16:00

Hören und Glauben
Predigt zu Röm 10,9–18

66 Der Glaube behält den Sieg, indem er die Waffen steckt vor dem Richtigen. 17. So. n. Trinitatis, 26. September 2021, Frankfurt a.M.

Wie gehen wir damit um, dass es einen „garstigen Graben“ gibt zwischen dem, was die Bibel erzählt, und dem, wie wir unseren Alltag erleben?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist die Epistel für den heutigen Sonntag,
aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer
im 10. Kapitel.

Der Apostel schreibt:

9Denn wenn du mit deinem Munde bekennst,
dass Jesus der Herr ist,
und in deinem Herzen glaubst,
dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat,
so wirst du gerettet.
10Denn wenn man von Herzen glaubt,
so wird man gerecht;
und wenn man mit dem Munde bekennt,
so wird man gerettet.

11Denn die Schrift spricht:

Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.

12Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen;
es ist über alle derselbe Herr,
reich für alle, die ihn anrufen.

13Denn:

Wer den Namen des Herrn anrufen wird,
soll gerettet werden.

14Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben?
Wie sollen sie aber an den glauben,
von dem sie nichts gehört haben?
Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15Wie sollen sie aber predigen,
wenn sie nicht gesandt werden?
Wie denn geschrieben steht:

Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten,
die das Gute verkündigen!

16Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam.
Denn Jesaja spricht:

Herr, wer glaubt unserm Predigen?

17So kommt der Glaube aus der Predigt,
das Predigen aber durch das Wort Christi.

18Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört?
Doch, es ist ja „in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt“.

Lasst uns beten:
Herr Gott, himmlischer Vater,
sende deinen Heiligen Geist,
segne du alles Reden und hören,
so dass Paulus’ Brief an die Römer
ein Brief an uns wird. — Amen

Liebe Brüder und Schwestern!

Der Glaube kommt aus der Predigt,
das Predigen aber durch das Wort Christi.

Im Original kommt das Wort für „Predigt“ von „hören“.

Ich habe da mal was gehört…!

Das Wort konnte früher „Gerücht“ heißen,
„Kunde“,
„etwas, das man irgendwie gehört hat“.
Später war es ein Wort für etwas,
das man von Gott gehört hat.

Bei den Christen wird es ein Wort für „Predigt“:
Christus spricht uns persönlich an,
insbesondere im Gottesdienst.

In und unter den Dingen,
die sich hier hören lassen –
- Gebete,
- Psalmen,
- Lieder,
- vielleicht auch diese Predigt heute:
Hier wirkt das kreative Wort des Herrn
und schafft Beziehung
zwischen ihm und uns.

1 Doch was wir aus der Bibel hören steht in Frage:

Jesus sagt zu der kanaanäischen Frau:

„Dein Glaube ist groß.
Dir geschehe, wie du willst“.

Und ihre Tochter wurde gesund in der selben Stunde.

Was glaubst du? — Ist das so passiert?

Liebe Gemeinde,
es gibt einen Kluft zwischen dem,
was die Bibel erzählt,
und dem, wie wir die Welt erleben.

Wie gehen wir damit um?

Das klingt wie eine Pastoren-Frage:

Wie können wir predigen,
wo es doch diesen „garstigen Graben“ gibt
zwischen den Erzählungen aus der Bibel
und uns?

In Wirklichkeit ist das aber eine Frage für uns alle.
Still dir vor,
du hättest heute einen Freund oder Bekannten
in den Gottesdienst eingeladen,
oder eine Arbeitskollegin säße hier neben dir.

Die würden dich fragen:

Glaubst du das?
Dass die Tochter von der Frau sofort gesund geworden ist?
Im Ernst?

Was würdest du dem antworten?

Ich habe mehre Versuche für eine Antwort mitgebracht
und ich möchte die vorstellen mit Stärken und Schwächen.
Am Ende sage ich dann,
welches mein aktueller Favorit ist
und ich würde mich sehr freuen,
wenn wir darüber bei Gelegenheit ins Gespräch kommen könnten – zum Beispiel beim Gemeindeausflug!

(2a) Die erste Antwort ist aus meiner Sicht die schlechteste:
den Verstand ausschalten.
Das funktioniert ungefähr so:

Der „Friede Gottes“ sei ja nun „höher als alle Vernunft“
und wenn die Bibel das sagt,
dann glaube ich das.
Ende der Durchsage.

Die Schwäche dieser Antwort ist,
dass man das m.E. nicht übereinander kriegt mit dem Alltag.

Auf der einen Seite sagen,
die Naturwissenschaft habe nicht Recht –
und auf der anderen Seite in die Apotheke gehen
und moderne Medikamente benutzen.

Das ist, als würde mir jemand sagen,
die Welt sei eine Scheibe –
und benutzt ein Navi, das mit GPS funktioniert.

Das passt nicht übereinander,
das geht nicht.

Oft genug geht diese Antwort einher mit einer Haltung,
die ungefähr so aussieht:

Ich glaube wirklich an die Bibel.
Da kannste mal sehen, wie fromm ich bin!
Und wer das nicht so glaubt,
der ist eigentlich nicht wirklich Christ.

Diese Haltung geht gar nicht.

Ich habe sehr viel Respekt
vor einer einfachen Bibel-Frömmigkeit,
wenn sie einhergeht mit dem, was Jesus lehrt:

Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen…

Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Wenn dich einer bittet, dann gib.

Wenn dich einer anmacht um deine Jacke,
dann schenk ihm noch den Pulli dazu
und lass dabei die linke Hand nicht wissen,
was die rechte macht.

Wer so handelt,
wer so lebt,
sanftmütig, barmherzig, immer gebend,
der folgt Jesu Wort auf den Buchstaben genau.
Ein solcher Mensch hat sicher größeren Glauben als ich.
Und er braucht keinen Verstand und keine Vernunft
und ist bestimmt weiser als ich.

(2b) Die zweite Möglichkeit,
mit dem garstigen Graben umzugehen,
ist eine Art Pietät.
„Pietät“ heißt eigentlich „Frömmigkeit“
und man bezeichnet damit insbesondere eine Art Anstand,
wie man sich auf einer Beerdigung verhält.
Es gibt Beedigungsinstitute, die so heißen: „Pietät so-und-so“.
Es gilt zum Beispiel als „pietätlos“ mit einem kurzen Hemd
bei der Beerdigung aufzutauchen.
Natürlich hat man über den frisch Verstorbenen nur Gutes zu sagen.

Und das ist, was ich meine:
Es geht hier um Denk- und Redeverbote.
Man darf keine Fragen stellen
oder, wenn denn jemand fragt,
gibt es einen Stapel mit vorgefertigten Antworten.

Wenn es schlecht läuft,
ist das bei Lutheranern der kleine Katechismus.
Den hat man mal auswendig gelernt
und wenn dann eine Frage kommt,
haut man einen Satz aus dem Kleinen Katechismus ’raus
und dann ist die Frage beantwortet.
Dann darf man auch nicht mehr weiter fragen.
Das hat dann Dr. Luther gesagt
und dann stimmt das.

Wir sind Bekenntniskirche
und beim Bekenntnis hat das Fragen ein Ende.

Ich denke,
die Stärke des Katechismus
und die Stäke eines Glaubensbekenntnisses
ist da zu sehen, wo man es meditiert.

Das Bekenntnis und auch der Katechismus wollen dich fragen:

Was ist das?
Was bedeutet das für dich?

Wir sprechen im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis im Chor,
weil wir eine Gemeinschaft sind von Menschen,
die das Bekenntnis als eine gemeinsame Art haben,
auf Gottes Wort zu antworten.
Die Antwort ist bei manchen Sachen klarer
und bei anderen dunkler.
Und bei verschiedenen Menschen
sind es je verschiedene Fragen,
die klar oder dunkel sind.
Aber im Chor gleicht sich das aus.

Viele wissen bestimmt,
was „chorisches Atmen“ ist…
Alleine kann man einen Ton nicht so lange halten
und muss atmen.
Wenn nicht der ganze Chor zur gleichen Zeit atmet,
macht das nichts.

Ein Glaubensbekenntnis aufsagen ist wie chorisches Glauben.
Du kannst mit deinen Zweifeln kommen
und dich ein bisschen zurücklehnen in die Gemeinschaft.
Und das darfst du auch.

Das heißt gerade nicht,
dass man keine Fragen stellen darf.
Im Gegenteil:
In einer Gemeinschaft mit einem starken, gemeinsamen Glauben
- kann man Fragen stellen
- und Zweifel haben
ohne Angst,
dass gleich alles kaputt geht!

(2c) Das ist mein Favorit:
Wenn man nicht selbst versucht,
- die Spannungen aufzulösen
- oder den Graben zu überwinden.

Der Glaube ist ein Geschenk.
Und nicht ein Geschenk wie 100,– €,
die man in die Tasche steckt
oder auf’s Konto überweist und dann hat man sie.

Der Glaube ist ein Geschenk wie
Freundschaft — oder Liebe.
Es ist ein Geschenk,
das ein Eigenleben hat,
denn es findet in deinem Leben statt.
Genau wie unser Leben ist Glaube nicht statisch und gradlinig.
Er ist manchmal stärker
und manchmal schwächer.
Dein Glaube geht durch Höhen und Tiefen,
genau wie du.

Ein Grundgedanke des Christentums ist,
dass Jesus sich auf unser Leben eingelassen hat –
so wie es ist;
als ein richtiges, gelebtes Leben,
mit Stärken, Schwächen, Höhen, Tiefen,
mit Leid, Kreuz und Tod
und selbst mit Zweifel und Gottesferne:

Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?

Christus hat das alles angenommen.
An sich –
und er nimmt es auch an dir an.

Zweifeln ist keine Sünde.
Den „garstigen Graben„ wahrzunehmen,
das ist keine Sünde.
Die Spannung zwischen biblischen Geschichten
und meinem Alltag: Die ist da. Die ist real.

Jesus schenkt uns den Glauben
und Sünde ist,
wenn wir das Geschenk ausschlagen
und den Glauben selber machen wollen.
Denn das ist, was wir Menschen tun.

Wir möchten unseren Glauben fest machen
- an unserer Entscheidung,
- unserer Meinung,
- unserer Moral oder
- unseren Werken.
Es kränkt uns, dass wir nicht die Macher sind.
Genau das ist das Problem,
denn dann setzen wir uns selbst an Jesus’ Stelle.

Die kanaanäische Frau im Evangelium:
Die macht es richtig.
Sie beruft sich nicht
- auf ihre Abstammung
- oder ihre Frömmigkeit
- oder ihre Klugheit.
Sie übergibt sich ganz Jesus.

Es ist paradox:
Der Glaube behält den Sieg
wenn er die Waffen streckt vor dem Richtigen:
vor Jesus Christus.

Weiß ich deshalb, was vor 2.000 Jahren genau passiert ist?
Nein.
Aber ich wünschte mir, ich wäre mehr wie diese Frau.
Ich möchte mich auf Jesus verlassen.
Ich möchte mit meinem Leben hineinwachsen
in seine Freundschaft und seine Liebe.

Conclusio
Im antiken Denken ist das Herz der Kern des Menschen.
Das ist das, was uns ausmacht, unser Wesen.
Ich wüsche mir, dass Jesus mich im Kern berührt
und ich auf seinem Ton zu schwingen anfange.
Das ist Glauben:

Wenn man von Herzen glaubt, dann zur Gerechtigkeit.

Nicht ich mache mich gerecht,
im Handeln und Denken,
sondern er macht mich gerecht.

Als einer, der von Jesus zum schwingen gebracht wird,
will ich alle Tage mit euch leben und mit euch gehen
und mit euch bekennen.

Denn wenn man mit dem Munde bekennt,
dann zur Seeligkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Jes 52,7

 Joel 3,5

 Jesaja 52,7

 Psalm 19,5

 Aus Mt 15,21–28, dem Evangelium für heute, vgl. ELKG 062.

 Mt 5,5.7

 Vgl. Mt 5,42.

 Vgl. Mt 5,40.

 Vgl. Mt 6,4.

 cor (lat) = core (engl) = Kern (dt.)

 Röm 10,10a

 Nach Bonhoeffer „Von guten Mächten“, ELKG (alt) 422.

 V. 10b. καρδίᾳ γὰρ πιστεύεται εἰς δικαιοσύνην, στόματι δὲ ὁμολογεῖται εἰς σωτηρίαν (Röm 10,10).

 Phil 4,7