Der Selbe
Predigt zu Heb 13,8
Was macht uns fest in unserem Leben? Was gibt uns das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, etwas dazustellen, jemand zu sein, der seines guten Namens wert ist
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Vers aus dem 13. Kapitel des Briefes an die Hebräer.
Der Apostel schreibt:
8Ἰησοῦς Χριστὸς
ἐχθὲς καὶ σήμερον
ὁ αὐτὸς καὶ εἰς τοὺς αἰῶνας.
8Jesus Christus:
gestern und heute
und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst uns beten: Herr, Gott, himmlischer Vater,
sende deinen Heiligen Geist,
damit der Brief an die Hebräer
zu einem Brief an uns wird. — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
was macht uns fest in unserem Leben?
Was gibt uns das Gefühl,
auf dem richtigen Weg zu sein,
etwas dazustellen,
jemand zu sein,
der seines guten Namens wert ist?
a) Das erste,
das mir einfällt,
ist ein ein Gesundheits- und Jugend-Kult.
Kalorien werden gezählt,
Vitamine dosiert
und das Alter wird geschönt.
Diese Haltung ist in einem gewissen Sinne materialistisch.
Das Material ist der eigene Körper,
der sich nicht verändern darf.
In den 90ern gab es diese Werbung:
Ich will so bleiben, wie ich bin! —
Du darfst!
Ich habe gelernt:
Vorsicht mit Modalverben!
Die sind sehr beliebt,
um einen Anspruch
als Zuspruch zu tarnen,
oder eine Moralpredigt
als Gebet:
Herr Gott, barmherziger Vater,
wir danken dir dafür,
dass wir alles so machen dürfen,
wie der Herr Pastor in seiner Predigt gesagt hat.
Genau so funktioniert diese Werbung auch:
Du darfst so bleiben, wie du bist…
Das gibt Stabilität und Identität für dein Leben.
…du musst nur unsere Produkte kaufen.
Das dürfen ist ein getarntes müssen,
das Angebot eine versteckte Manipulation.
Die kirchliche Variante dieses Denkens
ist am besten zum Ausdruck gebracht
in den beiden Grundbekenntnissen vieler Kirchengemeinden:
1. „Das war schon immer so“.
und
2. „Das haben wir noch nie gemacht“.
Das führt zu Unbeweglichkeit
und die Unbeweglichkeit vermittelt das Gefühl
von Stabilität und Identität.
Die kann man sich dann selber herstellen,
indem man einfach daran festhält,
wie es „immer“ schon war.
b) Das zweite, das mir einfällt,
sagt sich am besten auf schwäbisch:
Schaffe, schaffe,
Häusele baue!
Das ist ein Haltung zum Leben,
die gut dargestellt ist in dieser Sparkassen-Werbung:
Zwei Freunde treffen sich zufällig nach langer Zeit
und zeigen sich gegenseitig:
Mein Haus, mein Auto, mein Boot.
1995 brauchte man dazu noch Fotos,
heute würde natürlich auf dem Smartphone gewischt.
Diese beiden Männer legen einander Rechenschaft ab
über ihr Leben seit der Schule.
Der Maßstab,
den sie an ihr Leben anlegen,
ist rein materiell.
Sie zeigen sich nicht
- ihre Abschlüsse, was sie gelernt haben,
- ihre Ehepartner,
die Beziehungen, in die sie sich gegeben haben, - oder ihre Kinder,
die Liebe, die in ihnen brennt.
Alles, was sie vorzeigen, ist tot.
Die Kirchliche Variante davon ist die Rolle,
die Bauten und Bauprojekte
für eine Gemeinde spielen können:
wenn eine Gemeinde eine prächtige Kirche hat,
aber kaum Gottesdienstbesuch,
oder prächtige Gottesdienste
nur für sich selbst.
c) Die dritte Strategie
auf der Suche nach Festigkeit,
die ich ansprechen möchte,
lässt sich formulieren in der Haltung:
Ach!
Die Welt wäre ein besserer Ort,
wenn alle Menschen so wären wie wir!
Diese Haltung gibt es sowohl gesamt-gesellschaftlich
als auch kirchlich.
Da entspricht die Kirche mal voll dem Zeitgeist.
Zwei Varianten lassen sich beispielhaft unterscheiden:
Die erste halten manche für progressiv.
Sie versuchen,
durch ökologisch und sozial informierte Moral
die Welt zu retten.
Lastenfahrräder, Heizverbote
und tendenziell links-grüne Politik
gehören da ins Bild.
Als Gegenstück eignet sich einen neu-rechte, blaue Politik.
Die halten manche für konservativ.
Hier wird versucht,
mit althergebrachten Vorstellungen
von Familie und Nation
die Welt zu retten.
Wer beim ersten Date das Essen bezahlt,
wird zur theologischen Grundsatzfrage;
und natürlich wartet man mit dem Sex bis zur Ehe.
⊙)2 Liebe Gemeinde,
ihr merkt,
dass ich all diesen Versuchen,
Halt und Identität zu finden,
nicht viel abgewinnen kann.
Aus meiner Sicht sind sie auf einer Linie
mit Vorstellungen, die die Bibel verwirft.
Für die antiken Menschen
war es selbstverständlich,
dass die Götter die Welt im inneren zusammenhalten.
Doch deren Götter
waren anfällig und wankelmütig.
Die Götter mussten geführt, bezirzt und besänftigt werden.
Dazu dienten die Opfer.
Die Opfer und der Kult um sie
waren die Hebel,
an denen die Menschen saßen,
um die Welt stabil zu halten
und Kontinuität sicherzustellen.
Diese Opfer durften sie bedienen;
aber dieses dürfen ist ein müssen.
Die Macht und die Kraft und die Verantwortung
liegt so nämlich gnadenlos bei dir. —
Vor diesem Hintergrund
lässt sich erahnen,
wie radikal die Aussage des Apostels ist,
wenn er schreibt:
Nun aber,
am Ende der Welt,
ist [Christus] ein für allemal erschienen,3
durch sein eigenes Opfer
die Sünde aufzuheben.4
Nicht du hältst die Welt zusammen
durch das, das du tust,
sondern Jesus Christus
hat – ein-für-alle-mal –
Gottes Gnade in die Welt gebracht.
Die Welt hängt nicht von dir ab;
dein Wert hängt nicht von deiner Leistung ab,
sondern
8Jesus Christus:
gestern und heute
und derselbe auch in Ewigkeit.
Was war,
was ist
und was die Ewigkeit für uns bereit hält
steht in Christus fest und sicher.
c’) Das bedeutet natürlich nicht,
dass wir davon befreit wären,
moralische Entscheidungen zu treffen.
- Uns ist befohlen,
die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren.5
Das verweist uns auf die Umwelt
und deren Schutz. - Geschlechtlichkeit und Sexualität
sind wichtige Seiten des Mensch-Seins.
Da geht auch viel schief
und deswegen kommen sie in der Bibel oft vor.6
Wenn wir uns hier zum Gottesdienst versammeln,
beginnen wir meistens mit dem Rüstgebet.
Herr, sei mir Sünder gnädig;
der allmächtige Gott erbarme sich meiner.
Dieses Gebet ist dazu da,
dich zu verunsichern.
Sicher sind diejenigen,
die in ihrem Herzen denken:
Ja, ich bin ein Sünder,
aber ich bin so ökologisch,
ein Umweltsünder bin ich nicht!
Oder:
Ja, ich bin ein Sünder,
aber ich lebe ein biblisch begründetes Familienbild,
unzüchtig bin ich nicht!
Das Rüstgebet ist dazu da,
dich zu verunsichern,
denn deine Sicherheit.
die ist nicht in der selbst,
sondern in Christus.
8Jesus Christus:
gestern und heute
und derselbe auch in Ewigkeit.
b’) Jesus sagt:
Mt 6,20Sammelt euch aber Schätze im Himmel,
wo weder Motten noch Rost sie fressen[…].
21Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.[…].
26Seht die Vögel unter dem Himmel an:
sie säen nicht,
sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen;
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Natürlich müssen wir unsere „Brötchen“ verdienen
und es ist nichts verkehrt daran,
sich daran zu erfreuen,
was man erworben hat.
In der Bibel ist es ausdrücklich ein Zeichen der Freundschaft
zwischen Abraham und Gott,
dass Abraham reich und erfolgreich ist.
Doch der wirkliche Schatz,
den Vater Abraham besitzt,
zählt sich nicht in Schafen und Rindern,
sondern in seiner Freundschaft zu Gott.
Sein Herz ist bei Gott
und eben dieser Glaube
wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.7
Gott hat lägst den ersten Schritt auf dich zugetan.
In deiner Taufe hat er dich angenommen
und dich zum Eigentum erwählt.
Gott zu gehören,
ist der größte Schatz,
den es gibt.
Und es nicht die Sorte Schatz,
der du etwas hinzufügst,
indem du dich abmühst.
c’)
8Jesus Christus:
gestern und heute
und derselbe auch in Ewigkeit.
Er ist der selbe –
und deswegen darf dein Leben sich ändern.
Christus ist der Garant
für deine Identität und deinen Wert.
Nächstes Jahr,
so Gott will und wir leben,8
ist hier wieder ein Gottesdienst zum Altjahresabend.
Wir werden nicht so bleiben,
wie wir heute sind,
sondern ein Jahr älter,
vielleicht auch ein Jahr weiser und reifer.
Mein Wunsch für dieses Jahr ist,
dass ich mehr hineinreife in Güte und Liebe Gottes,
denn ich weiß,
dass er die Welt in Händen hält
und seine Gnade mich durchträgt
zum Himmelreich.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!9 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Die Mitte meiner Ringkomposition will Gedanken aufnehmen von Erich Grässer: „And die Hebräer“, EKK, Neukirchen 1997, zu den Versen 9 und 10 S. 372ff. Der Ausleger betont mehrmals, dass es sich hier um „schwierige“ Stellen handelt, mit die dunkelsten des NT.
3 Das ist das ἐθάπξ, von dem Grässer im o.g. Abschnitt redet.
4 Hebr 9,26
5 Vgl. Gen 2,5 und und Gen 1,25; „herrschen“ ist die Tätigkeit eines guten Königs, der seinem Land und allen, die darin wohnen, ein Segen ist.
6 Auch im unmittelbaren Kontext unseres Abschnittes, Kap. 13 beginnt mit Mahnungen zu verschiedenen Themen, insb. auch Sexualität.
7 Röm 4,3 (nach Gen 15,6).
8 Vgl. Jak 4,15.
9 Phil 4,7
Weitere Predigten zu Altjahrsabend:
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Jes 51,1–8,
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Marmor, Stein, Eisen, Inseln, Kontinente, wir und die ganze Menschheit sind vergänglich. Gottes Liebe aber spielt in einer ganz anderen Liga.
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Röm 8,31b–39,
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Mt 13,24–30,
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Wie soll der Bauer damit umgehen? Das Unkraut, das der Feind säht, heißt auf Deutsch Lolch. Es sieht aus wie Weizen, ist aber giftig.
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Das schöngeredete Konzerthaus
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