19:36

Gesetz und Evangelium (Lehrpredigt)
Predigt zu Mk 10,2–16

129 20. So. n. Trinitatis, 22. Oktober 2023, Frankfurt

Die ganze Schrift, beide Altes und Neues Testament, wird in die zwei Stücke geteilt und lehrt diese zwei Stücke, nämlich Gesetz und Evangelium. – Diese Unterscheidung führe ich durch an unserem Predigtabschnitt und an einem der Verse aus der Genesis, die Jesus zitiert.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist die Evangeliumslesung bei Markus im 10. Kapitel,
wie wir sie gerade gehört haben.

2Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn,
ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau;
und sie versuchten ihn damit.
3Er antwortete aber und sprach zu ihnen:

Was hat euch Mose geboten?

4Sie sprachen:

Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben
und sich zu scheiden.

5Jesus aber sprach zu ihnen:

Um eures Herzens Härte willen
hat er euch dieses Gebot geschrieben;
6aber von Beginn der Schöpfung an
hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.
7Darum wird ein Mann
seinen Vater und seine Mutter verlassen
und wird an seiner Frau hängen,
8und die zwei werden ein Fleisch sein.
So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
9Was nun Gott zusammengefügt hat,
soll der Mensch nicht scheiden.

10Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach.
11Und er sprach zu ihnen:

Wer sich scheidet von seiner Frau
und heiratet eine andere,
der bricht ihr gegenüber die Ehe;
12und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann
und heiratet einen andern, bricht sie ihre Ehe.

13Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre.
Die Jünger aber fuhren sie an.
14Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen:

Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht;
denn solchen gehört das Reich Gottes.
15Wahrlich, ich sage euch:
Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind,
der wird nicht hineinkommen.

16Und er herzte sie
und legte die Hände auf sie
und segnete sie.

Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!2 — Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

(1)Die ganze Schrift,
beide Altes und Neues Testament,
wird in die zwei Stücke geteilt
und lehrt diese zwei Stücke,
nämlich Gesetz und [Evangelium].
3

Landläufig gibt es das Klischee,
dass das Alte Testament nur Gesetz sei,
mit einem bösen, rachsüchtigen Gott Vater.
Dagegen sei angeblich das Neue Testament nur Evangelium.

So einfach ist das aber nicht,
sondern die
ganze Heilige Schrift,
beides, Altes und Neues Testament,
enthalten Gesetz und Evangelium,
Gottes Anspruch an uns und seinen Zuspruch für uns.

Jesaja schreibt:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein!
4

Dieser und die folgenden Verse
sind ein starker Zuspruch,
eine leidenschaftliche Liebeserklärung Gottes.
Viele Christen wählen diesen Vers als Taufspruch,
weil
das Evangelium ist.

Unser Abschnitt heute Morgen ist aus dem Neuen Testament,
aus einem Buch, das „Markus Evangelium“ heißt.
Martin Luther hat über diese Verse gesagt,
sie enthalten nichts als Gesetz.
5

Ein einzelnes Schriftwort
kann Gesetz und Evangelium sein,
je nach dem, wer es hört.
Es kann Zuspruch oder Anspruch sein
für einen bestimmten Menschen,
je nach dem,
in welche Situation in seinem Leben es gerade fällt. —

Die Zehn Gebote sind der Anfang der Gesetzessammlung,
nach der die fünf Bücher Mose ihren jüdischen Namen haben:
die תּוֹרָה (Torah), das „Gesetz“.
Trotzdem enthalten sie Gesetz und Evangelium.

Ich bin der Herr, dein Gott,
der dich aus Ägyptenland geführt hat,
aus der Knechtschaft.
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
6

Das ist erst mal Zuspruch:

Ich bin dein Gott.

Wie:

Ich bin dein Freund.

„Wir haben schon ein Abenteuer hinter uns gebracht.“

Ich habe dich aus Ägypten befreit,
aus dem Sklavenhaus.

Da steht aber auch Anspruch,
ganz klassisch,
wie wir es gewöhnt sind:

Du… sollst… 
keine anderen Götter haben neben mir.

Eifersucht kann wie eine Liebeserklärung sein:

Du bist toll, ich will dich nicht teilen!

Oder binden wie eine Fessel:

Ich will dich nicht teilen,
deshalb erlaube ich dir nicht,
dieses-und-jenes zu tun.

Hier klingt
in der Spannung von Gesetz und Evangelium
die Spannung an
zwischen Freiheit und Bindung.

Gott jedenfalls macht unmissverständlich klar:

Ich, der Herr, dein Gott,
bin ein eifernder Gott,
der die Missetat der Väter heimsucht
bis ins dritte und vierte Glied
an den Kindern derer, die mich hassen,
aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden,
die mich lieben und meine Gebote halten.
7

Drei bis vier Generationen sind unter Gottes Zorn,
tausende unter seiner Gnade.

Gesetz und Evangelium sind nicht gleichberechtigt
und sie sind nicht symmetrisch.
Das Evangelium ist immer stärker als das Gesetz.

Zorn und Gesetz sind Gott fremd.
Sein eigentliches Werk sind Gnade und Barmherzigkeit.
8

Gottes Zorn währet einen Augenblick,
aber lebenslang seine Gnade.
9

Für die Reformatoren liegt der Inbegriff des Evangeliums darin,
auf den Kopf zugesagt zu bekommen:

Dir sind deine Sünden vergeben.10

Das sagt Christus selbst zu dir.11
Hier siehst du,
wie wertvoll du Gott bist.

Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben,
Kusch und Seba an deiner Statt,
weil du in meinen Augen so wertgeachtet bist und herrlich und weil ich dich liebhabe.
12

Wenn das Evangelium aber so viel mehr ist, als das Gesetz,
können wir das Gesetz dann nicht ’rausschmeißen?
„Das sei ferne!“, antwortet Paulus auf diese Frage.
13

Auf der Beziehungsebene
führt uns das Gesetz vor Augen,
wie weit wir von Gott entfremdet sind.

Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.14

Das Gesetz überführt uns als Sünder,
so dass wir uns regelrecht erschrecken über uns selbst.
15

Auf der Sachebene
konfrontiert uns das Gesetz mit dem Anspruch Gottes.
Für die Sünder steht das unter dem Vorzeichen der Pflicht:

Es ist die gesagt, Mensch,
was gut ist,
und was der
Herr von dir fordert:
nichts als
- Gottes Wort halten
- und Liebe üben
- und demütig sein vor deinem Gott.
16

Nur so ist Gemeinschaft möglich
zwischen Mensch und Gott
und zwischen Mensch und Mensch.
17

Für die Gerechtfertigten
steht das Gesetz unter dem Vorzeichen der Freiheit:

Alles ist dir erlaubt,
aber nicht alles gereicht dir zum Guten.
18

(2) Liebe Gemeinde,
Pharisäer treten an Jesus heran
und befragen ihn zur Ehescheidung.
Ihre Absicht scheint zu sein,
ihn zum Widerspruch gegen die Torah zu verleiten.
Sie wollen öffentlich zeigen,
dass Jesus nicht rechtgläubig lehrt. –
Und Jesus liefert.

Das Gesetz des Moses’ sieht die Ehescheidung vor,
wenn ein Mann etwas „schändliches“ an seiner Frau findet.
19
Das wurde strikt ausgelegt und auch lax,
so dass zu Jesu Zeiten
im Grunde jede Ehe legal geschieden werden konnte.
20
Der Mensch macht Moses’ Gesetz zu seinem eigenen Gesetz. –

Für die Frauen bedeutete das,
dass sie keine Sicherheit hatten.
Es konnte ihnen mehr oder weniger leicht passieren,
dass sie auf der Straße gelandet sind –
inklusive ihrer Kinder.
21
Dagegen setzt Jesus die Schöpfungsordnung:

Von Beginn der Schöpfung an
hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.

Darum wird ein Mensch
seinen Vater und seine Mutter verlassen […]
22
und die zwei werden
ein Fleisch sein.

So sind sie nun nicht mehr zwei,
sondern
ein Fleisch.

Was Gott zusammengefügt hat,
das soll der Mensch nicht scheiden.

Für die Frauen damals
ist das starker Zuspruch:

Du bist Gott wichtig und wertvoll.
Er hat deine Ehe geschaffen.
Sie ist keine Menschensatzung,
sondern gilt seit Anfang der Schöpfung.
Du kannst dir dessen so sicher sein,
wie du sicher sein kannst,
dass du Männlein oder Weiblein bist.

So gesehen ist dieser Abschnitt Evangelium
- für eine konkrete Zielgruppe
- zu einer bestimmten Zeit.

Natürlich ergibt sich aus Jesu Standpunkt auch eine Pflicht.
Im ursprünglichen Kontext vor Allem für die Männer.
Doch im Laufe der Zeit
hat das Gesetz die Sicht auf das Evangelium verstellt.
Noch das Recht der Bundesrepublik sah für Frauen
eingeschränkte Besitz- und Freiheitsrechte vor.
Das Scheidungsrecht bevorzugte die Männer.
Aus Gottes Evangelium:

Du bist mir wichtig und wertvoll.

wurde ein menschliches Gesetz:

Halt den Mund
und stell dich an den Herd!

Ist deswegen jede Scheidung in Ordnung?
Ist die Ehe als Lebensform einfach hinfällig?

Das sei ferne!

Gott hat gewusst, was er tat,
als er uns Menschen so geschaffen hat, wie wir sind.
Wir haben ein Bedürfnis nach Beziehung,
Geborgenheit und Familie.

Dieses Bedürfnis kommt aus Gottes Zuwendung zu uns,
aus seinem Wesen,
dem gemäß wir geschaffen sind.
23
Ansprüchen und gesellschaftliche Erwartungen tragen uns nicht,
sondern Gottes Barmherzigkeit und Liebe.

Das Gesetz ist ein Mittel Gottes,
das er gebraucht,
damit seine Barmherzigkeit und Liebe
unsere Wirklichkeit mehr und mehr bestimmen.
Viel mehr aber gebraucht er Gnade und Vergebung.
Gottes Liebe ist auch in unserem Scheitern ungebrochen.

(3) Liebe Brüder und Schwestern,
von diesem Standpunkt aus
möchte ich einen letzten Gedanken ansprechen.
Um für die Unauflöslichkeit der Ehe zu argumentieren,
zitiert Jesus einen Vers aus dem Alten Testament,
Genesis 1,27:

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn;
und schuf sie als Mann und Frau.

Das ist ein starker Zuspruch.
Hier steht nämlich,
das Frauen im vollen Sinne des Wortes Menschen sind. –

Falls sich jemand fragt,
wo in Frage steht,
dass Frauen Menschen sind,
den muss ich nicht auf die Antike verweisen.
Auch unsere Gesellschaft hat Felder,
in denen Frauen nicht
- arbeitende,
- atmende,
- sprechende
Menschen sind,
sondern angemalte Püppchen.

Es geht mir hier nicht um Kleidervorschriften,
hohe Schuhe,
lange Fingernägel
oder bauchfreit Shirts.
Aber das Bikini-Mädchen aus der Fernseh-Werbung
ist eher nicht handelndes Subjekt,
sondern ein Objekt,
an dem gehandelt wird
und Dekoration, die angegafft wird.

Dagegen sagt die Bibel:

Gott hat dich als einen richtigen Menschen erschaffen!

Einen Menschen,
den er liebt,
der ihm wichtig ist.

Du musst erlöst werden, wie alle Menschen,
aber Gott gibt seinen eingeborenen Sohn her –
für dich!

Aus diesem Zuspruch wird dann ein Gesetz:

Gott hat dich als Mann oder Frau erschaffen
und du musst jetzt die ganzen Erwartungen erfüllen,
die an deine Geschlecht gestellt werden!

Ein Mann muss reden, handeln und fühlen wie ein Mann:
- „Indianer kennen keinen Schmerz“.
- „Stahl blutet nicht“.
- „Ein deutscher Soldat wärmt sich an ’nem Eisblock“.

Mädchen müssen immer brav und angepasst sein.

Viele junge Leute heute lassen sich das nicht mehr gefallen.
Äußere Attribute sind viel flüssiger geworden,
wie Kleidung,
Vornamen,
Personalpronomen,
und auch ihrer privaten und öffentlichen Identität.
Wie fühlt es sich an,
- ein Mann zu sein?
- eine Frau zu sein?
Was passt eher zu mir?

Ist dadurch das Geschlecht des Menschen aufgelöst?

Das sei ferne!

Gott hat den Menschen mit zwei Geschlechtern geschaffen.
Es ist schon so,
dass die eine Sorte Mensch Babies kriegen kann
und die andere Sorte hilft.
Alles andere ist Verhandlungsbasis.

Ich denke, die aller meisten von uns
leben gut und gerne mit dem Geschlecht,
das sie körperlich vorgefunden haben.
Bei den Erwartungen an sie machen sie vielleicht Abstriche,
aber im Großen und Ganzen sind sie geborgen in dem,
was sie sind,
und erleben das als Gottes Fürsorge und Barmherzigkeit.

Gottes Fürsorge und Barmherzigkeit
stehen auch dann nicht in Frage,
wenn ein Mensch das Geschlecht,
das er vorfindet,
als eine Herausforderung erlebt,
oder sogar als eine Zumutung.

Hier in der Welt kann das passieren:
Die „sehr gute“ Schöpfung Gottes
fällt unter die Macht der Sünde.
Da ist Leid, wo Freude sein sollte.
Da stehen plötzlich Dinge
zwischen dir und Gott,
die eigentlich Beziehung herstellen sollen.
Das gilt manchmal für die Ehe,
das gilt manchmal für dein Geschlecht,
das kann auch für andere Dinge gelten,
die dir in deinem Leben begegnen.

Eins darfst du dabei nie vergessen:
Ob du ein Sohn bist
oder eine Tochter
oder irgendetwas daneben oder dazwischen –
du bist immer ein Kind Gottes. —

Und sie brachten Kinder zu Jesus,
doch die Jünger fuhren sie an.
Als Jesus das sah,
ärgerte er sich und sagte zu ihnen:

„Lasst die Kinder zu mir kommen
und wehret ihnen nicht.
Denen gehört das Reich Gottes“.

Und er nahm die Kinder in den Arm
und legte ihnen die Hände auf
um sie zu segnen.

Dieser Segen deines Herrn Jesus Christus
komme über dich und bleibe bei dir,
dein ganzes Leben lang,
bis du das Reich Gottes empfängst als sein Kind.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!24 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Ps 119,105


3 Nach ApolCA 4, BSELK S. 268,24ff.


4 Jes 43,1


5 Hierzu fehlt mir die Quelle. Wenn es keinen Beleg gibt, ist es gut erfunden.


6 Ex 20,2f


7 Ex 20,5b–6


8 Die Unterscheidung von opus alienum und opus proprium geht auf Luther zurück. FC 5 redet davon, dass der Kreuzigungs-Narrativ Gesetz sei, in so fern er uns unsere Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit vor Augen führt. Dies sei Christi „fremdes Werk“. Dadurch komme er aber zu seinem „eigentlichen“ Werk, nämlich Gnade und Vergebung zu verkündigen, FC 5 Satz 8, BSELK S. 1250.


9 Ps 30,6


10 Lk 7,24 u.ö.


11 Die Beichte ist ein Fest des Evangeliums.


12 Aus Jes 43,3f.


13 Vgl. Röm 7,7ff.


14 Röm 3,20


15 Vgl. bspw. ASm „Vom Gesetz“, BSELK S. 750. Diese Wirkung bzw. diesen „Gebrauch“ des Gesetzes nennt man den usus elenchticus oder theologicus.


16 Micha 6,8, der Wochenspruch für diesen Sonntag.


17 Deswegen heißt dies der „politische“ Gebrauch des Gesetzes, usus politicus legis.


18 Nach 1.Kor 6,12, vgl. auch 1.Kor 10,23; vgl. desweiteren zum dritten Gebrauch des Gesetzes, dem tertius usus legis, FC 6, insb. BSELK S. 1444.


19 Vgl. Dtn 24,1–4.


20 Vgl. Gnilka, EKK, z.St., S. 71f.


21 Dass Frauen sich haben scheiden dürfen, worauf Jesus im Gespräch „daheim“ mit den Jüngern eingeht, kommt im griechisch-römischen oder jüdisch-ägyptischen Recht in den Blick. Vgl. Gnilka, EKK, z. St. S. 75.


22 Mk 10,7 bietet ἄνθρωπος und einige Majuskeln lassen den geschlechts­spezifischen Teil „und seiner Frau anhangen“ aus; vgl. Gnilka, EKK, z.St., S. 72f. Ich folge Gnilka hier v. A. um der Kürze willen.


23 Vgl. „Reich sein bei Gott“, Predigt zu Lk 12,13–21, www.pafap.de, Nr. 128.


24 Phil 4,7