16:54

Das Geheimnis des Töpfers
Predigt zu Röm 11,25–32

33 10. So. n. Trinitatis, 16. August 2020, Bremen

In seiner ersten Vorlesung über den Römerbrief nennt Martin Luther unseren Predigtabschnitt heute Morgen „dunkel“. Tatsächlich redet Paulus ja von einem „Geheimnis“, das er den Römern mitteilen möchte. Was er ihnen zu sagen hat, bleibt ein Paradox.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer,
im 11. Kapitel. Der Apostel schreibt:

25Ich will euch, liebe Brüder,
dieses Geheimnis nicht verhehlen,
damit ihr euch nicht selbst für klug haltet:
Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren,
so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
26und so wird ganz Israel gerettet werden,
wie geschrieben steht:

„Es wird kommen aus Zion der Erlöser,
der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.

27Und dies ist mein Bund mit ihnen,
wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“

28Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde
um euretwillen;
aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte
um der Väter willen.
29Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

30Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid,
nun aber Barmherzigkeit erlangt habt
wegen ihres Ungehorsams,
31so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden
wegen der Barmherzigkeit,
die euch widerfahren ist,
damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam,
damit er sich aller erbarme.

33O welch eine Tiefe des Reichtums,
beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte
und unerforschlich seine Wege!

Lasst uns beten:
Schaffe in uns, Gott, ein reines Herz,
das dein Wort aufnehmen kann.
Mach uns zu einem schönen Gefäß
und fülle uns frühe mit deiner Gnade,
so wollen wir rühmen und fröhlich sein.
— Amen

1 Liebe Brüder und Schwestern!

Der Töpfer findet, er hatte eine richtig gute Idee.
Nur, damit wir uns verstehen:
Wir reden hier nicht von jemandem,
der einen Kurs bei der Volkshochschule gemacht hat,
sondern von einem studierten Bildhauer.
Seine Vasen, Krüge und Figuren
heißen „Objekte“
und stehen in Kunstgalerien.
Und das sind nicht die Galerien,
wo ein Preisschild neben den Werken steht.
Man will die Käufer ja nicht gleich abschrecken.
Deswegen muss man im Katalog nachschauen,
was man den bezahlen „darf“,
wenn man eines seiner Werke
bei sich zu Hause ausstellen möchte.

In seiner Werkstatt ist dem Töpfer das aber alles egal.
Er formt den feuchten Ton mit bloßen Händen.
Das ist schmutzige Arbeit,
dafür zieht man sich besser nicht den Sonntagsanzug an.

Der Töpfer betrachtet sein Werk.
Von der einen Seite findet er immer noch,
es sei eine gute Idee:
Es entspricht ihm,
- seiner Formensprache,
- seinem künstlerischen Anspruch,
- dem Eindruck, den er vermitteln will.

Nur: Von der anderen Seite sieht es einfach …
nicht so gut aus.
Und das ärgert unseren Töpfer.
Er findet, er kann das niemandem anbieten:
eine Plastik,
die nur halb-gut ist.

Er möchte der Sache aber noch ein Chance geben.
Er beschließt, das „Objekt“ in den Brennofen zu geben
und eine Nacht darüber zu schlafen,
was er damit macht.

Am nächsten Tag holt er es aus dem Ofen
betrachtet es ausgiebig.
Er prägt sich ein,
was gut ist an diesem Werk
und er beschließt,
neu zu beginnen.

Wer künstlerisch
oder handwerklich arbeitet kennt das bestimmt:
Manchmal kann man eine Sache nicht retten,
sondern muss einen klaren Schnitt machen.
Der Töpfer nimmt also sein frisch gebranntes Werk,
hält es etwas theatralisch über den Mülleimer –
und paff!
Er lässt es fallen
und es zerspringt in Scherben.

Da möchte man dem Töpfer gratulieren.
Man möchte sagen:

Richtige Entscheidung!
Du hast dich mit Mittelmäßigkeit nicht zufrieden gegeben.
Und auch wenn es schade ist um die Arbeit,
die du investiert hast:
Du hast einen klaren Schnitt gemacht!
Jetzt kannst du neu und frisch ans Werk gehen!

Dies ist alles so lange ein gutes Gefühl,
bis uns klar wird,
dass der Töpfer
Gott selbst ist.
Und das Werk seiner Hände,
das ihm solche Schwierigkeiten macht,
- das ist die Schöpfung,
- das sind wir.

Auf der einen Seite ist die Schöpfung „sehr gut“.
Auf der anderen Seite
ist sie verschandelt
und hässlich
- durch Gewalt,
- durch Bosheit,
- durch Heuchelei,
- durch Lüge,
- durch Gier,
- durch den Hass des Menschen gegen den Menschen
und gegen Gott –
kurz: durch all das, was die Bibel „Sünde“ nennt.

Sehen wir uns in der Hand es Schöpfers,
der etwas theatralisch die Keramik über den Mülleiner hält,
dann ist unsere Haltung plötzlich ganz anders:

„Moment!“

möchten wir sagen,

„Überleg dir das noch mal!
Schau doch auf die Seite,
die dir so gut gefällt!
Herr, erbarme dich!“

2 Liebe Gemeinde,
in seiner ersten Vorlesung über den Römerbrief
nennt Martin Luther unseren Predigtabschnitt heute Morgen „dunkel“.
Tatsächlich redet Paulus ja von einem „Geheimnis“,
das er den Römern mitteilen möchte.
Was er ihnen zu sagen hat,
bleibt ein Paradox.

Die Botschaft an die Leser
wird getragen von einer Spannung:

Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren.
Und doch wird ganz Israel gerettet werden.

Im Blick auf das Evangelium von Jesus Christus
sind die Juden Feinde Gottes.
Doch die Liebe Gottes zu ihnen ist ungebrochen,
denn Gott wird das Versprechen nicht brechen,
das er den Vätern gegeben hat.

Die Heiden sind eigentlich die echten Feinde Gottes,
aber jetzt hat Gott sie doch erwählt.
Deswegen oder dafür hat er einen Teil von Israel verstockt.
So sind Israel und die Heiden gleich geworden:
Sie sind alle ungehorsam,
aber trotzdem alle erwählt.

Am Ende möchte man den Apostel fragen:

Paulus,
jetzt sag doch mal klar,
was du meinst:
Wer ist jetzt erwählt zum ewigen Leben
und wer ist es nicht?

Wir möchten das „Geheimnis“ gerne auflösen.
Wir möchten gerne eine klare Unterscheidung.
Wir möchten gerne diesen klaren Schnitt. –
So lange,
bis wir uns erinnern,
dass der klare Schnitt bedeutet,
dass Gott seine Schöpfung in den Müll fallen lässt
und noch mal von Neuem anfängt.
Das macht Gott aber nicht,
sondern er geht diesen geheimnisvollen,
spannungsvollen anderen Weg.

Im Verlauf der Kirchengeschichte wurde diese Stelle im Römerbrief immer wieder so ausgelegt,
dass die Spannung kaputt geht:

(2a) Zum einen vertreten einige die sog. „Allversöhnung“.
Das funktioniert ungefähr so:

Die Juden sind verstockt,
bis alle Heiden gerettet werden.

Dann werden alle verstockten Juden gerettet.

Und am Ende sind alle Menschen
ohne Unterschied
bei Gott im Himmel.

Das ist bei „liberalen“ Christen sehr beliebt,
weil es eine menschenfreundliche Lehre ist,
die einem eine Menge Konflikte erspart.

Das Problem ist aber,
dass jeder Unterschied verloren geht.
Die Sünde ist eine zerstörerische Wirklichkeit.
Durch sie kommt viel Leid und Schmerz in diese Welt
und Schuld.
Wo ist Gott den gerecht,
wenn er keinen Unterschied macht zwischen denen,
die Schuld tragen
und denen,
die Leid ertragen?

Wenn alle Menschen gleich in den Himmel kommen,
sitzen nachher beim himmlischen Festmahl
die Menschen,
die in den Konzentrationslagern gelitten haben
am selben Tisch
wie die Menschen,
die dort die Aufsicht hatten.

Um im Bild mit dem Töpfer zu bleiben:
Das ist so, als ob der Galerist zum Töpfer sagt:

Ist doch egal,
ob die eine Seite deines Werkes misslungen ist!
Du hast so einen guten Ruf,
die Leute bezahlen trotzdem dafür,
wenn dein Name draufsteht!

Nein, nein, das ist nicht akzeptabel!
Der Töpfer hat einen künstlerischen Anspruch an sein Werk.
Gott hat einen Anspruch an dich.
Paulus redet hier von „Ungehorsam“.
Gemeinschaft mit Gott kommt darin zum Ausdruck,
dass man seinen Willen tut.
Wie es im Vaterunser heißt:

Dein Wille geschehe,
wir im Himmel,
so auf Erden.

Der Bruch mit Gott zeigt sich dort,
wo wir an seinem Willen scheitern.

(2b) Die zweite Möglichkeit,
die Spannung des Geheimnisses aufzulösen,
ist bei Christen sehr beliebt,
die sich für „konservativ“ halten.

Hier muss man ständig darauf bestehen,
dass man selbst auf der sicheren Seite sei –

weil man sich „für Jesus entschieden“ hat,

weil man in der „richtigen“ Kirche sei
oder die „richtige“ Lehre glaube,

weil man so fleißig diese oder jenen Werke tut
oder diese oder jene Regel einhält.

Auch so geht die Spannung verloren
und das Paradox wird aufgelöst.
Im Bild des Töpfers ist das so,
als wenn man seinem Schöpfer sagt:

Klar ist die andere Seite hässlich.
Das sehe ich vollkommen ein.
Aber
- ich,
- wir,
- meine Gruppe, Volk oder Kirche,
wir gehören auf die schöne Seite,
das ist ja mal sicher!

Dabei sagt Paulus ganz zu Anfang unseres Abschnitts:

Ich teile dieses Geheimnis mit euch,
damit ihr euch nicht selbst für klug haltet.

1.000 Jahre lang haben die Propheten Israel vor dem Hochmut gewarnt.
Genau so warnt der Apostel uns.

3 Liebe Brüder und Schwestern,
mit welchem Gefühl,
mit welcher Haltung will uns der Apostel
am Ende dieses Abschnittes zurücklassen?

Es gibt keinen klaren Schnitt.
Einfach Antworten sind nicht gültig:

weder die „liberale“ Antwort einer Allversöhnung,

noch die „fromme“ Antwort,
die sich selbst auf der sicheren Seite sieht.

Wir bleiben also mit der Spannung
und der Unsicherheit zurück:

Was ist denn jetzt mit mir?
Ich habe doch auch zwei Seiten.

Hier ist es wichtig,
dass wir das Bild vom Töpfer verlassen,
der seine Keramik so etwas theatralisch
über den Mülleiner hält.

Du bist keine Vase,
du bist ein Mensch.

Du bist das Werk seiner Hände,
aber du unterscheidest dich von allen anderen Geschöpfen:
Gott erkennt sich selbst in dir,
weil er in Jesus Christus Mensch geworden ist.

In deinem Gesicht erkennt Gott seinen geliebten Sohn,
unseren Bruder.
In deiner Taufe hat Jesus sich zu dir bekannt.
Deswegen lässt er dich nicht fallen.

Ist die Sünde deswegen egal? — Das sei ferne!
Gott geht nicht den einfachen Weg,
sondern den Wege einer lebendigen Beziehung
und seiner schöpferischen Liebe.
Sie macht uns immer mehr zu dem, was wir sein sollen.
Dahin sind wir auf dem Weg.

Gott hält dich nicht am langen Arm über einen Mülleimer,
sondern an seinem Herzen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Nach Ps 51,10.

 Nach Ps 90, 14.

 Vgl. Jes 94,7; Jer 18; Weish 15,7; Röm 9,21 u.ö.

 Gen 1,31

 Herr, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir alle dein Volk sind! (Jes 64,8)

 Vorlesung über den Römerbrief von 1515/16, zur Stelle. Vgl. Übersetzung von Eduard Ellwein, München 1927, S. 393.

 Phil 4,7