10:57

Keine Gestalt, keine Schönheit
Predigt zu 1.Kor 1,18–25

223 5. So. n. Trinitatis, 5. Juli 2026, Frankfurt a.M.

„Wir aber predigen den gekreuzigten Christus.“ Das Bild, das ich hier zu malen habe, kann nur erschrecken. Was soll das und warum ist gerade das Bild des gekreuzigten so wichtig?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem 1. Brief des Paulus nach Korinth
im 1. Kapitel. Er ist als Epistellesung vorgesehen für heute.
Der Apostel schreibt:

18Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,
die verloren werden;
uns aber, die wir selig werden,
ist’s eine Gotteskraft.
19Denn es steht geschrieben:

Ich werde2 zunichte machen die Weisheit der Weisen,
und den Verstand der Verständigen werde ich verwerfen.

20Wo sind die Klugen?
Wo sind die Schriftgelehrten?
Wo sind die Weisen dieser Welt?
Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

21Denn weil die Welt,
umgeben von der Weisheit Gottes,
Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte,
gefiel es Gott wohl,
durch die Torheit der [Kreuzes]-Predigt selig zu machen,
die daran glauben.
22Denn die Juden fordern Zeichen,
und die Griechen fragen nach Weisheit,
23wir aber predigen den gekreuzigten Christus,
den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;
24denen aber, die berufen sind,
Juden und Griechen,
predigen wir Christus
als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind,
und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Lasst uns beten: Herr Gott, himmlischer Vater, schenk uns die Einsicht in dein Wort, die uns selbst und die Welt überwindet, damit wir deinen Sohn Jesus Christus wahrhaft sehen. Amen

(a) „Und Jesus neigte das Haupt und verschied.“

Wie?
Ich dachte,
wir lesen die Geschichte nach den Osterferien weiter!
Warum is’n der jetzt tot?

Die Grundschul-Lehrerin sieht von ihrer Bibel auf
und guckt schmunzelnd in schockierte Gesichter.
Man mag bedauern,
dass die Kinder noch fast nichts von Jesus gehört haben,
aber für diese Kinder
macht das die Geschichte gerade spannend.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Entrüstung dieser Dritt- oder Viertklässler
macht uns darauf aufmerksam,
dass wir den Karfreitag immer schon von Ostern her lesen.
Das entschärft und zähmt das Bild des gekreuzigten Jesus.
Der Anstoß der Geschichte, das „Ärgernis“ und die „Torheit“,
von denen Paulus hier redet,
erreichen uns nicht mehr.

(b) Unser Bild der Kreuzigung ist geschönt.
Schon dass die Balken des Kreuzes gerade sind,
ist nicht historisch,
geschweige denn,
dass Kreuzesstamm und Querbalken in einem harmonischen
optischen Verhältnis zueinander stehen.
Das ist eine Entscheidung christlicher Künstler.
Gerade Balken waren damals schwer herzustellen,
teuer und wertvoll.
Die waren für den Bau von Palästen und Tempeln reserviert.
Viel eher wurden die Delinquenten
an den nächstbesten Baum geknüpft,
mit dem nächstbesten Ast,
den die Soldaten gerade zur Verfügung hatten. —
Doch ein schiefes Kreuz sieht auf dem Altar nicht gut aus.

Jesus hing nackt am Kreuz.
Die Bibel schreibt ausdrücklich,
dass die Soldaten
Ober- und Untergewand unter sich aufgeteilt haben.
Jesus ist nichts geblieben, seine Blöße zu bedecken. —
Wollen wir uns unsren Gott und Retter überhaupt so vorstellen?

(c) Paulus fährt an die Korinther folgendermaßen fort:

26Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung.
Nicht viele Weise nach dem Fleisch,
nicht viele Mächtige,
nicht viele Angesehene sind berufen.
27Sondern was töricht ist vor der Welt,
das hat Gott erwählt,
damit er die Weisen zuschanden mache;
und was schwach ist vor der Welt,
das hat Gott erwählt,
damit er zuschanden mache, was stark ist.

Schaut euch mal um hier in der Kirche.
Ist das eine zutreffende Beschreibung
der Trinitatisgemeinde als sozialer Gruppe?
Also: Ich sehe satten Mittelstand.
(Und ich nehme mich da keineswegs ’raus.
Das trifft auf mich genau so zu,
wie auf die meisten in der Gemeinde.)

Was seid ihr hergekommen zu sehen?3

Das fragt Jesus die Menschen,
die zu Johannes an den Jordan gekommen sind.

Wolltet ihr ein Rohr sehen,
das der Wind hin und her weht?

Also: Ein bisschen ländliche Idylle?

Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen?

Also: Einen Prominenten Prediger, von dem die Stadt redet?

Was seid ihr hergekommen zu sehen?

Einen Prediger im schwarzen Anzug?
Einen Chor, der singt?
Den Pastor, der eine hübsche Geschichte erzählt?

Wir aber predigen den gekreuzigten Christus.

Er hatte keine Gestalt und Hoheit.
Wir sahen ihn,
aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste,
voller Schmerzen und Krankheit.
4

Das Bild,
das ich hier zu malen habe,
kann nur erschrecken.

Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?

Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet,
was du getragen hast.
5

Wie grausam ist Jesus zugerichtet –
und er leidet das wegen mir.
Er leidet das,
weil er die Schuld und die Sünde übernehmen will,
wo ich danebengegriffen habe.

„Da ist keine Schönheit, die uns anspricht“,
sondern wir werden angesprochen auf unsere Unterseite,
auf Schatten und Scheitern,
Sünde und Schande –
und erschrecken uns.

(d) Und gerade in diesem Erschrecken geschieht das Wunder.
Die Verkündigung des Kreuzes
bleibt uns nicht ein hässlicher Vorwurf,
sondern wir erkennen in Christus
Gottes Weisheit und Gottes Kraft.

Im Licht dieser Weisheit
erkennen wir konkret,
was uns trennt von Gott.
Durch diese Kraft ist weggenommen von uns,
was uns entstellt.
Christus ist mehr als ein Spiegel,
der uns sehen lässt,
und mehr als ein Mittel,
das uns äußerlich heilt.
Christus ist Gott selbst,
der annimmt,
was wir sind,
und dadurch überwindet,
was uns von ihm trennt.

(e) Deswegen beschönigen wir das Kreuz nicht. — 
Damit meine ich nicht,
dass man nicht ein buntes Kreuz
ins Kinderzimmer hängen soll.
Nein, das Kreuz darf natürlich kindgerecht gestaltet sein.
Jede künstlerische Darstellung
soll ihrer Zielgruppe und ihrem Kontext angemessen sein. —
Viel mehr geht es mir um eine innere Haltung.
Wer den Osterglauben hat,
hat das Vertrauen,
ganz loszulassen
und zu sprechen:

Gott sei mir Sünder gnädig.

Denn Gott hat sich deiner erbarmt
in seinem Sohn Jesus Christus.
Ostern ist der Beweis dafür.
Ostern ist der Beweis,
dass du deinen Sünden am Karfreitag wirklich gestorben bist.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!6 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Da steht ἀπολῶ und ἀθετήσω, beides Futur, das korrekt wiedergegeben ist mit „ich will“. Ich betone hier den Futur, um das Schema Verheißung (V. 19) und Erfüllung (V. 20) zu betonen. Vgl. W. Schrage, EKK, z.St.


3 Mt 11,7


4 Jes 53,2b–3


5 Aus ELKG² 416,2+4, „O Haupt voll Blut und Wunden“, Paul Gerhardt; vgl. Auslegungs- und Wirkungsgeschichte, W. Schrage, EKK VII/1, z.St. S. 196.


6 Phil 4,7


Manuskript pdf, 1.6 MB)

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