19:29

Heimsuchung Marias
Predigt zu Lk 1,26–56

72 4. Advent, 19. Dezember 2021, Frankfurt am Main

„Wie soll das zugehen?“ fragt Maria. Also praktisch – und konkret? Der allmächtige, allwissende und allgegenwärtige Gott wird Mensch.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist das Evangelium des heutigen Sonntags,
wie wir es gerade gehört haben.

Lasst uns beten:
Herr, Gott, himmlischer Vater,
sende deinen Heiligen Geist zu uns,
dass er unsere Herzen erleuchte
und uns bereit mache,
deinen Sohn zu empfangen. — Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

das Gespräch zwischen dem Engel Gabriel
und der Jungfrau Maria
hat Menschen aller Zeiten fasziniert.
Es gibt unzählige künstlerische Darstellungen
und Interpretationen.

Gott wird Menschen
und wir stellen mit Maria zusammen die Schlüsselfrage:

Wie soll das zugehen?

Also:
- praktisch
- und konkret?

In vielen bildlichen Darstellung
hat der Engel Gabriel eine weiße Lilie dabei
oder eine solche Blume steht in einer Vase
zwischen den beiden.
Die weiße Lilie ist ein Symbol für Keuschheit und Reinheit.
Sie ist eine Anweisung an uns als Betrachter:

Wenn du dir Gedanken machst über diese Frage,
dann lenke deine Gedanken auf die richtigen Wege!

Ich hab’ neulich davon geredet,
dass ich ein inneres Kind habe.
Das ist so ungefähr acht
und weiß gerade gar nicht,
wovon der Pastor redet.
Ich habe aber auch einen inneren Teenager.
Der ist ungefähr 16
und meint,
er wüsste ganz genau,
wovon der Pastor redet.
Dabei grinst er von einem Ohr bis zum andern.

Die weiße Lilie ist die Art,
wie die Kunstgeschichte
dem inneren Teenager sagt:

Krieg dich ein,
werd’ erwachsen
und lenke deine Gedanken auf die richtigen Wege.

Für die antiken Christen war es eher wichtig,
sich abzusetzen
von den heidnischen Mythen ihrer Zeitgenossen.

Die Griechen erzählten zum Beispiel über den Gott Zeus,
dass er sich in einen Stier verwandelt hat.
So verkleidet schlich er sich an seiner Ehefrau vorbei
und und fing eine Affäre mit einer Jüngeren an.
Zur Zeit des Neuen Testaments fragten sich viele,
was sie von diesen Götter-Geschichten halten sollen. –
Im Großen und Ganzen fanden die meisten sie aber schon noch attraktiv:

Das ist halt Entertainment,

pikant,

ein bisschen sexy vielleicht:

So eine Männer-Phantasie:
Nochmal ein Stier sein,
obwohl man schon verheiratet ist… 
So etwas!

Dagegen sind die Schilderungen des Evangelisten schlicht
und minimalistisch.

Lukas sagt uns damit ungefähr dies:

Nein, wir Christen reden über eine ernsthafte Angelegenheit!

Wir erzählen eine Geschichte
von Gott und den Menschen:

Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden.

Jesus möchte in dein Leben kommen
und mit dir Gemeinschaft haben.

Das ist der Glauben der Christen
von Anfang an.

Ungefähr seit Ende des 18. Jahrhunderts
herrscht das Selbstbewusstsein der Aufklärung.
Die Menschen sagen sich:

Ich wage es, selbst zu denken!

Die Jungfrauengeburt erscheint nun
als ein Relikt kirchlicher Autorität.

Das geht doch gar nicht!

Wer so denkt, hat die weiße Lilie nicht beachtet,
und ist bei der Biologie herausgekommen.
Viel weiter käme mein innerer Teenager auch nicht.

Doch dafür hätten niemand die Aufklärung gebraucht:
Auch Menschen in der Antike wussten schon,
wo Babies herkommen.
An „Jungfrauengeburt“ hat sie der Teil „Jungfrau“ nicht gestört,
sondern der Teil „Geburt“,
denn für den gesunden Menschenverstand gilt:
Gott ist
- allwissend,
- allmächtig
- und allgegenwärtig.

Und das heißt: Gott kann nicht geboren sein,
denn sonst wäre das Wesen,
das ihn hervorbringt
- mächtiger,
- größer
- und heller
als Gott.

Theologen haben auf Maria geschaut und gesagt:

Wenn ihr behauptet,
dass Maria,
– dieses Bauernmädchen aus Galliläa –
Gott geboren haben soll,
dann ist das Gotteslästerung.

Doch die Bibel sagt:

Das Wort wurde Fleisch.

Gott wird Mensch,
nicht zum Schein,
sondern im Sein.

Das ist für ein philosophisches Gottesbild
praktisch nicht zu denken,
aber es ist auf einer Linie
mit dem Gottesbild der Bibel.

Das möchte ich im Folgenden besprechen
unter den drei Überschriften
„allwissend“, „allmächtig“ und „allgegenwärtig“.

1 „allwissend“

Der philosophische Gott
ist allwissend,
weil er eine Verlängerung oder Vergrößerung des Menschen ist.
Wir Menschen haben Erkenntnis –
und das ist eine ganz wundervolle Sache.
Wir erkennen und denken viel weiter als alle Tiere.
Und ganz anders als ein Computer,
sind wir in der Lage,
uns selbst und die Welt mental zu erfassen.

Wenn die Philosophie von „Allwissenheit“ redet,
ist damit im Grunde die nächste Stufe der Erkenntnis gemeint.
Die Philosophen haben beobachtet.
Dann haben sie sich ihre Gedanken gemacht,
und sind in Gedanken einen Schritt weiter gegangen.
Daher die Idee vom allwissenden Gott.

Die Bibel denkt anders.
Nicht wir beobachten,
sondern Gott redet mit uns.

Menschen im Glauben
machen natürlich auch ihre Erfahrungen.
Es ist
- in diesen Erfahrungen,
- in einem gelebten Leben,
dass Gott zu ihnen spricht.

Maria geschehen wundersame und fremdartige Dinge.
Und als sie bei ihrer Verwandten Elisabeth steht,
da überkommt es sie und sie fängt laut an zu beten:

Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Denn er hat große Dinge an mir getan…
Und seine Barmherzigkeit
währt von Geschlecht zu Geschlecht.

„Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“ –
Gott hat mich gesehen, obwohl ich klein bin.
Gott kennt mich — mich persönlich!,
obwohl ich in den Augen der Welt unwichtig bin.

Das ist für die Bibel entscheidend:

Gott kennt dich.
Die Haare auf deinem Kopf sind gezählt.

Gott hört dein Gebet.
Er weiß,
wessen du bedarfst, bevor du ihn bittest.

Die Bibel beschreibt nicht einen Gott — da draußen!
der alles weiß:
- was war,
- was ist,
sondern die Bibel ist der Zuspruch dieses Gottes an dich:
- Ich kenne dich.
- Ich weiß um dich
- und darum, wie es dir geht.
Das Auge, das alles sieht,
schaut auf dich –
liebevoll.

2 „allmächtig“

Der gesunde Menschenverstand
kommt auf die Idee vom allmächtigen Gott,
weil er Ursache und Wirkung beobachten kann.

Jede Wirkung,
die wir wahrnehmen,
hat eine Ursache.
Die Ursache ist ihrerseits eine Wirkung – 
die wieder eine Ursache hat.

Gedankenexperiment:
Könnten wir die Ursachen aller Wirkungen zurückverfolgen,
dann würden wir beim Gott der Philosophen ankommen.
Gott ist der „unbewegte Beweger“,
die erste Ursache.
Mit ihm geht alles los.
Sein Wille ist, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Der Gott der Bibel ist kein Gedankenexperiment.
Die Bibel ist ein Zeugnis von Menschen,
die große und kleine Wunder Gottes erlebt haben.

Wir lese davon,
weil Gott uns durch die Schrift sagt:

Auch an deinem Leben will ich teilhaben,
im Großen und im Kleinen.
Mit meinem Eingreifen kannst du immer rechnen.

Maria betet:

Gott übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.

Über allen Thronen steht der Thron Gottes.
Ihn beten an die Gewalten
und fürchten die Mächte.

Alles, was über dein Leben Macht hat,
steht einst stramm vor Gott.
Die Sklaven fürchten ihren Herren,
aber es gibt einen Herrn, der im Himmel ist,
und vor ihm gilt kein Ansehen der Person.

Der Reichtum der Reichen ist nur geliehen.
Alles ist Gottes Eigentum.

Gottes Allmacht bedeutet,
- dass deine Ohnmacht
- und deine Armut
nicht hartverdrahtet sind in der Schöpfung.
Deine Situation könnte ganz anders sein.
Gott steht dir nicht entgegen,
wenn du dich für Recht und Gerechtigkeit einsetzt:
Im Gegenteil!
Gott ist auf der Seite der Armen.
Er führt die Sache der Schwachen:

Selig sind die Armen…
Selig sind, die da Leid tragen…
Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit,
denn sie sollen satt werden.

3 „allgegenwärtig“

Der gesunde Menschenverstand
sucht den allgegenwärtigen Gott
überall und nirgendwo.
Wenn Gott überall ist,
und überall gleich,
und nirgendwo im Besonderen.
Das nennt die Philosophie Pan-Theismus:
alles ist heilig,
irgendwie,
aber ohne Unterscheidung.

Die Bibel denkt Gott in Beziehung und in Gemeinschaft.
Gott ist nicht einfach überall,
sondern er sagt uns zu:

Ich bin überall da, wo du mich brauchst.

Maria betet:

Gott gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Das ist ein Loblied auf Gottes Treue.
Gott ist mit den Menschen,
die er erwählt hat.
Er ist nicht für einen bestimmten Ort
oder ein bestimmtes Land zuständig,
sondern Gott ist ein Gott, der mitgeht.

Abraham ist aus seinem Vaterland weggezogen.
Gott war bei ihm.

Israel war in Ägypten und im Exil.
Gott war mit ihnen.

Und auch unter den Hessen,
die sich niedergelassen haben an den Ufern des Mains,
hat er sich Menschen erwählt
in seinem Sohn Jesus Christus.
Gott ist mit uns.
Er ist mitten unter uns,
hier im Gottesdienst.
Er bindet sich mit seiner Gegenwart an Brot und Wein.
Körperliche Dinge!
Denn du bis ein körperliches Wesen
und Gott möchte da sein, wo du bist –
und auf eine Art,
- die du erfassen,
- greifen
- und zu dir nehmen kannst.
Das ist die Allgegenwart des biblischen Gottes.
Sie ist nicht theoretisch,
sondern sie hat ein Ziel und eine Richtung:
Ihr Ziel bist du
und ihre Richtung die Beziehung die du hast zu Gott
durch deinen Herrn und Heiland Jesus Christus.

Liebe Brüder und Schwestern,
wir bekennen uns im Gottesdienst zu Jesus Christus,

geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt,
gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes –
am dritten Tage auferstanden von den Toten…

Das heißt, wir bekennen uns zu einem Gott,

der alles weiß,
was das Leben eines Menschen ausmacht,

der mitgeht auf allen Wegen,
die man als Mensch geht,

und der alle Macht hat,
im Himmel und auf Erden.
Er hat die Sünde nichtig gemacht
und den Tod besiegt.
Das ist seine Allmacht für dich.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Sapere aude! – Kant, ik hör dir trapschen!

 Joh 1,14

 Vgl. Mt. 10,30.

 Vgl. Mt 6,8b.

 Vgl. Präfation, Agende I S. 269.

 Vgl. Eph 6,9.

 Aus Mt 5,3ff.

 Phil 4,7