Haben und Brauchen
Predigt zu Eph 1,15–23
Habe ich den Glauben, oder brauche ich den Glauben? Habe ich Vergebung, oder brauche ich Vergebung? — In all unserer Zwiespältigkeit blick Jesus Christus blickt liebevoll auf uns. Der All-Herrscher ist der Freund, den wir brauchen und haben.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. — Eph 1,15–23 BasisBibel
15Ich habe von eurem Glauben an den Herrn Jesus gehört
und von eurer Liebe zu allen Heiligen.
16Das ist auch der Grund,
weshalb ich unablässig für euch danke.
Das tue ich jedes Mal, wenn ich im Gebet an euch denke.
17Dann bitte ich den Gott unseres Herrn Jesus Christus,
den Vater, von dem alle Herrlichkeit ausgeht,
dass er euch den Geist gebe,
der euch Weisheit schenkt
und Offenbarung zuteilwerden lässt.
So könnt ihr Gott erkennen.
18Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.1
Denn ihr sollt wissen,
welche Hoffnung mit eurer Berufung verbunden ist.
Ihr sollt erkennen,
welche Fülle an Herrlichkeit
zu seinem Erbe für die Heiligen gehört.
19Ihr sollt begreifen,
mit welch überwältigend großer Kraft,
er in uns Glaubenden wirkt.
So entspricht es der Macht und Stärke,
mit der er sein Werk vollbringt.
20Diese Macht ließ er auch an Christus wirksam werden:
Er hat ihn von den Toten auferweckt
und an seine rechte Seite im Himmel gesetzt.
21Dort thront er hoch über Mächten und Gewalten,
Kräften und Herrschaftsbereichen,
Er herrscht über alles, was sonst einen Namen hat,2 —
nicht nur in diesem Zeitalter, sondern auch im kommenden.
22Alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt
und ihn zum Haupt über die ganze Kirche3 gemacht.
23Sie ist sein Leib.
So ist sie die ganze Fülle dessen, der alles in allem erfüllt:
Christus. —
Lasst uns beten:
Herr Gott, himmlischer Vater,
sende uns deinen Heiligen Geist,
damit die Worte des Apostels nach Ephesus
Wort an uns hier und jetzt sind.
— Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(a) haben wir „erleuchtete Augen der Herzen“,
oder brauchen wir sie?4
Haben wir den Glauben, die Hoffnung, die Gewissheit
- einer himmlischen Berufung,
- einer göttlichen Herrlichkeit,
- eines Erbes, das uns mit heiliger Fülle beschenkt?
Viel deutlicher scheint mir,
dass der Heilige Geist den Glauben wirkt
„wo und wann er will“5
und eben nicht auf Kommando.
Hilfsmittel stehen mir viel klarer vor Augen:
- die Gemeinschaft in meiner Kirchengemeinde,
- die Gewohnheiten,
- das Singen.
Neulich hat mir jemand gesagt,
er sei in seiner Heimatgemeinde sehr gerne zum Chor gegangen.
Da hat ihn nämlich keiner gefragt
Glaubst du?
Sondern man hat ihm gesagt:
Mach! —
Haben wir den Glauben,
oder brauchen wir den Glauben? —
Der Apostel betet voller Dankbarkeit dafür,
dass wir überhaupt Christen geworden sind.
Glaube ist immer ein Wunder,
ein Eingriff Gottes in den Lauf der Welt.
Aber die Gewissheit ist flüchtig.
Wir kriegen kaum einen Hebel,
kaum einen Griff an die Sache,
kaum ein Packend.
Glauben ist ohne Beweis.
Wie die Liebe zwischen uns Menschen,
oft genug mit einem „Trotzdem“.
Immer wider beten wir zum Herrn:
Ich glaube,
hilf meinem Unglauben!6
Und Chrsitus hilft uns in unserem Unglauben.
Wir haben eine Urkunde Gottes darüber,
dass er uns liebt,
seit wir getauft sind.
Sein Wort gilt.
In ihm haben wir das Vertrauen,
das wir brauchen.
(b) Haben wir die Vergebung
oder brauchen wir die Vergebung? —
Beim Gemeindegespräch am vergangenen Sonntag
ist uns aufgefallen,
dass es in den Vorgängerkirchen der SELK
unterschiedliche Auffassungen gab,
wie oft man zum Abendmal gehen solle.
In der alten Sächsischen Freikirche
wurde nicht so oft Abendmahl gefeiert;
in manchen Gemeinden einmal im Monat,
oder sogar nur weniger Male im Jahr.
Aber nicht, weil es lästig war oder lange dauert,
sondern um zu betonen:
Wir brauchen die Vergebung.
Diese Frömmigkeit lebt von dem Gedanken
der Vorbereitung auf das Abendmahl,
dass man sein Herz anschaut um zu sehen,
ob man würdig sei.
Man soll sich in Gebet und Beichte,
Haltung und Kleidung und Gebaren
angemessen machen
für den Empfang der Vergebung,
die man braucht.
In der Altlutherischen Kirche
wurde möglichst jeden Sonntag Abendmahl gefeiert.
Diese Frömmigkeit betont:
Wir haben die Vergebung –
im Abendmahl.
Wir brauchen das Abendmahl natürlich,
aber die Betonung dieser Frömmigkeit liegt darauf,
dass wir es haben,
weil Gott es uns zur Verfügung gestellt hat,
damit wir es nutzen. —
Eine ganz ähnliche Struktur
hat das Für und Wider der Beichte.
Neulich hat mir jemand gesagt:
Die Beichte brauche ich nicht.
Vergebung habe ich ja im Abendmahl.
Das klingt nach der altlutherischen Logik.
Dazu kommt ein aufgeklärtes Selbstbewusstsein:
Und ich will mich nicht hinstellen und sagen:
„Ich armer, elender, sündiger Mensch…“
Das ist mir alles viel zu negativ.
Die Beichte betont, das wir Vergebung brauchen.
Sie feiert einen langen Anmarsch zur Lossprechung:
Dir sind deine Sünden vergeben!
Dabei macht sie ausdrücklich klar,
dass Jesus Christus seiner Kirche den Auftrag erteilt hat,
die Sünden zu binden oder zu lösen.
Wir sind berufen zur Heilsgemeinschaft,7
in den der Mächten des Chaos und der Sünde
keine Macht haben.
Wir haben die Vergebung
also mitten unter uns.
(c) Habe ich den freien Willen
oder brauche ich den freien Willen?
Also einen Willen,
- der von Jesus Christus ergriffen,
- seinem Willen ähnlich gemacht
- und zu himmlischer Freiheit befreit ist?
Ich trinke gerne noch ein Tässchen Kaffe nach dem Essen.
Neulich dachte ich:
Schokolade wäre jetzt schön!
Schokolade und Kaffee
passen einfach gut zusammen.
Da fiel mit ein,
dass da noch Doppelkekse sind,
von dem Gemeindegespräch am Sonntag.
Hm.
Ich also in den Küche vom Gemeinderaum,
mach die Dose auf
und tatsächlich:
Das sind noch Doppelkekse.
Dann stecke ich mir erst mal einen in den Mund.
„Fünf Stück zum Kaffee“, denke ich mir,
ich will ja abnehmen,
„und einen auf dem Weg“.
Dann habe ich von meinem freien Willen
vollumfänglich Gebrauch gemacht.
Und noch bevor die Mokka-Kanne auf dem Ofen stand,
hatte ich alle Kekse gegessen.
Denn ich tue nicht, was ich will;
sondern was ich hasse, das tue ich.8
… schreibt Paulus an die Römer.
Und natürlich geht es dem Apostel nicht um Diätsünden,
sondern um eine tiefe Sicht der menschlichen Wirklichkeit.
Wir können nicht aus eigenem Willen
unseren Willen auf Gottes Anspruch und Gesetz ausrichten.
Genau so wenig können wir uns an den eigenen Haaren
aus dem Sumpf ziehen,
sondern wir sind angewiesen darauf,
dass Gott von außen in uns eingreift
und uns neu macht
und uns rettet.
Paulus schreibt:
Wir sind zwar gerettet,
doch auf Hoffnung.9
(d) Haben wir Jesus Christus in unserem Leben
oder brauchen wir Jesus Christus in unserem Leben?
Anders gefragt: Ist Jesus Christus anwesend oder abwesend?
Ist er da,
seit er als Mensch geboren wurde an Weihnachten,
„gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
niedergefahren zur Hölle“,
und in der Auferstehung bestätigt als der Sohn Gottes?
Oder kommt Christus in Wirklichkeit erst zum Gericht
am jüngsten Tag?
Der Apostel schreibt uns:
19Ihr sollt begreifen,
mit welch überwältigend großer Kraft,
Gott in uns Glaubenden wirkt […]
20Diese Macht ließ er auch an Christus wirksam werden:
Er hat ihn von den Toten auferweckt
und an seine rechte Seite im Himmel gesetzt.
21Dort thront er hoch über Mächten und Gewalten,
Kräften und Herrschaftsbereichen,
Er herrscht über alles, was sonst einen Namen hat,10 —
nicht nur in diesem Zeitalter, sondern auch im kommenden.
Mit der selben Macht,
die in euch wirkt,
hat Gott Christus von den Toten auferweckt
und eingesetzt zu seiner Rechten.
Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft
sind vor Gott auf einen Punkt zusammengeschmolzen.
- Dein Brauchen und dein Haben,
- dein Fehlgriff und deine Heiligung,
- deine Sünde und deine Gerechtigkeit
- dein Leiden und sein Sieg,
- dein Leben in dieser Welt, mit allem, was dazugehört,
sind von Jesus Christus angenommen.
Dein Leben in diesem Zeitalter
und im nächsten
sind eins.
(Schluss)
Ich habe letztens ein Grabmal gesehen,
das mich beeindruckt hat.
Es zeigt Christus,
wie er seinen Kopf aus dem Jenseits in das Diesseits neigt.
Das ist keine glatte, perfekte Oberfläche,
sondern sie ist bewegt, wogend, lebendig.
Auf dem grob behauenen Stein hat sich Moos angesiedelt. —
Wo sich Himmel und Erde begegnen ist bewegt,
dynamisch.
Christus blickt liebevoll aus dem Himmel herab
auf die Gräber.
Jemand hat Blumen an die Platte mit den Namen gestellt,
eine leere Pflanzenschale
lässt sommerliches Grün noch vermissen.
Doch aus aus einem roten Topf mit etwas Gestrüpp
ragt eine Blume hervor.
Ist sie echt?
Wahrscheinlich nicht,
aber sie hat offene Blüten
und eine Blütenknospe,
wie eine Erinnerung daran,
dass hier neues Leben entstehen könnte.
Christus’ Kopf ist stark mitgenommen.
Anscheinend haben ihm in den letzten hundert Jahren
einige Vandalen zugesetzt.
Seine Nase fehlt.
So ist Jesus Christus:
7Er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.
In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.
8Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.
9Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:
Er hat ihm den Namen verliehen,
der hoch über allen Namen steht.11
Christus ist der Tropfen,
um den sich Wellen kreisförmig ausbreiten.
Der erste Kreis ist die Kirche,
aber die Kreise bewegen sich ständig,
dynamisch und wirksam,
bis sie das ganze Gefäß erfüllen.12
22Alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt
und ihn zum Haupt über die ganze Kirche gemacht.
23Sie ist sein Leib.
So ist sie die ganze Fülle dessen,
der alles in allem erfüllt:
Christus.
Das geschieht nicht aus Prinzip,
oder weil er muss,
sondern für dich.
Christus hat dich erwählt,
ihm ganz nah zu sein,
- denn bei ihm ist die Erkenntnis
und die Gewissheit des Glaubens, - bei ihm ist die Vergebung,
- bei ihm ist die Freiheit.
Der Herrscher des Alls ist dir nahe,
von nun an und in Ewigkeit,
und steht bei dir
selbst in Leiden
und Sterben
und Tod,
bis an den Tag, an dem der Herr kommt. — Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!13 Amen.
1 „Er mache euer Herz einsichtig“? Wie kann man so unpoetisch sein! Als könnten Menschen, die „einfaches“ Deutsch lesen, „erleuchtete Augen“ nicht verstehen.
2 „Alle, deren Namen man im Gebet anruft“ – Das ist schon eine sehr spezifische Deutung der Worte, die hier stehen; nicht falsch, aber auch nicht ganz treffend, sicher nicht für die Gottesdienstbesucher der Trinitatisgemeinde.
3 Warum sowohl LUT84 als auch die BasisBibel „Gemeinde“ wählen, erschließt sich mir nicht. Es ist doch deutlich, dass hier mit universaler Reichweite geredet wird. „Gemeinschaft der Heiligen“ würde auch gehen, wie im Credo.
4 Die Idee für die Grundstruktur „haben“ und „brauchen“ habe ich entnommen: Gottfried Voigt, „Das Heilige Volk“, Göttingen 1972, vgl. S. 119 (z.St.)
5 CA 5
6 Mk 9,24
7 Vgl. Rudolf Schnackenburg: „Der Brief an die Epheser“, EKK, S. 79, zu Vers 23.
8 Röm 7,15
9 Röm 8,24
10 „Alle, deren Namen man im Gebet anruft“ – Das ist schon eine sehr spezifische Deutung der Worte, die hier stehen, nicht falsch, aber auch nicht ganz treffend, sicher nicht für die Gottesdienstbesucher der Trinitatisgemeinde.
11 Phil 2,7–9
12 „Es ist also ein dynamischer Vorgang: die Fülle Gottes hat sich in voller Dichte und Kraft in Christus niedergelassen, und in diese Fülle werden wir durch unsere Verbindung mit Christus hineingezogen, so daß auch wir von der Fülle Gottes ‚erfüllt‘ und in sie aufgenommen werden. So gesehen, ist die Kirche jener Raum des ‚Erfüllens‘ Christi, in dem seine Segenskräfte wirksam und mächtig werden, jener Ort, wo ‚sich diese Fülle Christi niedergelassen hat und anwesend ist‘ (Schlier 99).“ — R. Schnackenberg, EKK, S. 81, zu Vers 23.
13 Phil 4,7
Weitere Predigten zu Himmelfahrt:
Ihr seid der Leib Christi
1.Kor 12,27,
Himmelfahrt
„Ihr seid der Leib Christi“ spricht der Apostel der Gemeinde zu. Anhand der Bereiche Gemeinschaft, Zeugnis, Diakonie und Gottesdienst lege ich aus, was das für die Trinitatisgemeinde bedeutet.
Der Himmel über uns
1.Kön 8,22–28,
Himmelfahrt
Drei Menschen und wie sie den Himmel sehen.
Daniel schaut die Weltreiche
Dan 7,1–14,
Himmelfahrt
Daniel hat seine Träume und Visionen aufgeschrieben und Menschen haben Zeit und Geld investiert, sie abzuschreiben und so aufzubewahren. Sie haben darin das Evangelium gehört, dass Gott stärker ist als alle Mächte der Welt.