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Gegeben und gefordert
Predigt zu Joh 17,20–26

218 Über die Einheit Rogate, 10. Mai 2026, Frankfurt

Jesus betet, dass wir eins sein sollen, wie der Vater und er eins sind. Er betet öffentlich, so, dass wir es hören. Was will er uns damit sagen?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem hohepriesterlichen Gebet Jesu,
im Evangelium nach Johannes im 17. Kapitel. Jesus betet:

20Ich bitte aber nicht allein für [diejenigen,
denen ich
selbst deinen Namen offenbart habe],1
sondern auch für die,
die durch ihr Wort an mich glauben werden,
21damit sie alle eins seien.
Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir,
so sollen auch sie in uns sein,
damit die Welt glaube,
dass du mich gesandt hast.

22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben,
die du mir gegeben hast,
damit sie eins seien,
wie wir eins sind,
23ich in ihnen und du in mir,
damit sie vollkommen eins seien
und die Welt erkenne,
dass du mich gesandt hast
und sie liebst,
wie du mich liebst.

24Vater, ich will,
dass, wo ich bin,
auch die bei mir seien,
die du mir gegeben hast,
damit sie meine Herrlichkeit sehen,
die du mir gegeben hast;
denn du hast mich geliebt,
ehe der Grund der Welt gelegt war.

25Gerechter Vater,
die Welt kennt dich nicht;
ich aber kenne dich,
und diese haben erkannt,
dass du mich gesandt hast.
26Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan
und werde ihn kundtun,
damit die Liebe, mit der du mich liebst,
in ihnen sei und ich in ihnen.

Lasst uns beten:
Herr Jesus Christus,
du betest für uns zum Vater und wir hören deine Bitten.
Lass sie in uns Wiederhall finden,
damit wir einstimmen in dein Gebet
und die Liebe Gottes uns erfüllt. — Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) Jesus betet öffentlich.
Sicher will er nicht den Vater darüber informieren,
was er jetzt für wichtig hält,
denn der Vater weiß,
was wir brauchen,
bevor wir bitten.
2
Wenn Jesus also
so betet,
dass wir es hören,
dann will er uns etwas damit sagen.
Gleichzeitig sollen wir beten
ohne einen Zweifel daran,
dass wir erhalten,
was wir erbitten.
3

Was Jesus bittet, ist gegeben und gefordert.4

Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir,
so sollen auch sie in uns sein…

Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben,
die du mir gegeben hast,
damit sie eins seien,
wie wir
eins sind…

Jesus will, dass wir sind, wo er ist,
verbunden mit einem ungetrübten Liebesband
mit Gott
und untereinander.

(2) Liebe Gemeinde,
liebe SELK,
liebe Ostendökumene und Ökumene in Frankfurt,
liebe Welt-Christenheit,
liebe „Gemeinde der Heiligen“ zu allen Zeiten und an allen Orten,
– und wenn euch das alles zu groß ist:
lieber Chor, lieber Gemeindekreis, lieber Hauskreis,
liebe christliche Familie,
liebes christliches Ehepaar, – 
sag, wie steht es bei dir mit der Einheit? —
Ist ihr „Grund und Maßstab …
die Einheit von Vater und Sohn,
die göttliche Liebesgemeinschaft“
5? —

Wir hören Christi Wunsch und Gebet.
Sein Wunsch ist
auch an uns gerichtet
und wir wollen ihm gerne entsprechen,
doch „der Weg zur Einigung …
führt über die härtesten Widerstände;
denn je kräftiger der Wille,
desto ausgesprochener
[sind] die individuellen Gegensätze“.
6

(a) Unsere eigene Kirchengeschichte, –
also: Gemeindegeschichte, –
bietet dafür ein gutes Beispiel.
Die Eltern und Großeltern der SELK
brauchten einen starken Willen,
um für das Bekenntnis einzustehen.
In den deutschen Territorien
sind mehrere unterschiedliche
bekenntnis-lutherische Kirchen entstanden.
Dann hat es aber bis 1972 gedauert,
bis sie einen gemeinsamen Kirchkörper gebildet haben.
So lange haben unsere Vorgängerkirchen gebraucht,
um sich einigermaßen zu einigen.
Großer wirtschaftlicher Druck war notwendig
und „links“ und „rechts“ sind Gruppen stehengeblieben,
die nicht einverstanden waren mit der SELK. —

Ich bin hier,
weil ich eine Kirche will,
die sich selbst ernst nimmt.
Dazu braucht man einen starken Willen.
Der Preis dafür ist aber,
dass die Einheit ständig in Gefahr ist.
Wir müssen uns immer wieder fragen,
was uns eint.
Wir müssen uns immer wieder fragen,
was wir damit meinen,
dass wir unsere Glauben „ernst nehmen“ wollen.
Was ist wichtig
und was nicht?
Dabei sollten wir uns nicht mit Schein-Antworten begnügen.

(b) Schein-Antworten sind zum Beispiel Macht und Autorität:

„Alles hört auf mein Kommando!“

Man könnte meinen,
das sei das „katholische Modell“,
aber das stimmt natürlich nicht,
auch in der Römischen Kirche
sind die Prozesse viel komplizierter.

(c) Eine andere Schein-Antwort
ist die Berufung auf den gemeinsamen Nutzen.

Wir verzichten auf die Einheit,
die Jesus von uns fordert,
und bilden eine Union.
Ist zwar nicht perfekt,
aber das Leben geht weiter.

Es geht nicht um Gleichmacherei und Uniformität.
Vorbild und Grund der Einheit
ist die Einheit von Vater und Sohn.
Vater und Sohn sind auch nicht einfach das Selbe.
Sie sind unterscheidbar:
der eine ist Vater
und der andere ist Sohn.
Durch die gegenseitige Durchdringung sind sie eins.
7
Das stellt uns vor die Frage:

Wie sind wir eins?

Eine kirchliche Union
hat diese Frage für sich aufgegeben.
Und damit den Auftrag aufgegeben,
den Jesus uns hier erteilt
und den Glauben,
dass sein Gebet für uns in Erfüllung geht. —

Die Einheit ist gegeben und gefordert.

Vielleicht geht es machmal nicht anders,
aber eine Union ist zumindest fragwürdig.

(d) Noch fragwürdiger,
und auch eine Schein-Antwort,
ist ein „umgekehrter Kühlschrank“.
Ein Kühlschrank erzeugt Kälte,
indem er die Wärme aus seinem Inneren
nach außen transportiert.
Deswegen ist er drinnen kalt
und hinten ist er warm.

Ein umgekehrter Kühlschrank
ist eine soziale Gruppe,
die sich nach außen eiskalt abgrenzt.
Dabei ist sie aber für die Mitglieder,
die drinnen sind,
kuschelig und warm.
Die harte oder sogar brutale Abgrenzung
dient dazu,
die Gruppe in Einigkeit zusammenzuhalten. —

Das funktioniert aber nie für eine christliche Gruppe!
Das Vorbild für ihre Einheit
ist die Einheit von Vater und Sohn –
und die bleiben gerade nicht in sich geschlossen
und schotten sich ab.
Heiligkeit, Herrlichkeit und Liebe
fließen geradezu über
auf die geschaffene Welt.
Die Heiligkeit der Kirche
ist Entweltlichung nur in so fern,
dass Christus ihr eine himmlische Qualität geschenkt hat.
Jesus betet:

22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben,
die du mir gegeben hast,
damit sie eins seien,
wie wir eins sind, […]
23und die Welt erkenne,
dass du mich gesandt hast
und sie liebst,
wie du mich liebst.

Die Gemeinde ist entweltlicht,
nicht gegen die Welt,
sondern für die Welt.

(e) Die letzte Schein-Antwort,
die ich kurz ansprechen möchte,
sind Freundlichkeit und Zuwendung.
Nicht etwa,
weil ich Freundlichkeit und Zuwendung
für etwas Schlechtes halte.
Im Gegenteil!
Wir sollen einer den anderen tragen
und auch ertragen.
8
Aber der Friede Gottes ist nicht die Abwesenheit von Konflikt,
sondern es gibt ein „mehr“.

Ich scherze manchmal,
dass es drei Dinge gibt,
die die SELK zusammenhalten,
in der Gemeinde und darüber hinaus:
Erstens, die SELKies machen zusammen Musik.
Zweitens, sie sind miteinander verwandt.
Und drittens: Sie machen Musik mit ihren Verwandten. —
Ich habe überhaupt nichts gegen Musik!
Im Gegenteil:
Die Harmonie unterschiedlicher Elemente,
wie die Musik sie erfahrbar macht,
ist der Inbegriff des christlichen Ideals.
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Das gilt für Konsonanz und Dissonanz
und für die Spannung, die sie ermöglichen. —
Das ist aber nicht einfach das selbe wie die Einheit,
von der Christus hier redet.
Der Geist unserer Gemeinde
ist nicht einfach identisch mit dem Heiligen Geist,
wenn wir uns darin wohlfühlen.

Wir müssen immer wieder fragen und beten:

Komm, Heiliger Geist,
und zeige uns, was jetzt dran ist
für uns.

Wir müssen immer wieder loslassen
und uns neu verlassen auf Gott.

Vertraut den neuen Wegen,

aber nicht einfach,
weil sie neu sind,
sondern dann,
wenn sie von Gott gewiesen sind.

Was ist von Gott gewiesen? — 
Danach müssen wir immer fragen und beten.
Hier in der Welt
sind wir darauf angewiesen,
dass Gott uns immer wieder anrührt und leitet.
Wir sind und bleiben davon abhängig,
dass wir von Gott geweckt werden
aus Verhärtung
und auch aus Selbstzufriedenheit und Trägheit.

(3) Liebe Gemeinde,

Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen.10

Glauben ist nicht wenig,
denn er ist die Beziehung,
die wir haben zu Gott
durch Jesus Christus.
Im Glauben hören wir Jesu Gebet nicht nur als Auftrag,
sondern auch als Versprechen – 
und noch mehr:
Was Jesus bittet, schlägt der Vater nicht aus.

Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir,
so sollen auch sie in uns sein,
damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

Wie es geschehen soll,

  • dass wir alle eins werden und alle sie selbst bleiben,
  • dass wir alle in Gott sind, und doch von ihm unterschieden,
  • dass wir Gott dienen
    in der ganz individuellen Beziehung zwischen ihm und uns,
    und gerade darin die himmlische Gemeinde lebt,

das auszudenken,
ist uns nicht gegeben.
Das ist auch nicht unser Sieg und Triumph,
sondern das Reich Gottes.
Diese Hoffnung ist unser wahres Heiligtum;
und wir bewahren sie wirklich als Hoffnung,
die unter uns lebendig und wirksam ist,
obwohl wir sind nicht binden und festhalten können.

Aber in der Hoffnung sind wir stark.11

Der Gott der Hoffnung aber
erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben,
dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung
durch die Kraft des heiligen Geistes.
12

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!13 Amen.

Nach der Predigt„Herr, wir stehen Hand in Hand“ELKG² 285

1 Vers 6


2 Vgl. Mt 6,8.


3„Ohne Zweifel beten“ zu Lk 11,5–13 oder „Jesus lehrt beten“ zu Lk 18,1–8.


4 „Einheit ist gegeben und als letztes Ziel gesetzt.“ Jörg Frey, Exegese für die Predigt, zu Stelle und Proprium unter „4. Schwerpunkte der Interpretation“. Freys Formulierung ist theologisch besser, weil sie den eschatologischen Aspekt deutlich macht. Da die Predigt aber einen eigenen Abschnitt zur Eschatologie hat, wähle ich rhetorisch kräftigeren Ausdruck. Ich bin gar nicht sicher, ob das meine Formulierung ist, oder ob ich sie bei Bultmann oder Bonhoeffer gelesen habe. Jedenfalls finde ich sie nicht mehr.


5 Frey, ebd. Auch: „Die Einheit der Gemeinde hat Vorbild und Grund in der Einheit des Offenbarers mit dem Vater“. Bultmann, „Das Evangelium des Johannes“14, 1956, (Meyers), S. 385, zu Vers 11.


6 Dietrich Bonhoeffer, „Sanctorum Communio“, DBW 1, S. 136.


7 Und nicht „einer“, vgl. Frey ebd. unter „3. Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung“: Einheit ist „hier als wechselseitiges In-Sein beschrieben ist, in späterer Zeit als perichoretische Durchdringung der göttlichen Personen. Sprachlich gibt das Neutrum einen Anhaltspunkt: ‚eins‘, nicht ‚einer‘. […] Im Hintergrund steht nicht nur der biblische Monotheismus, sondern auch der antike (mittel- und später v.a. neuplatonisch zentrale) Gedanke, dass Einheit höherwertig[er] ist als Vielheit“.


8 Vgl. Kol 3,13.


9 Frey ebd. unter „4. Schwerpunkte der Interpretation“: „Nicht Identität oder Gleichmacherei, sondern Zusammenklang in Harmonie ist das Ideal.“


10 2.Kor 5,7


11 DBW 2, S. 199; (3) folgt dem Schluss von „Sanctorum Communio“, S. 198f.


12 Röm 15,13


13 Phil 4,7


Manuskript pdf, 455 KB)

Weitere Predigten zu Rogate:
Moses’ Fürbitte
Ex 32,7–14, Rogate

Moses redet mit Gott wie mit seinem Freund: „Kehr um von deinem Zorn!“ Dabei hat Gott sich längst entschieden. Zwischen ihm und seinem Volk ist eine Saite, die kann nicht abreißen. Unser Gebet schlägt die Seite an und wir hören und spüren, wie wichtig wir Gott sind.

Fürbitte für alle in Christus
1.Tim 2,1–6, Rogate

Unser Predigtabschnitt heute Morgen ist die Vorlage für die klassische Form der Fürbitten, wie sie sich in der Agende finden. Es ist dem Apostel wichtig, dass wir für alle Menschen beten, weil es nur eine Menschheit gibt, die von dem einen Gott geschaffen ist.

Nicht allein der Mund
Lk 11,1–13, Rogate

Ein Gebet ist wie ein Eisberg: Ein kleiner Teil ist sichtbar und hörbar, aber das Wichtige spielt sich unter der Oberfläche ab.

Ohne Zweifel beten
Lk 11,5–13, Rogate

Es wundert mich immer wieder, dass Jesus lehrt, wie sollen beten in vollem Vertrauen darauf, dass sich erfüllt, worum wir bitten. Dabei stehen doch sowohl unsere Erfahrung als auch unsere Vernunft diesem Glauben gegenüber. Inwiefern macht es trotzdem Sinn zu beten, ohne zu zweifeln?