Waitinʼ on a Heavenly light
Predigt zu Joh 5,2–18
Worauf wartest du? Wie glaubst du, wird sich Gott zeigen in deinem Leben? Wo fällt das himmlische Licht in unsere weltliche Wirklichkeit?
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht geschrieben im Buch des Evangelisten Johannes
im 5. Kapitel.
Dort heißt es:
2Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich,
der heißt auf hebräisch Betesda.
Dort sind fünf Hallen;
3in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
[Sie warteten darauf,
dass sich das Wasser bewegte,
4denn der Engel des Herrn
fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich
und bewegte das Wasser.
Wer nun zuerst hineinstieg,
nachdem sich das Wasser bewegt hatte,
der wurde gesund,
an welcher Krankheit er auch litt.]2
5Es war aber dort ein Mensch,
der lag achtunddreißig Jahre krank.
6Als Jesus den liegen sah und vernahm,
dass er schon so lange gelegen hatte,
spricht er zu ihm:
Willst du gesund werden?
7Der Kranke antwortete ihm:
Herr, ich habe keinen Menschen,
der mich in den Teich bringt,
wenn das Wasser sich bewegt;
wenn ich aber hinkomme,
so steigt ein anderer vor mir hinein.
8Jesus spricht zu ihm:
Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9Und sogleich wurde der Mensch gesund
und nahm sein Bett und ging hin.
Es war aber an dem Tag Sabbat.
10Da sprachen die Juden zu dem,
der gesund geworden war:
Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.
11Er antwortete ihnen:
Der mich gesund gemacht hat,
sprach zu mir:
Nimm dein Bett und geh hin!
12Da fragten sie ihn:
Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat:
Nimm dein Bett und geh hin?
13Der aber gesund geworden war,
wußte nicht, wer es war;
denn Jesus war entwichen,
da so viel Volk an dem Ort war.
14Danach fand ihn Jesus im Tempel
und sprach zu ihm:
Siehe, du bist gesund geworden;
sündige hinfort nicht mehr,
dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
15Der Mensch ging hin und berichtete den Juden,
es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.
16Darum verfolgten die Juden Jesus,
weil er dies am Sabbat getan hatte.
17Jesus aber antwortete ihnen:
Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag,
und ich wirke auch.
18Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach,
ihn zu töten,
weil er nicht allein den Sabbat brach,
sondern auch sagte, Gott sei sein Vater,
und machte sich selbst Gott gleich.
Lasst uns beten: Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst in mein Haus, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(1) ein alter Mann sitzt in seinem Campingstuhl
und starrt auf das Meer.
Man sagt,
es gibt Tage,
wenn die Touris ins Bett gegangen sind,
da steigt Venus aus dem Wasser,
lacht den Mond an
und segnet die Liebenden auf den Dünen im Mondschein.
Er sitzt die ganze Nacht bis zum Morgen.
Er hat sein Kreuz dabei,
hat sich mit Glühwein ausgestattet
und hält sein Handy griffbereit.3 —
Er wartet auf ein Wunder.
Er wartet auf einen Strahl vom himmlischen Licht,
das in sein Leben scheint.
Ich hätte so gern ein Selfie mit dem sich offenbarenden Gott!
Das wäre dann mein Profilbild.
Er wartet.
Er wartet auf die Chance,
auf die Möglichkeit.
* * *
Ein junges Paar geht am Strand entlang.
Sie haben sich die Schuhe ausgezogen
und gehen auf der Kante des Meeres,
genau da,
wo der Wellen und der Strand sich berühren.
Sie sind verliebt
und genießen es,
zu schweben.
Sie warten auch.
Sie warten, dass ihr Leben losgeht.
Ein Haus kaufen,
Kinder kriegen,
SUV und Hund,
diese Dinge halt.
Sie warten auf Wunder
und sie haben Erwartungen.
Heute Abend machen sie das Wunder selbst
und spazieren auf dem Wasser.
* * *
Achtundreißig Jahre hat der Mann an diesem Teich gelegen.
Das war ein Wettrennen, da, damals.
Immer, wenn da etwas im Wasser blubbert,
ging es um ihn herum los.
Die Krüppel links und rechts haben versucht,
sich ins Wasser zu schaffen.
Wer etwas weniger lahm war,
bewegte sich so gut es ging.
Wer gesegnet war, oder reich,
hatte jemanden dabei,
der ihn trägt –
Für eine Chance!
Für die Möglichkeit, dass es besser wird.
Ich habe keinen Menschen,
der mich in den Teich bringt,
wenn das Wasser sich bewegt.
Trotzdem liegt er da
und wartet
und guckt zu,
wie sie alle an ihm vorbeiziehen.
(2) Auf Jesus hat er nicht gewartet.
Er hat ihn nicht gekannt.
Selbst,
nachdem er ihn geheilt hat,
weiß der Mann nicht,
wer Jesus ist,
kennt nicht mal seinen Namen.
Statt dessen ist Jesus zu ihm gekommen.
Jesus ist für ihn,
der keinen Menschen hatte,
zu dem Menschen geworden,
der im himmlischen Licht steht
und ihm himmlisches Leben schenkt.4
Die Art aber,
wie sich ihm hier der Himmel geöffnet hat:
Damit hat er nicht gerechnet!
Das war vollkommen anders,
als er sich das vorgestellt hat. —
Manchmal passt das,
was Jesus tut,
nicht zu unseren Erwartungen.
* * *
Der Alte Mann auf seinem Klappstuhl:
Vielleicht trägt er das himmlische Licht,
das er sucht,
schon in sich. —
Er hat ein Kreuz dabei,
vielleicht auch ein Senfkorn Glauben.
Manchmal braucht es nicht mehr als ein freundliches Wort,
um einem Menschen Prediger, ja Prophet, zu sein.
Seine Hoffnung,
wie er wartet, die ganze Nacht,
schlägt vielleicht eine Saite an bei jemandem,
die einen Resonanzraum findet –
und himmlische Harmonie.
Das junge Paar am Strand,
vielleicht tragen sie das Wunder längst in sich.
Ganz egal,
wo sie das Leben hin verschlägt,
und ob all ihre Wünsche und Erwartungen sich erfüllen.
Vielleicht sind sie einfach gute Nachbarn
und ihr kleines Licht des Vertrauens und des Glaubens
leuchtet in der Thermomix-Siedlung. —
Wer weiß denn,
wie Gott durch uns wirkt.
(3) Manchmal passt das,
was Gott tut,
nicht zu unseren Erwartungen.
Das ist genau das Problem,
das „die Juden“ in dieser Geschichte haben.
„Die Juden“ bedeutet bei Johannes „die Judäer“.
„Juden“ in unserem Sinne des Wortes
waren Johannes und seine ersten Lehrer selbst.
„Judäer“ waren die Leute aus der Gegend von Jerusalem.
Das Wort steht hier für die etablierten Autoritäten,
- die eine Liegenschaft besitzen,
- eine Kirche,
- eine Gemeinde mit Chor und Posaunenchor.
Das sind diejenigen,
die eine genau Vorstellung davon haben,
wie Glaubensleben auszusehen hat.
Es ist heute Sabbat;
du darfst dein Bett nicht tragen.
Das gehört sich nicht.
Benimm dich gefälligst.
Sie haben ein echtes Anliegen:
Die Sonntagsheiligung.
Da habe ich schon allein von Berufs wegen
überhaupt nichts dagegen.5
Schön, dass ihr da seid!
Sie haben ein biblisches Argument dafür:
Am siebten Tage hat Gott geruht.
Deswegen sollen wir Menschen
am siebten Tag
eine Pause einlegen
von allem, was wir tun. —
In ihrem Kontext,
in ihrem Bemühen,
ist nichts falsch an der Anfrage,
die sie haben,
an diesen Mann:
Warum arbeitest du am Sabbat?
Die Antwort des Mannes ist sehr typisch.
Er verteidigt sich;
er zieht sich zurück
auf ein Autoritäts-Argument:
Der mich gesund gemacht hat,
sprach zu mir:
„Nimm dein Bett und geh hin!“
Da ist aus meiner Sicht
ein Schlüsselmoment in der Geschichte.
Hier ist, wo sie falsch abbiegen:
Sie staunen nicht.
Sie ärgern sich,
sie sind in Frage gestellt in ihrer Autorität,
sie sind angefasst in ihrer Eitelkeit.
Sie fragen nicht Sachen wie:
Er hat dich geheilt? Wovon?
Was hast du denn gehabt?
Wie lange warst du denn gelähmt?
Achtundreißig Jahre! So lange!?
So lange hast du an dem Teich verbracht
und er hat dich gerettet?
Sie fragen nicht nach dem Wunder.
Sie fragen nicht nach dem Einbruch des Himmels in diese Welt,
sondern sie sind pikiert,
dass sich da jemand Autorität ’rausnimmt,
die sie für sich haben wollen.
Die Freude und das Staunen,
dass Gott sich
in ihrer Gemeinde
vollmächtig und wirksam gezeigt hat,
geht komplett an ihnen vorbei.
Statt dessen gibt es Diskussion um Rechtgläubigkeit
und Macht.
(4) Jesus antwortet,
indem er seine Nähe zum Vater betont.
Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag,
und ich wirke auch.
In der Sache ist sein Argument simpel und offensichtlich.
Man könnte meinen,
Jesus argumentiert hier direkt gegen die Schrift.
Aber er tut dies mit der Bibel in der Hand.
Selbstverständlich
hört das kontinuierliche Schöpfungshandeln
am Sonntag nicht auf.
Das hat auch nicht aufgehört an dem Tag,
von dem die Bibel sagt:
Am siebenten Tage
ruhte Gott von allen seinen Werken,
die er gemacht hatte.6
Auch am Sonntag scheint die Sonne,
wie der Name schon sagt.7
Auch am Sonntag hören nicht auf Frühregen und Spätregen
und der Herr
segnet das Korn auf unseren Feldern auch am Sonntag,
damit es wächst und wir was zu essen haben. —
Was Jesus hier ablehnt,
ist ein enges, formalistisches Bibelverständnis,
das in eingefahrenen Bahnen läuft. —
Das können sie aber gar nicht mehr hören.
Sie hören nur:
Ich bin der Sohn das Vaters.
Dass Jesus Gott gleich ist,
war außerhalb ihrer theologischen Scheuklappen.
(5) Liebe Gemeinde,
ich möchte die Predigt schließen
mit einem Lob des kirchlichen Glaubenslebens
und einer rechenschaftsfähigen, akademischen Theologie.
Ein gewisser Professor
unserer Lutherischen Theologischen Hochschule
wird mit den Worten zitiert:
Wer Gott im Wald sucht,
muss sich auch vom Oberförster beerdigen lassen.
Hinter dem Bonmot steht die lutherische Grundauffassung,
dass Gott sich uns offenbart –
hier und jetzt –
in Wort und Sakrament.
Nicht in irgendwelchen blubbernden Teichen
hat Gott sich uns zugesagt,
nicht im schäumenden Meer,
nicht einmal in familiärer Zweisamkeit.
Christus spricht zu seinen Jüngern:
Wer euch hört, der hört mich.
Das ganze Gottesdienstgeschehen,
insbesondere die Predigt,
tragen Gottes Wort an dein Ohr.
Unter seinem Segen erreicht es dein Hirn und Herz
und macht dich neu.
Christus spricht:
Tut dies zu meinem Gedächtnis.
Seinem Leib und Blut
wird uns zur Medizin gegen den Tod.
Dies stärkt uns
und bewahrt uns
zum Leben der kommenden Welt.
Das sind feste, gesetzte Größen,
die Gott für uns in diese Welt eingelassen hat,
damit wir wissen,
wo wir ihn finden. –
Das ist ein Privileg,
das ist Evangelium für uns.
Das heißt aber noch lange nicht,
dass alle anderen Wege verschlossen sind.
Wenn Gott sein Wort hörbar machen will,
braucht es keinen Studierten.
Er kann einem Esel das Maul öffnen
und die Worte des Reittiers
lehren dem Propheten Demut.8
Die Bibel widerspricht mit keinem Wort
der Legende vom Engel am Teich Betesda.
Wer weiß denn,
ob nicht Menschen Heilung gefunden haben,
die das Rennen gewonnen haben.
Über die Nähe eines verliebten Paares
enthält die Bibel ein ganzes Buch mit Gedichten,
die als eine Offenbarung der Liebe Gottes für uns steht.
Gott tritt in unser Leben auf den Wegen,
die er wählt,
nicht wir.
Manche Wege sind sehr vertraut,
wie der Gottesdienst,
und ihre Wirkung ist auf einmal sehr überraschend.
Mache Wege sind sehr überraschend,
aber das,
was wir erfahren,
ist sehr vertraut,
denn unser Herr Jesus Christus
hat uns vertraut gemacht mit unserem Vater im Himmel,
der uns liebt.
Unser Leben ist in himmlisches Licht getaucht,
das dort strahlt,
wo du bist.
Christus spricht.
Ihr seid das Licht der Welt.9
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!10 Amen.
1 1.Kor 1,3
Der Titel der Predigt bezieht such auf das Lied, dem die Vignette zum Einstieg entnommen ist, Marc Cohn: „Walk on Water“ von seinem Debut-Album „Marc Cohn“, 1991.
2 Der textkritische Befund ist klar: Die Verse 3b–4 sind nicht von Johannes und LUT84 verbannt sie zurecht in eine Fußnote. Die äußere Begründung ist das Fehlen der Passage in den ältesten Handschriften (𝔓66.75, א, u.a.) Als innere („inhaltliche“) Begründung scheint offensichtlich, dass es sich um eine erklärende Randbemerkung handelt für diejenigen, die die lokale Legende vom Engel an dem Teich nicht kannten. — Ich habe mich entschieden, diesen Abschnitt in die Lesung aufzunehmen mit der selben Begründung: Die Hörer in meiner Gemeinde sind auch nicht aus Jerusalem. Die Bedeutung des Teiches zu kennen, macht es aber viel einfacher, die Geschichte zu verstehen. — Ich habe V. 1 weggelassen, weil er nichts austrägt, Vv. 17f hinzugenommen, weil Jesus hier sein Handeln begründet.
3 Nach Marc Cohn: „Walk on Water“ von seinem Debut-Album „Marc Cohn“, 1991. Ich die Vignette an die 2020er Jahre und an Deutschland angepasst.
4 Nicht einfach nur zum „Mensch“ (wie bei Jörg Frey, Exegese für die Predigt, z.St.) Jesus ist hier gerade Gott-Mensch. Er entzieht sich dem Geheilten und den Umherstehenden. Er bleibt unverfügbar und wird ihm nicht Kumpel oder Freund. Sie sind nicht auf Augenhöhe. Der Geheilte beruft sich auf Jesu Autorität und als sie sich im Tempel begegnen, kriegt er von Jesus eine Ansage: „Sündige hinfort nicht mehr“. — Liegt hier ein Appell vor, dem Menschen ein Mensch zu sein? Nicht nötig, das ist nämlich selbstverständlich. Der Appell mag sein, dem Menschen ein Licht zu sein: „Ihr seid das Licht der Welt…“ (Ihr) tragt die himmlische Wirklichkeit und Wirksamkeit in euch zu anderen.
5 Vgl. „Ihr Scheinheilige!“ meine Predigt zu Lk 13,10–17.
6 Gen 2,2b
7 Das ist ein Scherz. Der Tag heißt nach dem römischen Sonnengott (der aber später, von Christen, mit dem Gott der Bibel identifiziert wurde!)
8 Vgl. Num 22,28.
9 Mt 5,14
10 Phil 4,7
Weitere Predigten zu 19. So. n. Trinitatis:
Das Loch im Dach
Mk 2,1–12,
19. So. n. Trinitatis
Wenn man jemanden lieb hat, macht man schon mal ein Loch in ein Dach, um ihm zu helfen. Mehr…
Bild und Wesen
Eph 4,22–32,
19. So. n. Trinitatis
Wenn Christenmenschen den „neuen Menschen“ anziehen, dann ist ihr inneres Wesen ein für alle Mal erneuert. Das glauben und bekennen wir von der Taufe. Warum liefert der Apostel dann eine Reihe von Regeln und Ratschlägen nach?