13:26

Der Weg zum Kreuz – Warum musste Jesus sterben?
Predigt zu Mk 8,31

15 Letzter So. n. Epiphanias, 2. Februar 2020, Bremen

Wir feiern heute den letzten Gottesdienst der Vor-Fastenzeit. Der „Weg zum Kreuz“ ist vorgezeichnet und wird liturgisch spürbar. An dieser Stelle möchte ich mit euch einen Moment innehalten und überlegen: Warum musste Jesus am Kreuz sterben? – Ich will die Antwort angehen und einen Gedanken aufnehmen und in den biblisch Kontext rückbinden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Diese Predigt legt das Wort des Herrn Jesus aus,
mit dem die Lesung des Evangeliums für diesen Sonntag beginnt (Mk 8,31):

Der Menschensohn muß
viel leiden
und verworfen werden
von den Ältesten
und Hohenpriestern
und Schriftgelehrten.
Und er muss getötet werden
und nach drei Tagen auferstehen.

Lasst uns beten: Herr Jesus Christus,
lass uns nicht zurückschrecken vor deinem Wort,
sondern nimm uns liebevoll an die Hand,
damit wir dich richtig verstehen,
auch wenn du so drastische Dinge sagst,
die uns Angst machen. — Amen

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Einstieg

Warum musste Jesus am Kreuz sterben? — 
Wir befinden uns am Eingang zur Passionszeit.
Mit den vier kommenden Sonntagen kommen wir dem Kreuz immer näher.
Innerlich gehen wir mit Jesus auf Pilgerfahrt.

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem…

Wir gehen nach Jerusalem
und feiern dort das Passah-Fest.
Das ist etwas Schönes!
Wir bereiten ein Lamm für das Passah.
Das heißt, dass wir mit ihm in den Tempel gehen,
wo es im Rahmen eines Gottesdienstes geschlachtet wird,
als ein Opfer.
Nachher nehmen wir unseren Teil des Fleisches
und bereiten es zu für ein Festmahl
im Kreis der Familie oder der engsten Freunde.

Jesus sagt uns:

Dieses Jahr bin das eigentliche Passah-Lamm… ich.

Der Menschensohn muß
viel leiden
und verworfen werden
und getötet werden
und nach drei Tagen auferstehen.

Petrus reagiert „richtig“.
Er reagiert, wie ein guter Freund reagieren würde.
Er nimmt Jesus zur Seite und fragt ihn:

Rabbi – geht’s noch?

Jesus’ Antwort könnte schärfer nicht sein:

Heb dich fort, Satan!

Aber warum?
Warum musste Jesus ans Kreuz gehen?

Wie als eine Antwort ist diesem Evangelium die Epistel zugeordnet: 1.Kor 13, das „Hohelied der Liebe“.
Jesus geht aus Liebe ans Kreuz.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

2. Der Richter und seine Tochter

Um das zu verdeutlichen,
stellt euch eine Szene vor Gericht vor.

Eine Junge Frau ist wegen eines Verkehrsdeliktes angeklagt.
Der Richter verurteilt sie zu einer saftigen Geldstrafe.
So weit, so gewöhnlich.

Doch dann, als die Verhandlung vorbei ist,
steht er auf,
geht zum Gerichtsdiener
und zahlt die Strafe selbst.
Damit hatte ja nun keiner gerechnet!

Es erklärt sich aber,
wenn man weiß,
dass die junge Frau die Tochter des Richters ist.

Er hat zwei Rollen:

Als Richter konnte er das Vergehen nicht nicht-bestrafen.
Das Gesetz fordert Strafe
und als Richter muss er sie verhängen.

Der Richter ist aber auch Vater.
Und er liebt seine Tochter
Deshalb kommt er für ihre Schulden auf
und zahlt die Strafe für sie.

Auf Gott und uns übertragen wird Gott auch in zwei Rollen gesehen:

Er ist der gerechte Richter, der das Urteil verhängen muss. „Der Sünde Sold ist der Tod“.

Gott ist aber auch der liebende Vater,
der bei sich selbst ans Eingemachte geht,
um uns Leben zu ermöglichen.
Gott wird in Christus Mensch,
um den Tod zu ertragen,
den wir verdient hätten.
So wird er unser „Erlöser“,
derjenige, der uns freikauft,
sollten wir in große Not kommen
oder unter die Schuldsklaverei fallen.

Die Stärke dieser Geschichte ist,
dass die Liebe Gottes für uns, seine Kinder,
so deutlich fühlbar wird.
Er liebt uns,
auch wenn wir danebengreifen
und sein Gesetz übertreten.
Das ist erst mal eine starke Botschaft
und eine schöne Botschaft.

Doch wie jeder Vergleich „hinkt“ auch dieser Vergleich.
Von den Schwierigkeiten, die es daran gibt,
möchte ich uns eine grundsätzliche vor Augen führen:
Wo bleibt denn eigentlich das Geld?

In der Geschichte
zahlt der Richter beim Gerichtsdiener die Strafe.
Das ist sinnvoll:
Das Gesetz fordert die Strafe
und er zahlt.
Das Geld geht in die Staatskasse,
denn der Staat ist der Gesetzgeber.

Übertragen wir das Bild auf Gott als unsren Erlöser,
dann ist Gott der Richter und wir sind die Kinder.
Gott zahlt das Geld für uns.

Gott ist aber auch der Gesetzgeber.
Das heißt,
Gott nimmt das Geld aus dem Portemonnaie,
zahlt die Schuld durch Jesus’ Opfer
und das Geld landet wieder in Gottes Kasse.
Es ist ein Nullsummen-Spiel.
Vorher und nachher hat Gott den gleichen Betrag in der Kasse.

Außer Spesen nichts gewesen!

Es ist gar nichts passiert.
Es hat gar keine Entwicklung gegeben.

Hier kann man sehr schön sehen:
Die Rede, dass Jesus am Kreuz unsere Schuld „bezahlt“,
ist biblisch,
- aber wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt
- und zu simpel erzählt,
kann sie ihren Sinn verlieren.
Es kann passieren, dass nur noch die Brutalität des Kreuzes
und das Bild des fordernden Gottes stehen bleibt.

3. Gottes Wort Wort wirkt unter uns

Liebe Gemeinde,
ich möchte uns eine Schneise schlagen,
die uns helfen kann,
das Kreuz Christi klarer zu sehen.
Dazu möchte ich uns einen Vers
aus dem Buch des Propheten Jesaja in Erinnerung rufen:

Der Herr spricht bei Jesaja:

55,10Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt
und nicht wieder dahin zurückkehrt,
sondern feuchtet die Erde
und macht sie fruchtbar
und läßt wachsen,
dass sie gibt Samen, zu säen,
und Brot, zu essen,
11so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen,
sondern wird tun, was mir gefällt,
und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Da könnte man meinen:
Jesaja hat nicht verstanden,
wie der Wasserkreislauf funktioniert.
Das habe ich doch in der Grundschule gelernt:
Das Wasser, das als Regen vom Himmel fällt,
verdunstet wieder.
Es steigt auf, bildet Wolken,
die dann wieder abregnen.
Es ist ein Nullsummen-Spiel.
Vorher und nachher ist die Menge des Wassers die Selbe.

Trotzdem hat Jesaja recht:
Das Wasser geht nicht spurlos an uns vorbei,
sondern es löst Nährstoffe aus dem Boden.
Die Pflanzen können diese dann erst aufnehmen.
Sie leben und sie wachsen,
dass sie Samen hervorbringen, zu säen,
und Brot, zu essen.

Genau so ist es auch mit dem Wort Gottes,
das in Christus Mensch geworden ist.
Jesus Geburt,
- sein Leben,
- sein Leiden,
- sein Tod,
- seine Auferstehung
- und seine Himmelfahrt
sind keine historischen Kuriositäten.
Nein!, sondern wie das Wasser die Erde feuchtet
und sie fruchtbar macht,
so tut Gottes Wort an uns, was ihm gefällt.

Es geht gar nicht um Gott
und darum, dass sich in ihm etwas ändert,
sondern es geht um uns!

Jesus zeigt uns, wie großzügig Gott ist,
wie sehr er uns liebt.

Er macht uns verstehen, wie verloren wir sind.

Er nimmt uns mit in seinen Tod,
damit wir der Sünde sterben

und damit wir bei ihm sind,
auch in seiner Auferstehung.

4. Schluss

Nicht als ein historisches Ereignis, – damals –,
sondern als ein gewisses Ereignis,
– in deiner Taufe –,
und ein ständiges, präsentes Ereignis,
– an jedem Tag deines Lebens –,
ist er bei dir.

Wer jeden Tag in die Taufe zurück kriecht,
ist im Wasserkreislauf des Lebens.

Möge das Wort Gottes
mit dem Wasser der Taufe
jeden Tag in deinem Leben Frucht bringen:

Die Frucht der Einsicht,
dass du nicht blind läufst
und an Gott, dir selbst und deinen Mitmenschen vorbei gehst.

Die Frucht der Gemeinschaft
mit dem Herrn Jesus,
mit anderen Christen,
aber auch mit allen anderen Menschen.

Die Frucht der Vergebung,
dass du sie freigiebig schenken kannst,
denen, die Schuld gegen dich tragen,
weil sie dir erworben wurde am Kreuz.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

In dieser Predigt fehlt ein Hinweis auf die Ereignisse am 19.2.202 in Hanau. Ein 43-jähriger Deutscher dipl. Betriebswirt hat in einem Akt zwischen Amoklauf und Rechtsterrorismus neun Menschen in Shisha-Bars erschossen, um dann anschließend seine Mutter und sich selbst zu töten. – Eine Predigt hat einen Zweck. Sie verkündigt Christus. Auch wenn ich diese Predigt im Glauben halte, ist sie religiöse Rede. Wenn ich die Toten von Hanau als Beispiel oder „Aufhänger“ benutze, spanne ich sie vor meinen religiösen Karren wie ein ein Politiker, der ihren Tod parteipolitisch in den Anschlag bringt. Selbst wenn man Recht hat (Es stimmt: Die AfD trägt zur Verrohung unserer Gesprächskultur bei und/oder nimmt diese willentlich in Kauf), benutzt man Tote politisch, wenn man die AfD beschuldigt. Wie wir mit unsren Toten umgehen, sagt viel über uns.

 Lk 18,31a, der Wochenspruch.

 Das ist eigentlich Mt 16,23 in der 1912er Lutherbibel.

 Vgl. Röm 6,23, u.ö.

 Vgl. Mt 20,28 u.ö.

 Vgl. das Buch Ester. Boas ist Noomis und Esters „Löser“; es ist kein Zufall, dass „(er-)lösen“ den selben Stamm hat.

 Phil 4,7