Für uns, durch uns, jetzt und immer
Predigt zu 1.Joh 4,7–12
„Gott ist die Liebe“ – Dies ist der zentrale Satz des Abschnittes, den diese Predigt auslegt.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem 1. Brief des Johannes
im 4. Kapitel.
Der Apostel schreibt:
7Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben;
denn die Liebe ist von Gott,
und wer liebt,
der ist von Gott geboren
und kennt Gott.
8Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht;
denn Gott ist die Liebe.
9Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt,
damit wir durch ihn leben sollen.
10Darin besteht die Liebe:
nicht, dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat
und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt,
so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12Niemand hat Gott jemals gesehen.
Wenn wir uns untereinander lieben,
so bleibt Gott in uns,
und seine Liebe ist in uns vollkommen.
Lasst uns beten:
Herr, Gott, himmlischer Vater,
sende deinen Heiligen Geist unter uns,
dass wir durch die Worte des Apostels erkennen,
wer Jesus Christus ist;2
segne alles Reden und Hören. — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(1) eine junge Frau fährt auf den Parkplatz einer Firma.
Da ist reichlich Platz
und die Parksituation
außerhalb des Privatgrundstückes ist furchtbar.
Sie fragt einen Mitarbeiter:
’tschuldigung, kann ich hier einen Moment parken?
Der Mann antwortet:
Ist bestimmt kein Problem,
aber fragen sie mal lieber beim Hausmeister.
Und sie versichert:
Ich will ja nicht stören…
und keinen Ärger kriegen.
Da antwortet der Mann mit einem bemerkenswerten Satz:
Der Hausmeister ist der Ärger. —
Sie geht zum Hausmeister,
der ist total nett,
ist auch alles kein Problem,
heute ist nicht viel los.
Und der Hausmeister sagt:
Danke, dass sie gefragt haben
und sich nicht einfach hingestellt haben.
Wenn wir den Parkplatz nämlich brauchen,
bin ich derjenige,
der den Abschleppdienst bestellen muss.
Da verstand die junge Frau,
was der Kollege gemeint hatte,
als er gesagt hat:
Der Hausmeister ist der Ärger.
Im Fall des Falles
ist der Hausmeister derjenige,
der handelt. –
Andersherum wäre es verkehrt und sogar unfair,
wenn man sagen würde:
Ärger ist immer der Hausmeister.
Nein, der Hausmeister ist sehr freundlich und hilfsbereit.
Aber wenn die Firma den Parkplatz braucht,
dann muss der Hausmeister handeln
und bestellt den Abschleppdienst. —
Der Apostel schreibt uns:
Gott ist die Liebe.
Das ist direkt verknüpft damit,
dass Gott an uns handelt.
9Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt,
damit wir durch ihn leben sollen.
10Darin besteht die Liebe:
nicht, dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat
und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Dieses Handeln Gottes an uns
ist der Grund3 für die Aufforderung im ersten Satz.
Geliebte, lasst uns einander lieben.
Wer liebt, der ist aus Gott geboren.
So wie wir, die Christenmenschen,
ist die Liebe,
die wir untereinander schenken,
aus Gott geboren.
Gott ist wie ein Generator
und unsere Beziehung mit ihm ist wie ein Stromkreis
über den seine Liebe
die Menschen erreicht,
die wir liebhaben.4
Wichtig dabei ist, dass die Richtung immer klar ist.
Gott ist die Liebe.
Andersherum wird es verkehrt.
Die Liebe ist (mein) Gott.
In dem Satz ist die Liebe etwas,
das „ich“ zum Gott erwählt habe.
Dabei steht mir frei,
die Liebe als eine „allgemein-menschliche Möglichkeit“5
zu verwirklichen, –
oder es zu lassen.
Im Grunde ist das religiös angemalte Moral:
Liebe gefälligst!
Das macht aber keinen Sinn.
Romantisch gesprochen
macht das Herz eh, was es will.
Aber auch christlich gesprochen
ist das zu wenig,
denn die Nächstenliebe
ist ja immer Sünderliebe –
bei dem Sünder, der liebt,
und bei dem Sünder,
der der Liebe bedarf.
Zur Liebe gehört immer ein „Trotzdem“,
denn sie trifft auf unsere Konflikte,
unsere Schuld
und unsere Verletzungen.
Diese Liebe darf ein Mensch nicht fordern, –
von sich selbst nicht
und auch nicht von anderen.
Nur Gott kann diesen Anspruch stellen,
weil er sich selbst als dessen Erfüllung schenkt.
7Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben;
denn die Liebe ist von Gott,
und wer liebt,
der ist von Gott geboren
und kennt Gott.
* * * *
(2) Emma und Frank wachsen ohne ihren Vater auf –
jeweils auf andere Art.
Emmas Vater fährt auf Montage.
Er ist nur am Wochenende da,
wenn überhaupt.
Manchmal sieht sie ihn 14 Tage am Stück nicht
und dann nur am Samstag.
Samstags schläft er viel.
Er verpasst wichtige Jahre im Leben seiner Kinder,
aber was soll er machen?
Das ist nun mal sein Beruf
und sie haben es nicht so dicke;
sie brauchen das Geld.
Frank hat seinen Vater nie kennengelernt.
Seine Eltern haben sich getrennt,
als er ein Baby war.
Sie reden nicht miteinander.
Frank erzählt Emma in der Schule:
„Ich habe meinen Vater gesehen!“
„Ehrlich? Wie war er so?“
„Er sieht aus wie James Bond.
Er fährt einen schwarzen Geländewagen,
der ist kugelsicher und hat 300 PS“.
„Warum braucht er einen kugelsicheren Wagen?“
„Na, weil er doch Geheimagent ist…?“
An dieser Stelle merkt Frank,
dass das nicht so ganz glaubwürdig ist,
was er da erzählt.
Es entsteht eine peinliche Pause.
Nach einer Weile sagt er:
Ich habe geträumt von meinem Vater,
weißt du.
Liebe Gemeinde,
da war wohl der Wunsch Vater des Gedankens.
Frank wünscht sich einen Vater
und in seinem Traum – oder Tagtraum –
hat er sich ein Bild von einem Vater selbst gemacht.
Dazu hat er die Farben und Elemente verwendet,
die ihm Kino und Fernsehen zur Verfügung stellen:
- Souverän wie James Bond,
- fährt er in seinem Batmobil durch die Gegend.
- Er sucht einen jungen Robin,
mit dem er zusammen für das Gute kämpft.
Manche Menschen haben intensive geistliche Erlebnisse.
Das Wunder geschieht,
dass Gott sich offenbart in Träumen und Visionen.
Doch diese Träume sind immer unsere Träume.
Visionen können wir nur mit Farben und Elementen malen,
die wir schon kennen.
Deswegen stützen wir unseren Glauben nicht auf Visionen,
sondern wir stützen ihn auf Geschichte.
- Wir glauben,
dass Gott die Geschichte betreten hat in Jesus Christus, –
nicht als Idee oder Erkenntnis,
sondern als Mensch. - Und dieser Mensch Jesus Christus
ist Teil deiner Lebensgeschichte
seit deiner Taufe.
Beides ist nicht voneinander zu trennen:
das ganz Große, die Schöpfung,
und dein persönliches Leben.
Gott kommt so zu uns, wie es zu uns passt. –
Wir müssen keine Voraussetzungen erfüllen.
- Du musst nicht geistlich begabt sein.
- Du musst nicht studiert sein.
- Du musst nicht mal erwachsen sein
oder sprechen können.
Gott will bei allen Babies sein.
Deswegen wird er selbst ein Baby
und liegt an Weihnachten in den Windeln in einer Krippe.
Das ist eine der schönsten Geschichten der Welt
und sie ist Teil deiner Lebensgeschichte.
9Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt,
damit wir durch ihn leben sollen. […]
12Niemand hat Gott jemals gesehen.
Wenn wir uns untereinander lieben,
so bleibt Gott in uns,
und seine Liebe ist in uns vollkommen. —
Als Emma und Frank geredet haben,
war gerade diese peinliche Pause entstanden.
Beiden war klar, dass er ein bisschen geflunkert hat.
Frank sagt:
Meine Mutter hat gestern erzählt,
dass mein Vater wieder überwiesen hat.
Dabei schaut er auf den Boden. –
Emma macht einen Schritt auf ihn zu
und nimmt ihn in den Arm. —
Niemand hat Gott jemals gesehen.
Gott hat in Christus die Geschichte betreten,
aber niemand von uns hat Christus im Fleisch jemals gesehen.
Der Glaube wurde uns vermittelt –
und zwar in Beziehungen.
Wir haben Mütter und Väter im Glauben,
die uns Christus bezeugt haben,
auf je eigene Art und Weise.
Das heißt nicht,
dass das immer einfach ist.
Beziehung ist auch Arbeit.
Je näher man sich ist, desto eher verletzt man sich.
Das gilt in der Familie,
in Freundschaften
und – ganz selbstverständlich – gilt das in der Kirche auch.
Doch das Wunder geschieht,
dass unsere Beziehungen untereinander,
was wir uns sagen
und wie wir miteinander umgehen
mehr ist,
als die Summe seiner Teile.
Dieses „Mehr“ ist ein Handeln Gottes an uns.
Er teilt sich uns mit,
inhaltlich und persönlich.
So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen einzig-geborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.6
In der Geschichte seit der Schöpfung
ist er der Brennpunkt.
Und die Strahlen seines Lichtes
reichen zu dir,
hier und heute,
und von hier bis zur Ewigkeit
in seinem Reich.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!7 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Nach 1.Joh 4,2
3 „[Mit ‚Gott ist die Liebe‘] soll nicht das Wesen der Liebe als solches beschrieben werden, sondern der Satz gibt an, worin die Forderung der Liebe ihren Grund hat. […] damit [wird] das Wirken Gottes, sein Handeln in seiner Bedeutung für die Menschen beschrieben, vom dem sogleich V. 9f die Rede ist“. — Rudolf Bultmann, Die drei Johannesbriefe, 1967, KEK, z.St.
4 Vgl. Gottfried Voigt, „Das heilige Volk“, Berlin 1979, 1., S. 380–2. Das Bild vom Stromkreis „kann einen quälen“, gesteht Voigt, und ich will es hier nicht auswalzen.
5 Bultmann, ebd.
6 Joh 3,16
7 Phil 4,7
Weitere Predigten zu 13. So. n. Trinitatis:
Jesu wahre Verwandte
Mk 3,31–35,
13. So. n. Trinitatis
Die Kirche ist keine Familie, kein Verein und kein Fanclub, sondern unsere Gemeinschaft lebt davon, dass Jesus Christus in unserer Mitte gegenwärtig ist.
Heilig, denn ich bin heilig
Lev 19,
13. So. n. Trinitatis
Wer sein Leben mit Gott führt, muss sich so verhalten, dass es zu Gott passt. Und was heißt das jetzt konkret?
Kain und Abel
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagt der Volksmund.,
Gen 4,
13. So. n. Trinitatis
Adam missachtet das Gebot Gottes. Nicht weniger missachtet Kain das Leben seines Bruders Abel. Mehr…
Dienst am Wort und zu Tisch
Apg 6,1–6,
13. So. n. Trinitatis
Lukas berichtet uns in der Apostelgeschichte von einem Konflikt in der Urgemeinde. Es geht um die Versorgung der Witwen der „Hellenisten“. Was verbirgt sich hinter dieser Episode? Und wir sind die Christen in Jerusalem damals damit umgegangen?