Die gehende und die kommende Stadt
Predigt zu Heb 13,11–14
Die Baumschienen sind betankt und die schweren Diesel sind angelassen. Das himmlische Jerusalem wird nicht irgendwann gebaut, sondern jetzt.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
sind einige Verse vom Schluss des Briefes an die Hebräer.
Der Apostel schreibt:2
11Der Hohepriester
brachte nur das Blut der Opfertiere ins Heiligtum,
um es zur Versöhnung für die Sünden darzubringen.
Die Körper (der Opfertiere)
wurden außerhalb des Lagers verbrannt.
12Darum hat auch Jesus außerhalb der Stadt gelitten.
So hat er durch sein eigenes Blut das Volk geheiligt.
13Lasst uns daher hinausgehen zu ihm –
zu dem Ort außerhalb des Lagers:
Wir wollen seine Schande auf uns nehmen.
14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.
Lasst uns beten:
Herr Jesus Christus, du Lamm Gottes,
öffne unsere Augen und unsere Herzen,
damit wir deine Wege verstehen
und dein Opfer für uns annehmen,
damit wir die Welt überwinden
und den Himmel finden.
— Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(1) wenn meine Oma Reibekuchen machte,
ging sie dazu ins Gartenhaus.
Tür auf,
Fenster auf,
und dann stand sie in ihrem Kittel an dem alten Gasherd,
hatte zwei Pfannen auf den Flammen,
mit einem guten Fingerbreit heißem Öl darin,
und einer nach dem anderen
verwandelte sie
Kleckse von Kartoffel-Masse
in Kartoffel-Puffer.
Warum hat sie Kartoffelpuffer außerhalb gemacht?
Na klar: wegen des Geruchs.
Die kleine Küche in ihrer Wohnung
hatte kein Fenster
und die Tür ging zum Esszimmer.
Wenn du da Kartoffelpuffer machst,
hat die ganze Wohnung
noch tagelang
nach dem Fett. — Das will doch keiner.
Wenn sie im Gartenhaus fertig war,
brachte Oma die fertigen Reibeplätzchen
an den schön gedeckten Mittagstisch.
Dann schickte sie den Enkel noch in den Keller,
Apfelmus holen,
und dann gab es Essen. —
Es gibt Dinge,
die will man nicht unbedingt in seinem Zuhause haben.
Den Fettgeruch und -schmier,
zum einen.
Aber auch die Sünde und ihre Folgen,
will man gerne abwischen
von dem Ort,
an dem man wohnt.
Im Alten Israel
gab es dafür einmal im Jahr
ein Ritual,
das genau das vermochte.
Das fand im Tempel statt,
auf dem Zion.
Das ist das Herz der Hauptstadt Jerusalem.
Jerusalem, als Hauptstadt, ist das Herz des Landes. –
Und so wurde von innen heraus
das Volk geheiligt,
Frieden geschaffen,
zwischen Gott und Israel. —
Das ist,
worauf sich der erste Vers unseres Abschnitts heute Morgen
bezieht:
11Der Hohepriester
brachte nur das Blut der Opfertiere ins Heiligtum,
um es zur Versöhnung für die Sünden darzubringen.
Die Körper [der Opfertiere]
wurden außerhalb des Lagers verbrannt.
Das Blut der Tiere,
in dem ihr Leben ist,
wurde im Allerheiligsten versprengt3
und an Teile des Alters angebracht.4
Die Schlachtreste aber,
und auch das Fleisch der Opfertiere,
fand man für den Verzehr ungeeignet.
Damit die Reinigung perfekt ist,
wurden sie
außerhalb der Stadt
verbrannt.5 —
Wie wichtig antiken Menschen
solche Opfer-Rituale waren,
ist für uns kaum zu ermessen.
Opfer
waren in deren Vorstellung das,
was ihnen einen Hebel gibt zu dem,
was die Welt im Innersten zusammenhält.
- Die Wiederkehr der Jahreszeiten,
- die Zuverlässigkeit der Gestirne und des Wetters,
- sozialer Zusammenhalt
- und wirtschaftliche Stabilität:
All diese Dinge waren von den Opfern abhängig.
Es gab eine Bauanleitung,
ein Ritual,
und dieses Ritual musste stofflich-korrekt vollzogen werden.
Das sichert die Beziehung des Volkes zu Gott. —
Diesen Zusammenhang muss man kennen,
um zu verstehen,
wie radikal der nächste Vers ist:
12Darum hat auch Jesus außerhalb der Stadt gelitten.
So hat er durch sein eigenes Blut das Volk geheiligt.
Der Hebräerbrief
sieht
alle Opfer
zu einem Ende gekommen.
Nicht mehr wir
geben
aus unserer Herde
ein Tier,
sondern Gott hat seinen Sohn gesandt,
um Frieden herzustellen
zwischen Gott und uns.
Das ist, was geschehen ist, am Kreuz.
Der Apostel ist der Meinung,
dass Jesu Weg zum Kreuz
die Form des alten Rituals hat,
damit wir verstehen,
dass da der große Frieden hergestellt ist.
In einem gewissen Sinne
stimmen wir dem Hebräerbrief zu,
wenn wir zu Christus beten mit den Worten:
Christe,
du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd’ der Welt,
erbam dich unser.
Christe,
du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd’ der Welt,
gib uns deinen Frieden.
Christus ist das Lamm Gottes;
das Lamm,
das Gott schenkt,
und das Lamm,
das sich uns schenkt,
zu unserem Heil
und Frieden.
(2) Liebe Gemeinde,
der Hebräerbrief
zieht einen Schluss aus diesem Gedanken
und formuliert ihn als Aufforderung:
13Lasst uns daher hinausgehen zu ihm –
zu der Stelle außerhalb des Lagers:
Wir wollen seine Schande auf uns nehmen.
Der Apostel Paulus schreibt an die Galater:
19bIch bin mit Christus gekreuzigt.
20Ich lebe,
doch nun nicht ich,
sondern Christus lebt in mir.
Denn was ich jetzt lebe [in dieser Welt],6
das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes,
der mich geliebt hat
und hat sich selbst für mich dahingegeben.7
Landläufig ist das Gegenstück zur Sünde die Tugend.
Das mögen zeitgenössische Tugenden sein:
- ökologisch leben,
- geschlechtergerecht,
- tolerant.
Oder etwas altbackener:
- ein „traditionelles“ Familienbild,
- ein gepflegter Vorgarten,
- regelmäßiger Kirchgang. —
Ich habe überhaupt nichts gegen all diese Tugenden.
Insbesondere regelmäßigen Kirchgang: finde ich super! —
Menschen nehmen für Tugenden wie diese
große Opfer auf sich
und sie nehmen großes Ungemach in Kauf.
Sie setzen viel ein und leisten viel.
Das sehe ich ganz oft mit großem Respekt.
Doch die Tugend überwindet nicht die Sünde.
Die Sünde überwindet – wenn überhaupt – der Tod.
13Lasst uns daher hinausgehen zu [Christus] –
zu der Stelle außerhalb des Lagers:
Wir wollen seine Schande auf uns nehmen.
Bist du bereit,
an den Ort außerhalb der Stadt zu gehen,
an dem die Leiber der Opfertiere verbrannt wurden?
Magst du dir vorstellen,
wie es da aussieht,
wie es da riecht?
Bist du bereit,
an den Ort außerhalb deiner Komfortzone zu gehen,
dahin, wo die Hinrichtungen stattfinden?
die „Schädelstätte“,
Golgatha,
wo das Kreuz steht?
Weißt du, wo dieser schwarze Ort ist? —
In deinem Herz.
Die „Schmach“ Jesu „auf sich zu nehmen“,
bedeutet nicht,
dass sich andere über uns lustig machen,
sondern,
dass wir mit Christus sterben.
6Wir wissen doch:
Der alte Mensch […] ist mit Christus am Kreuz gestorben.
Dadurch wurde der Leib vernichtet,
der im Dienst der Sünde stand.
Jetzt sind wir ihr nicht mehr unterworfen. […]
8Wir sind nun also mit Christus gestorben.
Darum glauben wir,
dass wir auch mit ihm leben werden.
Diese lebendige „Gemeinschaft mit [Jesus] Christus
vollzieht sich fernab aller religiösen Praktiken“,8
wie die antiken Opfer-Kulte.
Wir sind hier „außerhalb der Sphäre dessen,
‘wo Menschen noch etwas haben oder leisten’.“9
Es geht nicht um Tugend,
sondern es geht um Wiedergeburt.
Gott, unser Schöpfer,
reißt das schwarze Herz aus unserer Brust,
und gibt uns ein „Herz aus Fleisch“.10
Wenn das geschieht,
werden wir zu dem Mensch,
der wir wirklich sind.
Unser Schöpfer legt hat an sein Geschöpf.
Die Starken werden empfindsam.
Die Schwachen werden mutig.
Die Armen ererben das Himmelreich.
Die Zauderer
bekommen genau das richtige Maß an Größenwahn,
um über sich hinauszuwachsen;
dies alles
- sich zum Segen,
- der Gemeinschaft zum Dienst,
- Gott zur Freude. —
(3) Ihr lieben,
an dieser Stelle macht der Apostel einen Gedankensprung,
der scheint uns atemberaubend.
Doch er hatte gerade von der heiligen Stadt geredet,
mit ihrem Tempelbezirk
und den Opfern,
die dort stattfinden.
Heilig,
wie sie ist,
ist sie immer noch Welt.
Auch wenn deine Wohnung noch so sauber und schön ist,
sie ist immer noch Welt.
Auch wenn diese Kirche frisch gestrichen ist
und ihr Dachreiter abgedichtet,
sie ist immer noch Welt;
ganz egal,
welche Musik hier gespielt wird. —
Ich weiß,
diese Dinge sind euch wichtig,
aber verwechselt nicht die Geborgenheit
- hier in diesem Haus
- und in der Gemeinschaft dieser Familie
mit der „Gemeinschaft der Heiligen“
und dem himmlischen Jerusalem.
14Wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.
Das ist im Griechischen sehr schön geschrieben.
Zwischen „bleibend“ und „zukünftig“
ändert sich nur ein Laut,
μένουσαν auf μέλλουσαν.
Mit μέλλω redet der alte Grieche über das,
was unmittelbar bevorsteht.
Das Futur ist in der Zukunft,
aber unförmig,11 irgendwann in der Zukunft.
Das Futur nimmt Wirklichkeit aus dem Satz,
μέλλω behält sie bei.
Mit μέλλω sagt man,
was man vorhat,
wo man mit den Gedanken schon dabei ist.
Die zukünftige Stadt
wird nicht irgendwann erbaut,
sondern jetzt.
Die Baumschienen sind betankt
und die schweren Diesel sind angelassen.
Jetzt ist die Zeit der Gnade,
heute ist der Tag des Heils.12 —
Die zukünftige Stadt „suchen“ wir,
aber es ist nicht suchen wie „finden“,
sondern es ist ἐπιζητέω,
eher wie:
- nachsuchen in deinem Herzen,
- ersuchen im Gebet,
- aufsuchen auf deinem Lebensweg.
Wir haben die sichere Stadt des Gewöhnlichen verlassen.
Wir haben den dunklen Ort durchschritten
und der Alte Mensch ist mit Christus gestorben.
Wir wissen:
Jenseits aller Tugend und aller weltlichen Gewissheit
reißt uns seine Auferstehung aus dem Tod
und sein Licht leuchtet uns den Weg.
1bWoher kommt mir Hilfe?
2Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
3Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet,
der schläft nicht. […]
8Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Ich folge der BasisBibel für die ersten beiden Verse, weil sie besser zu verstehen sind und ἔξω prominent übersetzen, 2× „außerhalb“; mit einer Änderung in V. 13, die den Relativsatz durch einen Genitiv einspart und dadurch deutungsoffener ist; der 14. Vers ist so „eingebetet“ und ist deshalb LUT84 entnommen.
3 Vgl. Lev 16,14: „Und soll etwas vom Blut des Stieres nehmen und es mit seinem Finger gegen den Gnadenthron sprengen; vor den Gnadenthron aber soll er siebenmal mit seinem Finger von dem Blut sprengen.“
4 Vgl. Lev. 16,18f: „Und er soll hinausgehen zum Altar, der vor dem Herrn steht, und ihn entsühnen und soll vom Blut des Stieres und vom Blut des Bockes nehmen und es ringsum an die Hörner des Altars streichen und soll mit seinem Finger vom Blut darauf sprengen siebenmal und ihn reinigen und heiligen von den Verunreinigungen der Israeliten.“
5 Lev 16,27: „Und den jungen Stier und den Bock vom Sündopfer, deren Blut in das Heiligtum zur Entsühnung gebracht wurde, soll man hinausschaffen vor das Lager und mit Feuer verbrennen samt Fell, Fleisch und Mist.“
6 LUT84: „im Fleisch“.
7 Gal 2,19f–20
8 Erich Grässer: „An die Hebräer“, EKK, Zürich, Neukirchen/V, 1997, S. 385, z.St.
9 Grässer, ebd., zitiert Käsemann, Gottesvolk, 34.
10 Vgl. Hes 36,26: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“
11 Ohne Ausdehnung auf der Zeitachse. Das Futur ist mit dem Aorist verwandt und wird manchmal verwendet wie ein Konjunktiv.
12 2.Kor 6,2
Weitere Predigten zu Judika:
Tote begraben
Passionsandacht zu den Werken der Barmherzigkeit,
Lk 9,59–62,
Judika
Doch Christus lehrt uns, Prioritäten zu setzen. Das Evangelium verkündigen wir dann am lautesten, wenn der Wert, den wir bei Gott haben, und diese Freiheit, die Christus uns schenkt, unser Leben bestimmen.
Abrahams Opfer
Gen 22,1–14,
Judika
„Was bist du nur für ein Mensch“, möchte man den Abraham fragen. Und wenn dann jemand antwortet, Abraham handle ja nur auf Gottes Befehl, wird es nicht viel besser: „Was ist das nur für ein Gott? Und was für ein Mensch, der ihm folgt?“
Den Himmel durchschritten zu uns
Heb 4,15–16; 5,
Judika
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Zur Rechten und zur Linken
Mk 10,35–45,
Judika
Johanes und Jakobus bitten Jesus einen Ehrenplatz in seiner Nähe.
Mein Erlöser lebt
Hi 19,6–27,
Judika
„Es gibt keinen Teufel, das ist bloß Gott, wenn er gesoffen hat“. – Das ist eine ziemliche Frechheit aus einem alten Lied, aber sie trifft recht genau, was Hiob hier zum Ausdruck bringt. Mehr…