Der Geist der neuen Schöpfung
Predigt zu Röm 8,11–17
Gott hat spricht uns an durch das Gesetz – und ja, das kann uns erschrecken. Aber das liebevolle Wort unseres Schöpfers lässt uns nie mit Angst zurück, sondern schenkt Freude und wir rufen „Abba, lieber Vater!“
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer
im 8. Kapitel.
Der Apostel schreibt:
11Wenn nun der Geist dessen,
der Jesus von den Toten auferweckt hat,
in euch wohnt,
so wird er,
der Christus von den Toten auferweckt hat,
auch eure sterblichen Leiber lebendig machen
durch seinen Geist,
der in euch wohnt.
12So sind wir nun, liebe Brüder,
nicht dem Fleische schuldig,
dass wir nach dem Fleische leben.
13Denn wenn ihr nach dem Fleische lebt,
so werdet ihr sterben;
wenn ihr aber durch den Geist
die Machenschaften des Leibes2 tötet,
so werdet ihr leben.
14Denn welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
15Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen,
dass ihr euch abermals fürchten müsstet;
sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen,
durch den wir rufen:
Abba, lieber Vater!
Lasst uns beten: Herr, Gott, Heiliger Geist, lebe in uns, damit das Schreiben des Apostels nach Rom Worte für uns sind. — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
ich werde versuchen,
uns den heutigen Predigtabschnitt
unter drei Überschriften zu erschließen:
(1) Wiedergeburt,
(2) unser Leib
und (3) Kinder Gottes.
(1) Wiedergurt
11Wenn nun der Geist dessen,
der Jesus von den Toten auferweckt hat,
in euch wohnt,
so wird er,
der Christus von den Toten auferweckt hat,
auch eure sterblichen Leiber lebendig machen
durch seinen Geist,
der in euch wohnt.
Paulus sagt in diesem Vers
zwei mal das gleiche,
nur von zwei verschiedenen Richtungen her.
Ich habe den Eindruck,
er will mehrere Dinge zusammenbinden,
von denen er uns sagten will,
dass sie zusammengehören,
nämlich
- die Auferstehung Christi an Ostern,
- unser Leben hier und jetzt
- und die Auferstehung der Toten,
die wir erwarten am Ende der Zeit.
Wundergeschichten sind so eine Sache…
Man sagt manchmal,
wir aufgeklärten Menschen hätten es besonders schwer,
an Wunder zu glauben.
Ich bin gar nicht sicher,
ob das stimmt.
Auch für antike und mittelalterliche Menschen
war die Auferstehung ein analogieloses Ereignis.
Niemand in der Weltgeschichte fand es normal und erwartbar,
dass ein Hingerichteter nach drei Tagen aufersteht.
Um diese Geschichte für wahr zu halten,
braucht man Glauben.
Die christliche Kirche hat immer darauf bestanden:
Ich glaube an Jesus Christus,
„hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten“.
Wer diesen Glauben nicht teilt,
der ist nicht so richtig Christ.
Doch eines ist dabei wichtig:
Dieser Glaube
ist kein Historien-Glauben
und kein Nachplappern einer erzählten Geschichte.
„Glaube“ heißt in der Bibel immer „Vertrauen“.
Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi
darf nie abgetrennt werden
von dem Glauben an Gottes schöpferischer Kraft
in meinem Leben.
Paulus sagt uns zu:
Der Geist dessen,
der Jesus von den Toten auferweckt hat,
wohnt in euch.
Das Leben,
das du lebst,
ist mehr als die Summe seiner Teile,
mehr als der Kreislauf roter Körperchen in der Blutbahn.
Du bist ein Resonanzraum von Gottes Wort.
Die Stimme, die einst die Welt ins Dasein gerufen hat,
ruft dich zu neuem Leben.
Neulich hat mir eine Pastorentochter gesagt:
Du hast schon wieder Rudolf Bultmann
in der Predigt zitiert,
in den Fußnoten.
Das hätte es bei meinem Vater nicht gegeben!
Vor einer Generation
war Rudolf Bultmann genau diese Seite des Glaubens betont.
Er hat gesagt:
Christus ist auferstanden in die Verkündigung.
Ihm wurde dann der Vorwurf gemacht,
er habe den Glauben an die Auferstehung
in der Geschichte aufgegeben. –
Darüber ließe sich streiten.
Bultmann hat aber zurecht betont:
„Der Geschichtsglaube allein tut’s freilich nicht!“
Die Verkündigung der Auferstehung
ist Gottes Wort,
das uns in unserem Leben trifft.
Das Wort von der Auferstehung
verbindet die Geschichte von Jesus
mit deiner eigenen Lebensgeschichte
und zieht eine Verbindung in die Ewigkeit.
[Gott,] der Christus von den Toten auferweckt hat,
[wird] auch eure sterblichen Leiber lebendig machen
durch seinen Geist,
der in euch wohnt.
(2) Das bringt uns zum zweiten Abschnitt: unser Leib.
12So sind wir nun nicht dem Fleische schuldig,
dass wir nach dem Fleische leben.
13Denn wenn ihr nach dem Fleische lebt,
so werdet ihr sterben;
wenn ihr aber durch den Geist
die Machenschaften des Leibes3 tötet,
so werdet ihr leben.
Paulus fragt nach der Existenzrichtung4 unseres Lebens.
Sind unser Denken, unser Handeln und unser Sein
am Alten Menschen orientiert,
dann leben wir in Richtung „Fleisch“.
Dann hallt durch unser Leben die Dissonanz der Sünde.
Unter der Gnade Gottes,
im Glauben und in der Beziehung mit Jesus Christus,
erklingt in uns die Harmonie des Geistes.
Das verändert unser Sein.
Wir werden, wie Gott uns geschaffen hat.
Unser Handeln nähert sich dem Willen Gottes
und unser Denken der Liebe zu ihm und zu unseren Nächsten.
Wie das Magnetfeld der Erde
eine Kompassnadel nach Norden richtet,
richtet das Kraftfeld des Heiligen Geistes
unser Leben auf Gott aus. —
Dabei kann uns unser Leib im Weg stehen.
- Zum Beispiel
für Menschen mit einer körperlichen Abhängigkeit
können körperliche Bedürfnisse ein echter Kampf sein. - Für manche ist eine körperliche Einschränkung
eine echte geistliche Herausforderung:
„Warum hat Gott mich nicht so gesund geschaffen,
wie die anderen auch?“ - Manch ein Mensch trägt ein Trauma an Leib und Seele
durch eigentlich lange vergangene Ereignisse:
Krankenhausbesuche,
ein Unfall
oder Gewallt. - Wir alle erleben, dass unser Körper altert
und viele von uns
erleben das als Einschränkung
und mit Trauer.
Doch der Leib ist von Gott gewollt.
Er hat uns als leibliche Wesen erschaffen.
Wenn Paulus hier einen eine Spannung aufzieht
zwischen „Fleisch“ und „Geist“,
dann redet er nicht wie die griechischen Philosophen.
Unser Leib ist nicht der Kerker eines Geistes,
sondern eine gute Schöpfung Gottes.
Das gilt auch mit seinen Bedürfnissen
und Einschränkungen.
Die Auferstehung,
von der Paulus redet,
ist immer eine leibliche Auferstehung.
Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches
hieß es in der alten Übersetzung des Glaubensbekenntnisses.
Die Wortwahl heute
ist dem modernen Sprachgebrauch angepasst,
aber der Bekenntnisstand hat sich nicht geändert.
Jesus ist leiblich auferstanden.
Sein Körper war greifbar für Thomas,
seine Wundmale sichtbar für alle.
Dieses Leben ist nicht spurlos an ihm vorbei gegangen,
sondern es bedeutet etwas.
Dein Leben bedeutet etwas.
Wie der Auferstehungsleib beschaffen ist,
physisch und chemisch,
das weiß kein Mensch.
Doch wir werden leiblich auferstehen.
Das Wasser des Meeres kann uns nichts anhaben
und auch nicht das Feuer der Zeit.
Johannes der Täufer hat über Christus gesagt:
Er muss wachsen,
ich aber muss abnehmen.5
So ist es in unserem Leben auch.
Wo wir uns nach dem Fleisch richten,
nach dem Alten Menschen,
sind wir im Bereich des Todes.
Das Leben fruchtet da,
wo der Neue Mensch stark wird im Heiligen Geist
und
- unser Dasein,
- unser Handeln
- und unser Denken
durchdringt.
(3) So sind wir Kinder Gottes.
Paulus schreibt:
14Denn welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
15Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen,
dass ihr euch abermals fürchten müsstet;
sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen,
durch den wir rufen:
Abba, lieber Vater!
Der Gehorsam eines Christenmenschen
ist nicht der Gehorsam eines Sklaven,
sondern der Gehorsam eines Kindes.
Der Sklave macht Dienst nach Vorschrift.
Das Kind ist im Betrieb der Eltern aufgewachsen,
weiß,
wie der Laden läuft,
und trifft die richtigen Entscheidungen
fast schon instinktiv.
Dieses Vertrauen in den Heiligen Geist
ist bei manchen Theologen so groß,
dass sie vorgeschlagen haben,
dass Christenmenschen überhaupt kein Gesetz brauchen.
Im Prinzip ist das auch richtig.
Das Problem ist nur,
dass wir hier in der Welt leben –
und überhaupt nicht perfekt sind.
Wir sind Sünder und Gerechtfertigte zugleich.
Deshalb sind wir und bleiben wir darauf angewiesen,
dass Gott uns immer wieder anspricht
und auf den richtigen Weg weist.
Das tut er durch das Gesetz.
Das Gesetz ist Gottes Wort
wie es uns leitet und führt,
aber auch aufdeckt,
wie wir wirklich sind.
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig
und schärfer als jedes zweischneidige Schwert,
und dringt durch,
bis es scheidet Seele und Geist,
auch Mark und Bein,
und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.6
Es gibt immer mal wieder Menschen,
die treten mit dem Selbstbewusst sein auf,
sie hätten jetzt die Bibelverse gefunden,
die für dein Leben unbedingt gelten müssen.
Da kannst du sehen,
was bei dir alles falsch läuft
oder was uns als Gesellschaft heilen wird.
Aber lasst euch nichts erzählen!
So wenig der Glaube an Christus
ein Historien-Glaube ist,
so wenig hängt Gottes Wille an menschlicher Moral,
selbst wenn man sie biblisch begründen kann.
Doch nicht Fleisch und Blut7 offenbaren uns
Gesetz und Evangelium,
sondern der Vater im Himmel
spricht zu uns.
Das merken wir daran,
was Gottes Stimme mit uns macht.
Selbst das Erschrecken über unsere Sünde
führt uns nicht in Angst.
Selbst, wenn die Erfüllung des Gesetzes für uns ein Kampf ist
oder Arbeit,
selbst, wenn wir der Versuchung widerstehen müssen,
fürchten wir uns nicht vor Gottes Zorn.
Statt dessen beten wir mit David:
Herr, mich verlangt nach deinem Heil,
und an deinem Gesetz habe ich Freude.8
Wir wagen es,
den allmächtigen Schöpfer der Welt anzusprechen mit
„Vater unser im Himmel“.
Wir stellen uns neben den einziggeborenen Sohn,
denn wir wissen: Er will unser Bruder sein.
Mit ihm zusammen rufen wir
Abba, lieber Vater!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!9 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 πράξεις τοῦ σώματος steht hier im Original. Ich folge U. Wilckens, EKK, z.St., mit „Machenschaften“, denn die „Taten“ des „Leibes“ sind hier negativ konnotiert. „Leib“ (statt LUT 84 „Fleisch“) ist genauer. Das hat seine eigenen Probleme. Man unterscheidet gerne „Leib“ (gut) und „Fleisch“ (böse) bei Paulus. Das ist nicht falsch, denn der Apostel vertritt nicht eine Leibfeindschaft „im Sinne des Platonischen Sokrates“ (Wilckens, S. 135). Paulus hält diese terminologische Unterscheidung aber nicht konsequent durch. Da ich unten von „Leib“ rede, verwende ich auch hier diese Vokabel.
3 Siehe Fußnote hierzu im Predigtabschnitt S. 2–3.
4 Wilckens, S. 119.
5 Joh 3,30
6 Heb 4,12
7 Vgl. Mt 16,17
8 Ps 119,174
9 Phil 4,7
Weitere Predigten zu 14. So. n. Trinitatis:
Jakob schaut die Himmelsleiter
Gen 28,10–22,
14. So. n. Trinitatis
Wir begleiten Jakob beim Auszug aus dem Elternhaus: die erste Nacht in seiner ersten eigenen Wohnung. Er bekommt einen starken Zuspruch von Gott, doch Jakob ist nicht blauäugig oder naiv.
Die Spendeworte
Lk 22,7–23,
14. So. n. Trinitatis
Diese Predigt fällt etwas aus der Reihe: Sie legt nicht einen Bibeltext aus, sondern die „Spendeworte“, die ich sage, wenn ich jemandem das Heilige Abendmahl reiche.
Zachäus (Sola fide – Zeit der Identitätsfindung und Schulzeit)
Lk 19,1–10,
14. So. n. Trinitatis
Manchmal glauben wir Dinge, die einfach falsch sind. Wie geht Jesus damit um? Und was hat es damit auf sich, dass wir „aus Glauben allein“ gerecht werden?