16:27

Das Pfingstwunder
Predigt zu Apg 2,1–21

221 Pfingstsonntag, 24. Mai 2026, Frankfurt

Das Pfingstwunder ist ein Handeln Gottes, mit dem er sich uns offenbart. Unser Leben ist so etwas, wie der letzte Schultag vor den großen Ferien. Die Uhr läuft noch, aber alle sind entspannt, denn der Tag des Herren kommt.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist der Anfang des 2. Kapitels der Apostelgeschichte.
Es handelt sich um die Epistel des Pfingsttages,
die recht lang ist.
Deswegen bitte ich euch, Platz zu nehmen.

Lukas schreibt uns:

1Als der Pfingsttag gekommen war,
waren sie alle an einem Ort beieinander.
2Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel
wie von einem gewaltigen Wind
und erfüllte das ganze Haus,
in dem sie saßen.
3Und es erschienen ihnen Zungen
zerteilt,
wie von Feuer;
und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist
und fingen an,
zu predigen in andern Sprachen,
wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

5Es wohnten aber in Jerusalem Juden,
die waren gottesfürchtige Männer
aus allen Völkern unter dem Himmel.
6Als nun dieses Brausen geschah,
kam die Menge zusammen
und wurde bestürzt;
denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7Sie entsetzten sich aber,
verwunderten sich
und sprachen:

Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9Parther und Meder und Elamiter
und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa,
Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10Phrygien und Pamphylien,
Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen
und Einwanderer aus Rom,
11Juden und Judengenossen,
Kreter und Araber:
wir hören sie in unsern Sprachen
von den großen Taten Gottes reden.

12Sie entsetzten sich aber alle
und wurden ratlos
und sprachen einer zu dem andern:

Was will das werden?

13Andere aber hatten ihren Spott und sprachen:

Sie sind voll von süßem Wein.

14Da trat Petrus auf mit den Elf,
erhob seine Stimme
und redete zu ihnen:

Ihr Juden, liebe Männer,
und alle, die ihr in Jerusalem wohnt,
das sei euch kundgetan,
und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
15Denn diese sind nicht betrunken,
wie ihr meint,
ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;
16sondern das ist’s,
was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:

17„Und es soll geschehen in den letzten Tagen,
spricht Gott,
da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch;
und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen,
und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen,
und eure Alten sollen Träume haben;
18und auf meine Knechte und auf meine Mägde
will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen,
und sie sollen weissagen.
19Und ich will Wunder tun oben am Himmel
und Zeichen unten auf Erden,
Blut und Feuer und Rauchdampf;
20die Sonne soll in Finsternis
und der Mond in Blut verwandelt werden,
ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt.
21Und es soll geschehen:
wer den Namen des Herrn anrufen wird,
der soll gerettet werden.“

Lasst uns beten:
Komm Heiliger Geist
und erfülle unsere Herzen,
sprich zu uns durch das Wort der Predigt,
damit wir überfließen mit Einsicht und Weissagung
die überschwappt auf die Welt um uns herum.
— Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) im Pfingstwunder ist ein Handeln Gottes,
mit dem er sich uns offenbart.
Es ist nicht weniger groß und geheimnisvoll
als die Auferstehung Christi von den Toten.
Lukas wählt hier das selbe Wort,
mit dem Paulus bekennt,
dass sich der auferstandene Herr
ihm offenbart hat.

3Und es erschienen2 ihnen Zungen
zerteilt,
wie von Feuer;
und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist…

Da ist so ein Stolperstein in der Lutherübersetzung:
- Zungen „erscheinen“,
- „
er setzt sich“
- und sie „wurden erfüllt vom dem heiligen Geist“.
Das ist ein Versuch, auf deutsch wiederzugeben,
wie Lukas hier voll Ehrfurcht redet.
Er behauptet nicht so recht, dass Gott uns erschienen sei,
sondern es lässt eher durchblicken.

Ihr wisst schon! —
In seinem Heiligen Geist begegnet uns Gott
höchstselbst. —

Genau wie der Glaube an die Auferstehung,
ist der Glaube an die Ausgießung des Heiligen Geistes
eine Spitzenaussage.

Denn so, wie dem Glauben an die Auferstehung
die Erfahrung von Krankheit und Tod gegenübersteht,
so steht dem Glauben an den Heiligen Geist
die Erfahrung des Sprachlosigkeit gegenüber;
Sprachlosigkeit im Angesicht
von Unverständnis und Fremdheit.
Wenn wir von unserem Glauben reden wollen,
fehlen uns oft genug die Worte und der Mut.
Und selbst in ganz alltäglichen Situationen
scheitert Kommunikation
und Gemeinschaft findet nicht statt. —

Genau wie beim Auferstehungsglauben
sind wir darauf angewiesen,
dass Gott uns seinen Heiligen Geist schenkt.
Wir haben den Glauben,
aber wir brauchen ihn auch,
3
denn zu unserem Glauben gehört der Zweifel. —
Zu unseren Beziehungen gehören Konflikte,
zu unserem Handeln gehört das Scheitern,
zu unserer Erkenntnis gehört,
dass wir einsehen,
dass alle Erkenntnis
Stückwerk ist.
4
Jesus Christus, der auferstandene Herr,
tritt immer wieder hinzu,
zu genau diesem Leben,
und sagt uns:

In der Welt habt ihr Angst;
aber seid getrost,
ich habe die Welt überwunden.
5

Der Herr,
der Heilige Geist,
tritt immer wieder zu uns,
als unser Tröster und Mahner,
und lehrt uns
und erinnert uns,
6
was Jesus uns gesagt hat
und wer er für uns ist.

(2) In diesem Glauben steht Petrus auf
und hält eine Predigt.
Er erinnert die Umstehenden,
was Gott für sie getan hat.
Und der Abschnitt Heiliger Schrift,
den diese Predigt auslegt,
ist das 3. Kapitel aus dem Buch des Propheten Joel.
Petrus sagt uns:

Diese Verheißung,
die Gott uns versprochen hat durch den Propheten Joel,
ist wahr geworden,
hier
und heute.

„Und es soll geschehen in den letzten Tagen,
spricht Gott,
da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch…“

Wir leben in den letzten Tagen,
in der Endzeit. –

Dieser Gedanke wirkt auf mich eher befremdlich.
Das liegt sicher vielleicht daran,
dass die Rede von der Endzeit übertrieben worden ist,
meist mit so einem Beiklang von Anklage und Drohung.
Für das Neue Testament
ist das aber ganz selbstverständlich.
Die Auferstehung der Toten hat begonnen.
Jesus Christus ist der erste.
Der Heilige Geist ist ausgegossen worden
- auf Söhne und Töchter,
- Alte und Junge,
- „Knechte und Mägde“, sagt Luther,
gemeint sind alle Menschen,
Männer und Frauen,
die an Gott glauben.

Die Rede von der Endzeit ist ein bisschen gruselig,
un
heimlich,
da sind wir nicht da
heim,
sondern das ist uns fremd,
anders als sonst. —

Die Endzeit ist in der Schöpfung das,
was der letzte Schultag vor den großen Ferien ist.
Das ist der Tag der Abrechnung, ja.
Da gibt es Zeugnisse.

Wir müssen alle offenbar werden
vor dem Richterstuhl Christi.
7

Aber das ist gar nicht schlimm,
denn da kriegt jeder genau das,
was er verdient.

Abgesehen von den Zeugnissen aber,
ist der Rest des Tages übrig. –
Und dieser letzte Schultag hat so eine besondere Stimmung.
Die Uhr läuft noch,
aber alles ist entspannt.
Es gibt mal ganz andere Gespräche als sonst.

In der Klasse sitzt sich die Lehrerin,
die sonst so streng ist,
mit den den Kreis.
Sie ist plötzlich auf Augenhöhe
und es entsteht ein persönliches Gespräch.
In diesem Moment
spielt die übliche Hierarchie keine Rolle mehr.
Die Kids sehen, dass ihre Lehrerin ein Mensch ist
und sie lernt die einzelnen richtig kennen,
vielleicht zum ersten mal.

Das ist fast ein Rollentausch.
Die Lehrerin lernt etwas von ihnen.
In der Endzeit fallen die Hierarchien weg.

„Ich will meinen Geist ausgießen auf alles Fleisch“,
spricht der Herr.

Wir lernen alle voneinander
und sind uns gegenseitig
Priester und Propheten und Apostel(innen)
und Schriftgelehrte.

Saskia ist sehr schüchtern,
aber an diesem Tag traut sie sich,
ihre Meinung zu sagen,
obwohl ihr die ganze Schulklasse sonst sehr fremd ist.
Sie traut sich sogar,
von ihrem Glauben zu erzählen.

Ein jeder hörte die anderen reden
in seiner eigenen Sprache.

Wo der Geist Gottes wirkt
fallen die Barrieren von Sprache und Herkunft,
Nationalität, Hautfarbe und Milieu.
Das Erbe und die Prägung,
die du dein Leben lang mitschleppst,
zählen nicht mehr.
Selbst alte Narben verlieren ihre Last. —

Wolfgang ist einer von den ganz harten Jungs.
Na ja, Pubertät halt.
Aber auch er sitzt mit seinem Zeugnis in dem Kreis
und sein Urteil in der Hand. –
Wer in dem Bewusstsein lebt,
dass es eine Macht über ihm gibt,
spielt sich nicht als starker Mann auf,
sondern weiß darum,
dass er gerettet werden muss.

Und es soll geschehen:
wer den Namen des Herrn anrufen wird,
der soll gerettet werden,
spricht der
Herr.

Und die den Heilgen Geist haben,
verkündigen die großen Taten Gottes,

(3) Ihr lieben,
was sind die großen Taten Gottes,
von denen die Trinitatisgemeinde Zeugnis ablegt?

(a) Wir haben eine Geschichte mit Gott.
In der Taufe hat er uns zu seinem Volk berufen
und uns seinen Heiligen Geist geschenkt.
Klar:
Es klebt eine dicke Schicht
gutbürgerlicher Religiosität darüber,
doch Gottes Wort gilt.
Mehr haben die hippen, jungen Gemeinden auch nicht,
wenn sie es haben. – 
Und auf Gottes Wort kommt es eben an.

(b) Wir haben die Vergebung.

12Doch auch jetzt noch,
spricht der
Herr,
bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen
mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen!
13Zerreißt eure Herzen
und nicht eure Kleider
und bekehrt euch zu dem
Herrn, eurem Gott!
Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig
und von großer Güte,
und es gereut ihn bald die Strafe.
8

Unsere Fehler und Fehlgriffe sind nicht unser Ende,
sondern ein Anfang.
Wenn wir daneben greifen,
wissen wir,
wo wir hinkönnen.
Buße ist verbessern, ausbessern, flicken.
Unsere Leben sind von Vergebung bestimmt,
Vergebung, die Gott uns schenkt,
und Vergebung,
mit der wir anderen vergeben,
wie er uns vergeben hat.

(c) Wir haben Gott leiblich in unserer Mitte.
Gott schaut auf unser Herz
und er verachtet Obferflächlichkeiten.
Das Zentrum unseres Gottesdienstes basiert auf ein wenig Brot
und einfachem Wein.
Zusammen mit Gottes Wort
sind sie wertvoller, als die ganze Welt.

Man kann das schick verpacken,
mit Musik und wertvollen Gefäßen,
und solchen Dingen,
aber das Eigentliche schenkt uns Gott
in und unter Alltäglichem.
Seine leibliche Gegenwart,
seine Umarmung,
macht er allen –einfach– zugänglich,
die daran glauben.

(d) Wir leben in der Endzeit.
Egal, wie sehr wir planen und arbeiten müssen,
für uns ist heute der letzte Schultag.
Das Gesetz dient
und das Evangelium regiert.
Wir wissen uns in jedem Moment unseres Lebens
geborgen und geliebt.

Komm, Heiliger Geist, Herre Gott,
du heiliges Licht, edler Hort,
lass leuchten uns des Lebens Wort
und lehr’ uns recht erkennen Gott.
9

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!10 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 ὤφθησαν, 3. Person plural Aorist Indikativ Passiv von ὁράω; terminus technicus für Gottes Sich-sehen-lassen, insb. 1.Kor 15, vgl. M. Hauger „Die Deutung der Auferweckung Jesu Christi durch Paulus“, in M. Welker et al. „Die Wirklichkeit der Auferstehung“, Neukirchen/V, 2004, S. 35 und S. 38f. Die Vokabel im Passiv ist in so fern interessant, als dass der Vorgang der Offenbarung mit einem theologischen Passiv ausgedrückt ist. Der Agens ist Gott. (Fußnote aus meiner diesjährigen Osterpredigt, die ich so misslungen fand).


3 Vgl. „Haben und Brauchen“, Predigt zu Eph 1,15–23, Himmelfahrt 2026.


4 Vgl. 1.Kor 13,9f.


5 Joh 16,33


6 Vgl. Joh 14,26.


7 2. Kor 5,10


8 Joel 2,12f


9 Nach ELKG² 101, „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“.


10 Phil 4,7


Manuskript pdf, 577 KB)

Weitere Predigten zu Pfingstsonntag:
Gebote, Lehre und Stellvertretung
Joh 14,15–27, Pfingstsonntag

Der heutige Predigtabschnitt ist gut geeignet für eine Konfirmation, denn die Jünger stehen vor einer Lebenswende, einem Schritt in unbekanntes Territorium. Was gibt Jesus ihnen mit für die Zeit, da die Welt ihn nicht mehr sehen wird?

Das Schlaraffenland ist’s auch nicht
Num 11, Pfingstsonntag

Das Volk hat materielle Sicherheit und soll sich an Gottes Gegenwart genügen lassen. Trotzdem meckern sie. Ich kenne das von mir selber auch. Wie geht Gott damit um?

Stilfragen
1.Kor 2,12–16, Pfingstsonntag

Gott hat dich angenommen in Jesus Christus und dich neu geschaffen im Heiligen Geist, – dich, nicht eine Barbie-Puppe mit frommen Idealmaßen oder einen Ken, der ein angeblich christliches Männerbild verkörpert.

Gesetz, Gestalt, Geist
Röm 8,1–11, Pfingstsonntag

„Nimm hin den Heiligen Geist, Mehr…