16:12

Entfremdung und Umarmung
Predigt zu Jes 58

231 Erntedank, 4.10.2026, Frankfurt am Main

Almosen und Fasten – das ist das Thema, über das Jesaja redet. Doch seine Zuhörer haben sich längst entfremdet von dem Leben, in dem Fasten unmittelbar wirkte.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist aus dem 58 Kapitel im Buch des Propheten Jesaja,
den wir als Lesung gehört haben.

Folgende Verse rufe ich uns nochmal in Erinnerung:

2Sie suchen mich täglich,
sie begehren, meine Wege zu kennen,

als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan
und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. […]

3„Warum fasten wir,
und du siehst es nicht an?
Warum kasteien wir unseren Leib,
und du willst’s nicht wissen?“ […]

5Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe,
ein Tag, an dem man sich kasteit,
wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt
wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? […]

6Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe:
Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast,
lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast!

[…]

7Brich dem Hungrigen dein Brot,
und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! […]

9Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Lasst uns beten:
Herr,
lehre uns beten,
lehre uns danken,
lehre uns hören,
denn ohne dich sind wir verloren,
aber sprich nur ein Wort,
so werden wir geheilt.
— Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(Einleitung, oder: der lange Anmarsch)

in der Bergpredigt lehrt Jesus:

16Wenn ihr fastet,
sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler;
denn sie verstellen ihr Gesicht,
um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.
Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

17Wenn du aber fastest,
so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,
18damit du dich nicht vor den Leuten zeigst […]
dein Vater,
der in das Verborgene sieht,
wird dir’s vergelten.
2

Das Zentrum der Bergpredigt ist das Vaterunser.
Vor dem Vaterunser
steht ein Abschnitt über das Almosengeben,
also über soziales Engagement und diakonische Arbeit.
Das ist das andere Thema,
neben dem Fasten,
um das es bei Jesaja geht.
Und nach dem Vaterunser
steht der Abschnitt über das Fasten,
den ich gerade vorgelesen habe.

Uns ist das Fasten fremd geworden.
Das hat seine Gründe.
Aber ich finde,
es ist ein Wort der Erklärung wert,
warum das Fasten bei uns die zentrale Stellung nicht mehr hat,
die es in der Bibel –und auch bei Jesus– noch hatte.

Ein zweiter Hinweis:
Jesajas 58. Kapitel wird in der Leseordnung aufgeteilt.
Der erste Abschnitt,
über das Fasten,
gehört zum Sonntag Estomihi.
Das ist der letzte Sonntag vor der Fastenzeit,
überschrieben mit „Der Weg zum Kreuz“.
Fasten und das Kreuz gehören zusammen.

Der zweite Abschnitt,
der für das Erntedankfest vorgesehen ist,
beginnt mit den Worten:
„Brich dem Hungrigen dein Brot“. —
Das ist eine Einladung zu einer Moralpredigt.
Wir legen die Erntegaben auf den Altar und auf den Heuballen.
Sie sind Zeichen der Fülle
und Belege für unseren Wohlstand.
Im Angesicht dessen
darf der Pastor mal den Zeigefinger erheben und sagen:

Seid dankbar! Und jetzt müsst ihr auch was abgeben! —

Die Tagesschau titelte am 1. Oktober den „DeutschlandTrend“:

Drei Viertel der Deutschen
spüren vor allem Belastungen.
3

Die Lebensmittel,
die auf dem Heuballen liegen,
waren dieses Jahr teurer,
als im letzten Jahr.
Und wenn sie nicht teurer waren,
war die Verpackung kleiner.
Ich würde lügen,
wenn ich sage:
„Ich mach’ mir keine Sorgen“.
In dieser Gefühlslage
braucht niemand eine Ermahnung:

Sei dankbar und gib ab! —

Natürlich sind wir dankbar!

  • Wir sind den Altvorderen dankbar.
    Ihre Arbeit hat unseren Wohlstand möglich gemacht.
  • Wir sind Gott dankbar
    für viel Jahrzehnte Frieden auf unserem Kontinent.
  • Wir sind Gott dankbar,
    denn er hat seine Sonne scheinen lassen,
    er hat seinen Regen fallen lassen
    und seinen Segen gegeben
    auf die Felder,
    wo diese Früchte gewachsen sind.

Und: Natürlich müssen wir abgeben!
Den Armen fällt das Abgeben leichter als den Reichen,
weil sie sich in ihrem bedürftigen Gegenüber erkennen.

Vor Gott sind wir alle Bettler, das ist wahr!

Deswegen gehört immer Diakonie zur christlichen Kirche.

Ich möchte einen Schritt zurücktreten
und auf diese Selbstverständlichkeiten
eine neue Perspektive gewinnen,
mit dem 58. Kapitel des Propheten Jesaja in der Hand.
Ich werde kurz über das (1) Fasten reden,
über (2) Entfremdung
und deren (3) Überwindung,
und über die (4) Gemeinschaft,
die Gott mit uns eingeht,
unter dem Kreuz,
im Sakrament.

(1) Erstens: das Fasten.

Es gab eine Zeit,
da waren die meisten Israeliten Bauern.
Die Grundform des Lebens war der Familienbetrieb,
und die Grundform von Gemeinschaft war die Familie,
die auf dem Hof zusammen lebte und arbeitete.
Vater und Mutter, Geschwister und deren Kinder,
die Eltern der Eltern, so lange sie lebten.
Wenn du auf den Hof der Nachbarn gegangen bist,
hast du deine Cousins und Cousinen getroffen. —

Diese Familien haben von ihren Höfen gelebt.
Die Herausforderung jedes Jahr war,
die Vegitationspause zu überbrücken.
Das ist in unserer Weltgegend der Winter,
an den Orten, wo die Bibel spielt,
ist das der Sommer:
die Trockenzeit, wo nichts wächst.
Das, was dich durch diese Zeit trägt,
ist Lagerhaltung.

Das Getreide aber,
aus dem die Menschen ihr Brot gemacht haben,
war das selbe Getreide,
das sie im Frühjahr gesät haben.

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.4

Das heißt:
Je weniger du im Winter isst,
desto mehr kannst du im Frühjahr säen,
desto besser wird deine Ernte im Herbst.

Das ist eine Grunderfahrung für alle antiken Menschen:

Je besser du dich beherrschen kannst,
desto besser meint es Gott mit dir.

Im Erleben der Menschen
gab es einen unmittelbaren Zusammenhang
zwischen Selbstbeherrschung
und wirtschaftlichem Erfolg.
Deswegen haben sie im Fasten einen Weg gesehen,
- Gott zu suchen
- und ihm die Ehre zu geben.
Das war für alle Menschen plausibel
und im Grunde offensichtlich. —

Das führt uns zum zweiten Gedanken:

(2) Entfremdung,

(a) Die Menschen,
zu denen Jesaja hier redet,
leben in der Stadt.
Und sie sind eher wohlhabend.
Sie haben „Arbeiter“ die sie „bedrücken“,
sie haben Menschen „gebunden“ in abhängige Verhältnisse,
das heißt in Schuldsklaverei.
Sie sind die Wohlhabenden,
zu denen auch entfernte Verwandte kommen,
um sie zu bitten,
die Rolle des „Erlösers“ einzunehmen.

Das ist teuer, von dem Jesaja hier schreibt:

Entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Da kommt ein Neffe zweiten Grades vom Dorf in die Stadt
und sagt:

O, lieber Onkel,
könnt’ste mal, würd’ste mal.

Mein Vater und du,
ihr habt doch den selben Großvater.
In der Torah steht doch,
dass du helfen sollst.

Hier ist die Rechnung, um die es geht,
und ich bräuchte auch ein günstiges Darlehen.
Meine Familie muss ja essen bis zum Frühling
und
dann brauche ich noch was zum säen.

Das sind ganz andere Problem,
als wenn es nur um die eigene Lagerhaltung geht.

Der Feldarbeit
ist der Onkel in meinem Bild lange entfremdet.
Dafür hat er Arbeiter.
Und die Arbeiter sind in seinen Büchern
in erster Linie ein Kostenfaktor –
und weniger Menschen.

Der Neffe, der als Bittsteller kommt,
ist nicht in erster Linie das eigene Fleisch und Blut,
sondern eine Investition.

Dem Leben, der Arbeit, den Menschen, die sie vollbringen,
sind dem reichen Onkel fremd geworden.
Und dann stellt er sich zusammen mit seinen Freunden
vor Gott
und beschwert sich:

3„Warum fasten wir, und du siehst es nicht an?
Warum kasteien wir unseren Leib,
und du willst’s nicht wissen?“ […]

Das Fasten ist bei ihm eine religiöse Tradition,
ein Skript, das er abarbeitet.
Aber sein Herz
und seine Lebenswirklichkeit,
die haben gar keine Überschneidung mehr
mit dem Anspruch, den er stellt.

(b) Ein sehr beliebtes Lied am Erntedankfest ist ELKG² 521:

Wir pflügen und wir streuen.

Tun wir aber gar nicht. —
Ich weiß in der regulären Gottesdienstgemeinde
von einem Landwirt;
von dem ein oder anderen,
der in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist,
heute aber ganz andere Äcker bearbeitet.

Wir sind der Arbeit auf dem Feld entfremdet
und wir kennen die Menschen nicht mehr,
die sie für uns tun.
Disziplin und Lagerhaltung sind uns fremd geworden.
Wir sind vielleicht sogar weiter entfremdet,
als Jesajas Zeitgenossen.
Der unmittelbare Zusammenhang
zwischen Selbstbeherrschung und dem Lohn
ist zerbrochen.

(3) Wie gehen wir damit um?
Wie überwinden wir die Entfremdung?

Jesaja ruft seine Zeitgenossen zu materieller Großzügigkeit,
und zwar immer mit dem Blick auf persönliche Beziehung:

Brich dem Hungrigen dein Brot,
und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus.

Das ist aber nicht einfach nur Moral,
sondern steht unter einem geistlichen Vorzeichen.

Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe,
spricht Gott.

Aber auch da besteht die Versuchung,
dass es zu religiöser Oberflächlichkeit verkommt.
Jesus warnt in der Bergpredigt vor Heuchlern,
die ihre guten Werke vor sich „ausposaunen lassen“.

Wenn du aber Almosen gibst,
so lass deine linke Hand nicht wissen,
was die rechte tut.

Auch das Fasten soll im Verborgenen geschehen,
zwischen dir und Gott.

Liebe Gemeinde,
von uns wird eine Transferleistung erwartet.
Wir müssen Wege finden,
Gottes Willen zu tun
unter veränderten Bedingungen.

  • Unsere Gemeinde hat Teil an
    professioneller diakonischer Arbeit.
    Ganz in unserer Nähe gibt es Hilfe für Obdachlose
    in der Bärenstraße.
  • Über die SELK sind wir beteiligt an der Arbeit in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen.

Die persönliche Seite
bleibt dabei schnell außen vor.

Pastor Tepper und unsere Diakoniebeauftragte Eva Rönsch
arbeiten daran, einen Besuchsdienst der Gemeinde einzurichten.
Das ist eine Möglichkeit, die Seite der persönlichen Beziehung
in der diakonischen Arbeit zu stärken.
Von solchen Wegen brauchen wir noch mehr.

(4) Doch wenn es an uns liegt,
werden wir die Entfremdung kaum überwinden.
Deswegen ist Gott in Vorlage gegangen.
Er ist in Christus zu uns gekommen
und hat uns angenommen,
mit Leib und Seele und allem, was dazugehört.
Er erkennt sich in uns
und das Wort, das Gott durch den Propheten Jesaja
den reichen Leuten in Jerusalem ansagen lässt,
hält Gott selber ein:

Entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Er ist unser Erlöser geworden.
Dieser Reichtum in unserer Mitte ist mehr als Wohlstand.
Die Gemeinschaft, die er stiftet,
umfasst all unsere Almosen,
wie auch immer sie konkret aussehen,
und unser Fasten,
wie auch immer wir es gestalten.
Gott hat sich längst finden lassen
und schenkt sich uns hier am Altar.

Das ist die Umarmung
die alle Entfremdung überwindet. — Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Mt 6,16–18


3https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-oktober-110.html


4 2Kor 9,6


Manuskript pdf, 1.8 MB)

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Reich sein bei Gott
Lk 12,13–21, Erntedank

Der reiche Kornbauer macht betriebswirtschaftlich alles richtig, aber seine Haltung findet Jesus daneben. Statt darauf zu schauen, was man hat, was man ist oder was man darstellt, sind ihm Beziehungen wichtig. Er ist halt Sohn seines Vaters, Mensch gewordener Gott in Beziehung.

Speisung der Viertausend
Mk 8,1–9, Erntedank

Kennt ihr das, wenn man von einer Aufgabe so in ihren Bann gezogen wird, dass man zu essen vergisst? Mehr…