14:39

Die Berufung Jeremias
Predigt zu Jer 1,4–10

32 9. So. n. Trinitatis, 9. August 2020, Bremen und Bremerhaven

Kaum jemand nennt seinen Sohn Jesaja. Dabei ist uns dieser Prophet doch eigentlich näher: Sein Buch kommt im Gottesdienst und im Kirchenjahr viel öfter vor als andere Propheten. Doch in fast jeder Generation findet man einen Jeremia. Ich glaube, das hat auch etwas zu tun mit den Berufungsgeschichten der beiden Propheten.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist der Bericht über die Berufung des Propheten Jeremia.
Sie findet sich im ersten Kapitel seines Buches.

Jeremia schreibt:

4Des Herrn Wort geschah zu mir:

5Ich kannte dich,
ehe ich dich im Mutterleibe bereitete,
und sonderte dich aus,
ehe du von der Mutter geboren wurdest,
und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

6Ich aber sprach:

Ach, Herr Herr,
ich tauge nicht zu predigen;
denn ich bin zu jung.

7Der Herr sprach aber zu mir:

Sage nicht: „Ich bin zu jung“,
sondern du sollst gehen,
wohin ich dich sende,
und predigen
alles, was ich dir gebiete.

8Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten.

So spricht der Herr.

9Und der Herr streckte seine Hand aus
und rührte meinen Mund an und sprach zu mir:

Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

10Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche,
dass du ausreißen und einreißen,
zerstören und verderben sollst
und bauen und pflanzen.

Lasst uns beten:

Herr, wir bitten dich:
Sprich zu uns durch das Wort an Jeremia.
Reiß aus, was uns bindet,
reiß ein, was uns von dir trennt!
Statt dessen
erbaue uns im Glauben
und pflanze uns in die satte Erde deines Weinberges.

Amen

Liebe Brüder und Schwestern!

(1) Ich frage mich,
warum nicht mehr Menschen ihre Söhne Jesaja nennen.

Jeremia ist ein recht beliebter Name,
aber ich glaube,
mir ist noch nie jemand begegnet,
der Jesaja heißt.
Dabei kommt Jesaja im Gottesdienst viel öfter vor,
und auch an prominenten Stellen:

  • Ankündigungen von Christi Geburt;
  • wichtige Texte, die uns helfen,
    Jesu Leben besser zu verstehen.

Trotzdem ist er als Namensgeber unbeliebt.
Einem Jeremia kann in jeder Generation begegnen.

Ich vermute,
diese Vorliebe haben
auch etwas mit den Berufungsgeschichten dieser Propheten zu tun.

Jesaja wird von Gott in den Thronsaal gehoben.
Er sieht den
Herrn auf seinem Thron sitzen
und der Saum seines Gewandes füllt den Tempel.
Die Serafin loben Gott und rufen

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.2

Diesen Ruf wiederholen wir bei der Feier des Abendmahls.
Das ist ein Beispiel dafür,
was ich gerade sagte:
dass die Worte
dieses Propheten uns oft begegnen!

Jesaja hat Angst.
Er sagt:

Wehe, wehe, ich vergehe, denn
ich bin ein Mann von unreinen Lippen
aus einem Volk von unreinen Lippen.
3

Als Gott aber fragt:

Wen soll ich senden?
Wer will unser Bote sein?

Da entfährt es Jesaja wie in einem Traum
und ohne jedes Zögern:

Hier bin ich,4
sende mich!5

Das ist doch die Antwort,
die man sich als gläubiger Mensch wünscht:
Dass man so reagiert,
wenn Gott einen anspricht:

Hier bin ich.
Ich bin ganz dein.
Für dich bin ich da.
Was kann ich für dich tun?

Traumhaft!
Fast wie Jesus!

Jesus hat ja das Problem nicht.
Er hat Willensgemeinschaft mit dem Vater.
Jesus kennt die Versuchung,
wie in der Wüste,
6
und er kennt die Angst,
wie in Gezemaneh,
7
aber Zweifel ist nicht seins!

Jesus ist wahrer Mensch,
- mit Anfechtung,
- Angst,
- körperlichem Leid,
und allem, was dazugehört —
aber ohne Sünde.
Diesen „Sund“,
diesen Abgrund zwischen Gott und uns,
den gibt’s bei ihm nicht.
Was Gott will
und was Gott tut,
das ist für Jesus vollkommen durchsichtig.

Und Jeremia?
Der kriegt einen klaren Auftrag.
Er kriegt ihn mit großer Gewissheit zugesagt:

Vom Mutterleibe an habe ich dich ausgesondert
und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
8

Da hat Jeremia sich seine Zeit angeschaut
und die politische Situation der Völker.
Und er antwortet:

Ne, danke!

Ach, Herr Herr,
ich tauge nicht zu predigen;
denn ich bin zu jung.
9

Jeremia zweifelt.
Er zweifelt an sich;
aber schwerwiegender ist,
dass er daran zweifelt,
ob Gott das Richtige für ihn will.

Erinnert ihr euch an noch eine Geschichte,
in der ein Mensch daran zweifelt,
ob der Wille Gottes so richtig ist:

Die Schlange sagte:
„Sollte Gott gesagt haben:
Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“

Und die Frau sah,
dass von dem Baum gut zu essen wäre
und dass er eine Lust für die Augen wäre
und verlockend, weil er klug machte.
10

Gottes Willen in Frage zu stellen,
das ist der Inbegriff von Sünde.
Unsere Trennung von Gott und seiner Liebe
zeigt sich da,
wo wir seinen Willen für unser Leben in Frage stellen.
Der Abgrund zwischen dem, wer wir sind
und dem Menschen, den Gott geschaffen hat,
klafft hier im weitesten.

(2) Liebe Brüder und Schwestern,
ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen
für alle Zweifler und Sünder auf dieser Welt.
Zum einen
gehöre ich selbst zu den Zweiflern und Sündern dazu.
Zum anderen
gibt es einen Unterschied,
ob ich daran zweifle,
dass Gottes Wille
gut ist,
oder ob ich daran zweifle,
ob ich Gottes Willen richtig erkannt habe.

Wir sind alle Sünder.
Der Evangelist Johannes schreibt in seinem ersten Brief:

Wenn wir sagen,
wir haben keine Sünde,
dann betrügen wir uns selbst.
11

Das heißt:
Wir sind von Gott getrennt
und sein Wille ist uns einfach offenbar.
Unsere Erkenntnis ist immer Stückwerk.
12
Jede unserer Entscheidungen kann falsch sein.
Jedes unserer Urteile steht in Frage,
insbesondere unser Urteil über andere.

Deswegen sagt Jesus:

Mt 7,1Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. […]
3Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge
und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

Wenn wir in der Gemeinde über den Willen Gottes uneinig sind,
wer weiß denn,
welcher von uns weiter daneben liegt?

Wenn ich mit ganz sicher bin,
dass der Weg,
auf dem ich gehe,
der Wille Gottes ist für mich,
dann muss ich besonders vorsichtig sein:
- Habe ich mich vielleicht verrannt?
- Wen betrifft das noch?
- Wie komme ich darauf, dass
Gott das von mir will?
…und nicht viel mehr
- die Gesellschaft,
- meine Eltern
- oder irgendein Anspruch an Normalität?

Wer weiß, dass Jesus Christus ihn gerettet hat,
wird sich nicht hinstellen und sagen:

„Ich habe alle Antworten,
ich bin mir ohne Zweifel gewiss“.

Wen der Herr aus seiner Verblendung gerissen hat,
der wird den Blick senken,
sich an die Brust schlagen und sagen:

Gott, sei mir Sünder gnädig.13

(3) Seien Jeremias Zweifel berechtigt oder unberechtigt:
Gott lässt sich von ihnen überhaupt nicht beeindrucken.
Weder lässt er sie als Ausrede gelten,
noch nimmt er sie dem Propheten übel.
Im Gegenteil:
Gott reagiert nicht mit Zorn,
sondern mit Zuspruch:

Sage nicht: „Ich bin zu jung“,
sondern du sollst gehen,
wohin ich dich sende,
und predigen
alles, was ich dir gebiete.

8Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten.

„Fürchte dich nicht“ – 
Wenn Gott das sagt,
ist das nicht einfach eine Anweisung,
sondern Gottes Wort wirkt,
was es befielt.
Gott nimmt Jeremia die Angst.
Das heißt noch lange nicht,
dass es leicht wird für den Propheten,
aber er ist nicht allein in seiner Misere
und er weiß um die Rettung aus seinem Leid.

Ich glaube, das ist, was Menschen ihren Söhnen wünschen,
wenn sie sie Jeremia nennen.
Nicht das Leid
und die Härte,
durch die der Prophet musste,
sondern diesen Gegenwart Gottes in seinem Leben.

Jeder Mensch muss mal durch harte Zeiten hindurch.
Die Gaben,
die Gott uns anvertraut,
sind manchmal auch echte Päckchen,
die man zu tragen hat.
Ich möchte euch Mut machen,
euch euren Zweifel einzugestehen,
ihn zuzulassen
und vielleicht auch in Worte zu fassen –
vor anderen.
Vor Allem möchte ich euch Mut machen,
euch vor Gott nicht zu schämen.

An der eigenen Erkenntnis zu zweifeln,
ist demütig und weise.
Aber an Gottes Güte braucht ihr nicht zweifeln.
Sein Wille ist für uns, nie gegen uns.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!14 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Jes 6,3


3 Nach: Ebd. Vers 5.


4 Vgl. Abraham, als Antwort an Gott: Gen 22,1; und Vers 7, als Antwort an Isaak.


5 Vgl. Jes 6,8f.


6 Vgl. Mk 1,9–13 par.


7 Vgl. Mk 14,32ff par.


8 Nach Jer 1,4f.


9 Nach Vers 6.


10 Aus Gen 3.


11 1.Joh 1,8a


12 1.Kor 13,9f


13 Liebe Grüße 18,13


14 Phil 4,7


Manuskript zum Ausdrucken pdf, 296 KB)

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