18:20

Stammeln über das Innere Gottes
Predigt zu Eph 1,3–14

57 Trinitatis, 30. Mai 2021, Bremen

Der dreieinige Gott ist Christus-förmig. Wenn wir auf ihn schauen, Christus, sehen wir in das Herz von Gottes Liebe.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Abschnitt Heiliger Schrift, den diese Predigt auslegt, ist der Anfang von Paulus’ Brief an die Gemeinde in Ephesus.

– Da dieser Predigtabschnitt recht lang ist,
bitte ich Euch, Euch zu setzen. –

Der Apostel schreibt:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns gesegnet hat
mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

Denn in ihm hat er uns erwählt,
ehe der Welt Grund gelegt war,
daß wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten.
In seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt,
seine Kinder zu sein durch Jesus Christus
nach dem Wohlgefallen seines Willens —
zum Lob seiner herrlichen Gnade,
mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.

In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut,
die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade,
die er uns reichlich hat widerfahren lassen
in aller Weisheit und Klugheit.
Denn Gott hat uns wissen lassen
das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss,
(den er zuvor in Christus gefaßt hatte)
um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre,
daß alles zusammengefaßt würde in Christus,
was im Himmel und auf Erden ist.

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden,
die wir dazu vorherbestimmt sind,
nach dem Vorsatz dessen,
der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens;
damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit,
die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

In ihm seid auch ihr,
die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt,
(nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit)
in ihm seid auch ihr,
als ihr gläubig wurdet,
versiegelt worden mit dem heiligen Geist,
der verheißen ist,
welcher ist das Unterpfand unsres Erbes,
zu unsrer Erlösung,
daß wir sein Eigentum würden
zum Lob seiner Herrlichkeit.

Lasst uns beten: Herr Gott, himmlischer Vater, segne dieses dein Wort an uns und lass Paulus’ Brief nach Ephesus zu einem Brief an uns werden. — Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

auf dem Sonntagsblatt habe ich heute morgen eine künstlerische Darstellung der Dreieinigkeit abgedruckt.
Man nennt das einen „Gnadenstuhl“:
eine Darstellung Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der Vater wird dabei als alter Mann dargestellt,
sitzend, was in der antiken Welt seine Autorität zum Ausdruck bringt (daher: Gnadenstuhl).

Vor sich hat er den Sohn, dargestellt als der Gekreuzigte.
Oft hält der Vater den Sohn, während er am Kreuz leidet,
so dass zum Ausdruck kommt,
dass auch im Moment des Leidens
die Identität von Vater und Sohn ungebrochen ist.

Der Heilige Geist wird oft als Taube dargestellt,
die über allem schwebt.

Obwohl das Bekenntnis zum dreieinigen Gott zum Kernbestand des christlichen Glaubens gehört, ist der Gnadenstuhl nicht gerade ein häufiges oder beliebtes christliches Motiv.

–Warum nicht?–

Ich denke, es gibt zwei Gründe dafür:

Erstens empfinden viele die Darstellung der Einheit Gottes wichtiger als der Dreiheit. Es ist „Drei“–„Einigkeit“:
Wir Christen beten zum einen, wahren Gott.
Dieser eine Gott hat sich als in sich differenziert offenbart —
der eine Gott in drei Personen.
Die bildliche Darstellung der drei Personen
könnte als das Bild dreier Götter missverstanden werden.

Zweitens unterläuft die Darstellung des Vaters als alten Mann die präzise theologische Redeweise, die für die Trinitätslehre typisch ist: „Das Wort wurde Fleisch“.
Gott-der-Sohn ist Mensch geworden,
Gott-der-Vater hat „den Himmel“ dafür nicht verlassen.

Der Gnadenstuhl stellt aber beide, Vater und Sohn, durch eine menschliche Figur dar. Es ist dann Sache des Betrachters, „auf schlau zu schalten“ und zu unterscheiden:

Die eine menschliche Figur repräsentiert Gott-Vater,
„Schöpfer des Himmels und der Erde,
all des, das sichtbar und unsichtbar ist“,
allmächtig, allgegenwärtig und allwissend:
Das sind alles Dinge, die ein Mensch nicht ist.
Die andere menschliche Figur repräsentiert Gott-Sohn,
„der vom Vater geboren ist vor aller Zeit und Welt,…
eines Wesens mit dem Vater,…
leibhaft geworden… von der Jungfrau Maria“. —
Der Vater, aber, ist nicht leibhaft geworden.

Und während der Betrachter diesen Unterschied bedenkt,
muss er im Blick behalten, dass wir von dem einen Gott reden.
Das ist für jeden eine Herausforderung.

Außerdem steht die Darstellung Gottes
als Mann mit Rauschebart
in der Gefahr, in den Kitsch abzurutschen.

Trotz dieser Schwierigkeiten halte ich die Darstellung,
die ich uns heute morgen auf das Sonntagsblatt gedruckt habe,
für besonders gelungen.
Das will ich am Ende der Predigt gerne näher erklären.

Liebe Brüder und Schwestern,
in der Rede von einem Gott,
der in sich unterschieden ist in Vater, Sohn und Geist,
wird deutlich, dass wir uns an der Grenze von dem bewegen,
was mit Menschen-Worten gesagt werden kann.
Es ist typisch für die christliche Rede von Gott,
diese Linie zu betreten, weil wir glauben,
dass sie von Gott her übertreten worden ist:
Wenn Christen von Gott reden,
tun sie dies immer von Jesus Christus her.
Genau das führt Paulus uns hier,
am Anfang des Briefes an die Epheser vor.
Er tut dies nicht um der klugen Rede willen,
sondern diese Erkenntnis Gottes ist ihm ein Erkennungszeichen. Er schreibt:

Eph 3,3Durch Offenbarung ist mit das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe.
4Daran könnt ihr […] meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.

„Durch Offenbarung“, also von Gott her,
ist Paulus „das Geheimnis“ kundgemacht worden,
dass wir in Christus Gott erkannt haben.
Und daran können die Epheser erkennen,
dass Paulus einer von ihnen ist,
dass Paulus und sie den gleichen Glauben haben.

Wenn wir hier im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprechen, hat das eine ähnliche Funktion.
Wir legen damit Zeugnis ab
- vor Gott,
- vor der Öffentlichkeit
- und vor uns selbst,
dass auch wir zu der Gemeinschaft gehören,
der sich Gott in Christus offenbart hat.

Paulus beginnt sein Glaubensbekenntnis mit Lobpreis:

Eph 1,3Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns gesegnet hat
mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

„Loben“ und „segnen“ sind hier das selbe Wort.
Gott segnet uns und wir antworten ihm.
Er spricht uns an mit dem Wort des Evangeliums
und wir antworten mit dem Bekenntnis unseres Glaubens.
Durch die Reihenfolge
„Evangelium–Glaubensbekenntnis“
spiegelt sich die Grundstruktur dieses Gespräches
hier im Gottesdienst.

Paulus schreibt weiter (Vers 4):

Eph 1,4.6In Christus hat der Vater uns erwählt,
ehe der Welt Grund gelegt war…
zum Lob seiner herrlichen Gnade,
mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.

Die Schöpfung kommt hier in den Blick.
Sie ist das Gegenstück zu dem, wer Christus ist.
Vor der Schöpfung,
als es nur Gott gab und noch nichts und niemanden sonst,
hat Gott uns schon erwählt „in dem Geliebten“,
also in seinem Sohn.
Liebe gehört zum Wesen Gottes.
In unserer Welt gibt es die Liebe nicht unvermischt.
Und trotzdem können wir erahnen, was die wahre Liebe ist.

Glücklich der Mensch,
der einen Freund hat, auf den er sich 100%-ig verlassen kann,
der für ihn da ist und dem er sein Herz ausschütten kann,
denn hier kann er einen Schatten davon erfahren,
wie Gott in seinem Inneren ist.

Glücklich der Mensch,
der eine Ehe führt, in der er geborgen und gehalten ist.
In jeder liebevollen Umarmung und in jedem Kuss
hat er einen Vorgeschmack,
wie Gott in seinem Inneren ist.

Glücklich der Mensch,
der sich gerne erkennt in seinen Kindern, —
der seine Eltern gerne erkennt in sich,
denn dies ist ein Spiegel von Gott-Vater und Gott-Sohn und
wie Gott in seinem Inneren ist.

Wenn wir auf Christus schauen erfahren wir:
Liebe gehört zum Wesen Gottes.

Paulus schreibt weiter (Vers 7):

Eph 1,7In Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut,
die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

Erlösung ist keine blutleere Angelegenheit,
sondern Gott hat sich für uns hingegeben
„mit Haut und Haaren“.

„Mit Haut und Haaren“ –
Das sagen wir manchmal um zu sagen: „ganz“:

„Er ist mit Haut und Haaren Musiker“.

Oder:

„Sie hat ihn mit Haut und Haaren geliebt“.

Gott hat uns ganz erlöst,
nicht nur
- als Idee,
- als Geist
- oder als freischwebende „Seele“.
Dazu ist er „ganz“ einer von uns geworden,
„mit Haut und Haaren“ und Leib und Blut.

Wenn wir auf Christus schauen erfahren wir:
Wir sind ihm wichtig als das, was wir sind.
Unser Leib und unser Leben
sind ihm angenehm und sind ihm wert,
Kreuz und Tod auf sich zu nehmen.

Paulus schreibt weiter (Vers 11):

Eph 1,11In Chritus sind wir auch zu Erben eingesetzt worden…
12damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit,
die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

Wenn es in der Bibel darum geht, dass Gott etwas vererbt,
spielt dies auf die Verheißung des Landes an Abraham an.
Dass wir „zu Erben eingesetzt worden“ sind,
ist ein Wunder, denn wir sind,
genau wie die meisten der Epheser,
nicht „erbberechtigt“ in der Familie Abrahams.
Wir sind nämlich Heiden und keine Juden.
Die Geschichte Gottes mit seinem Volk
ist eine Geschichte der Treue Gottes und der Untreue Israels.
Seine Geschichte mit den Heiden besteht nur aus Untreue,
ohne jeden Versuch treu zu sein.

Wenn wir auf Christus schauen erfahren wir,
dass Gott treu ist über jede Treue hinaus.
Er ist so treu, dass seine Treue auch die Untreue überwindet.

Zuletzt schreibt Paulus einen Abschnitt über das Evangelium und den Heiligen Geist (ab Vers 13):

Eph 1,13In Christus seid auch ihr,
die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt…
versiegelt worden mit dem heiligen Geist…
14welcher ist ein Unterpfand unseres Erbes…

Die 25 Cent Pfand, die ich auf eine Plastikflasche zahle,
sind der Beleg für mein Versprechen,
dass ich die Flasche zurückgebe,
damit sie ihrer Art entsprechend entsorgt werden kann.

Der Heilige Geist,
ist der Beleg für Jesus’ Versprechen,
dass er bei uns ist, alle Tage, bis an der Welt Ende.
Der Geist ist der Beleg dafür,
dass Gott sein Reich gründen wird
und dass wir darin leben werden mit ihm.

Wenn wir auf Christus schauen erfahren wir:
„Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“.
Wir erfahren hier nichts über das Innere Gottes,
sondern wir erfahren, dass wir schon drin sind:
Gott hat uns „in sein Herz geschlossen“.

Liebe Gemeinde,
zu Anfang habe ich dem Motiv des Gnadenstuhls
schwere Vorwürfe gemacht:
Gott-den-Vater als alten Mann mit Rauschebart darzustellen,
hat einen Hang zum Kitsch.
Und ich selbst ende meine Predigt mit:
„Gott hat uns in sein Herz geschlossen“.
Watt’n Kitsch!

Doch wie soll man über diese Dinge reden?

In Jesus Christus hat sich Gott uns mitgeteilt.
Er hat sich uns aufgeschlossen.

Wenn wir auf Christus schauen, erkennen wir Gottes Liebe.

Wenn wir auf Christus schauen, erkennen wir,
dass er uns angenommen hat als das, was wir sind,
nämlich leibliche Wesen mit Haut und Haaren,
mit Leib und Blut.

Wenn wir auf Christus schauen, erkennen wir Gottes Treue,
die alle Untreue besiegt.

Wenn wir auf Christus schauen, erkennen wir,
dass er uns mit sich verbunden hat in seinem Geist.

Der Gnadenstuhl, den ich vorne auf das Sonntagsblatt gedruckt habe, ist ein Kreuz.
Vater, Sohn und Geist sind dargestellt mit den klassischen Symbolen: Der alte Mann, der Gekreuzigte und die Taube.
Aber alles, dieses ganze Gottesbild, ist christus-förmig.

Wenn wir auf Christus schauen, erkennen wir Gott.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Eph 1,3–14

Illustration: „Wandkreuz Gnadenstuhl 10 x 8 cm Bronze“ von Fa Jäger Graf GBR, Würzburg; Entwurf: Karl Grasser. https://www.motivationsgeschenke.de/wandkreuz-gnadenstuhl-10-x-8-cm-bronze/a-71146/ für 19,90 €

 Joh 1,14

 Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus. Der Sohn „der in göttlicher Gestalt war“, der also der eine Gott ist, „entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an“. Vgl. Phil 2,6f.

 Phil 4,7