Ihr Scheinheilige!
Predigt zu Lk 13,10–17
Eine Tango-Predigt, in der es darum geht, dass Jesus ganz schön provoziert.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht geschrieben beim Evangelisten Lukas
im 13. Kapitel.
Die Geschichte ist bei Lukas gerahmt
von zwei Gleichnissen Jesu,
die ich bei der Auslegung besonders berücksichtigen möchte.
Ich werde sie im Laufe der Auslegung zitieren
bzw. kurz zusammenfassen.2
Die eigentliche Geschichte aber geht so:
10Und [Jesus] lehrte in einer Synagoge am Sabbat.
11Und siehe, eine Frau war da,
die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist,
der sie krank machte;
und sie war verkrümmt
und konnte sich nicht mehr aufrichten.
12Als aber Jesus sie sah,
rief er sie zu sich und sprach zu ihr:
Frau, sei frei von deiner Krankheit!
13Und legte die Hände auf sie;
und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott.
14Da antwortete der Vorsteher der Synagoge,
denn er war unwillig,
dass Jesus am Sabbat heilte,
und sprach zu dem Volk:
Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll;
an denen kommt und lasst euch heilen,
aber nicht am Sabbattag.
15Da antwortete ihm der Herr und sprach:
Ihr Heuchler!
Bindet nicht jeder von euch
am Sabbat
seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los
und führt ihn zur Tränke?
16Sollte dann nicht diese,
die doch Abrahams Tochter ist,
die der Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte,
am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden?
17Und als er das sagte,
mussten sich schämen alle,
die gegen ihn gewesen waren.
Und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten,
die durch ihn geschahen.
Lasst uns beten:
Herr Jesus
binde uns los von den Fesseln unserer Denkgewohnheiten
und richte uns auf,
damit wir dein Angesicht sehen
uns Gott loben
für die Wunder,
die du unter uns tust.
— Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
(1) ker, watt hab’ ich mich geärgert!
Ich war auf einer piekfeinen Tangoveranstaltung:
erst Tanzkurs bei einem berühmten Lehrerpaar
und abends Milonga, also ein Ball;
das alles in gediegenen Ambiente –
teuer!
Wir haben also den Kurs getanzt am Nachmittag
und abends war dann die Milonga schon voll im Gange.
Auf der Tanzfläche bildeten die Paare ein rounda.
Das heißt,
sie tanzen im Kreis,
angeordnet an der Außenkante des Raumes.
Jedes Paar tanzt für sich zur Musik,
aber als Paare bewegt man sich im Kreis
gegen den Uhrzeigersinn,
ein Paar hinter dem anderen.
Dann ging das Lehrerpaar her
und lief
– mit einem breiten Grinsen im Gesicht –
quer über die Tanzfläche,
zwischen den tanzen Paaren durch.
Ich bin innerlich in wildesten Zorn ausgebrochen.
Um das zu verstehen muss man wissen:
Ich mag meine Musik strukturiert
und meine Tanzfläche aufgeräumt.
Ich bin dafür,
dass es so ist,
wie ich’s gelernt habe:
- Es ist eine Tanzfläche und keine Stehfläche.
Wenn Du stehen willst, um dich zu unterhalten,
geh woanders hin. - Es ist eine Tanzfläche, keine Gehfläche.
Wenn du auf die andere Seite willst,
warte gefälligst auf die nächste Pause
oder gehe ganz vorsichtig außen rum.
Auf keinen Fall
geht man einfach mitten durch
mit einem breiten Grinsen im Gesicht,
schon gar nicht,
wenn du Tanzlehrer bist
und es den Leuten richtig beibringen solltest.
Die Tanzfläche ist ein heiliger Ort –
und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes:
„ausgesondert“, „gewidmet“, „bestimmt für“.3
Die Tanzfläche ist dem Tango zugeordnet
und seiner Sozialstruktur
und das hat auch sinnvolle Gründe.
Es macht allen Beteiligten das Leben leichter,
wenn sich alle daran halten.
So weit betrachtet:
– In meiner kleinen Tango-Welt –,
hat der Synagogen-Vorsteher
vollkommen recht.
Sechs Tage hat der Herr geschaffen,
„an denen man arbeiten soll“,
und einen Tag,
der ist heilig,
der ist Gott gewidmet und bestimmt,
ausgesondert von den anderen Tagen.
Der Vorsteher sagt also vollkommen zurecht:
Sag mal, Jesus, was soll das?
Hättest du die Frau nicht morgen heilen können?
Jetzt ist sie 18 Jahre krank,
was ist denn dagegen ein Tag?
Und wenn jeder Tag der Krankheit so schlimm ist,
warum hast du sie nicht gestern geheilt?
Da war auch kein Shabatt! –
Und nimm das Grinsen aus deinem Gesicht!
Warum provozierst du?
Die Menschen respektieren dich als Lehrer,
als Meister.
Du solltest ein Vorbild sein!
Dagegen kann man natürlich sagen:
Stell dich nicht so an!
Lass uns in Ruhe mit deinem Shabatt
und deiner heiligen Tanzfläche!
Es gibt Menschen,
die haben richtige Probleme.
Diese Frau hatte einen Geist,
der krank macht,
achtzehn Jahre lang!
Sie ist auch eine Tochter Abrahams.
Jesus hat alles richtig gemacht!
Und am anderen Ende der Tanzfläche
steht vielleicht mein Bier und wird warm.
Nein, ich warte jetzt nicht drei Tangos,
ich gehe da jetzt hin! —
Aber mach es dir nicht so einfach!
Es geht hier nicht um Kleinigkeiten.
(2) Direkt vor dieser Geschichte
überliefert uns Lukas ein Gleichnis Jesu.
Der geht es um einen Bauern,
der guckt sich seinen Feigenbaum an:
7Da sprach er zu dem Weingärtner:
„Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen
und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum
und finde keine.
So hau ihn ab!
Was nimmt er dem Boden die Kraft?“
Der Weingärtner legt dann ein gutes Wort für den Baum ein
und er darf noch ein Jahr leben. —
Die Botschaft an uns ist klar:
Auf die Früchte kommt es an.
Den Bäumen ist die Axt an die Wurzel gelegt.
Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt,
wird abgehauen und ins Feuer geworfen.4
Und in der Bergpredigt sagt Jesus:
17Ihr sollt nicht meinen,
dass ich gekommen bin,
das Gesetz oder die Propheten aufzulösen;
ich bin nicht gekommen aufzulösen,
sondern zu erfüllen.
18Denn wahrlich, ich sage euch:
Bis Himmel und Erde vergehen,
wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe
noch ein Tüpfelchen vom Gesetz,
bis es alles geschieht.5
Wenn man dann nachguckt im Gesetz
findet man ganz klar:
Sechs Tage lang hat Gott die Welt geschaffen
und dann hat er einen Tag geruht.
Damit ist er uns nicht nur ein göttliches Vorbild gegeben,
sondern er auch hat einen Rhythmus sichtbar gemacht,
der für die ganze Schöpfung gilt:
sechs Tage Arbeit zu einem Tag Ruhe.
Das ist keine Nebenbemerkung.
Der Shabbat ist Schöpfungsordnung.
Des spiegelt sich auch in den Zehn Geboten wider.
Da findet sich unter Nummer 3:
Du sollst den Feiertag heiligen.
Das ist nicht optional.
Da steht nicht:
Du sollst den Feiertag heiligen,
so lange es dir in den Kram passt.
Den Feiertag zu heiligen,
- diese Grenze einzuhalten
- den Sonntag seiner Bestimmung,
Widmung
und Sonderstellung gemäß zu gestalten,
ist echter Ausdruck deiner Gottesbeziehung.
Wer die Sonntagsheiligung nachlässig handhabt,
ist kein richtiger Christ.
Man kann sich auch nicht sicher sein,
ob solche Leute in den Himmel kommen. —
Jetzt sagt mal ehrlich:
Wie hat sich das angefühlt,
von der Kanzel gesagt zu kriegen:
„Ihr seid was besseres als die anderen“?
War das ein gutes Gefühl?
Oder eher unangenehm?
Damit sind wir beim Problem jeder Gesetzesfrömmigkeit:
Sie bringt eine Haltung hervor,
die einem die Demut und die Bußfertigkeit
regelrecht aberziehen.
Das Gesetz mit seinen Regeln
hat seinen Wert und seine Wichtigkeit.
Wenn es aber ein Eigenleben entwickelt,
verliert es seine überführende Wirkung.
Ein Gesetz,
das dir das Gefühl gibt,
du machest alles richtig,
arbeitet gegen das Evangelium,
dem es dienen soll. —
Je schärfer man die Grenzen des Gesetzes zieht,
je härter die Kanten sind,
desto mehr Scheinheiligkeit bringt es hervor.
In unserer Geschichte führt Jesus den Synagogenvorsteher vor,
indem er sagt:
Ihr Heuchler!
Bindet nicht jeder von euch
am Sabbat
seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los
und führt ihn zur Tränke?
Ein Ochse und ein Esel,
das sind wertvolle Tiere,
teure Tiere,
die nur einem wohlhabenden Bauer zur Verfügung standen;
die Art Bauer,
die dann auch Synagogenvorsteher sind.
Und natürlich kümmert der sich auch am Shabbat um das Tier,
schon alleine um die Investition zu schützen,
die es darstellt.
Das wussten auch alle,
die Jesus da zugehört haben.
Die wussten genau,
wer das Gesetz perfekt eingehalten hat
und wer zum Vorbild taugt.
Am Ende war der Synagogenvorsteher
vor der ganzen Gemeinde beschämt. —
Ich hatte mein persönliches Synagogenvorsteher-Erlebnis in Wien.
Ich war auf einer Milonga, also einem Tango-Ball,
und setzte mich erst mal einen Moment hin,
wie man das so macht,
um erst mal die Atmosphäre so ein bisschen wahrzunehmen.
Da war ein Herr auf der Tanzfläche,
dem sah man an,
dass er noch nicht gar so lange tanzt,
aber er tanzte lange genug,
um die heiligen Regeln
der heiligen Tanzfläche schon gelernt zu haben.
Doch er tanzte auch noch nicht so lange,
dass er ausreichend Reparateure hätte,
mit dem er Tango auf der Stelle hätte gestalten könnte. —
Ich konnte sein Problem sehr gut nachvollziehen,
denn auf dieser Lernstufe war ich auch mal.
Was aber gar nicht geht, war seine Lösung.
Er rief nämlich in regelmäßigen Abständen
dem Paar vor ihm zu:
Obacht! — Obacht!
Ich kann das gar nicht nachmachen.
Es war unter einer dünne Schicht Freundlichkeit
so viel Verachtung
und Seelennot…
Ihr könnt euch bestimmt vorstellen,
was das mit der Stimmung in diesem Raum gemacht hat,
dass sich da einer ständig aufgespielt hat
als die Tango-Polizei.
Und ich saß auf meinem Barhocker
und habe mich fremd-geschämt.
Ich war beschämt,
weil ich mir früher so oft gewünscht habe,
dass die Tango-Polizei kommt
und dem Paar vor mir mal erzählt,
wie man das richtig macht
und dass sie mir im Weg sind.
An dem Abend in Wien habe ich auch verstanden,
warum das Lehrer-Paar quer über die Tanzfläche gelaufen sind.
Natürlich haben die provoziert,
aber im Grunde haben sie gesagt:
Regeln sind gut und schön,
aber bleibt locker
und habt einen schönen Abend,
so dass alle einen schönen Abend haben.
Für den Tango
ist das als Grundlegung der Ethik
fast schon ausreichen.
Für unser ganzes Leben
sind und bleiben wir angewiesen auf die Gnade Gottes.
Er muss uns die Augen öffnen für seinen Willen
und uns helfen,
dass wir die richtigen Prioritäten setzen.
Alleine sind wir blind
durch Selbstgerechtigkeit und Eitelkeit.
(3) Deswegen möchte ich zum Schluss
noch einen kurzen Blick werfen
auf das Gleichnis,
das der Geschichte unmittelbar folgt.
Jesus lehrt über das Himmelreich.
Er sagt:
19Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn,
das ein Mensch nahm und in seinen Garten säte;
und es wuchs und wurde ein Baum,
und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen.
Und:
Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig,
den eine Frau nahm
und unter einen halben Zentner Mehl mengte,
bis es ganz durchsäuert war.
Das Himmelreich ist klein und unscheinbar.
Es ist in Jesus Christus ganz gegenwärtig.
Doch Jesus sieht aus wie ein wahrer Mensch.
Deswegen ist das Himmelreich unscheinbar und verborgen.
Aber wie bei einem Senfkorn ist schon alles da.
Es ist schon alles vorhanden,
damit ein großer Baum daraus wird.
In seinen Zweigen finden Vögel ein Zuhause,
und wir finden bei Jesus Geborgenheit.
Das Himmelreich ist in der Welt nicht gebunden
- an einen bestimmten Ort
- oder eine bestimmte Zeit,
wo Jesus hier in der Welt gelebt hat.
Jesus ist in den Himmel aufgefahren
und sein Heiliger Geist
wirkt unter uns
wie die Hefe im Teig:
unsichtbar
aber als ein Segen,
als etwas uns nährt
und erhält.
Wir stehen nicht alleine vor einem Dilemma
aus scharfem Gesetz
und lascher Auslegung
und rufen
Obacht, Obacht!
Unser Herr Jesus Christus ist bei uns bei jedem Schritt.
Sein Zuspruch lässt uns mutig handeln,
seine Gnade lässt uns großzügig vergeben.
Christus sagt uns zu:
Siehe,
ich bin bei euch alle Tage
bis an der Welt Ende.6
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!7 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Die Idee, die beiden direkt angrenzenden Perikopen zu berücksichtigen, entnehme ich C. B. Caird, The Gospel of St. Luke, Pelican New Testament Commentaries, Penguin Books, Harmondsworth and New York 1963, z.St.
3 Das Wort heißt noch viel mehr, es geht Verehrung, Respekt, Faszination und dem Erzittern vor der Macht Gottes. Meine Darstellung hier ist stark verkürzt.
4 Mt 3,10
5 Mt 5
6 Mt 28,20
7 Phil 4,7
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Apg 3,1–10,
12. So. n. Trinitatis
Diese Geschichte lebt vom Kontrast: Der Bettler ist gebunden, abhängig und gedemütigt. Der Geheilte ist frei und springt umher.
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