17:25

Komm und sei uns nahe, Herr
Predigt zu Hhld 8,8–11

100 2. Advent, 4. Dezember 2022, Frankfurt

Was machen erotische Liebesgedichte in der Bibel? Die erste Liebe ist eine ganz besondere Zeit im Leben eines Menschen und unser Leib ist Gott nicht unangenehm, sondern „das Wort wurde Fleisch“.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht im Hohelied der Liebe im 8. Kapitel.

8Da ist die Stimme meines Freundes!

Siehe,
über die Berge kommt er zu mir
und springt über die Hügel.

9Mein Freund gleicht einer Gazelle
oder einem jungen Hirsch.

Siehe, er steht hinter unsrer Wand
und sieht durchs Fenster
und blickt durchs Gitter.

10Mein Freund hebt an und spricht zu mir:

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne,
und komm her!

11Denn siehe, der Winter ist vergangen,
der Regen ist vorbei und dahin.
12Die Blumen sind aufgegangen im Lande,
der Frühling ist herbeigekommen,
und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande.
13Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen,
und die Reben duften mit ihren Blüten.

Mach dich auf, meine Freundin, und komm,
meine Schöne, komm her!

Lasst uns beten:
Komm herab, Herr, unser Gott,
Heilland, reiß die Himmel auf und regne hernieder,
sei der Frühregen aus Feuer,
der meine Sünde verbrennt,
sei der Spätregen mit Segen,
der mich wachsen lässt zu dir.

Flüster’ in mein Ohr,
damit dein Wort verstehe,
küsse meine Augen,
damit ich dein Angesicht sehe.

Mach die auf, mein Jesus, und komm,
mein Heilland, komm her zu mir!
— Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

(Einführung)
das war aber ein merkwürdiges Gebet.

Der erste Teil geht noch.
Da ist die alttestamentliche Lesung verbunden
über den Choral
mit der Epistel.

Zuerst Jesaja:

Ach, dass du die Himmel zerissest…

und dann der Choral:

…und regne aus, den König über Jabobs Haus…

und zum Schluss Jakobus,
der von „Frühregen und Spätregen“ spricht.

Da hat der Pastor poetische Ambitionen entfaltet.
Kann man machen, muss man nicht.

Aber der zweite Teil ist irgendwie komisch:
Jesus soll uns ins Ohr flüstern.
Da rückt der uns ganz schön auf die Pelle.
Da würden wir ja Jesus’ Atem fühlen an unserem Ohr,
so warm und unangenehm.
Da überschreitet der eine Grenze.
So nahe dürfen uns nur Menschen kommen,
denen wir so richtig vertrauen.
Vertrauen wir Jesus so sehr,
dass er uns so nahe kommen darf? —
Das ist eine interessante Frage:
Vertrauen und Glauben sind das selbe.
Im Neuen Testament
sind „vertrauen“ und „glauben“ ein einziges Wort. —

Dann soll Jesus uns auf die Augen küssen.
Das ist ja noch schlimmer!
Da könnte Spucke von Jesus in unsere Augen kommen.
Ekelig!

Ihr merkt:
Ich will euch ein bisschen aus der Reserve locken
und euch ein bisschen provozieren.
Ich denke,
das ist unserem Predigtabschnitt heute morgen
und dem Buch, aus dem er entnommen ist,
sehr angemessen.

1 Der Predigtabschnitt stammt aus dem Hohelied der Liebe.
Das ist eine Sammlung von Liebesgedichten.
Als ich das das erste Mal gehört habe,
war ich sehr überrascht:
Die Bibel enthält ein ganzes Buch mit erotischer Poesie.

Von Anfang an,
im jüdischen wie christlichen Bereich,
wurde die Frage gestellt:

Passt das überhaupt?
Wie ist das denn hier hergekommen?

Und von Anfang an war das auch mit der Frage verbunden:

Wollen wir das behalten,
oder lieber ’rausschmeißen?

Es gab aber eine lange Tradition allegorischer Auslegung.

Für jüdische Theologen war der junge Mann Gott,
und die junge Frau war Israel.

Für Christen gehört das Hohelied in den Bereich der Mystik.
Die Ausleger sehen im Jungen Mann
den Herrn Christus,
dessen Braut die Kirche ist,
die sie in der jungen Frau erkennen.

Mystik überschreitet die Grenze
der geordneten Welt
und einfacher Plausibilität.
Die Gedanken springen mit großer Leichtigkeit
und die Bilder funktionieren wie im Traum.

2 Der Advent ist keine gewöhnliche Zeit,
sondern eine ungewöhnliche:
- die Antependien haben eine andere Farbe,
- die Kirche ist besonders geschmückt.
- Wir singen auch etwas andere Lieder als sonst.

Solche Zeiten gibt es auch im Leben eines Menschen:
Zeiten, die aus dem Gewöhnlichen herausfallen.

Ich hab’ jetzt einen Song gehört,
da macht jemand eine Liste von verrückten Wünschen:
- er möchte aussehen, wie ein Kinostar,
- er möchte 20 Jahre jünger sein,
- er möchte die erste Liebe nochmal fühlen.

Die erste Liebe:
Das ist etwas ganz besonderes.
Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen,
das ist eine Zeit,
wo wir neu werden.
Wir entdecken neue Seiten an uns
und fühlen Gefühle, die wir vorher noch nicht hatten.
Man kann sagen:
Wir spüren dann Gottes Schöpferhand an uns
noch mal anders,
als zu anderen Zeiten unseres Lebens.

Von da aus gesehen
macht es plötzlich Sinn,
dass das Hohelied der Liebe einen Platz in der Bibel hat.
Die erste Liebe ist etwas ganz Besonders
und sie hat hier ihren Ort,
an dem sie gefeiert wird.
Das Hohelied ist ihr Bilderalbum,
mit dessen Hilfe sie sich erinnert.

Manche von uns erinnern sich vielleicht an eine Zeit,
in der der Glaube in Frage stand.
Wenn es gut läuft,
passiert das in der Zeit des Konfi-Unterrichts.
Man versteht mehr von der Sache
und fragt sich:

- Glaube ich das?
- Will ich das bekennen?
- Öffentlich?

Manche kennen sich vielleicht in einer Glaubenskrise.
Wenn man sich fragt: — Warum? —
Und: —Warum ich?

Aus so einer Krise kann man mit einem neuen
und vielleicht auch mit einem gestärkten Glauben hervorgehen.

Manche haben vielleicht eine regelrechte Bekehrung erlebt
und sind mit großem Eifer
und brennenden Herzen
auf den Weg des Glaubens gegangen.

Ich kann da aus eigener Erfahrung reden:
Das ist eine schöne Zeit,
eine intensive Zeit.
Und ich kann das auch noch abrufen.

Neulich sagte mir jemand,
man würde merken,
wie sehr ich für meine Sache brenne.

Und jemand anderes meinte,
ich würde strahlen,
wenn wir Abendmahl feiern.

Ich fühlte mich ein bisschen erwischt:

Ups, man merkt es mir an…

Aber es ist auch irgendwie schön:
Das Flämmchen brennt noch
und ab und zu gönne ich mir,
das Gas aufzudrehen
und die Begeisterung ist wieder da.

Genau so wichtig ist aber auch,
die Flamme des Eifers in geregelte Bahnen zu bringen.
Feuer ist eben auch zerstörerisch.

Wenn ich daran denke,
mit welchem Eifer wir an der Hochschule diskutiert haben.
- Selbstbewusst,
- meinungsstark,
- inkompetent –
das ist keine gesunde Mischung.
Der Glaube wächst mit
und der Eifer muss reifen und einen gesunden Weg finden.
Trotzdem denke ich gerne an diese Zeit zurück,
wie an die Zeit der ersten Liebe
und das Hohelied ist mir eine Einladung dazu.

Ich möchte euch Mut machen,
dieser Einladung für euch selbst zu folgen.

Wo hat Gott deine Flamme des Glaubens entzündet?

Wo hat er sie besonders stark gemacht?
Wo hat sie im Wind geflackert?

Kannst du an dir
- eine Entwicklung,
- ein Wachsen,
- ein Reifen
beobachten?

3 Liebe Gemeinde,
ich habe diese Predigt eingeleitet
mit einem Gebet,
wo Jesus uns körperlich nahe kommt.
Die erste Liebe ist eine besondere,
eine schöne Zeit,
die uns an Erfahrungen im Glauben erinnern mag,
aber erotische Gedichte haben auch eine körperliche Seite.
Wie soll das bitte zu Gott passen?

Im Johannesevangelium,
im 1. Kapitel steht:

1Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort. […]

Und dann Vers 14:

14Und das Wort wurde Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.

Das ist Johannes Art zu beschreiben,
was an Weihnachten geschieht.

„Das Wort wird Fleisch“,
Gott wird zu einem von uns
und lebt unser Leben –
am eigenen Leib.

Unser Körper ist ein Problem. –
Hier in der Welt leben wir immer auf Kosten anderen Lebens.
Mindestens Pflanzen müssen wir essen.

Unser Körper ist ein Problem. –
Hier in der Welt werden wir krank,
wir altern
und wir müssen sterben.

Aber nichts an unseren Körpern
ist an sich gegen Gott
oder problematisch
oder ekelig.
„Das Wort wird Fleisch“,
nicht zum Schein oder ein bisschen,
sondern Gott hat unter uns gelebt, genau wie wir.
Gott hat uns in Jesus umarmt, so, wie wir sind.

Die alten Theologen haben immer betont,
dass Jesus mit seinem Auferstehungsleib gegenwärtig ist
und den inneren Menschen geistlich stärkt.

Augustinus kann herzzerreißend sinnlich von
Licht,
Klang
und Duft
der Gegenwart Gottes reden…

…eine Umarmung, wenn ich liebe meinen Gott.

Ich sage manchmal,
die Predigt sei eine Liebeserklärung
und das Abendmahl sei eine Umarmung.

Ganz oft denke ich mir dann:

Oh ha,
das ist schon ganz schön kitschig!

Aber ausgerechnet von Augustinus
kriege ich hier Schützenhilfe.

Augustinus ist natürlich ganz wichtig,
dass es nicht Leib und Sinnlichkeit dieser Welt ist,
von der er redet,
sondern das alles schon zur Neuen Welt gehört.

Den antiken Auslegern war auch immer ganz wichtig,
dass es im Hohelied immer nur keusch zu sich geht.

Ich bin dafür,
erst mal zu betonen,
dass Gott unseren Leib angenommen hat:

Jesus ist mit seinem Leib gegenwärtig
um uns Menschen zu stärken.

Bei aller Problematik, –
Krankheit, Leiden, Tod –
und auch Sünde –
ist das ein Ausdruck von Wertschätzung für das, was wir sind,
das, woraus wir gemacht sind, materialia.

In Jesus hat Gott dich umarmt.
Diese Umarmung erfährst du hier am Altar.
Jesus kommt in einer Art zu dir,
die du greifen, fassen und zu dir nehmen kannst.

Wie schön leuchtet der Morgenstern,
voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn,
die süße Wurzel Jesse.
Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,
mein König und mein Bräutigam,
hast mir das Herz besessen.

Dann in der 4. Strophe:

O Herr Jesu, mein trautes Gut,
dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut
mich innerlich erquicken.
Nimm mich freundlich in deine Arme,
Herr, erbarme dich in Gnaden,
auf dein Wort komm ich geladen.

Amen.

Mach die auf, mein Jesus, und komm,
mein Heilland, komm her zu mir!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Das hat im Alten Testament durchaus Tradition. Jesaja zum Beispiel kann das Verhältnis von Gott und Israel mit sehr erotischen Bildern beschreiben.

 Vgl. Confessiones, Buch X, Kap. 6,8.

 Aus ELKG² 391,1+4 „Wie schön leuchtet der Morgenstern“.

 Phil 4,7