17:49

Die Umkehr des Umgekehrten
Predigt zu Jon 3

222 2. So. n. Trinitatis, 14. Juni 2026, Frankfurt/M

Viele Christenmenschen können sich mit Jona gut identifizieren, aber auch die Niniviten sind geistlich nicht weit von uns entfernt.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist der Anfang des 3. Kaptitels des Buches Jona.
Der Prophet ist gerade vom großen Fisch
auf das Land gespieen worden
und die Geschichte geht folgendermaßen weiter:

1Und es geschah das Wort des Herrn zum zweitenmal zu Jona:

2Mach dich auf,
geh in die große Stadt Ninive
und predige ihr,
was ich dir sage!

3Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive,
wie der
Herr gesagt hatte.
Ninive aber war eine große Stadt vor Gott,
drei Tagereisen groß.
4Und als Jona anfing,
in die Stadt hineinzugehen,
und eine Tagereise weit gekommen war,
predigte er
und sprach:

Es sind noch vierzig Tage,
so wird Ninive untergehen.

5Da glaubten die Leute von Ninive an Gott
und ließen ein Fasten ausrufen
und zogen alle,
groß und klein,
den Sack zur Buße an.
6Und als das vor den König von Ninive kam,
stand er auf von seinem Thron
und legte seinen Purpur ab
und hüllte sich in den Sack
und setzte sich in die Asche
7und ließ ausrufen und sagen in Ninive
als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen:

Es sollen weder Mensch noch Vieh,
weder Rinder noch Schafe,
Nahrung zu sich nehmen,
und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen;
8und sie sollen sich in den Sack hüllen,
Menschen und Vieh,
und zu Gott rufen mit Macht.
Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege
und vom Frevel seiner Hände!

9Wer weiß?
Vielleicht lässt Gott es sich gereuen
und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn,
dass wir nicht verderben.

10Als aber Gott ihr Tun sah,
wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege,
reute ihn das Übel,
das er ihnen angekündigt hatte,
und tat’s nicht.

Lasst uns beten:
Herr Gott, himmlischer Vater,
sprich zu uns durch das Wort der Predigt
wie du zu den Nineviten geredet hast
durch den Propheten Jona:
ein Wort der Umkehr,
das unser Leben neu ausrichtet
auf dich. — Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) der Prophet Jona ist eine biblische Figur,
mit der man sich sehr gut identifizieren kann.

(a) Gott hat einen klaren Auftrag an ihn,
aber er will nicht.
Jona flüchtet.
Im Grunde ist Gott derjenige,
vor dem er wegläuft.
Er läuft vor allem weg,
damit Gott zu tun hat,
vor der ganzen Gottesbeziehung.
So wie Jona ein einzelner Mensch ist,
der für jeden Menschen steht,
steht sein Auftrag
für da ganze Leben von uns Menschen,
wo es zwischen Gott und uns knirscht und reibt.

Der eine Auftrag an Jona
ist wie das eine Gebot an Adam und Eva.

Esst nicht von den Früchten dieses einen Baumes!

Wie kompliziert kann das sein,
diesen
einen Baum nicht anzurühren?
Wie schwer kann es sein,
die Schlange einfach reden zu lassen
und sich auf das zu konzentrieren,
was gerade dran ist? —
Sehr, sehr schwer kann das sein.

Ich glaube,
im Leben von jedem Menschen gibt es etwas,
das diese Rolle einnimmt.
Es kann sehr unterschiedlich aussehen
und es wird sehr unterschiedlich empfunden.
Aber es gibt diesen Keil,
der sich immer wieder zwischen uns und Gott schiebt.
Und das treibt uns auch weg von unseren Nächsten,
von den Menschen,
die wir lieb haben,
und sogar von uns selbst. —

Wir haben dieses eine Gebot,
das wir missachten –
und es trennt uns von Gott.
Ich rede nicht davon,
- in die Kirche zu gehen,
- stille Zeit zu halten
- oder zu beten,
sondern ich rede von was,
das ist ganz tief in uns drinnen.

Wir haben diese eine Angst,
die uns immer wieder reitet
und uns fliehen lässt,
obwohl wir eigentlich zu Hause sind
und einen klaren Auftrag haben.

Mache dich auf und geh
in die große Stadt Ninive
und predige wider sie;
denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.
2

Das ist Jonas Auftrag.

Doch Jona wurde blass vor Schreck
und sagt zu sich: „Nichts wie weg!“

Den Blick nach Westen wandte er.
Erst lief er nur, dann rannte er. […]

Gott aber, der den Weg schon kannte,
sah lächelnd zu, wie Jona rannte.
3

(b) Was hält dich ab,
deinen Auftrag zu tun?

Dieser Keil zwischen Gott und uns,
dieser Keil und seine Mechanik,
die sind so tief in uns verwurzelt,
sie sind so sehr Teil von uns,
dass wir das nicht aus eigener Kraft überwinden können.
Das sind

  • jahrelang eingeübte Muster,
  • Gewohnheiten, die unser Handeln diktieren,
    bevor wir nachgedacht haben,
  • Ängste, die uns bremsen,
    bevor wir den ersten Schritt gemacht haben,
  • ein Unglaube,
    der uns unseren Gott nicht sehen lässt,
    selbst wenn er leibhaftig vor uns steht.

Wir sind blind und taub.
Wie sollen wir da Ohren haben zu hören
und Augen, zu sehen?

Was wir in dieser Situation wirklich brauchen,
ist ein großer Fisch.

So, wie Jona für den einzelnen Menschen steht,
der seinen Auftrag von Gott hat,
und flieht,
so steht der Fisch für das Wunder,
das geschieht.
Gott greift immer wieder ein
in das Leben von Menschen,
reißt sie heraus aus ihrer
- Verkrümmung in sich selbst,
- aus ihren Ängsten,
- aus ihren Gewohnheiten.

Gott macht Blinde sehend
und zeigt ihnen das Bild,
das er von ihnen hat.
Das ist keine Überfremdung von außen,
sondern Gott ist dein Schöpfer.
Er weiß,
wen er geschaffen hat,
als er dich gemacht hat.

Gott macht Taube hörend.
Er spricht sie an in seinem Wort
und sie hören den Vater,
der rechte Weisung für sie hat.
Dieses Gesetz ist nicht fremd und gegen dich,
sondern es entspricht dir ganz.
Dein Vater nimmt dich zur Seite
und sagt dir den Takt, den du hören musst.
Das ist,
was Gottes Gesetzt mit uns macht.

Der Fisch nimmt Jona mit in die Tiefe.
Es ist,
als würde er sterben,
hinabsteigen in das Reich des Todes.
Aber er versinkt nicht zu seiner Vernichtung,
sondern zu einer Wiedergeburt.

Wer Gottes Wort gehört hat,
beten ganz neu
und sagt:

Dein Wille geschehe –
wie im Himmel, so auf Erden.

Wer so betet,
hat schon das Leben der zukünftigen Welt in sich,
mitten hier in dieser Welt,
im Alltag dieses Lebens. —

(c) Jona sitzt im Bauch des Fisches
und in der tiefsten Tiefe,
in seiner dunkelsten Stunde,
erhebt er seine Stimme
und singt.
Wiedergeburt bringt Lobpreis hervor,

…wie ein Damm,
der mit der letzten Woge bricht.
Die Welt trägt deinen Namen
und dein Gesicht.
4

Der Name Gottes ist Gott selbst
und wenn er sein Angesicht leuchten lässt über dieser Welt
ist das der Inbegriff von Segen.
Der Mensch antwortet in Psalmen,
wie Jona im Wal.

Für uns Christenmenschen
ist der Name Gottes
aufgenommen in den Namen
Jesus Christus.
Wer in der Taufe gestorben und auferstanden ist,
der sieht die Liebe Gottes
in Jesu Gesicht.

Es gibt eine Szene in einem Jesus-Film,
das ist die Geschichte von einem Blindgeborenen,
den Jesus heilt.
Er berührt seine Augen
und mit einer schnellen Geste ist es so,
als ob Jesus die Blindheit von seinen Augen abreißt.
Der Blinde blickt auf
und das erste,
was er im Leben sieht,
ist das Angesicht Christi. —
Und er fällt ihm in den Arm.

(Liturgische Übertragung)
Wenn wir den Gottesdienst beginnen,
sind die ersten Stücke:
- Rüstgebet,
- Psalm,
- Kyrie,
- Gloria.
Wir gehen in den Fisch.
Wir sind ganz unten,
an den Wurzeln der Berge
und der Riegel des Verließes schlossen sich hinter uns –
ewiglich.
5
Hier tun wir,
was Jona tut:
Wir singen einen Psalm.
Und wir rechnen mit dem Wunder,
dass Jesus Christus mitten unter uns tritt.
κύριε ἐλεῖσον ist eine Begrüßung.
Wir begrüßen unseren König,
denn von ihm erwarten wir Erbarmen.
Und wir singen ihm das Gloria.

(2) Liebe Gemeinde,
für unsere Zeitgenossen ist es bisweilen befremdlich,
dass wir den Gottesdienst beginnen mit:

Gott, sei mir Sünder gnädig.
Der allmächtige Gott erbarme sich unser
und führe uns zum ewigen Leben.

Ich glaube,
solche Dinge von sich zu sagen,
war für die Menschen schon immer kantig.
Spätestens seit der Aufklärung trauen Menschen sich eher,
das auch zu sagen.
Und das ist ja auch gut so.
Die Reaktion der Niniviten auf Jonas Predigt
wirkt für uns ja auch befremdlich:
- Sie legten ihre Kleider ab und zogen sich Säcke an.
- Sie fasteten, von groß bis klein und selbst die Tiere.
Das wirkt schon auch übertrieben,
ja grausam.
Doch Fasten und Buße
sind aber äußere Zeichen für einen inneren Vorgang.

Fasten bedeutet,
dass man Disziplin und Selbstbeherrschung feiert.
Diese Beobachtung geht schon auf heidnische Zeiten zurück,
dass diejenigen,
die sich zusammenreißen,
mehr Erfolg haben, als andere.
Daraus schlussfolgerten die Menschen:

Die Götter mögen Selbstbeherrschung.

Vor diesem Hintergrund wird klar,
wie Menschen auf die Idee kommen,
dass es Gott gefällt,
wenn sie
nicht essen.

Die Demütigung,
die sie sich auferlegen,
dass sie ihre schicke Kleidung ablegen,
erhöht den Kontrast
zwischen ihnen und Gott.
Es ist der Kniefall,
den viele Vollziehen,
wenn die Einsetzungsworte erklingen.
Hier im Sakrament ist Gott gegenwärtig
und ich verneige mich vor dem König. —
Ist der Kniefall notwendig und Pflicht?
Sicher nicht.
So, wie das Fasten nicht für jeden ist,
so ist das knien nicht für jeden.

Manche sagen:

Wenn ich dem König begegne,
ziehe ich mich dementsprechend an!

Und haben einen Sonntagsanzug.
Andere sagen:

Wenn ich in das Haus meines Vaters gehe,
komme ich so,
wie ich bin.

Sie gehen leger zur Kirche,
vielleicht sogar betont leger,
weil sie Oberflächlichkeit oder Scheinheiligkeit fürchten. —
Äußere Formen
können angemessen und wichtig sein,
sie
können aber auch zu Äußerlichkeiten verkommen.
Immer kommt es auf die innere Haltung an,
denn Gott allein schaut auf das Herz des Menschen
und er allein heilt das Herz des Menschen.

Für die Nineviten waren dies die angemessenen Formen,
denn Gott hat ihr Herz berührt
durch Jonas Predigt
und er hat sich ihrer erbarmt. —
Auf diese Weise sind sie uns ein Vorbild
und vielleicht auch ein Ideal.
Wir wünschen uns,
dass Gott so mit uns umgeht,
wenn unsere Beziehung zu ihm in Frage steht.

(3) Ihr lieben,
die Pharisäer bitten Jesus,
er solle ihnen ein Zeichen geben,
dass er auch die Autorität habe,
die Dinge zu sagen, die er sagt.
Jesus antwortet ihnen harsch:

Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen,
aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden,
es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. […]

Die Leute von Ninive werden auftreten
beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht
und werden es verdammen;
denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona.
Und siehe, hier ist mehr als Jona.
6

Die Menschen,
mit denen Jesus da redet,
das sind wir.
Das sind nicht „die Juden“
oder irgendwelche „anderen“,
sondern das sind wir.
Jesus zeigt auf die Niniviten
und sagt:

Die haben’s richtig gemacht
und ihr nicht.

Jesu Zeitgenossen,
die Pharisäer, mit denen er redet,
die hatten auch ihre Art von
- Rüstgebet,
- und Beichte
- und Buße
- und Fasten.
Sie haben es ernst genommen
und sie haben es ehrlich gemeint.
Doch wie jede äußere Form
können diese Dinge ein Eigenleben entfalten,
eine eigene Wichtigkeit.

Wir sind und bleiben angewiesen darauf,
dass Gott selbst aktiv wird.
Er muss uns ansprechen und anrühren.
Wir brauchen ein Wunder,
wir brauchen einen großen Fisch.
Immer wieder müssen wir sterben und auferstehen.
Luther hat mal gesagt,
wir müssen täglich in die Taufe zurückkriechen.
Das kommt dem schon ziemlich nahe.
Dabei ist gar nicht wichtig,
was die Formen sind,
ob im knien,
im stehen
oder im sitzen:
Es kommt darauf an,
dass Gott sich unser erbarmt
und seine Gnade an uns Wirklichkeit wird.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!7 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Jona 1,2


3 Klaus-Peter Hertzsch: „Der ganze Fisch war voll Gesang“, Stuttgart 2005, S. 52f.


4 „Marathon-Mann (Endlich Liebe)“ von Udo Juergens (Musik), Thomas Christen (Text), Album: „Geradeaus!“, 1991.


5 nach Jona 2,7


6 Mt 12,39.41


7 Phil 4,7


Manuskript pdf, 854 KB)

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Jes 55,1–5, 2. So. n. Trinitatis

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„Europa ist ein geiles Land“
Eph 2,11–22, 2. So. n. Trinitatis

Wie gehört man wirklich dazu? Gerade unter diesen Bedingungen: Alles wird anders, aber das Leben geht weiter.

Die Einladung
Mt 11,25–30, 2. So. n. Trinitatis

Nicht die Klugen und Weisen, nicht die, von denen man es erwartet, werden von Gott angesprochen.