16:49

Sicherheit ist keine
Predigt zu Mt 7,24–29

62 Es ist nicht unser Tun, unser Lassen oder unser Gesetz, das uns rettet. 11. So. n. Trinitatis, 23. August 2020, Frankfurt a.M.

Hartes Urteil, harter Verzicht, harte Maßnahmen – und doch auf Sand gebaut. Es ist paradox: Sicher ist der Mensch, der alles loslässt, und sein Leben Jesus übergibt.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist das Ende der Bergpredigt.
Drei ganze Kapitel des Matthäus-Evangeliums
sind dem gewidmet, was Jesus lehrt.
Er endet seine Rede so:

24Wer diese meine Rede hört und tut sie,
der wird einem klugen Mann gleichen,
der sein Haus auf Fels baute.
25Als nun ein Platzregen fiel
und die Wasser kamen
und die Winde wehten
und stießen an das Haus,
fiel es doch nicht ein;
denn es war auf Fels gegründet.

26Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht,
der wird einem törichten Mann gleichen,2
der sein Haus auf Sand baute.
27Als nun ein Platzregen fiel
und die Wasser kamen
und die Winde wehten
und schlugen an das Haus,
da fiel es ein,
und sein Fall war groß.

28Und es begab sich,
als Jesus diese Rede vollendet hatte,
dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre;
29denn er lehrte sie mit Vollmacht
und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Lasst uns beten:
Herr sprich zu uns durch das Wort der Predigt,
wie du zu den Menschen auf dem Berg gesprochen hast:
mit Vollmacht,
damit wir glauben,
und mit Gnade,
wenn wir zweifeln.
— Amen

Liebe Brüder und Schwestern!

0 Vorspann bezügl. Nachrichtenlage

Ich kann euch versichern,
dass dieser Predigtabschnitt schon fest stand,
bevor die Nachrichten aus dem Westen Deutschlands
und vor Augen geführt haben,
- wie plastisch
- und wie drastisch
dieses Gleichnis ist.
Jesus geht es um viel.
Es geht ihm um die Frage,
wie wir dastehen werden im Reich Gottes:
als kluge Menschen mit einer festen Grundlage
oder als törichte Menschen, denen die Felle wegschwimmen.
Dies entscheidet sich an Jesu Rede,
an seiner „Predigt“.

1 Einleitung

Es gibt eine bestimmte Sorte Predigten.
die scheint bei vielen Menschen besonders beliebt zu sein:
Das sind die Predigten,
wo man klar gesagt bekommen,
was gut und was böse ist:

Pastor so-und-so hat heute eine richtige Ansage gemacht!

Dann geht man dann nach Hause
mit einer klaren Vorstellung,
was man zu tun
und was man zu lassen hat.

Und selbst, die,
die den Glauben für Quatsch halten:
Aus so einer Predigt gehen sie ’raus
und sind in allem bestätigt,
was sie schon vorher über die Kirche gedacht haben:
Dass Religion nur ein Trick ist,
Macht über andere auszuüben,
zum Beispiel.

Eine solche Predigt vermittelt
- Orientierung
- und Sicherheit.
Das sind Grundbedürfnisse des Menschen.

Da kommt dieses Gleichnis gerade richtig.
Jesu Bild ist sehr anschaulich.
Wir bauen unsere Häuser heute ganz anders,
als die Menschen in Israel zur Zeit Jesu.
Trotzdem versteht jeder,
dass es sinnvoll ist,
einen harten Fels als Fundament zu benutzen,
und nicht weichen Sand.
Genau so wünscht man sich für sein Leben
einen harten Untergrund
mit klaren Linien
und einer deutlichen Ansage.
Soft skills sind was für Weicheier.
- Barmherzigkeit,
- Vergebung,
- Gnade,
- Milde,
- Sanftmut.

Spätestens ab jetzt ist klar,
dass uns die Fans der klaren Ansage
auf eine falsche locken können.
Das sind nämlich alles Dinge,
die Jesus richtig gut findet:

Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherziegkeit erlangen.

Selig sind die Friedfertigen;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.

Die Sicherheit, von der Jesus redet,
der Fels in der Brandung der Ewigkeit,
der ist ganz anders,
als man auf den ersten Blick meint.
Wir Menschen sind schnell dabei,
eine falsche Sicherheit zu suchen.
Wir suchen unsere Sicherheit, wo wir
- hart sind im Tun,
- hart sind im Lassen
- und wo wir ein hartes Urteil fällen.
Aber das ist nicht, wo Jesus ist.

2 Pharisäer und Zöllner

Jesus erzählt ein Gleichnis
von einem Pharisäer und einem Zöllner.
Der Pharisäer ist ein frommer Mann.
Er geht in den Tempel und spricht ein Dankgebet:

Gott, ich danke dir,
dass ich nicht so bin, wie die anderen Leute…
Ich faste zweimal in der Woche
und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme…

Dieses Pharisäer ist ein frommer Mann.
Jesus lässt keinen Zweifel,
dass das einer ist, der tut, was er sagt.
dass das einer ist, der hart ist gegen sich selbst –
körperlich, beim Fasten
und finanziell beim Geben.

Trotzdem baut er sein Haus auf Sand,
weil er die Sicherheit bei sich selber sucht,
in dem, was er tut.

Das Gegenbild ist der Zöllner.
Er steht von ferne,
schlägt an seine Brust
und sagt:

Gott sei mir Sünder gnädig.

Das ist eine Geste der Trauer.
Man sucht die Nähe zum Tod.
Der Zöllner wirft sein Leben Gott hin.
Er versucht nicht, sicher zu sein,
und er meldet keine Ansprüche an.

Und Jesus sagt:

Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus;
nicht jener.

Es ist paradox:
Jesu Rede zu tun
heißt das eigene Tun nicht für wichtig zu nehmen.

2 Von den anvertrauten Zentnern

Wenn das eigene Tun aber so problematisch ist,
dann kann man versuchen,
auf „Nummer Sicher“ zu gehen
und alles zu lassen –
wie der Diener in einem anderen Gleichnis von Jesus.

Ein König ging außer Landes.
Deswegen gab er seinen Dienern sein Vermögen zu verwalten.
Dem einen fünf,
dem anderen zwei
und dem letzten einen Zentner Silber.
Der erste legte das Geld an und gewann fünf dazu.
Der andere schaffte zwei dazu.
Der letzte, aber, der dachte, er sein clever.
Er vergrub das Geld
und gab es ohne Verlust –
aber auch ohne Zinsen –
an den Eigentümer zurück.
Der König war wenig begeistert.
Er ließ den Diener hinauswerfen,
wo „Heulen und Zähneklappern“ sein wird.
Das ist eine Umschreibung für die Hölle.
Nicht vergessen:
Dies sind Gleichnisse im Horizont der Ewigkeit.
Jesus sagt: Nichtstun ist keine Option.

Die Mönche im Mittelalter haben es so ähnlich versucht.
Sie haben Keuschheit, Armut und Gehorsam geschworen.
Sie dachten:

Sex, Geld, Macht –
wenn wir diese Dinge lassen,
können wir nichts mehr falsch machen.

Aber so einfach ist das nicht!
Die Eitelkeit des Menschen findet immer einen Weg.
Unsere Bibelübersetzung trägt noch heute Spuren davon.
Luther übersetzt die erste Seligpreisung aus der Bergpredigt:

Selig sind die geistig armen…

„Geistig“ steht da nicht.
Was dasteht sind „die Armen“,
die Armseligen,
die, die wirtschaftlich benachteiligt sind.

Luther muss dieses „geistig“ einfügen,
weil die Mönche die Armut so wichtig gemacht haben.
Die Eitelkeit des Menschen findet immer einen Weg.
Die Mönche haben aus dem Lassen ein Werk gemacht,
und meinten,
sie könnten sich so sich bei Gott einen Anspruch zu sichern.
Deswegen ist der König im Gleichnis so wütend.
Auch das Lassen ist kein Weg,
sich selbst Sicherheit zu verschaffen.
Man kann nicht nicht handeln.
Viel mehr müssen wir unser Leben leben.
Und manchmal kann man sagen,
dass man das Leben wagen wagen.
Man muss tun, was man für richtig hält
und das Urteil Gott überlassen.

3 Vom Richten

Die dritte –und letzte– Möglichkeit,
die ich heute ansprechen möchte,
ist das Richten.
Statt auf sich selbst zu schauen,
was man tun oder lassen soll,
schaut man auf den Nächsten.

Das hat uns der Pharisäer aus dem ersten Gleichnis
auch schon vorgemacht.
Er betet:

Danke Gott, dass ich nicht so bin, wie die anderen…

Klingt demütig.
Ist es aber nicht.
Das Gefühl von Sicherheit kommt daher,
dass man sich über das Gesetz erhebt
und sich einredet,
man sei für die Durchsetzung des Gesetzes verantwortlich.
Der Mensch macht das Gesetz Gottes
zu seinem eigenen Gesetz.

Christus spricht:

Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet…

Wer diese, meine Rede hört und tut sie,
der gleicht einem klugen Mann…

Wer mit dem Gesetz seinen Bruder verklagt oder richtet,
der verklagt und richtet in Wahrheit das Gesetz selbst.
Er misstraut dem Gesetz.
Er glaubt nicht daran,
dass es die Kraft des lebendigen Wortes Gottes in sich hat
und sich selbst durchsetzt und sich Geltung verschafft.

4 Der Fels, auf den wir bauen

Liebe Brüder und Schwestern,

harte Urteile,
harter Verzicht,
harte Maßnahmen – 
und doch auf Sand gebaut.

Diese „harten“ Dinge:
Sie sind Welt.
Wenn wir einen Ort suchen für unser ewiges Haus,
dann müssen wir von Jesus lernen,
worauf es wirklich ankommt.
Das kann bedeuten,
dass wir vieles loslassen müssen.
Das kann bedeuten,
dass wir unser Leben Gott hinwerfen müssen.

Jesus ist nicht in unser Leben gekommen,
weil es für ihn sicher war.
Jesus ist in die Welt gekommen,
weil wir hier sind.

Sicherheit erwächst uns nicht aus irgendeinem Anspruch,
den wir Gott gegenüber stellen könnten,
sondern sicher und geborgen sind wir,
weil diese Liebe Gottes uns ergriffen hat
und unser Leben mehr und mehr bestimmt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 ὁμοιωθήσεται fut. pass. ind. 3. Pers. Sg.

 Lk 18,9–14, Evangelium zum 11. So. n. Tr (Frankfurt, 15. August 2021).

 Lk 18,14

 Mt 25,25,14–30, Evangelium am 9. So. n. Tr. (Bremen, 1. August 2021).

 Mt 25,30

 Dieser Abschnitt folgt Gedanken Bonhoeffers, „Ethik“, DBW 6, S. 329ff.

 Mt 7,1

 Vgl. Mt 7,24.

 Fast wörtlich aus DBW 6, S, 330.

 Phil 4,7