11:20

Freude im Herrn
Predigt zu Phil 4,4

101 4. Advent, 18. Dezember 2022, Frankfurt a. M.

Paulus schreibt uns einen Brief, in dem es ständig um Freude geht. Dabei sitzt er im Gefängnis und weiß nicht, ob er als freier Mann herauskommt, oder mit den Füßen voran.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Vers aus dem Brief des Paulus an die Philipper
im 4. Kapitel,
den wir gerade schon als Epistel gehört haben.
Der Apostel schreibt:

4Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Lasst uns beten:
Herr, Gott, himmlischer Vater,
sende herab auf uns deinen Heiligen Geist,
damit die Worte des Apostels an die Philipper
zu einem Brief an uns werden.
— Amen

1 Einsteig: Bonhoeffers Geburtstagsbrief an seine Mutter

Liebe Mama!

Eben habe ich zu meiner ganz großen Freude
die Erlaubnis bekommen,
Dir zum Geburtstag zu schreiben.
Ich muss es etwas in Eile tun,
da der Brief gleich noch fort soll.

Eigentlich habe ich nur einen einzigen Wunsch,
nämlich Dir
in diesen für Euch so trüben Tagen
irgendeine Freude machen zu können.

Liebe Mama,
Du musst wissen,
dass ich jeden Tag unzählige Male an Dich und Papa denke
und dass ich Gott danke,
dass Ihr da seid für mich
und für die ganze Familie.

Ich weiß, dass Du immer nur für uns gelebt hast
und dass es für Dich ein eigenes Leben nicht gegeben hat.

Daher kommt es,
dass ich alles, was ich erlebe,
auch nur mit Euch zusammen erleben kann.

Dass Maria bei Euch ist, ist mir ein ganz großer Trost.
Ich danke Dir für alle Liebe,
die im vergangenen Jahr
von Dir zu mir in meine Zelle gekommen ist
und mir jeden Tag hat leichter werden lassen.

Ich glaube, dass diese schweren Jahre
uns noch enger miteinander verbunden haben
als es je war.

Ich wünsche Dir und Papa und Maria
und uns allen,
dass das neue Jahr
uns doch wenigstens hier und da einen Lichtblick bringt
und dass wir uns doch noch einmal zusammen freuen können.

Gott erhalte Euch gesund!

Es grüßt Dich, liebe, liebe Mama,
und denkt an Dich an Deinem Geburtstag von ganzem Herzen

Euer dankbarer Dietrich —

Der Brief ist datiert auf den 28. Dezember ’44,
gesandt aus dem Kellergefängnis
des Reichssicherheitshauptamtes
in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße.

Dieser Geburtstagsgruß ist einer der letzten Briefe,
die Dietrich Bonhoeffer aus der Haft geschrieben hat.
Am 19. Dezember 1944 hatte er seiner Verlobten geschrieben.
(Das ist Maria, von der gerade die Rede war.)
Ihr hatte er sein Gedicht „Von guten Mächten“ mitgeschickt.
Das war ein Gruß für seine Familie zum Jahreswechsel 1944/45.

Sein letzter Brief trägt dann das Datum 17. Januar 1945
und wird an seine Eltern gerichtet sein.

2 Paulus’ Freude in Christus …

Liebe Gemeinde,
Bonhoeffer redet von Freude.

Er freut sich,
dass er den Brief überhaupt schreiben darf.

Er wünscht sich,
seiner Mutter ein Freude machen zu können,
und schreibt ihr eine Liebeserklärung.

Er blickt in die Zukunft
und hofft darauf,
dass sie sich wieder zusammen freuen werden.

Die Freude ist ein Lichtblick in einer dunklen Zeit.

Paulus’ Brief an die Philipper
erreicht uns von einem ganz ähnlichen Ort.
Auch Paulus sitzt im Gefängnis.
Seine Verkündigung über Jesus Christus
hat ihm das eingebracht.
Er hat die ach-so-heilige Ordnung gestört.
Ein Freispruch schien ihm ebenso möglich wie ein Todesurteil.
In dieser Situation schreibt der Apostel einen Brief,
in dem er ständig über Freude redet;
15 Mal zähle ich „freuen“ und „Freude“ im deutschen Text.

Paulus betet für uns mit Freuden.

Er freut sich über die Verkündigung des Evangeliums,
auch wenn es nicht immer ganz so ist,
wie er sich das wünscht.

Selbst über den eigenen Tod kann Paulus sich freuen,
wenn sein Leben dazu gedient hat,
den Philippern Christus nahezubringen.
Christus selbst hat ja auch Knechtsgestalt angenommen
um unseretwillen – „bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“.

Darin liegt das Geheimnis der Freude des Paulus.
Er hat sich nicht blind gemacht
- vor dem eigenen Leid
- und vor dem, was in seinem Leben schief läuft.
Das ist ihm nicht egal,
sondern er blickt von sich selbst weg
auf Christus und sein Kreuz.

Paulus glaubt an die Auferstehung.
Wenn er auf das Kreuz schaut,
erkennt er sich im Leid und Tod seines Herrn,
aber sein Blick geht auch darüber hinaus
auf seinen Sieg.

9Gott [hat ihn] erhöht
und hat ihm den Namen gegeben,
der über alle Namen ist,
10dass in dem Namen Jesu
sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel
und auf Erden
und unter der Erde sind.
11Und alle Zungen sollen bekennen,
dass Jesus Christus der Herr ist,
zur Ehre Gottes, des Vaters.

Das hält Paulus fest im Blick.
Sein Leid und seine Angst sind deswegen nicht weg,
aber er kann sie hinter sich lassen
und sich nach dem Himmelreich ausstrecken.
Deswegen umfängt ihn mitten in der Dunkelheit
der Lichtblick der himmlischen Freude.

3 … entzündet unsere Freude.

Liebe Gemeinde,
Paulus möchte dieses Freude weitergeben an uns.
Wie man eine Kerze an einer Kerze entzündet,
sollen diese Worte das Feuer weitergeben an uns:

4Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Der Form nach ist das ein Imperativ,
Befehlsform.
Doch dieser Befehl wirkt, was er sagt.

Ich habe letztens einen Vortrag gehört
und der Referent sagte in etwa dies:

Ich habe jetzt drei Beispiele mitgebracht für meine Thesen.
Seien sie gespannt!

Und das Publikum saß da
und dachte sich:

Was kommt jetzt?

Dann kamen auch drei Beispiele
und die waren recht provokant.
Das war gewürzte Rede
und dann kann man sich das natürlich toll merken.

Der Referent verwendet diesen Imperativ

Seien sie gespannt!

um uns beim Lernen und Behalten zu helfen.
Er will einen Effekt erreichen
- in unseren Köpfen,
- in unserer Erinnerung und Phantasie.

Wenn Paulus uns sagt,
wir sollen uns freuen,
geht das einen ganzen Schritt weiter.
Er erreicht nicht nur unsere Vernunft und Sinnen ,
sondern diese Freude erfüllt unser ganzes Sein.

Die Worte des Apostels
tragen Freude in unser gelebtes Leben.
Dieses Leben ist keineswegs nur voller Anlässe,
sich zu freuen.
Im Gegenteil.
In unserem Leben gibt es Grund genug für Leid und Trauer.

Das gilt in Philippi und das gilt auch in Frankfurt.

Vielleicht begleitest du gerade einen lieben Menschen
in Krankheit
oder sogar im Sterben.

Vielleicht ist deine berufliche und private Zukunft
von einem Tag auf den anderen unsicher geworden
und du weißt nicht,
wo du im nächsten Jahr arbeiten und wohnen wirst.

Vielleicht bedroht ein Streit deine Beziehung,
weil die Weihnachtstage eine zusätzliche emotionale Last
auf dein Haus legen.

Doch genau in diese Wirklichkeit hinein spricht Paulus:

4Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Dabei verlässt er sich nicht auf Rhetorik
und hofft, uns mit geschliffener Rede zu beeindrucken.

Die Worte sind nicht magisch
und sollen auf unser Fühlen und Denken einwirken
als wären sie Alkohol,
der im Hirn einen Rausch auslöst.

Vielmehr sollen diese Worte eine Saite in uns anregen,
die Christus selbst in uns gespannt hat.
Paulus und wir gehören zu der einen Kirche.
Er adressiert seinen Brief

an alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi

und in Frankfurt.

Paulus und wir gehören zu Jesus Christus.
Das heißt:
In unserem Leben hat das Himmelreich schon angefangen.
Mitten in der alten Schöpfung
tragen wir schon neue Schöpfung an unserem Sein.

Seit deiner Taufe ist der Kern von dir
neu gemacht.
Und das strahlt aus auf
- Herz
- und Hirn
- und Nieren
- und alles andere.
Diesen glänzenden Kern von uns
tickt Paulus an mit seinen Worten
und dadurch erfüllt uns Freude bis in die Fingerspitzen.

Diese Freude ist nicht von dieser Welt.
In der Logik der Alten Welt
macht es keinerlei Sinn im Walzertakt zu trällern:

In dir ist Freude
in allen Leide,
o du süßer Herr Jesu Christ.

Durch dich wir haben
himmlische Gaben,
du der wahre Heilland bist.

Dies folgt der Logik der neuen Welt,
da wir in Christus die Welt überwunden haben.
Das, was wir in der Welt leiden und tragen müssen
geht dadurch nicht weg,
aber es steht in zweiter Reihe.
Wir haben es überwunden
und können es beherrschen.
Nichts bedroht unser wahres Leben bei Gott
oder stellt in Frage,
dass wir bei Gott wertvoll und geachtet sind.

Du bist ein in Christus geliebtes Kind Gottes.
Genau für dich schreibt der Apostel Paulus

4Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Amen.

Maranatha – komm, Herr Jesus!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 DBW 8,609.

 Vgl. ebd, S. 607, Fn. 1.

 Ebd. S. 610f. Bonhoeffer stirbt am Galgen im Konzentrationslager Flossenbürg am 9. April 1945.

 Udo Schnelle: Paulus: Leben und Denken (Reihe: De Gruyter Studium). De Gruyter, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage Berlin/Boston 2014, S. 392. (Diesen Verweis entnehme ich ungeprüft der Wikipedia-Seite zum Phil).

 Vgl. Phil 1,4.

 Vgl. Phil 1,18f.

 Vgl. Phil 1,22f; 2,17f. “It’s never been about you. It’s about them.“ – The Spirit of the West (Rango)

 Vgl. Phil 2,7f.

 Vgl. „Always look on the bright side of life“ T/M Eric Idle, aus: „Monty Python’s Life of Brian“, GB 1979.

 Vgl. „Don’t worry, be happy“, Bobby McFerrin, 1988.

 Vgl. Phil 3,13f.

 Vgl. Kol 4,6 „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt“.

 νοῦς und νοήματα, vgl. V. 7; neben „Sinne“ wäre auch „Gedanken“ („Gegenstände der Vernunft und des Wollens“) eine gute Übersetzung.

 Phil 1,1

 Aus ELKG² 538,1 „In dir ist Freude“.

 Vgl. Joh 16,33b Christus spricht: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“.

 Phil 4,7