21:37

Mitte und Grenze
Predigt zu Neh 7,72b–8,11

26 1. So. n. Trinitatis, 14. Juni 2020, Bremen und Bremerhaven (Dresden, 14. Juni 2020)

Diese Predigt behandelt eine beeindruckende Szene aus dem Buch Nehemia: Esra, der Preister und Schriftgelehrte, und der Statthalter Nehemia organisieren einen Wort-Gottesdienst für das Volk Israel um die Stadtmauer einzuweihen. Welche Mauern baut etwa die Kirche um sich herum? Und was ist es, das sie beschützen will in ihrem inneren?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigtabschnitt des heutigen Sonntags ist der Anfang des 8. Kapitels des Buches Nehemias:

Als nun der siebente Monat herangekommen war und die Israeliten in ihren Städten waren, versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz vor dem Wassertor, und sie sprachen zu Esra, dem Schriftgelehrten, er solle das Buch des Gesetzes des Mose holen, das der HERR Israel geboten hat. Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, Männer und Frauen und alle, die es verstehen konnten, / am ersten Tage des siebenten Monats / und las daraus auf dem Platz vor dem Wassertor / vom lichten Morgen an bis zum Mittag vor Männern und Frauen und wer’s verstehen konnte. Und die Ohren des ganzen Volks waren dem Gesetzbuch zugekehrt.

Und Esra, der Schriftgelehrte, stand auf einer hölzernen Kanzel, die sie dafür gemacht hatten. Und Esra tat das Buch auf vor aller Augen, denn er überragte alles Volk; und als er’s auftat, stand alles Volk auf. Und Esra lobte den HERRN, den großen Gott. Und alles Volk antwortete:

„Amen! Amen!“

und sie hoben ihre Hände empor und neigten sich und beteten den HERRN an mit dem Antlitz zur Erde. Und die Leviten unterwiesen das Volk im Gesetz, und das Volk stand auf seinem Platz. Und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes klar und verständlich aus, so daß man verstand, was gelesen worden war. Und Nehemia, der Statthalter, und Esra, der Priester und Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sprachen zu allem Volk:

„Dieser Tag ist heilig dem HERRN, eurem Gott;
darum seid nicht traurig und weint nicht!“

Denn alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Darum sprach er zu ihnen:

„Geht hin und eßt fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn.
Und seid nicht bekümmert;
denn die Freude am HERRN ist eure Stärke“.

Und die Leviten trösteten alles Volk und sprachen:

„Seid still, denn der Tag ist heilig; seid nicht bekümmert!“

Und alles Volk ging hin, um zu essen, zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu machen; denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundgetan hatte.

Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege! — Amen

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich habe heute Morgen einen Briefwechsel mitgebracht. Es sind Briefe zwischen Nehemia ben Hachalja, dem Mundschenk des König Ataxerxes von Persien und seinem Bruder Hanani in Jerusalem. — Wenn ich „Mundschenk“ höre, denke ich an einen besseren Butler. Das ist aber falsch. „Mundschenk“ ist ein Ehrentitel, der einem leitenden Beamten zukam. Das ist ein Titel wie „Hand des Königs“: der geschäftsführende Geheimrat, der den Betrieb leitet. Der Briefwechsel ist, wie ihr euch denken könnt, nicht geschichtlich, aber er erzählt Geschichte. Nehemia ben Hachalja,
Mundschenk s.k.H. Ataxerxes,
Festung Susa, Babylon

Hanani ben Hachalja, Jerusalem

Betreff: Wiederaufbau der Stadtmauer

Mein lieber Bruder Hanani,
es ist mir gelungen, Gott sei Dank! vom König den Auftrag zu erwirken, die Stadtmauern von Jerusalem wieder aufzubauen. Ich treffe gerade die letzten Reisevorbereitungen. Ich mache mir viele Gedanken über Jerusalem: Die Mauern aufzubauen, ist ein bloß-technisches Problem. Schwieriger wird es sein, das Volk wieder aufzubauen. Was wird ihnen nach dem verlorenen Krieg und der langen Zeit des Exils wieder ein festes Herz und eine starke Gemeinschaft geben? Sicherlich wird der Tempel eine Rolle spielen, denn dort sind unsere Väter GOTT begegnet. Aber was können wir tun? Was für Veranstaltungen können wir ausrichten, um dem Volk ganz neu bewusst zu machen, dass sie das auserwählte Volk des Bundes sind?

Tief in Gedanken, aber mit großer Vorfreude,
dein Bruder

Nehemia

Hanani ben Hachalja, Jerusalem

Nehemia ben Hachalja, Festung Susa, Babylon

Bruderherz,
Dein Selbstvertrauen möchte ich haben! Kann ich mir da eine Scheibe abschneiden? Der Aufbau der Stadtmauer soll ein „bloß-technisches“ Problem sein? Wer soll das ganze Material bezahlen? Wer soll die vielen, vielen Arbeitsstunden ableisten? Wer schiebt Wache, während wir bauen? Glaubst Du unsere Nachbarn werden untätig zusehen, während wir die Festungsanlage Jerusalems wiederherstellen? Ich geb’ es ungern zu, aber Du könntest schon der cleverste von uns Brüdern sein. Aber ich frage mich, ob Du den Mund nicht ein bisschen voll nimmst, Herr Mundschenk.

Was Deine Gedanken zum Wiederaufbau des Volkes betrifft, fallen die hier auf offene Ohren. Ich werde mich demnächst mit Esra ben Serajas zusammensetzen. Der ist Priester und Schriftgelehrter. Wir treffen uns, um genau das zu besprechen.

Ich freue mich auf dich zu sehen! Wir werden zur Begrüßung ein Lamm zubereiten, wie Vater es zubereitet hat, so, wie Du es magst.

Viele Grüßem, Hanani

Nehemia antwortet seinem Bruder:

Der Plan für die Mauer sieht so aus: Wenn Du als einzelner vor so einem Projekt stehst, denkst Du: „Das schaffe ich nie!“ Deswegen werden wir uns mit vielen vor das Projekt stellen. Wir werden die Last der Kosten und der Arbeit auf viele Schultern verteilen: Jede der großen Familien wird für einen Abschnitt der Mauer zuständig sein. Dazu jeder Verein und Verband, jede der Handwerksgilden bekommen jeweils einen Abschnitt oder eine Aufgabe zugeordnet. Die Abschnitte werden der Größe und der Kraft der Gruppe entsprechend zugewiesen, so dass niemand überfordert ist.

Jeder wird stolz sein auf seine Arbeit. Sie werden etwas haben, mit dem sie sich identifizieren können. Väter werden mit ihren Söhnen zur Stadtmauer gehen und noch Großväter mit ihren Enkeln und sie werden sagen: „Diesen Abschnitt hat dein Vater gebaut!“

Aber eine Stadtmauer ist nur ein Bauwerk und Vertrauen auf Kriegsgerät ist kein Glaube. Die Stadtmauer kann uns nach außen schützen, aber was gibt uns eine Mitte, die unsere Gemeinschaft erbaut und erhält?

Viele Grüße…usw,
NehemiaHananis Antwort ist der letzte Brief zwischen den Brüdern, bevor Nehemia in Jerusalem ankam. Er schreibt:

Dein Plan für die Verteilung der Arbeit ist gleichzeitig so einfach und so genial, dass wir hier der Meinung sind, dass das sogar gehen könnte.

Esra, der Prister und Schriftgelehrte, von dem ich erzählt habe, will zur Einweihung der Mauer eine neue Art Gottesdienst feiern: nicht einen Opfer-Gottesdienst, sondern einen Wort-Gottesdienst. Das soll etwas sein, das die Juden von allen anderen Völkern unterscheidet. Alle Völker feiern Opfer-Gottesdienste für ihre Götter. Unter uns Juden aber, mitten unter unserem Volk, gibt es etwas, das die anderen Völker nicht haben: Gottes Wort, wie er zu uns geredet hat durch seinen Propheten Moses! Esra will das Buch des Gesetzes verlesen, so dass es jeder hören kann. Am Platz vor dem Wassertor sollen sich alle versammeln und es hören. Er will Teams von Schriftgelehrten und Leviten parat haben, die gleich auf Fragen eingehen können. Die Menschen sollen das Wort nicht nur hören, sondern sie sollen es auch auf ihr gelebtes, alltägliches Leben beziehen können. Und dazu bekommen sie gelehrte Hilfe. Das Wort der Torah soll das Leben der Menschen durchdringen und bestimmen. Das soll ein Unterscheidungsmerkmal sein zu allen anderen Völkern, denn so ist Gott gegenwärtig unter uns Juden, jeden Tag, und bei allem, was wir tun. – Was hältst Du von dieser Idee?

An dieser Stelle, liebe Gemeinde, verlassen wir den Briefwechsel der beiden Brüder Nehemia und Hanani ben Hachalja. Wie wir im Bibeltext für die Predigt gehört haben, fand Nehemia das eine gute Idee, denn genau so haben sie’s gemacht. Und diese neue Art von Gottesdienst, der Wort-Gottesdienst, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Das Nehemia-Buch berichtet uns, dass die Schriftgelehrten und Leviten die Hände voll zu tun hatten mit Seelsorge:

Denn alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten.

So stark war der Eindruck des Bibeltextes auf sie, dass sie ihre Gefühle nicht haben halten können. Dieser Gottesdienst ist für das Volk Israel zum festen Bestandteil des geistlichen Lebens geworden.

Esra sagt zu ihnen:

Geht hin und eßt fette Speisen und trinkt süße Getränke,
denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn.
Und seid nicht bekümmert;
denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.

Noch heute heiligen Juden so den Sabbat: Es wird in der Synagoge ein Stück Torah vorgelesen und ausgelegt und der Sabbat wird als ein Fest begangen. Das Wort Gottes, wie es den Juden in der Torah gegeben wurde, ist so in ihrer Mitte gegenwärtig und stärkt ihre Gemeinschaft von innen. — Man darf auf keinen Fall unterschätzen, was unter Esra und Nehemia an diesem Tag begann: Für keinen der antiken Götter wird noch irgendein Opfer-Gottesdienst gehalten,
nicht für Maduk,
nicht für Baal,
nicht für den Zeus
noch für den Jupiter.

Und das waren Weltreiche! Jede dieser Gottheiten war die Galionsfigur eines Weltreiches!

Nur der jüdische Wort-Gottesdienst hat nie aufgehört, seit dem. Vom Neuen Testament her und unter Jesu Wort müssen wir auch die problematischen Seiten von Gesetzes- und Werk-Frömmigkeit benennen. Aber es ist wichtig auch die Leistung der Synagoge in den Blick zu nehmen: Sie hat für die Juden das Wort Gottes als Mitte ihres Leben und ihrer Identität bewahrt.

Auch der christliche Gottesdienst steht in der Tradition dieses ersten Wort-Gottesdienstes, den das Nehemia-Buch beschreibt. Auch heute Morgen haben wir Lesungen aus der Heiligen Schrift gehört und ein „Schriftgelehrter“ bemüht sich um eine Auslegung für uns, hier und jetzt. Und ich stehe dabei auf einer hölzernen Kanzel und überrage alle.

Esra hat damit die Einweihung einer Festungsanlage gefeiert. Sie ist eine Abgrenzung zwischen Jerusalem und seinen Feinden.

Als Jerusalem später unter griechischer Herrschaft stand, bauten die Pharisäer einen „Zaun um die Torah“. Das ist die über-penible, „gesetzliche“, Einhaltung der Gebote, wie sie das Neuen Testament kritisiert.

Die Kirche hat keine Stadtmauer. Im Zentrum der Kirche steht das Evangelium. Seine Wärme, das Licht, das von ihm ausgeht, ist so stark, dass es keine Mauern braucht. Gott selbst ist in Christus so gegenwärtig, dass wir keine Trennungen brauchen nach Rasse, Klasse und Geschlecht. Wir haben es auch nicht nötig, uns nur um der Unterscheidung willen von der Welt zu unterscheiden.

Die Kirche ist der Leib Christi. Sie ist die „Gemeinschaft der Heiligen“. — Sie ist dies aber in einer Welt voll Vorläufigkeit und Irrtum. Deswegen ist es in ihrer Geschichte zu Krisen gekommen. In diesen Krisen wurde es notwendig, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, was falsch, und dem, was richtig ist. Diese Aufgabe fällt den Glaubensbekenntnissen der Kirche zu.

Eine für uns prägende Krise war die Zeit der Reformation. Die Frömmigkeit des Mittelalters war geprägt von Werken wie Fasten, Wallfahrten und dem Ablass. Die tröstende Lehre des Evangeliums wurde verdunkelt oder gleich ganz verschwiegen, weil den Kirchenfürsten Geld und Macht wichtiger war. Dagegen haben die evangelischen Stände 1530 vor dem Kaiser protestiert und in Augsburg ein klares Bekenntnis zur schriftmäßigen Lehre abgelegt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelten sich evangelische und katholische „Konfessionen“ heraus, Gemeinschaften, die sich durch unterschiedliche Bekenntnisse abgrenzen. Das schmerzt bis heute. Gleichzeitig kommen wir nicht umhin, falsches als falsch zu benennen und können nicht so tun, als gäbe es keine Unterschiede. – Bekenntnisse ziehen auf diese Weise eine Grenze ein.

Mitte und Grenze – Esra und Nehemia waren weise Männer, die Gottes Wort der Torah in die Mitte ihres Volkes gestellt haben. Ihre Idee, den Wort-Gottesdienst neben den Opfer-Gottesdienst zu stellen, hat ihrem Volk Halt gegeben, der bis heute trägt. Während die Stadtmauern von Jerusalem längst verfallen sind, ist ihnen diese Mitte geblieben. Auch unser Gottesdienst stellt Gottes Wort in die Mitte. Das ist ein Erbe, das wir mit der Synagoge teilen.

Die Grenze, wie wir ziehen, in einer Welt der Täuschung und des Irrtums, ist das Bekenntnis zu Gottes Wort. In aller Bescheidenheit und Demut kommen wir nicht umhin, Wahrheit als Wahrheit und Irrtum als Irrtum zu bezeichnen, wie es die Bekenntnisse der Kirche tun. Entscheidend ist, dass die Grenze der Mitte dient. Nicht die Grenze ist das Eigentliche, sondern die Mitte. Nicht, was uns trennt macht das Wesen der Kirche aus, sondern dass der auferstandene Herr Christus in ihrer Mitte steht. Diese Kraft und diese Wärme wirken von innen nach außen. Sie durchdringt alles Reden und Handeln der Kirche und bestimmt unser Leben. Durch uns kommt sie auch in die Welt. Alles, was die Kirche tut, wenn sie es im Herrn tut, wird gespeist aus dieser Quelle. Deswegen halten auch wir uns an die Anweisung, wie Esra seinen Zeitgenossen gibt, wie sie den Tag des Herrn heiligen sollen:

Geht hin und eßt fette Speisen und trinkt süße Getränke,
denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn.
Und seid nicht bekümmert;
denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Ps 119,105

 Neh 8,9

 Neh 8,10

 Phil 4,7