Kirche
- und wir einzelne Menschen:
Diese drei Ringe
haben eine gemeinsame Mitte:
Christus,
den Mensch-gewordenen Gott. —
Das ist die Bekenntnisgrundlage,
von der Apostel ausgeht.
Und in seinem Brief fragt er,
was das nun bedeutet
für die Menschen in der Kolosser Gemeinde.
Das will ich ihm gerne gleichtun
und will eine Verbindung knüpfen
zwischen den Worten aus dem Brief an die Kolosser
und uns Menschen in der Trinitatisgemeinde in Frankfurt.

1 Schöpfung

Ich war etwas mehr als zwei Jahre bei der Bundeswehr,
nach etwa der Hälfte dieser Zeit
im Dienstgrad des Unteroffiziers,
insbesondere als Ausbilder in der Allgemeinen Grundausbildung.
In meinen zwei Jahren bei der Bundeswehr
ist mir genau einmal ein General begegnet.

Der kam mit einem Hubschrauber.
Das war für uns schon was besonderes.
Dann ist der Herr General im Stabsgebäude verschwunden
und die haben das erst mal einen Kaffee getrunken,
(nehme ich an).

Wir haben an dem Tag Stationsausbildung gemacht:
„Sanitätsdienst aller Truppen“.
Der General ging dann ’rum
und guckte sich unsere Stationen an.
Er kam auch zu mir.

Ich war etwas aufgeregt,
meldete aber meine Station,
wie ich das gelernt hatte:

Herr General,
Unteroffizier Vorberg, melde:
12 Rekruten angetreten zur Station „Verwundetentransport“.

„Danke“ sagte der General,
„zeigen sie mal, was sie hier so machen“.

Und dann ließ ich die Soldaten vorführen,
was wir gerade geübt hatten.
Der General schien schnell damit zufrieden zu sein
und wendete sich den Rekruten zu.
Das waren zu meiner Zeit noch Wehrdienstleistende
und er betrieb etwas smalltalk.

Das gab mir Gelegenheit,
mir den Menschen mal anzuschauen.
Und mit meinem geübten Blick als Grundausbilder
fiel mir sofort auf:

Der General trug ein Halstuch.
Das war nicht STAN-mäßige Ausstattung.

Und der hatte die Schnürsenkel daneben hängen.
Mein Ausbilder in der Grundausbildung
hätte mich dafür um den Ex-Platz gejagt.
Ich hätte mir mindestens anhören müssen,
ich solle in diese Richtung wegtreten,
bis ich aus dieser Richtung wiederkomme.

„Nun“, habe ich mir Gedacht,
„ich vermute, als General kann man sich das erlauben“.
So schmunzelte ich in mich hinein.

Der Eindruck,
das Gefühl,
das ich aus diesen Wenigen Minuten in der Gegenwart
meines direkten Vorgesetzten von oberster Ebene hatte,
war dies:
Ich war froh, dass er ein Mensch ist.

Für den Soldaten gilt „Befehl und Gehorsam“.
Wenn es richtig losgeht,
muss der Apparat funktionieren,
zuverlässig und unmenschlich,
wenn es sein muss.
Und trotzdem sind wir alle Menschen.
Dieser konkrete Mensch war mir irgendwie sympathisch.

Ich bin keiner blinden Maschine ausgeliefert,
sondern der General ist ein Mensch,
einer, der sich ein Halstuch umbindet,
weil es ihm angenehm ist,
und der seine Schnürsenkel raushängen lässt,
weil es in dieser ganzen Armee keinen Unteroffizier mehr gibt,
der ihn dafür wegtreten lassen kann.

16[In Christus] ist alles geschaffen,
was im Himmel und auf Erden ist,
das Sichtbare und das Unsichtbare, —
es seien
- Throne
- oder Herrschaften
- oder Mächte
- oder Gewalten —
es ist alles durch ihn
und zu ihm geschaffen.

Du bist nicht einer blinden Maschine ausgeliefert.
- Die Throne der Mächtigen,
- die Herrschaft der Reichen,
- die Mächte der Natur
- und die Gewalten des Krieges —
sie alle hat Christus in der Hand.
Der Weltenherrscher ist ein Mensch –
und was für ein Mensch!

Nicht ein Feldherr,
der mit Strategie gewinnt.

Kein Geschäftsmann,
der die Armen ausnutzt.

Kein Redner,
der mit Klugheit blendet.

Christus spricht:

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,
sondern dass er diene
und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Gott macht sich klein und kommt zu uns,
als ein Menschenkind,
genau so ein Menschenkind,
wie du eines warst
und eines bist.

2 Die Kirche

Das Bekenntnis des Apostels bleibt nicht beim großen Ganzen.
Christus ist Herr über die Schöpfung…

18Und er ist das Haupt des Leibes,
nämlich der Kirche.

Paulus redet gerne von der Kirche als dem „Leib Christi“.
Das bedeutet zum Beispiel auch,
dass die körperliche Gegenwart des Herrn
mit Himmelfahrt nicht aufgehört hat.
Christus nimmt in der Welt Raum ein.
Jesus sitzt nicht auf irgendeiner Wolke
und guckt dem „Bodenpersonal“ bei der Arbeit zu,
sondern er ist auf der Welt gegenwärtig
in und unter seinem Leib.

Dadurch macht er sich natürlich auch angreifbar
und verwechselbar.
Viele von euch engagieren sich ja in der Kirche
und ihr wisst ganz genau,
wie schwierig das manchmal ist.
Streit und Missverständnisse gehen auch an uns nicht vorbei.
Der ein oder andere Christenmensch
erlebt tiefe Verletzungen da,
wo Frieden herrschen sollte.
Manch einer wird ausgegrenzt und gedemütigt,
wo Christus ihn angenommen hat
und Leben in Fülle für alle Menschen gegenwärtig ist.

[Christus] ist der Anfang,
der Erstgeborene von den Toten […]

19Denn es hat Gott wohlgefallen,
dass in ihm alle Fülle wohnen sollte
20und er durch ihn alles mit sich versöhnte, […]
indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

Das ist ein sehr schönes Wort: „versöhnen“.
„Jemanden wieder zu einem Sohn machen“.
„Sohn“ heißt, „etwas, das zu mir gehört“.

„Versöhnen“ heißt:

„Etwas, das mir fremd war,
zu etwas machen,
das zu mir gehört“.

Das griechische Original bietet ein Wort,
das heißt „verwandeln – einen Feind in einen Freund“.

Gott hat angefangen, die Welt zu verwandeln.
Jesu Auferstehung war der Anfang.
Ostern ist die Grundsteinlegung des Himmelreiches.
Die Neuschöpfung findet schon statt,
- an uns
- und um uns herum.

Damit hat sich erfüllt,
was der Herr
durch den Propheten Sacharja hat ansagen lassen:

9Du, Tochter Zion, freue dich sehr,
und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir […]

10Ich will die Wagen wegtun aus Ephraim
und die Rosse aus Jerusalem,
und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden.

Denn er wird Frieden gebieten den Völkern,
und seine Herrschaft wird sein
von einem Meer bis zum andern
und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Willst du Menschen sehen,
die schon neu geschaffen sind?
Dann schau mal nach links
und schau mal nach rechts!
Die Menschen, die du da siehst,
sind von Gottes Kraft und Leben schon erfasst.
Wir sind
- gebrochenen und verletzt,
- oft genug auch brechenden und verletzend,
- problematisch, ja, sündhaftig.
Doch in und unter unserer irdischen Existenz
ist der innere Mensch jetzt schon gegenwärtig.
Das Himmelreich ist so nahe herbeigekommen,
dass es mitten unter uns wirkt.

Damit sind wir von der Kirche her
beim innersten Kreis angekommen:

3 Wir selbst

Paulus redet von der Schöpfung,
er redet von der Kirche
und unser Abschnitt endet mit den Worten:

9In [Christus] wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig,
10und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm,
der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

„Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott“ – 
das ist der Spitzensatz christlicher Theologie.
Dabei geht es aber nicht irgendwie
um das philosophische Wesen Gottes da draußen, im Himmel.
Viel mehr geht es um das Wesen Gottes,
wie er es mit uns teilt:

In [Christus] wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.

In Christus hat Gott uns angenommen
mit Geist, Seele, Leib und allem,
was dazugehört, ein Mensch zu sein.

Er hat Fleisch angenommen
und wurde für uns gekreuzigt,
hat gelitten und ist begraben worden.

Alles, was wir durchmachen,
hat er auch durchgemacht
und trotzdem ist die Fülle der Gottheit in ihm gegenwärtig.
Durch diesen Mittler
- hat Gott die ganze Welt mit sich versöhnt,
- hat die Kirche in der Welt gegründet
- und hat dich zu seinem Kind gemacht
und das kommende Gottesreich
zu deinem Erbteil und Zuhause gemacht.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 εἰκὼν τοῦ θεοῦ

 τὰ πάντα, das All

 εἴτε θρόνοι εἴτε κυριότητες εἴτε ἀρχαὶ εἴτε ἐξουσίαι

 κεφαλὴ τοῦ σώματος τῆς ἐκκλησίας: Luther 84 wählt „Gemeinde“. In unserem Sprachgebraucht meint das die Trinitatisgemeinde, gemeint ist aber die una sancta ecclesia.

 ἀποκατήλλαξεν Kassülke bietet „versöhnen“, LSJ bietet reconcile again. Für καταλλάσσω (ohne ἀπο-) hat LSJ die Grundbedeutung change, im Sinne von „verwandeln“, insbesondere II. change a person from enmity to friendship, reconcile. Theologisch: Gott hat im Akt der Inkarnation Frieden (Schalom) geschaffen im All und es mit sich versöhnt, wie er jeden einzelnen Christenmenschen von einem Feind in seinen Freund verwandelt hat, jemanden, der heilig, untadelig und makellos vor seinem Angesicht steht. Schön. Und Erfüllung von Sach 9,9f.

 Der Abschnitt Kol 1,15–20 ist ein lobpreisendes Lehrgedicht, das bekenntnishafte Züge hat.

 Mk 10,45

 Vgl. DBW 4,241.

 Vgl. oben Fn. 6.

 Sach 9,9f

 Vgl. Mk 1,15: „ἤγγικεν ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ“ Griechischer Perfekt hat präsentischen Aspekt. „Das Gottesreich ist gekommen“ ist relevant jetzt, presently.

 Vgl. Nizänischen Glaubensbekenntnis, ELKG² S. 35.

 Phil 4,7