Das lebendige Brot
Predigt zu Joh 6,47–51
Jesus sagt, er sei da lebendige Brot und wir müssen sein Fleisch essen. „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“. – Und nun?
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem 6. Kapitel
des Evangeliums nach Johannes. — Christus spricht:
47Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Wer glaubt, der hat das ewige Leben.
48Ich bin das Brot des Lebens.
49Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen
und sind gestorben.
50Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt,
damit, wer davon isst, nicht sterbe.
51Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel gekommen ist.
Wer von diesem Brot isst,
der wird leben in Ewigkeit.
Und dieses Brot ist mein Fleisch,
das ich geben werde für das Leben der Welt.
Lasst uns beten: Herr Gott, Jesus Christus,
du schenkst uns das lebendige Brot im Sakrament.
Sprich nun zu uns dein Wort durch die Predigt,
damit wir Leben haben und Erkenntnis,
die uns führen zu dir. — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(1) diese Predigt hat drei Teile.
Für den ersten Teil wähle ich folgende Überschrift:
Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Die Menschen,
über die das 6. Kapitel des Johannesevangeliums berichtet,
hatten ein intensives Glaubenserlebnis.
Sie sind ’rausgegangen aus der Stadt,
um Jesus reden zu hören.
Viele waren gekommen und es wurde langsam spät.
Die fingen die Jünger von Jesus an,
Essen zu verteilen;
und es hieß,
dass all dieses Essen einst fünf Brote und zwei Fische waren.
Ein Wunder!
Die Menschen waren begeistert und glücklich.
Sie sagten:
Das ist wahrlich der Prophet,
der in die Welt kommen soll.2
Ein neuer Mose,
der das Gelobte Land mal so richtig aufräumt.
Da gingen sie zu Jesus und sagten:
Jesus, wie wollen, dass du unser König wirst.
Wir trauen dir zu,
dass du das Gelobte Land wieder groß machst.
Wir wollen,
dass alles wieder so wird wir früher.
Wer uns mit Essen versorgt,
wie Mose uns mit Manna versorgt hat,
der kann auch die Römer rausschmeißen
und die Wirtschaft ankurbeln.
Jesus antwortet ihnen und sagt so etwas wie:
Ja, Gott hat die Welt erschaffen
und seine Güte und Barmherzigkeit
erhalten sie bis zum heutigen Tag.
Und ja, Gott hat Israel in der Wüste mit Essen versorgt –
und er hat es gerne getan.
Doch das ist nicht das Wesentliche.
Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen
und sind gestorben.3
Es geht um etwas ganz anderes.
In der Befreiung aus der Sklaverei,
die uns das Buch Exodus berichtet,
wird schon eine Seite Gottes offenbar,
die mehr ist,
als nur Hervorbringen und Erhalt.
Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen
ist kein Bratkartoffel-Verhältnis,
also eine lockere Beziehung,
bei der man für Schwarzarbeit mit Essen bezahlt wird.
Die Beziehung, die Gott sich zu den Menschen wünscht,
- ist wie die Beziehung zwischen einem König
und seinem Vasall,
die sich gegenseitig sichern und halten; - wie zwischen Geschäftspartnern,
die ihren Lebensunterhalt zusammen bestreiten; - wie zwischen Eheleuten,
die ihr leben gemeinsam in eine Familie investieren; - wie zwischen Liebenden,
die in der Umarmung des anderen ihr Zuhause haben.4
Gott will, dass die Menschen ihm vertrauen,
auf dem Lebensweg,
den sie mit ihm gehen.
Dieses Vertrauen heißt „Glauben.
Glaube ist die Liebesbeziehung zu Gott,
wie er sie sich wünscht.
Glaube ist die direkte Leitung zu ihm.
Diese Leitung reicht von hier und jetzt
bis jenseits von
- Raum und Zeit,
- Altern und Sterben.
Wer glaubt, der hat das ewige Leben.5
Darauf antworten die Menschen:
Aha.
Jesus, du hörst uns nicht richtig zu.
Wir wollen dich zum König machen!
Jesus stutz
und sagt:
Wer hört hier wem nicht richtig zu?
Und dann dreht er sich auf dem Absatz um
und geht allein auf einen Berg,6
um zu beten.
Die Menschen blieben enttäuscht zurück
und dachten sich:
Das ist jetzt aber passiv-agressiv.
Wir wollen den zum König machen und der geht einfach.
(2) Zweiter Teil.
Ich wähle folgende Überschrift:
Ich glaube an Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Einige Zeit später versuchten die Menschen noch mal,
mit Jesus zu reden,
diesmal mit einer etwas anderen Haltung:
Ok, Jesus,
wir haben verstanden:
Ein neuer Moses bist du nicht.
Aber was bist du dann?
Was für ein Werk tust du?
Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen,
wie geschrieben steht…7
… und du…?
Und Jesus antwortete:
Amen, amen, ich sage euch:
Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben,
sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
Denn Gottes Brot ist das,
das vom Himmel kommt
und gibt der Welt das Leben.
„Ok“, sagen die Leute, „dann gib mal her“.
Jesus aber sprach zu ihnen:
Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel gekommen ist. […]
Und dieses Brot ist mein Fleisch,
das ich geben werde für das Leben der Welt.8
Damit konnten sie anscheinend wenig anfangen.
Sie stellen Rückfragen wie:
Wie kann er uns ein Fleisch zu essen geben?9
Oder:
Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn,
dessen Vater und Mutter wir kennen?
Wieso spricht er dann:
„Ich bin vom Himmel gekommen“?10 —
In der Rückschau auf den Exodus
missverstehen die Menschen Gottes Barmherzigkeit
als Versorgung.
Es ist, als wären sie wie Eltern,
die ihren Kindern sagen:
Was beschwerst du dich eigentlich?
Du hast es immer warm gehabt,
immer neue Klamotten
und immer Essen auf dem Tisch.
Doch die Kinder antworten ihren Eltern:
Ja, aber ihr habt so viel gearbeitet,
dass wir euch nicht kennen.
Gott will dich kennen.
Jesus ist das Lamm Gottes.11
Er sagt:
Mein Fleisch ist die wahre Speise,
und mein Blut ist der wahre Trank.
Wer mein Fleisch isst
und mein Blut trinkt,
der bleibt in mir und ich in ihm.12
Das haben die Menschen nicht verstanden,
weil ihr Blick auf das Opfer Religion ist.
- Das ist etwas,
das man macht,
weil es sich so gehört. - Es soll ja Gott auch irgendwie ruhigstellen.
- Und es gibt ja auch immer was zu essen:
Opfer waren Familienfeste.
Doch für Jesus hat Opfer eine ganz anderen Ebene.
Es geht um Liebe und Beziehung
zwischen Gott und dir.
Gott will Gemeinschaft haben
mit den Menschen,
eine Gemeinschaft wie in einer Familie,
Gemeinschaft wie bei einem Fest. —
Auf das Unverständnis und die Ablehnung der Menschen
reagiert Gott seinerseits nicht mit Ablehnung und Wut,
sondern er geht den anderen Weg:
Er wird Mensch in Jesus Christus,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria.
In Jesus investiert Gott sich selbst
in die Beziehung mit uns Menschen.
Er gibt alles für die Liebe zu uns
und geht jeden Schritt,
den wir auch gehen,
gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben.
Doch Gott ist der Gott des Lebens.
Durch seine Auferstehung von den Toten
reißt er uns heraus
aus Tot und Verfall,
in sein Reich der universalen Gerechtigkeit.
Er wird kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Der Graben,
der zwischen Gott ist und uns,
der Sund aus Sünde und Ablehnung,
den überbrückt Gott in Jesus Christus. —
Das klingt alles ganz toll,
– sehr fromm –,
doch es läuft auch auf eine Frage zu:
Und jetzt?
Was kann ich damit denn jetzt anfangen in meinem Leben?
Mein Glaube ist jeden Tag angefochten,
denn ich lebe ein Leben mit einem Alltag.
Ich muss arbeiten für mein Geld.
Ich habe Streit, manchmal richtig schlimmen.
Ich fürchte Krankheit, Niedergang
und einen bitteren Tod.
Für die Israeliten hatte Moses Lebensmittel.
Was hat Jesus für mich?
(3) Mit dieser Frage,
komme ich zum dritten Teil der Predigt.
Ich wähle folgende Überschrift:
Um diesen Glauben zu verschenken,13
hat Gott das Predigtamt eingesetzt,
das Evangelium und die Sakramente zu geben.
Durch diese Mittel wirkt der Heilige Geist,
der die Herzen tröstet
und den Glauben gibt,
wo und wann er will,
denen, die das Evangelium hören. 14
Nicht Lebensmittel liegen oben auf,
sondern Heilsmittel.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
sondern von einem jeden Wort,
das aus dem Mund Gottes geht.15
Das Evangelium ist eine Liebeserklärung.
Egal,
ob du jung bist oder alt,
dick oder dünn,
ob du diesem oder jenem Ideal entsprichst,
oder nicht:
Bei Gott bist du wertvoll geachtet.
Das ist der Startpunkt,
nicht was du zu bringen hast,
oder zu leisten hast,
sondern dass du geliebt bist
und wertvoll.
Das Abendmahl ist eine Umarmung.
Du kommst mit deinem Leib zum Altar,
durch den dein Herz das Blut pumpt,
und Jesus Christus ist hier –
mit seinem Leib und Blut für dich.
Hier bist du angenommen
als das, was du bist,
materialia,
woraus du gemacht bist.
In und unter dem gesprochenen Wort
ist das himmlische Wort,
das der Heilige Geist in dir zum Schwingen bringt.
So hörst du schon hier in der Welt
die Stimme deines himmlischen Vaters.
In und unter dem irdischen Brot und Wein
ist die himmlische Speise.
So sitzt nimmst du schon am himmlischen Festmahl teil,
das dir bereitet ist,
wenn du heimgehst.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!16 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Joh 6,14b
3 Vers 49.
4 Hintergrund dieser Liste ist das Beudeutungs- und Wortfeld des hebr. Verbes אהב, „lieben“, wie in „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, von ganzen Herzen… “, vgl. Dtn 6,5; Mt 22,34–40; Mk 12,28–34; Lk 20,25–28.
5 Vers 47b.
6 Vgl Joh 6,15.
7 Aus Joh 6,30f.
8 Aus Joh 6,51.
9 Vgl. Joh 6,52.
10 Joh 6,42
11 Vgl. Joh 1,29 und 36.
12 Joh 6,55f.
13 Zu „erlangen“, natürlich. Ich erlaube mir einen Eingriff in den Bekenntnistext, um ein Anliegen des Predigtabschnittes deutlich einzutragen, nämlich, dass der Glaube ein „passives Geschehen“ ist, Geschenk und Gnade Gottes ist. Vgl. Exegese für die Predigt z.St., unter 4 „Schwerpunkte der Interpretation“.
14 BSELK, S. 100, eigene Anpassung an heutiges Deutsch.
15 Dtn 8,3 nach Mt 4,4.
16 Phil 4,7
Weitere Predigten zu Lätare:

Die Verleumdung des Petrus’
Lk 22,54–62,
Lätare
Ist Petrus gescheitert? Hat Petrus die Prüfung bestanden? Warum weint Petrus?

Der Tod zum Leben
Joh 12,20–24,
Lätare
Wir folgen den „Griechen“ aus unserem Predigtabschnitt und hören, wie sie sich überlegen: Was bedeutet das für mich, Mehr…

Predigt aus dem Video-Gottesdienst
Gastprediger: Pfarrvikar Simon Volkmar,
Jes 54,7–10,
Lätare
Dies ist das erste mal, dass wir einen Gast-Prediger hören. Pfarrvikar Simon Volkmar aus Hermannsburg hat mit mir seine Predigt aus dem Video-Gottesdienst des Kirchenbezirkes Niedersachsen-West zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!