„Vermehre unseren Glauben…“
Predigt zu Lk 17,5–6
„Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn…“ Zwei etwas enttäuschte Jünger fragen sich, was Jesus damit meint.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein kurzer Predigtabschnitt bei Lukas um 17. Kapitel.
Der Evangelist schreibt:
7Und die Apostel sprachen zu dem Herrn:
Stärke uns den Glauben!
6Der Herr aber sprach:
Wenn ihr Glauben habt so groß wie ein Senfkorn,
dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!,
und er würde euch gehorchen.
Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!2 — Amen
„Und? Was hat er gemacht?“
„Nichts“
„Wie nichts?
Hat er euch angepustet?
Gesegnet?
Die Hände aufgelegt?
Eine zweite Taufe oder so was?“
„Nein, nichts davon.“
„Nichts? —
Aber er hat uns doch losgeschickt mit Aufträgen,3
mit allgemeinen und speziellen.
Wir brauchen dringend mehr Glaube,
sonst geht uns der Glaube verloren!“
„Er hat gesagt,
wir sollen Glauben haben wie ein Senfkorn,
das würde reichen.“
„Er hat nicht mal für euch gebetet,
dass euer Glauben mehr würde?4
Oder wenigstens einen netten Wunsch?
Wie sollen denn den Glauben selber machen?
Jesus beauftragt uns
und jetzt legt er noch eine Pflicht oben drauf.“
„Nein, nein, so hat er das nicht gemeint.
Der Glaube ist immer ein Geschenkt“.
„Aber du hast doch gerade gesagt,
wir sollen Glauben haben wir ein Senfkorn…“
„Ja, äh, ne, so ähnlich.“
„Wie so ähnlich?
Ihr habt ihn gefragt, ‚Herr gib uns Glauben‘
und der Herr hat geantwortet…?“
„Er hat gesagt:
‚Wenn wir Glauben haben wie ein Senfkorn,
dann würden wir zu einem Baum sagen,
er soll sich entwurzeln
und ins Meer verpflanzen‘“.
„Oh ha!
Was soll das denn heißen?“
„Ja, ist wieder so ein richtiger ‚Jesus‘.5
Was wollen uns diese Worte sagen?“.
„Ja!
Wer Ohren hat zu hören, der höre!“6
„Haha, sehr witzig.
Ok, lass’ mal überlegen.
Gehen wir mal davon aus,
dass wir den Glauben haben
und zwar als Geschenk.
Was sagt uns dann die Sache mit dem Senfkorn?“
„Dass unser Glaube klein ist?“
„Du meinst so als Vorwurf:
‚Ihr Kleingläubigen…!‘“7
„Ich habe nicht rausgehört,
dass er das böse meint.
Aber wenn man zu Jesus kommt,
weil man den Glauben vergrößert haben will,
ist man ja schon irgendwie kleingläubig“.
„Du, vielleicht will Jesus uns sagen:
Beim Glauben kommt es nicht auf die Größe an!“
„Du meinst,
beim Glauben gibt es gar kein Mehr oder Weniger?“
„Ja, Jesus sagt uns zu,
dass unser Glaube ausreicht.
In einem Glauben so groß wie ein Senfkorn
ist schon die ganze Kraft vorhanden,
die du brauchst,
um Wunder zu tun“.
„Das würde dazu passen,
dass Jesus immer sagt,
das Himmelreich sei wie ein Senfkorn.8
Das Korn ist zwar sehr klein,
aber der Stamm, die Äste, der ganze Baum
sind schon im Keim vorhanden“.
„Stimmt! —
So gesehen ist der Glaube Anteil am Himmelreich. —
Ok…
Lass uns das mal so denken:
Wir haben Glauben,
jeder für sich,
so groß wie ein Senfkorn,
und in diesem Senfkorn
ist das ganze Himmelreich schon gegenwärtig. —
Jetzt stelle ich mich –
mit meinem Senfkorn-Glauben –
vor einen Maulbeerbaum
und mache dem eine Ansage:
Entwurzel dich
und wirf dich ins Meer…“
„…verpflanz dich ins Meer…“
„Von mir aus auch ‚verpflanz dich‘…“
„Ich finde,
das ist ein wichtiger Unterschied.
Es geht hier nicht darum,
dass der Glaube dir Macht und Autorität gibt.
Du sollst dich nicht neben ein Geschöpf stellen,
das deutlich dafür geschaffen ist,
sein Leben stationär auf dem Land zu verbringen,
und ihm befehlen,
sich ins Meer zu bewegen,
um dort den Tod zu finden.
Wenn überhaupt
verpflanzt sich der Baum ins Meer
und findet dort neues Leben.
Das Himmelreich,
das ist die Fülle des Lebens.
Deswegen sagen wir ja auch,
das ewige Leben hängt vom Glauben ab
und zwar
vom Glauben allein“.9 —
„Ok, ok… ‚verpflanzt‘…
Aber Jesus redet schon von Gehorsam“.
„Gehorsam Gott gegenüber!
Der Glaube ist nicht dafür da,
dich wichtig zu machen und groß.
Der Glaube verherrlicht Gott.
Die Menschen,
deren Glaube eine groß Kraft entfaltet hat,
die erkennt man nicht daran,
- dass sie reich
- oder vornehm
- oder angesehen sind.
Der Glaube führt Menschen zu Demut
und Bußfertigkeit.“
„Ja, schon…“
„Meinst du nicht?“
„Doch…
Das ist so fromm,
was du da gesagt hast,
das muss stimmen“.
„Och, bleib ernst…
Guck mal,
was ich meine ist so:
Wenn Jesus ein Wunder wirkt,
wenn er jemanden heilt
und sagt so was wie:
‚Sei frei von deiner Krankheit‘,10
dann geschieht das,
weil Jesus’ Wille
und der Wille des Vaters
ein sind.
Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen11
wenn Jesus Wunder tut“.
„Das heißt,
Gott tut eigentlich die Wunder,
die wir im Glauben wirken sollen.“
„Wenn du so willst, ja.“
„Schau mal,
und das ist mein Problem.
Das ist alles schön und gut,
was du da sagst,
über den Glauben und die Demut und so.
Ich möchte aber darauf bestehen,
dass der Glaube ganz mein Glaube ist.“
„Warum willst du dich selbst immer so wichtig machen?“
„Oh, das sage ich dir:
Weil Jesus mich immer so wichtig macht!
Ich bin Jesus wichtig,
da bin ich ganz sicher.
Jesus sagt regelmäßig zu Menschen,
die er geheilt hat,
oder für die er ein Wunder gewirkt hat:
‚Dein Glaube hat dir geholfen‘.12
Sicher hat der Mensch nicht mitgeholfen bei dem Wunder,
aber man steht auch nicht unbeteiligt daneben,
wenn das Himmelreich in seinem Leben Wirkung entfaltet.
Ich bin derjenige,
der glaubt.
Ich bin derjenige,
der getauft worden ist
und ich bin auch derjenige,
der gerettet wird
und das ewige Leben ererbt“.
„Jetzt sind wir aber ganz schön vom Thema abgekommen.
Mir geht es darum,
dass wir nicht vom Glauben reden
und dabei weltlich denken:
Macht, Ansehen, Geld –
das spielt dabei keine Rolle.
Du hast keine Macht übergeben bekommen,
nach deinem Gutdünken mit Gottes Geschöpfen umzugehen
oder deinem Nächsten zu sagen,
wie er sein Leben leben soll.
Die Macht,
die du im Glauben geschenkt bekommen hast,
ist ein Kind Gottes zu werden,
und zwar auf himmlische Art,
nicht nach irdischer13“.
„Mir geht es darum,
dass der Glaube nicht ein Stück Himmelreich ist,
das in mir gefangen ist wie ein Fremdkörper –
und wenn ich sterbe ins Himmelreich zurückkehrt
und ich bleibe zurück.
Nein!
Wenn Jesus vom ewigen Leben redet,
redet er immer von uns als einzelnen Menschen.
Der Glaube ist kein himmlischer Fremdkörper in meinem Leben,
sondern er gehört zu mir.
Der Glaube durchdringt mein Leben
und auf diese Weise gehört ich dahin,
wo der Glaube herkommt:
In das Reich Gottes.“
„Und woher kriegen wir jetzt mehr Glauben?“
„Vielleicht lassen wir uns einfach an der Gnade genügen,
die wir empfangen haben.
Man könnte meinen,
Gottes Kraft ist eher in den Schwachen wirksam“.14
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!15 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Ps 119,105
3 οἱ ἀπόστολοι wenden sich an Jesus, die, die gesandt worden sind, die Apostel.
4 Vgl. Lk 22,32.
5 Die Rhetorik hier ist „überzogen“, wie man es damals schätzte. „Die thematische Aussage ist … rätselhaft“ und das spricht für die Echtheit des Herrenwortes. (Bovon, EKK, z.St.)
6 Lk 8,8 u.ö.
7 Lk 12,28 u.ö.
8 Zuletzt in der Predigt vor drei Wochen, „Ihr Scheinheilige…“ zu Lk 13,10–17.
9 Vgl. Röm 3,28 und CA 4, immerhin der Artikel mit dem die Kirche steht oder fällt.
10 Wie in dem Abschnitt o.g. Predigt, „Ihr Scheinheilige…“ zu Lk 13,10–17.
11 Mt 3,2 u.ö.
12 Bei Lk allein vier mal: 7,50; 8,48; 17,19; 18,42; dazu Mt 9,22 und Mk 10,52.
13 Vgl. Joh 1,12f.
14 Vgl. 2.Kor 12,9.
15 Phil 4,7
Weitere Predigten zu 15. So. n. Trinitatis:
Des Herren Haus
Ps 23,5–6,
15. So. n. Trinitatis
Zum Gedächtnis der Grundsteinlegung unserer Kirche rede ich über Dankbarkeit, Versuchung und einen Mehr…
Morgen, Gestern, Heute
Mt 6,25–34,
15. So. n. Trinitatis
Die „Vögel unter dem Himmel“ und die „Lilien auf dem Feld“ führen uns zu Überlegungen, die uns zeigen, wie Gottes Barmherzigkeit uns erreicht durch Schöpfung, Erlösung und Begleitung.
Vermittlung
Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,
1.Tim 2,5,
15. So. n. Trinitatis
Wir folgen Gedanken Dietrich Bonhoeffers dazu, dass Christus der Mittler ist zwischen Gott und Mensch und dies ihn macht zum Mittler zwischen Mensch und Mensch.
Schöpfung
Gen 2,
15. So. n. Trinitatis
Als Lesung hören wir einen Abschnitt aus dem zweiten Schöpfungsbericht und die Erzählung von einem Speisewunde (1.Kön 17). Mehr…