Trost für Jerusalem
Predigt zu Jes 66,10–14
Das Gegenbild zur Hölle ist der Himmel, zur Sünde die Vergebung, zum Tod ist das Leben.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem letzten Kapitel
des Buches Jesaja.
Der Prophet schreibt:
Freut euch mit Jerusalem
und jubelt über die Stadt,
alle, die ihr sie liebt!
Seid fröhlich über sie,
alle, die ihr über sie getrauert habt!
Trinkt euch satt an ihrer Brust
und lasst euch trösten!
Saugt an ihrer Mutterbrust
und genießt ihren Reichtum!
Denn so spricht der Herr:
Ich werde Jerusalem Frieden geben,
der sich ausbreitet wie ein Fluss.
Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu
wie ein rauschender Bach.
Auch ihr werdet ihn genießen.
Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen
und auf den Knien geschaukelt.
Ich will euch trösten,
wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
In Jerusalem werdet ihr Trost finden.
Wenn ihr das erlebt,
werdet ihr euch von Herzen freuen.
Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras.
So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten.
Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.
Lasst uns beten:
Herr Gott, Heiliger Geist,
komm herab auf deine Gemeinde,
öffne unsere Ohren und unsere Herzen,
damit wir unter den Worten des Propheten
deine Botschaft an uns hörne.
— Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(1) „Unser Trost ist nichts als Augenwischerei.“2
Dieses Zitat scrollte die Tage an mir vorbei
und es hat mich ein bisschen angefressen.
Ich spüre eine gewisse Dringlichkeit,
fordere ich doch regelmäßig Trauergemeinden auf:
Hört den Trost der Heiligen Schrift…
Samstag vor acht Tagen
habe ich hier in dieser Kirche gestanden
und habe Peter Zubkes Familie
und vielen von Euch
mit diesen Worten aufgefordert,
auf Hiob zu hören,
„in seiner Trauer und seinem Schmerz“. —
Habe ich das richtig gemacht?
Haben diese Worte irgendwas bewirkt,
oder sind sie nur Dekoration?
verbaler Blumenschmuck,
der heute in der Kirche steht
und morgen in die Biotonne wandert?
Als ich ein Kind war,
war Trost für mich sehr real. —
Du fällst als Kind hin
und schlägst dir das Knie auf.
Du rennst zu deiner Mutter
und sie nimmt dich in den Arm.
„Einmal pusten!“
Wenn es blutet,
gibt es ein Trostpflaster,
mit einem bunten Tier aufgedruckt.
Die Mutter trägt dich auf der Hüfte,
das ist Umarmung und Transport zugleich;
Umarmung, weil das Kind ja weint,
und Transport,
weil sie mit den anderen Arm weiterarbeiten kann.3
Die Mutter, deren Bild hier für Gott steht,
ist handlungsfähig und stark,
schenkt ihr Leben und ihre Kraft dem Kind,
das ihrer bedarf.
Doch ich bin kein Kind mehr. —
Wenn ich jetzt stürze,
nimmt meine Mutter mich nicht mehr auf die Hüfte,
schon alleine, weil ihr Baby die 100kg-Marke
schon seit einigen Jahren überschritten hat.
Und wenn mir jemand ein buntes Tierchen auf den Gips malt,
ist das nett,
aber nicht viel mehr wert als Blumenschmuck.
Tröstet das?
2. Hauptteil4
a) der Tod
Wenn jemand stürzt aus der Generation Ü80,
dann ist das leicht ein Urteil,
das dich bindet an einen Rollator
oder an einen Rollstuhl.
Je nach Alter legt dich ein Sturz –
leicht! – in dein Sterbebett.
Hast du schon
mal am Sterbebett eines lieben Menschen gestanden?
Hast du Erinnerungen an einen Leichnam, aufgebahrt,
oder eine Beerdigung?
Mit diesen Bildern im Kopf ist Trost schwierig.
b) die Sünde
„Der Tod ist der Sünde Sold“.5 —
Die Bibel sieht uns Menschen
in einem tiefgründigen Zusammenhang
von gestörten Beziehungen
und gescheiterter Gemeinschaft. —
Das ist keine moralische Theorie,
es geht nicht um Diätsünden
oder sonstige Regelbrüche,
sondern wir sind mit Gott entzweit,
scheitern an unserem Nächsten
und sind nicht mal mit uns selbst im reinen.
Wir Menschen geben da ein trauriges Bild ab;
was soll man da sagen?
c) die Hölle
Leben wir also in der Hölle auf Erden?
Wir Deutschen sind zwar Weltmeister im Meckern,
aber so schlimm würden es doch die wenigsten einschätzen.
Für mache vielleicht;
sie bereuen, was war,
oder hängen an dem,
was hätte sein können.
Das alte Bild,
dass es am Ende der Zeit eine Abrechnung gibt,
die eben einen zweifachen Ausgang hat, —
Seligkeit und Hölle, —
hat hier seinen Ursprung:
Es kriegt im Leben nicht jeder,
was er verdient.
Gerechtigkeit erfordert eine Abrechnung. –
Und wo stehe ich da? —
Das ist ein beängstigendes Bild.
Wie soll Trost möglich sein im Angesicht der Hölle?
⊙Liebe Gemeinde,
Bilder sind mehr als Augenwischerei.
Bei allen Abstrichen,
die man machen muss,
an Wahrheit und Zuverlässigkeit,
schaffen Bilder es immer wieder,
Wirklichkeit zu beschreiben und zu erfassen.
Bilder funktionieren aber auch andersherum.
Bilder setzen Wirklichkeit.
Ich glaube,
das ist,
was der Prophet Jesaja hier für uns macht:
Er malt seinen Zeitgenossen ein Gegenbild vor Augen,
gegen das Leid aus Niederlage,
Exil
und einem schwierigen Neuanfang in Jerusalem.
Er malt uns ein Gegenbild vor Augen
gegen Tod, Sünde und Hölle.
Es ist das Bild Gottes als einer Mutter,
die uns auf dem Arm hat,
uns nährt
und uns tröstet.
Ist dieser Trost Augenwischerei?
Gegenbilder entfalten Wirkung,
hier und jetzt,
in unserem Leben.
c') Himmel (Abendmahl)
Das Gegenbild zur Hölle ist der Himmel.
Das Sakrament des Himmels ist das Heilige Abendmahl.
Es ist unser Glaube,
dass wir hier am Altar ein Stück Himmel auf Erden haben.
Wir sitzen in der Hölle aus Unerfülltem
und Liegengebliebenen,
aus Streit und Verletzung,
aber Jesus Christus kommt aus dem Himmel zu uns
und lädt uns ein zu seinem Festmahl.
Als ihre Familie im 19. Jh nach Amerika ausgewandert ist,
sandte eine Braut ein Stück vom Hochzeitskuchen
an ihre Schwester in Deutschland.
In Wachspapier eingewickelt
und nach Wochen des Transportes,
kam es vielleicht wenig appetitlich an.
Man kann das auch nicht mit jedem Kuchen machen,
sondern eher so mit hartem Gebäck,
das nur aus Wasser und Mehl besteht –
wie Hostien.
Aber so konnte ihre Schwester
ein kleines Stück weit
an der Hochzeit teilnehmen. —
Das ist,
was das Abendmahl ist:
ein Himmlisches Festessen,
das himmlische Freude
mitten in unser irdisches Leben bringt –
und wirkt,
hier mitten unter uns.
b') Vergebung (Absolution)
Das Gegenbild zur Sünde ist die Vergebung.
Das Sakrament der Vergebung ist die Absolution
im Rahmen der Beichte.
Wir greifen alle mal daneben.
Die Kunst ist,
damit umzugehen.
Beichte ist der Ort,
an dem Gottes Gnade den Umgang mit der Schuld ermöglicht.
Das ist natürlich ein Geschen aus Worten,
aber wenn du diesen Worten glaubst,
wirst du dich selbst überwinden.
Glaubst du,
dass die Vergebung,
die ich dir zuspreche,
Gottes Vergebung ist?
Ja.
Dir sind deine Sünden vergeben.
Die göttliche Vergebung wirkt irdische Freiheit,
für dich
und von dir,
so du vergibst,
wie dir vergeben ist.
a') Leben (Taufe)
Das Gegenbild zum Tod ist das Leben.
Das Sakrament des Lebens ist die Taufe.
Wisst ihr nicht,
dass alle,
die wir auf Christus Jesus getauft sind,
die sind in seinen Tod getauft?
Wir sind mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod,
damit […] auch wir in einem neuen Leben wandeln.6
Gott ist Mensch geworden in Christus
und er hat
- Anfechtung,
- Schmerzen,
- Leiden,
- und Tod auf sich genommen
wie sie ein jeder Mensch in seinem Leben durchmacht.
Selbst die Gottesferne hat er am Kreuz durchlebt:
Mein Gott,
mein Gott,
warum hast du mich verlassen?
Doch Christus,
weil er Gott ist,
hat den Tod überwunden.
Er hat das nicht für sich getan,
sondern für dich.
Die Taufe ist,
wo Christus dir sein Leben geschenkt hat,
ein Leben,
das den Tot überdauert
und dich hält und birgt,
wie ein Mutter,
die ihr Kind auf der Hüfte trägt.
3. Faministisch-Sakramentstheologischer Schluss
Liebe Gemeinde,
ich möchte die Predigt beenden
mit einem Blick auf unseren Abschnitt
beim Propheten Jesaja.
Jesaja redet davon,
dass wir uns satttrinken an der Mutterbrust Jerusalems
und im gleichen Atemzug
sagt Gott uns zu,
er werde uns trösten wie eine Mutter.
Ich habe eine Geschichte gehört von einer Hebamme.
Da war ein Baby,
für das hatte die Mutter keine Milch
und es konnte die künstliche Nahrung nicht annehmen.
Das Verdauungssystem des kleinen Menschleins
kam nicht recht in die Gänge.
Es wurde immer schwächer.
Da war aber auch eine Frau auf der Entbindungsstation,
die hatte Milch über.
Und da nahm die Hebamme das Baby aus dem Brutkasten
und ging zu ihr.
Die beiden Frauen sahen sich an
und wussten sofort,
was zu tun war.
Die junge Mutter legt das Baby an dir Brust
und es saugte
und es trank.
Seine Mutter hat das Baby unter ihrem Herzen getragen,
und aus ihrem eigenen Leib genährt.
Die Frau, die ihm die Brust gegeben hat,
hat auch gegeben aus ihrem eigenen Leib.
Das ist, was eine Mutter tut. —
Der Herr Jesus Christus,
in der Nacht, da er verraten ward,
nahm er das Brot,
dankte,
brach es,
gab es seinen Jüngern
und sprach:
Dies ist mein Leib,
für Euch gegeben.
Dieser Trost ist Wirklichkeit.
Das Baby lebt
und du sollst auch leben.
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen,
aber meine Gnade soll nicht von dir weichen,
und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,
spricht der Herr, dein Erbarmer.7
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Ungefähr: “All solace is but make-believe”. Auf Instagram stand auch ein Name dabei als Quelle, aber ich habe es mir nicht gemerkt, weil ich da noch nicht wusste, dass ich es für die Predigt gebrauchen möchte und kann das Zitat auch mit Volltextsuche nicht lokalisieren.
3 Heute sind natürlich auch Väter zärtlich und fürsorglich. In meinem Erleben als Kind war es aber meine Mutter, die so gehandelt hätte. Ich gendere das jetzt mal nicht, ist doch auch mal schön, dass die Bibel Gott durch das Bild einer Frau illustriert und ich lasse das jetzt einfach mal so stehen.
4 Themensetzung und auch die Gliederung des Hauptteils, insbesondere die Abfolge Tod, Sünde, Hölle, vs. Himmel, Vergebung, Leben in Abendmahl, Absolution und Taufe, sowie die Idee von Bild und Gegenbild sind entliehen dem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ D. Martin Luthers (1519), DDStA 1,45ff bzw. WA 2,(680)685–697.
5 Röm 6,23a
6 Röm 6,3–4
7 Jes 54,10 (AT für heute)
Weitere Predigten zu Lätare:
Das lebendige Brot
Joh 6,47–51,
Lätare
Jesus sagt, er sei da lebendige Brot und wir müssen sein Fleisch essen. „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“. – Und nun?
Die Verleumdung des Petrus’
Lk 22,54–62,
Lätare
Ist Petrus gescheitert? Hat Petrus die Prüfung bestanden? Warum weint Petrus?
Der Tod zum Leben
Joh 12,20–24,
Lätare
Wir folgen den „Griechen“ aus unserem Predigtabschnitt und hören, wie sie sich überlegen: Was bedeutet das für mich, Mehr…
Predigt aus dem Video-Gottesdienst
Gastprediger: Pfarrvikar Simon Volkmar,
Jes 54,7–10,
Lätare
Dies ist das erste mal, dass wir einen Gast-Prediger hören. Pfarrvikar Simon Volkmar aus Hermannsburg hat mit mir seine Predigt aus dem Video-Gottesdienst des Kirchenbezirkes Niedersachsen-West zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!