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Jesus und die kanaanäische Frau
Predigt zu Mt 15,21–26

230 17. So. n. Trinitatis, 27. September 2026, Frankfurt

„Gnädige Frau, ihr Glaube ist groß“. Voller Respekt redet Christus eine Frau an, die ihm erst fremd war, ja, die er zu Anfang recht unhöflich ignoriert hat.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist das Evangelium des heutigen Sonntags,
so, wie wir es gerade gehört haben.

Lasst uns beten:
Herr Jesus Christus,
erhöre unsere Bitte:
Sende deinen Heiligen Geist mitten unter uns,
damit unter dem Wort der Predigt
deine Stimme zu uns redet. —
Amen.

Oh Bochum du Perle Westfalens
Oh Dortmund du saudummes Nest
Als Ihr noch am Waldrand [euer Geschäft erledigtet],
hatten wir schon Wasserklosetts.

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) es ist nicht jeden Sonntag,
dass der Pastor die Predigt
mit einem Stück echter Volkskunst beginnen darf.
Man sagt der Volkskunst ja nach,
sie sei aus rauerem Material
mit groberem Werkzeug gefertigt.
Mein Beispiel hier wäre,
wie die Worte „Nest“ und „Klosetts“ in Beziehung gestellt sind.
Das ist ja weniger gereimt,
als mit dem Mottek passend geschlagen.

Die Fede zwischen den besagten Bergarbeiter-Städten
geht auf eine Zeit zurück,
als sie beide noch Dörfer waren.
Im Jahre des Herrn 1388
raubten Söldner aus Dortmund
dem Grafen Engelbert III. von der Mark wertvolles Vieh.
Die Bochumer Junggesellen eroberten es zurück,
und als Dank dafür gestattete ihr Landesherr den Bochumern,
sich auf ewige Zeiten
am Vorabend des 1. Mai
einen Eichbaum
aus seinen Wäldern im Harpener Bockholt zu holen,
ihn in die Stadt zu bringen,
zu verkaufen
und vom Erlös ein Fest zu feiern.
Damit war das Bochumer Maiabendfest geboren –
und wird bis heute gefeiert.
2
So setzt sich eine Tradition in Feindschaft und Trennung
über die Jahrhunderte fort.

So ähnlich
müssen wir uns die Feindschaft der jüdischen Lande
mit der Gegend von Tyrus und Sidon vorstellen.
Nicht nur,
dass das eine alte Fede war,
von der jeder wusste,
sondern sie war auch mit religiösem Eifer verbunden,
weil die beiden Städte in der Bibel vorkommen.
„In den Fremdvölkersprüchen
[der Propheten]
finden sich regelmäßig Worte gegen Tyros und Sidon.“
3
Hier lagen Gebiete,
die früher mal zu Israel dazugehört haben.
In Jesus’ Zeit gehörten Spannungen zwischen den „Kanaanäern“
und dem Kernland.
Das Bild der Gegend und seiner Bewohner ist,
dass die fremde Götter anbeten
und vom wahren Glauben abgefallen sind.

(2) Von daher ist Jesus’ Haltung zu verstehen,
dass er sich als nicht recht zuständig betrachtet.
Was sehr merkwürdig ist,
ist sein Benehmen.
Er reagiert einfach gar nicht auf die Frau.
Das ist nicht nett. — 
Sie lässt sich das nicht recht gefallen
und beschließt anscheinend,
Jesus richtig auf die Nerven zu gehen.

Ich würde ja sagen,
damit tut die Frau genau das,
was Jesus sagt.
Jesus meint:

Und ich sage euch auch:
- Bittet, so wird euch gegeben;
- suchet, so werdet ihr finden;
- klopfet an, so wird euch aufgetan.
4

Man könnte die Geschichte mit der kanaanäischen Frau
in einer Reihe erzählen mit Jesus’ eigenen Gleichnissen,
von dem Freund, der Brot braucht für seinen Besuch,
oder dem Sohn, der seinen Vater um ein Ei bittet
und natürlich keinen Skorpion erhält.

Wenn nun ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gute Gaben geben könnt,
wieviel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!
5

Wenn Jesus aber gut ist,
Sohn des Vaters, der uns so zugewandt ist,
wieso ignoriert er einfach diese Frau? — 

Tatsache ist,
dass sich das Leben manchmal so anfühlt –
also: Das Gebetsleben, meine ich.
Gebete bleiben unbeantwortet,
nicht nur Wünsche unerfüllt,
sondern es fühlt sich für uns an,
als würde Gott schweigen.
Diese Geschichte macht uns Mut,
auch in das gefühlte Schweigen hinein
unsere Klage zu rufen.

„Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten,
und du sollst mich preisen“
6 spricht der Herr.

(3) Die Jünger sind es,
die die Initiative ergreifen.
Sie meinen vielleicht,
es sei eh alles klar,
Jesus sei einfach nur zu nett.
Sie wollen dem Meister einen Schubs geben:

Schick sie weg,
sie nervt.

Da ergreift Jesus auch das Wort
und das erste, was er sagt, ist:

Ich bin nicht zuständig.

Da fängt die Frau an zu verhandeln.
Damit stellt Lukas sie in die Tradition
mit der größten Beter der Bibel.

Abraham, der Freund Gottes,7
feilscht regelrecht mit dem
Herrn
um Sodom und Gomorra.
8

Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein;
wolltest du die umbringen
und dem Ort nicht vergeben
um fünfzig Gerechter willen,
die darin wären?

Ja, Gott sieht das ein, und will fünfzig Gerechte suchen.

Ach siehe, ich habe mich unterwunden,
zu reden mit dem Herrn,
wiewohl ich Erde und Asche bin.
Es könnten vielleicht
fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein;
wolltest du denn die ganze Stadt verderben
um der fünf willen?

Und wieder lässt Gott sich auf das Argument ein:

Auch Moses kann so beten
und bietet sich selbst Gott als Ersatz für Israel an.

Gott will sich natürlich überzeugen lassen.
Es ist der Akt der Kontaktaufnahme,
der Akt des Gebetes,
der hier im Vordergrund steht.
Die ganze Zeit über
bleibt die Frau,
auch rein äußerlich,
in Gebetshaltung.
9
Sie redet Jesus mit „Herr“ an:

κύριε ἐλέησόν.
Herr, erbarme dich meiner.
10

Genau, wie wir es tun,
wenn wir den Gottesdienst beginnen.

(4) Die Sache mit den Hunden:
Es kann einem so vorkommen,
als wäre Jesus’ Wortwahl sehr, sehr respektlos.

Es ist nicht recht,
dass man den Kindern ihr Brot nehme
und werfe es vor die Hunde.

Etwas „vor die Hunde werfen“ 
hat in unserer Sprache den Beigeschmack von Verschwendung
und Entheiligung.
Hunde mit Kindern zu vergleichen
finden manche unangemessen.

Jesus fügt hier nicht der Abweisung eine Kränkung hinzu.
Das Wort, das er nutzt, heißt eher „Hündchen“.
Das sind keine gefährlichen, kläffenden Wachhunde,
von denen er redet,
sondern Schoßhunde,
die im Wohnraum ihrer Besitzer leben.

Die Frau versteht dieses Bild auch
und sie nutzt das sehr geschickt.
Sie weiß,
um die Liebe zwischen Kindern und Hunden.

Die Hunde fressen von den Brotstücken,
die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Es sind natürlich die Kinder,
die gegen die gute Erziehung des Tieres verstoßen
und den Hund am Tisch füttern.

Die Frau macht sich ein bisschen klein.
Das ist für uns ungewöhnlich,
weil wir als emanzipierte Menschen
in einer demokratischen Kultur großgeworden sind.
Für antike Menschen gehörte das
gegenüber Respektspersonen zum guten Ton.
Es ist nicht übertrieben unterwürfig oder kränkend.
Ich habe eben schon mal Abraham zitiert,
der zu Gott sagt:

Ach siehe, ich habe mich unterwunden,
zu reden mit dem Herrn,
wiewohl ich Erde und Asche bin.

Er macht etwas sehr ähnliches,
obwohl er Gott so nahe ist,
wie ein Freund.

(5) Eher ist das Gegenteil der Fall.
Jesu Antwort ist bemerkenswert.
Er sagt:

ὦ Frau, dein Glaube ist groß!

Das ist eine alte Höflichkeitsform.
Ich glaube,
bei uns kommt das nur noch in der Theater-Sprache vor,
dass jemand eine Anrede mit „o“ beginnt,
oder als Sarkasmus.

Gerade hat er sie noch ignoriert
und ihr Anliegen auch möglichst freundlich abgelehnt.
Jetzt redet er sie mit „Sie“ an!

Gnädige Frau,
ihr Glaube ist groß!

So werden wir von Gott angesehen,
wenn wir uns im Gebet an ihn wenden,
auch, und gerade!, wenn wir den Eindruck haben,
er wolle uns nicht hören.

„Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten,
und du sollst mich preisen“
11 spricht der Herr.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!12 Amen.

Predigtabschnitt

21Und Jesus ging weg von dort
und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet
und schrie:

Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.

23Und er antwortete ihr kein Wort.
Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen:

Lass sie doch gehen,
denn sie schreit uns nach.

24Er antwortete aber und sprach:

Ich bin nur gesandt
zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

25Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach:

Herr, hilf mir!

26Aber er antwortete und sprach:

Es ist nicht recht,
dass man den Kindern ihr Brot nehme
und werfe es vor die Hunde.

27Sie sprach:

Ja, Herr;
aber doch fressen die Hunde von den Krumen,
13
die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28Da antwortete Jesus und sprach zu ihr:

Frau, dein Glaube ist groß.
Dir geschehe, wie du willst!

Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

1 1.Kor 1,3


2 So berichtete Bochum Tourismus am 21. April 2023 unter dem Titel Erinnerung an den „Dortmunder Kuh-Klau“, was am 17. September 2026 noch abrufbar war.


3 Roland Deines, „Exegese für die Predigt“ zu Stelle und Proprium unter „1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung“.


4 Lk 11,9. Vgl.: „Ohne Zweifel beten“, Predigt zu Lk 11,5–13.


5 V. 13, s.o.


6 Ps 50,15


7 Jes 41,8, Jak 2,23, u.ö.


8 Vgl. Gen 18,16ff.


9 R. Deines zu V. 25: „auch hier drückt das Imperfekt das anhaltende Element aus: die Frau vollzieht nicht nur eine kurze Verbeugung“.


10 V. 22


11 Ps 50,15


12 Phil 4,7


13 „Brosamen“ ist ein merkwürdiges Wort, das wirklich niemand mehr kennt. „Krumen“, die Wahl von Roland Deines bei „Exegese für die Predigt“, ist etwas besser.


Manuskript pdf, 586 KB)

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