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Der fröhliche Rollenwechsel
Predigt zu Joh 13,1–15.34.34

213 Gründonnerstag, 2.4.2026, Frankfurt

„Ich bin euer Herr und Meister“, sagt Jesus, und dann zieht er sich das Obergewandt aus, als wolle er körperliche Drecksarbeit verrichten, und erweist seinen Jüngern den Sklavendienst.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht im Evangelium nach Johannes im 13. Kapitel.
Da der Abschnitt lang ist, bitte ich euch, euch zu setzen.
Der Evangelist schreibt:

1Vor dem Passafest aber erkannte Jesus,
dass seine Stunde gekommen war,
dass er aus dieser Welt ginge zum Vater;
und wie er die Seinen geliebt hatte,
die in der Welt waren,
so liebte er sie bis ans Ende.

2Und beim Abendessen,
als schon der Teufel dem Judas,
Simons Sohn,
dem Iskariot,
ins Herz gegeben hatte,
ihn zu verraten,
3Jesus aber wusste,
dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte
und dass er von Gott gekommen war
und zu Gott ging,
4da stand er vom Mahl auf,
legte sein Obergewand ab
und nahm einen Schurz
und umgürtete sich.
5Danach goss er Wasser in ein Becken,
fing an,
den Jüngern die Füße zu waschen,
und trocknete sie mit dem Schurz,
mit dem er umgürtet war.

6Da kam er zu Simon Petrus;
der sprach zu ihm:

Herr, solltest du mir die Füße waschen?

7Jesus antwortete und sprach zu ihm:

Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht;
du wirst es aber hernach erfahren.

8Da sprach Petrus zu ihm:

Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!

Jesus antwortete ihm:

Wenn ich dich nicht wasche,
so hast du kein Teil an mir.

9Spricht zu ihm Simon Petrus:

Herr, nicht die Füße allein,
sondern auch die Hände und das Haupt!

10Spricht Jesus zu ihm:

Wer gewaschen ist,
bedarf nichts,
als dass ihm die Füße gewaschen werden;
denn er ist ganz rein.

Und ihr seid rein,
aber nicht alle.

11Denn er kannte seinen Verräter;
darum sprach er:

Ihr seid nicht alle rein.

12Als er nun ihre Füße gewaschen hatte,
nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder
und sprach zu ihnen:

Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13Ihr nennt mich Meister
und Herr
und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.

14Wenn nun ich,
euer Herr und Meister,
euch die Füße gewaschen habe,
so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15Ein Beispiel habe ich euch gegeben,
damit ihr tut,
wie ich euch getan habe. […]

34Ein neues Gebot gebe ich euch,
dass ihr euch untereinander liebt,
wie ich euch geliebt habe,
damit auch ihr einander liebhabt.
35Daran wird jedermann erkennen,
dass ihr meine Jünger seid,
wenn ihr Liebe untereinander habt.

Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!2 — Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) was Jesus hier macht
ist ein Rollentausch.
Jesus sagt:

13Ihr nennt mich Meister
und Herr
und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.

Und dann zieht er sich das Obergewandt aus,
als wolle er körperliche Drecksarbeit verrichten,
und erweist seinen Jüngern den Sklavendienst.
Er wäscht ihnen die Füße.

Hier hebt nun der fröhliche Wechsel und Austausch an…3

formuliert Martin Luther.

Ist das nicht eine fröhliche Hochzeit,
wo der reiche, edle, gerechte Bräutigam Christus
das arme, verachtete, unansehnliche Mädchen heiratet
und sie von allem Übel befreit,
mit allen Gütern ziert?
4

Natürlich ist das Mädchen arm und hässlich
und der Bräutigam reich und schön. —
Man kann dem Reformator zu gute halten,
dass er in der Lage war,
sich selbst
und das ganze patriarchale Establishment seiner Zeit
in einer bedürftigen Frau wiederzuerkennen.
Immerhin!

Wenn man die Geschlechter umdreht,
funktioniert es theologisch natürlich trotzdem.
Es ist dann wie dieser Film über einen verpeilten Buchhändler,
der eine Liebesbeziehung hat
mit einem Hollywood-Star. —
Die beiden passen natürlich erst mal nicht zusammen.
Sie ist furchtbar reich
und er kommt gerade so über die Runden.
Sie hat Ruhm und Eleganz, einen hohen Sozialen Status;
er ist ein Niemand.
Sie jettet durch die Welt um Filme zu drehen;
er sitzt in seinem Buchladen
und träumt vom Reisen.

Am Ende geht es natürlich gut aus
(ist ja ein amerikanischer Film)
und die beiden finden einen Weg,
ihre Beziehung zu gestalten.
Ihr Reichtum wird sein Reichtum,
so weit es für beide gut ist,
ihr Ruhm wird sein Ruhm,
so weit es die Regenbogen-Presse interessiert,
und sie gehen zusammen auf Reisen.
Im Film überwindet die Liebe alle Hindernisse.

So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
5

Gott wird Mensch in Jesus Christus
und überwindet alles,
was uns trennt.
Er macht seine Heiligkeit zu unserer Heiligkeit,
seine Gerechtigkeit zu unserer Gerechtigkeit.

(2) Liebe Gemeinde,
das Leben ist kein amerikanischer Kitschfilm,
und – bekanntermaßen –
auch kein Ponyhof und keine Waldorfschule.
In unserem Abschnitt heute
ist Petrus derjenige,
der uns daran erinnert.

Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!

Er will den Tausch nicht haben.
Warum nicht?
Das ist doch ein Tausch,
bei dem man gar nicht verlieren kann. —

Der Vater sitzt mit seinen Jungs vor der Konsole.
Großer Bruder, kleiner Bruder, Papa.
Sie spielen ein Autorennen.
Der beste Fahrer ist, – klar –, Papa,
der Zweitbeste der Große
und der kleine Bruder fährt hinterher.
Und so gegen Mitte des Rennens
stupst der Vater den kleinen Bruder an
und tauscht den Controller mit ihm.
Der Kleine fährt für kurze Zeit auf Platz 1,
der Große überholt ihn noch knapp
und Papa daddelt hinterher.
Ein glücklicher Tausch für alle Beteiligten:
- Der Große gewinnt,
- der Kleine kriegt einen Platz auf dem Treppchen
- und Papa ist glücklich, dass die Jungs Spaß haben.

Doch je älter die beiden Jungs werden,
je mehr sie selbstständig werden
und zu eigenen Persönlichkeiten,
desto schlechter funktioniert dieser fröhliche Wechsel für sie. —
Der Große fragt sich:

Ist das gerecht?
Dass dieser, dein Sohn, den ganzen Vorsprung kriegt
und ich muss mich abrackern dafür?

Wenn die Pubertät in Sichtweite kommt,
entwickeln Kinder auch das Bedürfnis,
sich zu reiben an den Eltern,
vielleicht auch sich zu messen.

Was aber in deinem weltlichen Leben
richtig und notwendig ist,
ist in deinem geistlichen Leben tödlich.

Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!

Und Jesus sagt:

Ich muss aber!

Dann will Petrus alles:

Dann wasch mich ganz!

Petrus denkt in weltlichen Maßstäben,
in Mengen,
„wenig“, „viel“, „alles“,
und er will,
dass Jesus nach diesen Maßstäben handelt.

Er will auch bestimmt nicht,
dass Jesus für ihn stirbt.
Erstens ist Jesus sein Freund
und er hat ihn lieb.

Aber Petrus denkt bestimmt auch Dinge wie:

Ich bin gar nicht wert,
dass Jesus für mich stirbt.

Und da steckt dieser Gedanke drin:

Ich würde viel lieber für mich selber sterben.
Ich bin erwachsen.
Ich will die Verantwortung selber tragen.

Und da sagt Jesus: „So funktioniert das nicht“.

Wer gewaschen ist,
bedarf nichts,
als dass ihm die Füße gewaschen werden;
denn er ist ganz rein.

Das heißt:
Verlass dich auf deine Tauf.
Sie ist deine Verbindung zu Jesus Christus.
Und er will in deinem Leben mit dir gehen
und wäscht dir die Füße mit Vergebung,
wenn du einen Fehltritt tust.

In der Welt
musst du erwachsen sein
und Verantwortung übernehmen.
Geistlich musst du loslassen von der Welt
und dich allein verlassen auf das,
was Jesus Christus für dich getan hat. —

(3) In Jesus Christus
ist das Himmelreich in die Welt eingebrochen.
Deswegen macht das Gebot überhaupt erst Sinn,
das Jesus uns hier gibt.
Er blickt darauf,
dass er den Jüngern die Füße gewaschen hat,
und sagt:

15Ein Beispiel habe ich euch gegeben,
damit ihr tut,
wie ich euch getan habe. […]

34Ein neues Gebot gebe ich euch,
dass ihr euch untereinander liebt,
wie ich euch geliebt habe,
damit auch ihr einander liebhabt.

Können wir lieben wie Jesus uns liebt?

2Und beim Abendessen,
als schon der Teufel dem Judas,
Simons Sohn,
dem Iskariot,
ins Herz gegeben hatte,
ihn zu verraten,
3Jesus aber wusste,
dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte
und dass er von Gott gekommen war
und zu Gott ging,
4da stand er auf vom Mahl… 

Würdest du deinem Verräter,
von dem du weißt, dass er der Verräter ist,
würdest du dem einen Liebesdienst erweisen? —

In der Schrift von Martin Luther,
die ich oben schon zitiert habe,
benutzt der Reformator noch ein anderes Bild
für die „fröhliche Hochzeit“.
Stellt euch vor ein Eisen in der Esse.
Luther sagt,
das sei wie die Hochzeit,
denn das Eisen nimmt die Natur des Feuers an.
Und es stimmt:
Das Eisen wird rot-glühend.
Das brennt natürlich nicht,
aber es wird dem Feuer augenscheinlich ähnlich.
Und wenn das Feuer ihm eine Seite seiner Natur geschenkt hat,
wird das Eisen formbar.
Der Schmied,
der Schöpfer,
legt es auf den Ambos
und formt es mit dem Hammer
zu dem,
was er in ihm schaffen will.

So öffnet uns die Liebe Gottes,
die uns begegnet in Jesus Christus,
das Tor zum Himmelreich
auf dass wir auf dem Weg dorthin
mehr und mehr ihm gleich werden.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!6 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Ps 119,105


3 „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, 12. Abschnitt, DDStA 1, S. 291.


4 Ebd.


5 Joh 3,16


6 Phil 4,7


Manuskript pdf, 1.9 MB)

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