17:14

Rahmenerzählung des Buch Hiob
Predigt zu Hi 1,1–2,10

209 Invokavit, 22. Februar 2026, Frankfurt

Hiob macht uns fassungslos. Kann er ein Vorbild im Glauben sein?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist die Rahmenerzählung des Buches Hiob.
Ich werde Teile davon im Laufe der Predigt vorlesen.

Lasst uns beten:
Herr Gott, himmlischer Vater,
deine Gedanken sind nicht unsere Gedanken,
deine Wege sind nicht unsere Wege.
Lass dein Wort tun, was dir gefällt,
und schenke uns Einsicht in deine Gedanken
und lehre uns deinen Weg.
2
— Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(1) der Eingangspsalm des heutigen Sonntags
enthält einen beliebten Taufspruch:

Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest.

Psalm 91 Vers 12.

Wir haben diesen Vers heute schon zwei mal gehört:
(1) erstens, als wir den Introitus gesungen haben
(2) und zweitens, in der Lesung des Evangeliums.
Da führt in der Teufel im Mund.
Ich bin sicher,
es gibt auch unter uns hier Menschen,
die diesen Taufspruch haben.
Wie gefällt euch das,
dass der Teufel euren Taufspruch
gegen Jesus führt,
um Jesus zu versuchen?

Die Bibel bürstet uns manchmal gegen den Strich;
aber nicht, um uns zu ärgern,
sondern um uns zu wecken.
Sie will uns aus der Ruhelage bringen,
unser Fragen aktivieren,
unseren Blick heben von der Welt weg
zu Gott.

Das ganze Buch Hiob verfolgt dieses Anliegen.
Es liefert uns keine hübschen, praktischen Antworten,
die wir dann zufrieden auf eine Postkarte drucken können,
sondern es lässt uns unzufrieden zurück,
vielleicht sogar aufgewühlt
und ratlos.

Das erste Kapitel beginnt mit einer Szene im Himmel.
Die Engel treten vor Gott
wie die Beamten vor einen antiken König. –
Und tatsächlich,
Gott hat seinen Engeln befohlen,
seine Geschöpfe zu behüten,
„auf allen ihren Wegen“,
und lässt sie antreten zum Bericht.

8Der Herr fragte den Satan […]:
„Hast du auch meinen Knecht Hiob beobachtet?
Es gibt auf der Erde keinen Menschen wie ihn!
Er ist fromm und führt ein vorbildliches Leben.
Er begegnet Gott mit Ehrfurcht
und hält sich von allem Bösen fern.“
9Doch der Satan antwortete dem Herrn:
„Meinst du, dass Hiob sich umsonst an Gott hält?
10Du bist es doch, der ihn rundum beschützt —
sein Haus und alles, was ihm gehört.
Du segnest die Arbeit seiner Hände.
Sein Besitz wächst und wächst im Land.
11Aber strecke doch einmal die Hand aus
und nimm ihm alles weg, was er hat!
Dann wird er dir ins Gesicht fluchen!“

12Da sagte der Herr zum Satan:
„Gut!
Alles, was ihm gehört,
gebe ich in deine Gewalt.
Nur gegen ihn selbst darfst du
die Hand nicht ausstrecken.“

Die Frage, die Satan stellt, ist nicht unberechtigt:

Wenn du Hiob nicht reich beschenkt hättest,
würde er dich dann lieben?

Geht es wirklich um dich,
oder geht es ihm heimlich um sich selbst?

Der Satan stellt die Frage nach der Authentizität und Wahrheit
der Gottesbeziehung. — 
Warum lässt Gott sich auf diese Frage ein?
Er ist doch Gott,
allmächtig und allwissend,
kann er nicht einfach in Hiobs Herz schauen? —
Die Bibel erzählt uns diese Geschichte um unseretwillen.
Nicht Gott lernt etwas über Hiob,
sondern wir lernen lernen fragen nach Gott.

(2) „Eines Tages geschah es dann“:
In einem Atemzug erreichen ihn die Hiobsbotschaften
in einem Atemzug:

Deine Rinder sind gestohlen.
Deine Schafe sind verbrannt.
Deine Kamele sind verloren. –
Deine Kinder sind umgekommen,
als ein Unwetter über ihr Haus hereinbrach.
Sie sind alle tot.
„Nur ich allein bin entkommen,
um dir die Botschaft zu bringen“.

Hiob reagiert so:

20Hiob stand auf, zerriss sein Gewand
und schor sich den Kopf kahl.
Dann sank er nieder auf die Knie,
beugte sich tief zur Erde und sagte:

21„Nackt bin ich gekommen aus dem Leib meiner Mutter,
und nackt ich wieder aus dem Leben gehen.
Der
Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.
Gelobt sei der Name des
Herrn!“

Meines Erachtens
erkannt man an dieser Reaktion,
dass die Figur des Hiobs erfunden ist.
Kein Mensch reagiert so auf den Tod seines eigenen Kindes.
Die Bibel präsentiert uns mit Hiob ein unmenschliches Extrem.

Moment — 
sollte uns die Predigt nicht den Glauben des Hiob
als Vorbild hinstellen?
Ist es nicht unsere Pflicht genau so zu reagieren?

Es gibt eine Anekdote
von einem berühmtem Theologie-Professor.
Er war auch Pfarrer.
Und er hat die Entscheidung getroffen,
sein eigenes Kind zu beerdigen.
Das war im 19. Jahrhundert,
der Tod junger Kinder kam viel öfter vor als heute.
Es war nicht unüblich,
dass ein Vater sein Kind beerdigt.

Zur Liturgie am Grab gehörte
dieser Vers aus dem Buch Hiob:

Der Herr hat es gegeben,
der Herr hat es genommen.
Gelobt sei der Name des Herrn!

Und dann stand der Professor dann am Grab.
Der Sarg mit seinem Kind wurde eingesenkt
und er zitiert die Stelle der Liturgie
und sagt:

Der Herr hat es gegeben,
der Herr hat es genommen.

– Schweigen – 

Du bist ein Mensch
und du schuldest Gott das Lob.
Doch du bist auch ein Vater
und verrätst dein Kind,
wenn du Gott lobst
im Angesicht
dieses Todes. —
Das ist der Zustand der gefallenen Welt,
dass wir in eine Situation kommen können,
in der wir zwischen Gott und unserem Kind stehen.
Selbst der stärkste Glaube
ist nicht nicht in der Pflicht,
wenn die Liebe dabei auf der Strecke bleibt.

Der Apostel Paulus schreibt nach Korinth:

Hätte ich allen Glauben,
so das ich Berge versetzen könnte,
und hätte die Liebe nicht,
so wäre ich nichts.

Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe
und ließe meinen Leib verbrennen,
und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Ein Glaube ohne Liebe ist fehlgeleitet.

(3) Hiob ist uns kein Vorbild im Glauben.
Hiob macht uns fassungslos. —
Und das ist etwas Gutes,
denn wenn wir keine Fassung haben,
wenn wir keinen Halt in uns selbst haben,
dann haben wir ihn bei Gott.

Gott stellt uns den Bruder zur Seite und die Schwester,
die uns die Rolle abnehmen,
die wir gerade nicht ausfüllen können.
Der Pfarrer bei der Beerdigung
hat die Freiheit,
sich zu sagen:

Das ist nicht mein Vater, der da in der Kiste liegt.
Das ist nicht meine Mutter,
deren sterbliche Überreste eingesenkt werden
in einer Urne.

So kann der Pfarrer Auferstehungshoffnung predigen,
- Gott zu Ruhm und Ehre,
- uns zu Trost und Hoffnung,
ohne dass die Liebe zum Verstorbenen in Frage steht.

Die Pflicht von uns Menschen,
Gott zu ehren,
ist nicht mechanisch oder ein Geschäft,
sondern alles zwischen Gott und uns
ist durchdrungen von Liebe.

Der Satan weiß nicht,
was Liebe ist.

Er meint,
die Beziehung zwischen Gott und Hiob sei ein Deal.
Hiob erfüllt seine Pflicht gegenüber Gott
und Gott liefert Segen und Wohlstand.
Das ist ein Geben und Nehmen,
eine klare wenn-dann-Beziehung.
Doch das trifft es nicht.

(4) Ich hatte ein Gespräch mit einer älteren Dame,
die machte sich Sorgen um ihre Schwester.
Die Schwester sei in der Landeskirche,
nicht in der SELK.
Der Pfarrer ihrer Gemeinde,
der glaube nicht an das ewige Leben
und er sei sich auch gar nicht sicher,
ob es Gott wirklich gebe.
Ihre Schwester habe diese Auffassungen jetzt so übernommen.
Sie glaube also,
dass am Ende ihres Lebens
das Nichts stünde.

Meine Gesprächspartnerin hatte die Sorge um ihre Schwester
mit anderen geteilt
und bekam folgende Antwort:

Ja, ihre Schwester kommt in die Hölle.
Das ist aber für sie selbst nicht schlimm,
denn im Himmel werden sie sie nicht vermissen.
Da gibt es nur Freude und Seligkeit.

Das ist genau so eine lieblose Auffassung von Glauben.
Im Grunde ist es ein Deal:
Dafür, dass du hier glaubst,
bekommst du den Himmel als Gegenleistung. —
Doch das trifft es nicht.

Hätte die Liebe nicht,
so wäre ich nichts.

Die Liebe zur Schwester ist vor Gott
Grund genug für Hoffnung,
selbst gegen ihr eigenes Leugnen.
Gott weiß, wie es in ihrem Herzen aussieht
und er allein beruft ins Himmelreich.
Gott hört gerne unser Gebet,
denn bei ihm ist nichts unmöglich.
Wir sollen beten ohne zu zweifeln,
denn so Loben wir Gottes Größe und Allmacht.

Wir alle an der Schwelle zwischen Glauben und Zweifel.
Manche mögen auf der Seite des Glaubens stehen.
Sie bekennen ihren Glauben. —
Doch wer seinen Glauben ehrlich bekennt,
der bekennt auch seine Sünde.
Wer um seine Sünde weiß,
der kennt den Zweifel.
Und wer den Zweifel kennt weiß,
dass der Himmel Gnade ist
und überhaupt nicht selbstverständlich.

Ein zweifelsfreier Glaube ist ein gnadenloser Glaube.
Gott hat dabei nichts zu tun.

Deswegen können ehrliche Bekenner nie herabschauen auf die,
die auf der Seite des Zweifels stehen
und das Bekenntnis nicht über die Lippen bringen.

(5) Der Glaube an Gott ist ein lebendiger Glaube.
Der findet im Leben statt
und in Auseinandersetzung.
Oft genug begehren wir auf gegen Gott
und begegnen ihm mit Klage
und der einfachen Frage: „Warum?“

Auch Hiob ist das keineswegs fremd.
Den größten Teil des Buches machen Gespräche aus
mit seinen Freunden.
Es geht ihnen um die Frage,
ob Gott gerecht ist.
Es geht ihnen um die Frage „Warum?“
Doch in all seinem Schmerz und seiner Wut
lässt Hiob Gott immer Gott sein
„und versündigte sich mit mit seinen Lippen“.

(6) Am Ende des Buches wird Hiob wieder hergestellt.
Er bekommt seinen Wohlstand zurück
und seine Kinder,
sieht seine Enkel und Urenkel aufwachsen
„und starb alt uns lebenssatt“.

Am Ende des Geschichte
wacht Hiob auf
wie aus einem Bösen Traum.
Und im Himmel hat Gott Recht behalten
gegenüber dem Satan.

Es gibt auf der Erde keinen Menschen wie [Hiob]!
Er ist fromm und führt ein vorbildliches Leben.
Er begegnet Gott mit Ehrfurcht
und hält sich von allem Bösen fern.
Noch immer hält er sich frei von Schuld.

Wenn wir dann den Blick heben aus der Erzählung,
hat Gott immer noch recht.

Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst —
Herr, wer wird bestehen?
3

Kein Mensch würde bestehen,
wenn nicht Gott Mensch geworden wäre,
damit wir werden wie Gott.
Wir bekommen oft keine Antwort auf unser „Warum?“
und das Suchen nach Gottes Gerechtigkeit
lässt uns manches mal ratlos zurück
und sogar fassungslos.

Doch wenn wir auf Christus blicken, wissen wir:

So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
4

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!5 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Vgl. Jes 55,8–11.


3 Ps 130,3


4 Joh 3,16


5 Phil 4,7


Manuskript pdf, 297 KB)

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Impuls zum Sonntag Invokavit, Gen 3, Invokavit

Dies ist gar keine Predigt. Ich hatte an Invokavit frei, weil ich auf dem Jugendkongress in Witzenhausen war. Statt dessen habe ich den Impuls von predigttagebuch.de mitgebracht. Viel Spaß!