13:22

Ohne Zweifel beten
Predigt zu Lk 11,5–13

23 Rogate, 17. Mai 2020, Bethlehemsgemeinde, Bremen

Es wundert mich immer wieder, dass Jesus lehrt, wie sollen beten in vollem Vertrauen darauf, dass sich erfüllt, worum wir bitten. Dabei stehen doch sowohl unsere Erfahrung als auch unsere Vernunft diesem Glauben gegenüber. Inwiefern macht es trotzdem Sinn zu beten, ohne zu zweifeln?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern,
aufgeschrieben bei Lukas im 11. Kapitel.

5Jesus sprach zu seinen Jüngern:

Wenn jemand unter euch einen Freund hat
und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm:

„Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise,
und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann“.

7Und der drinnen würde antworten und sprechen:

„Mach mir keine Unruhe!
Die Tür ist schon zugeschlossen,
und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett;
ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.“

8Und ich sage euch:
Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt,
weil er sein Freund ist,
dann wird er doch
wegen seines unverschämten Drängens aufstehen
und ihm geben, soviel er bedarf.

9Und ich sage euch auch:
- Bittet, so wird euch gegeben;
- suchet, so werdet ihr finden;
- klopfet an, so wird euch aufgetan.

10Denn:
wer da bittet, der empfängt;
und wer da sucht, der findet;
und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

11Wo ist unter euch ein Vater,
der seinem Sohn,
wenn der ihn um einen Fisch bittet,
eine Schlange für den Fisch biete?
12Oder der ihm,
wenn er um ein Ei bittet,
einen Skorpion dafür biete?

13Wenn nun ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gute Gaben geben könnt,
wieviel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Lasst uns beten: Herr, wenn dein Wort offenbar wird, so erfreut es und macht klug die Unverständigen.
Segne du alles Reden und Hören. — Amen

Liebe Schwestern und Brüder!

1) Hinführung

Es wundert mich immer wieder,
dass Jesus lehrt,
wie sollen beten in vollem Vertrauen darauf,
dass sich erfüllt, worum wir bitten.

(Mind.) zwei Dinge machen es schwierig,
diese Lehre anzunehmen:

Erstens: Es widerspricht jeder Erfahrung.
Wer könnte nicht von einem Gebet berichten,
das unerfüllt geblieben ist?
Für manchen sind es „Kleinigkeiten“,
wie der 12-jährige Junge,
der sich eine Nintendo-Switch wünscht.
Für andere bleiben Gebete über große, existentielle Dinge ohne Erfüllung:
- Liebe zu finden,
- Gemeinschaft zu erleben,
- Sucht, Trauer oder Schmerz zu überwinden.
Für wieder andere bleiben Gebete unerfüllt,
die diese Dinge wie Kleinigkeiten aussehen lassen.

Zweitens: Es widerspricht jeder Vernunft:
Wenn einer darum betet,
dass Borussia Dortmund Meister wird,
und ein anderer dafür,
dass der Titel dieses Jahr Schalke zufällt,
muss Gott sich für eines der beiden Gebete entscheiden.
Es geht gar nicht anders.
(Böse Zungen behaupten,
um sich aus diesem Dilemma zu befreien,
hat Gott die Bayern erschaffen).

Warum lehrt Jesus trotzdem,
dass wir beten sollen ohne jeden Zweifel?

2) Durchführung

Ich möchte unsere Lesung heute Morgen in drei Abschnitte unterteilen:

Das Gleichnis von den beiden Freunden und der nächtlichen Bitte um Brot.

„Bitten“, „suchen“, „klopfen“ – Die Imperative des Gebets.

Gute Gaben von unserem Vater im Himmel.

2a) Das Gleichnis von den beiden Freunden

Die Pointe dieses Gleichnisses scheint mir zu sein,
dass Jesus uns Mut macht,
Gott gegenüber richtig dreist zu sein.

Über die beiden Freunde sagt er:

8Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt,
weil er sein Freund ist,
dann wird er doch
wegen seines unverschämten Drängens aufstehen
und ihm geben, soviel er bedarf.

Für uns soll das heißen:
Die Vorsicht, die meine Erfahrung mich lehrt
(„Hab’s probiert mit dem Beten. Funktioniert nicht.“)
und die Zurückhaltung,
die mir die Logik diktiert
(„Es kann nur einer gewinnen.“),
die soll ich komplett über Bord werfen.

Jesus fordert mich auf,
mich notfalls
- vor mir selbst,
- vor der Welt
- und vor Gott
ein bisschen lächerlich zu machen.

Vor mir selbst, weil ich es besser wissen müsste.

Vor der Welt,
weil sie mit der ganzen Idee von Gebet und Erfüllung
nicht viel anfangen kann.

Und selbst vor Gott
soll ich mich ein bisschen lächerlich machen,
und mit meiner Bitte,
die er schon 1.000 mal abgelehnt hat,
schon wieder zu ihm kommen.

Selbst wenn ich Gott damit auf die Nerven gehen würdest:

„Mach mit keine Unruhe!

Ich habe hier die ganze Schöpfung zu versorgen,
und du kommst schon wieder
mit deinem täglichen Brot“.

Jesus sagt:

„Mach das! —
Selbst wenn du den gerade stören würdest,
er hat dich trotzdem lieb“.

‚Wegen seines unverschämten Drängens
wird er ihm geben so viel er bedarf.‘

Jesus geht mit Gott selbstverständlich und direkt um.
Er ist mit ihm vertraut.
Die Anrede „Abba“, „Vater“, ist die Anrede erwachsener Kinder.
Jesus geht davon aus, dass Gott uns ernst nimmt.
Das Geheimnis, wie Gott die Gebete erfüllt,
ist dadurch nicht gelüftet,
unsere Sehnsucht nach der Erfüllung ist nicht gestillt,
aber unser Leben im Gebet steht jetzt in einem anderen Licht:
Auch ein Leben mit unerfüllten Gebeten
ist ein Leben unter den Augen der Liebe Gottes.

2b) Die Imperative des Gebetes

Es ist in diesem Licht, dass die Imperative Sinn machen.
Jesus fängt an und sagt:

„Und ich sage euch“ — Das „ich“ ist im Griechischen betont.
„Ich (fett und kursiv) sage euch…“

Das ist der Grund, ohne Zweifel an Gebete zu glauben:
Weil Jesus das sagt.
Wenn ich euch das sagen würde,
oder irgend ein anderes Geschöpf,
wäre es lächerlich.
Wenn Jesus das sagt,
dann dann redet die Liebe Gottes selbst und sagt:

„Bittet, so wird euch gegeben;
suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan“.

Wenn in der Bibel steht,
irgendetwas wird gegeben
oder wird getan,
und es steht nicht dabei, von wem,
dann ist in aller Regel Gott gemeint.
Gott es ist,
der hier liebevoll handelt.

„Bittet, so wird euch gegeben;
suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan“.

Es ist Gott, der uns gibt,
Gott, der uns finden lässt
und Gott, der uns die Tür zu seinem Vaterhaus auftut.

2c Gute Gaben von unserem Vater im Himmel

Und was heißt das jetzt,
in einem Leben unerfüllter Gebete?

Die Lesung schließt mit einem Abschnitt über die
Guten Gaben handelt, die Gott uns geben will:

13Wenn nun ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gute Gaben geben könnt,
wieviel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Gott um alles zu bitten,
ist ein Bekenntnis dazu,
dass wir daran glauben,
dass Gott es gut mit uns meint.

Jesus macht uns wieder Mut, daran zu glauben,
dass Gott auf unserer Seite ist.
Er will uns den Heiligen Geist geben, wenn wir ihn bitten.

Das dürfen wir nicht falsch verstehen!

Der 12-jährige Junge,
der sich eine Nintendo-Switch wünscht,
ist vielleicht enttäuscht.

Jemand, der Hunger hat,
und um sein tägliches Brot betet,
der ist nicht enttäuscht – der stirbt!

Der Heilige Geist ist nicht der Trostpreis
im Spiel um Gottes Gunst.
Der Heilige Geist ist Gott selbst:

Wieviel mehr wird der Vater im Himmel
sich selbst geben denen, die ihn bitten!

Warum gibt es Einsamkeit, Not und Hunger?
Warum macht Gott nicht einfach Schluss damit? – 
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass es nicht egal ist, was uns widerfährt,
sondern das Gott selbst bei uns ist in dem allem.

3. Conclusio

Alle drei Abschnitt, in die ich unsere Lesung heute Morgen gegliedert habe, sprechen von einer engen,
leidenschaftlichen Beziehung zwischen Gott und dir.

Er ist dein Schöpfer, auf den du dich verlassen kannst,
selbst wenn du ihm mal auf den Nerv gehst.

Er ist in Christus zu uns gekommen,
um uns zu versichern,
dass Gott liebevoll an uns handelt.

Er ist der Heilige Geist, der in dir lebt.
Wie die Botschaft eines Landes
zu seinem Staatsgebiet in der Fremde gehört,
so ist der Heilige Geist
eine „ständige Anwesenheit“ Gottes in dir.

Das ist das Vorzeichen, unter dem es Sinn macht,
zu beten, ohne jeden Zweifel.
Das ist das Vorzeichen, unter dem es Sinn macht,
zu beten, in vollem Vertrauen darauf,
dass sich erfüllt, worum wir bitten.

Amem. 1.Kor 1,3

 Ps 119,130

 Κἀγὼ steht da im Griechischen, das ist καὶ ἐγώ: „und ich“. Das „ich“ ist redundant, weil es im Verb schon enthalten ist. Das heißt, dieser Formulierung ist eine Betonung: „Und ich (fett und kursiv) sage euch…“