16:14

Das Haus wurde erfüllt
Predigt zu 2.Chr 5,2–14

217 Kantate, 3. Mai 2026, Frankfurt

Als der Chor sang und die Instrumente erklangen, füllte eine Wolke den Tempel. Ich glaube, Gott ist in und unter einer Wolke von Erinnerungen in unserem Leben gegenwärtig.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Teil der Erzählung von der Einweihung des Tempels
in Jerusalem
wie sie das 2. Buch der Chronik schildert, im 5. Kapitel.

2Da versammelte [König] Salomo alle Ältesten Israels,
alle Häupter der Stämme
und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem,
damit sie die Lade des Bundes des
Herrn hinaufbrächten
aus der Stadt Davids, das ist Zion.
3Und es versammelten sich beim König
alle Männer Israels zum Fest […]
4Und […] die Leviten hoben die Lade auf
5und brachten sie hinauf –
samt der Stiftshütte
und allem heiligen Gerät,
das in der Stiftshütte war;
es brachten sie hinauf die Priester und die Leviten.

6Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel,
die bei ihm vor der Lade versammelt war,
opferten Schafe und Rinder,
so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte.
7So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn
an ihre Stätte, in den Chorraum des Hauses,
in das Allerheiligste,
unter die Flügel der Cherubim […]
Und sie war dort bis auf diesen Tag.
10Und es war nichts in der Lade
außer den zwei Tafeln,
die Mose am Horeb hineingelegt hatte,
die Tafeln des Bundes,
den der
Herr mit Israel geschlossen hatte,
als sie aus Ägypten zogen.

11Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum […]
12und alle Leviten, die Sänger waren,
nämlich Asaf, Heman und Jedutun
und ihre Söhne und Brüder,
angetan mit feiner Leinwand.
Sie standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen
und bei ihnen hundertundzwanzig Priester,
die mit Trompeten bliesen.
13Und es war, als wäre es einer,
der trompetete und sänge,
als hörte man eine Stimme loben und danken dem
Herrn.

Und als sich die Stimme erhob –
der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele –
und man den
Herrn lobte:

Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig,

da wurde das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke,
14so dass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten
wegen der Wolke;
denn die Herrlichkeit des
Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Lasst uns beten:
Komm, Heiliger Geist,
und erfülle die Herzen deiner Gläubigen
mit der Herrlichkeit Gottes,
damit Gottes Wort uns erreicht
und und unser Leben ausrichtet
auf ihn.
— Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) manchmal betritt man einen Raum
und der ist erfüllt von einer Wolke von Erinnerungen.
2
Vor einiger Zeit
war ich in der Kirche,
in der ich konfirmiert worden bin.
Ich betrat den Vorraum
und war in einer Wolke von Kindheit und Jugend. –
Eine Schlüsselerinnerung ist ein Geschmack.
Es war Martins-Tag
und für uns Kinder wurde ein Laternenzug organisiert.
Und nachdem wir eine Stunde
mit unseren Laternen gegangen sind
und unsere Laternen mit uns,
sind wir in der Kirche eingekehrte
und es gab warmen Kakao für uns Kinder.
Ich habe eine bewusste Erinnerung daran,
wie gut dieser Kakao geschmeckt hat!
Es war sicher auch nur Kakaopulver und warme Milch,
aber nach dem Abend in der Kälte
war der so lecker!
Darin steckt für mich eine Erinnerung
aus Kindheit und Zuhause,
an eine Geborgenheit,
wie die Worte einer Gute-Nacht-Geschichte,
die zuverlässig wiederkehren. —
Dieses Gefühl ist,
in meinem Leben,
so etwas wie die erste Glaubenserfahrung.

Im Buch Deuteronomium
schärft Mose dem Volk Israel ein:

Und gedenke des ganzen Weges,
den dich der
Herr, dein Gott,
geleitet hat
diese vierzig Jahre in der Wüste…
3

Wir haben schon eine Geschichte mit Gott,
wir sind schon ein gutes Stück Weg mit ihm gegangen. —
Mit dieser Haltung haben König Salomo und seine Leute
die Einweihungsfeier des Tempels in Jerusalem gestaltet.
Das Buch der Chronik
schildert uns hier eine Feier,
die einen Übergang gestaltet.
Die Bundeslade zieht um.
Sie zieht aus,
aus der Stiftshütte,
dem „Zelt der Begegnung“.
Das war der transportable Ort,
den Gott für sich erwählt hatte,
so lange das Volk unterwegs war –
und auch noch danach.
Ab jetzt soll der Tempel diese Aufgabe erfüllen,
das Allerheiligste,
mit festen Mauern und Brüstungen.
Dies ist angemessen für ein Volk,
das im Heiligen Land angekommen ist
und einen König in seiner Mitte hat.
Die Lebensweise des Israeliten hatte sich geändert.
Das Zelt-Heiligtum war Gottes Art,
Nomaden zu begegnen.
Jetzt waren die Israeliten sesshafte Bauern.

Doch Israel hat die Erinnerung an die Wüstenzeit
nicht verdrängt
oder vergessen,
sondern sie wird gepflegt.
Die Bundeslade wird überführt mit Ehren.
Das heilige Gerät wird weiter verwendet. —
Unsere Gemeinde hat mindestens zwei Sätze Antependien.
Das Altarkreuz der Martinsgemeinde
hat seinen Fuß eingebüßt
und hängt jetzt im Gemeinderaum
über dem Klavier.
St. Stephanus
begrüßt die Gottesdienstbesucher am Haupteingang. —
Die Stiftshütte landet nicht auf dem Müll,
sondern wird aufbewahrt,
denn sie dokumentiert einen Lebensabschnitt
den das Volk mit Gott verbracht hat. —
Gott ist ein Gott, der mitgeht,
auch wenn wir von den Lebensumständen her sesshaft sind.

Im biblischen Denken
durchdringt die Beziehung mit Gott
das ganze Leben:
Was war,
was ist,
was sein wird.
Denn in dieser Haltung liegt schon der Kern davon,
dass alles noch mal ganz anders werden kann.
Doch unsere Beziehung zu Gott stellt das nicht in Frage. —
So hat der Glaube
den Verlust des Tempels überdauert.
Das ist alles andere als selbstverständlich!

(2) Unsere Kirche in Görlitz,
wo ich Vikariat gemacht habe,
hat einen Nebenraum.
Der wurde nie renoviert.
Nach der Wende
hat die Gemeinde Eigentum angeschafft
mit einer Wohnung für den Pfarrer
und Räumen für die Gemeinde.
Da wurde der Nebenraum einfach nicht mehr gebraucht.
Mehrere Leute,
mit denen ich in diesen Raum gegangen bin,
sagten:

Hier riecht es wie in der DDR!

Da betraten Menschen eine Erinnerungswolke,
die ganz stark an einen Geruch gebunden war.

Einige Christen,
die ich im Osten kennengelernt habe,
hatten eine ambivalente Haltung
gegenüber der DDR.
Sie erinnerten sich natürlich an Schikane und Demütigung,
aber auch daran,
wie der Druck von außen
christliche Gruppen zusammengeschweißt
und stabilisiert hat.
Christ sein
bedeutete etwas.
Konfirmation oder Jugendweihe
war eine echte Entscheidung,
etwas, das einen Unterschied gemacht hat
in deinem Leben.

Das Christentum hat einen Inhalt.
Die Bundeslade ist nicht leer,
sondern darin liegen die „Tafeln des Bundes“:
Gottes Gesetz.

4Höre, Israel, der Herr ist unser Gott,
der
Herr allein.
5Und du sollst den Herrn, deinen Gott,
liebhaben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele
und mit all deiner Kraft.

So heißt es im Buch Deuteronomium um 6. Kapitel.
Hier fügt Jesus hinzu:

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Und bei Moses heißt es weiter:

6Und diese Worte, die ich dir heute gebiete,
sollst du zu Herzen nehmen
7und sollst sie deinen Kindern einschärfen
und davon reden,
wenn du in deinem Hause sitzt
oder unterwegs bist,
wenn du dich niederlegst
oder aufstehst.

Eine solche lebendige Erinnerung macht einen Unterschied.

Das Leben im Glauben ist nicht immer einfach.
Es kann einen in echte Konflikte führen.
Das muss man nicht herbeireden
oder sich herbeiwünschen,
doch zu Gott zu stehen kann etwas kosten.
Die Gebote in der Lade
und das Wort in der Schrift
stellt einen Anspruch an uns.
Das kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich aussehen, aber der Glaube kann durchaus etwas kosten.

(3) Ich kann natürlich nicht über Erinnerungswolken reden
ohne Marius Müller-Westernhagen:

Ich bin wieder hier
In meinem Revier
War nie wirklich weg
Hab’ mich nur versteckt

Ich rieche den Dreck
Ich atme tief ein
Und dann bin ich mir sicher
Wieder zu Hause zu sein

Den Dreck riecht man in der Luft
und den Dreck sieht man an den Hauswänden;
und trotzdem ist es Zuhause.
Hier gehöre ich hin
und hier gehöre ich dazu.

Bei der Einweihung des Tempels
wird dem Chronisten dies deutlich an der Musik.
Zimbeln, Psalter und Harfen,
dazu ganze Familien von Sängern
und hundertundzwanzig Blechbläser.

Und es war als wäre es einer,
der trompetete und sänge,
als hörte man
eine Stimme
loben und danken dem
Herrn.4

Wir freuen uns über Vielstimmigkeit und Harmonie
und das ist eine grundchristliche Haltung.
5

Es sind viele verschiedene Glieder, aber ein Leib.
Es sind viele verschiedene Gaben, aber ein Geist.
6

Hier, bei der Einweihung des Tempels,
ist gerade der Zusammenklang ein Wunder.
Die Gemeinde steht vor Gott wie
ein Mensch
mit einem Atem
und einem Herzschlag.
Das ist von Gott geschenkt
und stimmt überein mit dem,
was die Sänger sagen:

Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewiglich.

Wir sind Einzelne und wir sind eine Gemeinde.
Gott schenkt uns Leben und Segen in beidem.
7

(4) Damit komme ich zur letzten Wolke der Predigt;
als sie nämlich das sangen,

da wurde das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke,
14so dass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten
wegen der Wolke;
denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Die Herrlichkeit Gottes ist, wovon der Prophet Jesaja schreibt:

Weh mir, ich vergehe!
… denn ich habe den König, den
Herrn Zebaoth, gesehen
mit meinen Augen.
8

Die Wolke ist Gottes Hand,
die er über uns legt, um uns zu schützen.
9
Gott ist offensichtlich da, mit all seiner Macht und Herrlichkeit,
und gleichzeitig verborgen in der Wolke.

Wenn die Priester später das Allerheiligste betreten haben,
haben sie vorsichtshalber händeweise Weihrauch
auf die Feuerschalen getan.
10
Weihrauch erfüllt den Raum noch lange mit seinem Duft.
So erfüllen Erinnerungen an Gottes Gegenwart unser Leben.
In und unter dieser Wolke ist Gott gegenwärtig hier und jetzt.
Und es macht einen Unterschied:

Das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke,
so dass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten
wegen der Wolke.

Gott greift ein in den Lauf der Welt
und die Herren Pastoren stellen sich gerne hinten an.
Liturgie ist immer nur ein Entwurf
und unsere Pläne sind immer nur ein Wunsch.
Gott sei Dank!

Er schafft Heil mit seiner Rechten
und mit seinem heiligen Arm.
Der
Herr lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.

Möge der Heilige Geist, der Mahner und Tröster,
uns allezeit daran erinnern, was Jesus gelehrt hat:
Dass barmherzig ist und groß
und sein Reich nahe herbeigekommen ist. — Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!11 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Diese hübsche Idee, die ich für diese Predigt als Leitmotiv durchführe, entnehme ich der Predigt „Gottes Wolke hat Humor“ von Fabian Kliesch, 10. Mai 2020, Arche Heidelberg.


3 Dtn 8,2a. Der zweite Teil des Verses, „auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht“ findet Wiederhall im 2. Teil.


4 Vers 13


5 Vgl. auch die kommende Predigt „Gegeben und gefordert“ zu Kantate und die Hinweise dort zu trinitätstheologischen Überlegungen J. Freys hierzu.


6 Vgl. 1.Kor 12.


7 Darin ist die eschatologische Wirklichkeit vorweggenommen. Vgl. „Kirche und Eschatologie“, das letzte Kapitel von Bonhoeffer, Sanctorum Communio, DBW 2, S. 193ff.


8 Jes 6,5


9 Vgl. Ex 33,22.


10 Vgl. Lev 16,12f.


11 Phil 4,7


Manuskript pdf, 3.1 MB)

Weitere Predigten zu Kantate:
Glaube ist Freiheit und Freude
Apg 16,16–34, Kantate

Diese Predigt nimmt drei Personen bzw. Personengruppen in den Blick: erstens die Sklavin, die einen Wahrsagegeist hatte, zweitens Paulus und Silas im Gefängnis und drittens den Gefängnisaufseher und sein Haus.