15:57

Jesus gibt uns lebendiges Wasser
Predigt zu Joh 4,5–14

208 3. So. n. Epiphanias, 25. Januar 2026, Frankfurt

Voller Spannung hören wir das Gespräch zwischen Jesus und der Frau. Wird sie verstehen, wer er ist?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Abschnitt aus dem Evangelium nach Johannes
im 4. Kapitel. Dort heißt es:

5[Jesus] kam in eine Stadt Samariens,
die heißt Sychar,
nahe bei dem Acker,
den Jakob seinem Sohn Josef gab.
6Es war aber dort Jakobs Brunnen.

Weil nun Jesus müde war von der Reise,
setzte er sich am Brunnen nieder;
es war um die sechste Stunde.

7Da kommt eine Frau aus Samarien,
um Wasser zu schöpfen.
Jesus spricht zu ihr:

Gib mir zu trinken!

8Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen,
um Essen zu kaufen.

9Da spricht die samaritische Frau zu ihm:

Wie, du bittest mich um etwas zu trinken,
der du ein Jude bist
und ich eine samaritische Frau?

Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.

10Jesus antwortete und sprach zu ihr:

Wenn du erkenntest die Gabe Gottes
und wer der ist, der zu dir sagt:
„Gib mir zu trinken!“,
du bätest ihn,
und er gäbe dir lebendiges Wasser.

11Spricht zu ihm die Frau:

Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest,
und der Brunnen ist tief;
woher hast du dann lebendiges Wasser?

12Bist du mehr als unser Vater Jakob,
der uns diesen Brunnen gegeben hat?
Und er hat daraus getrunken
und seine Kinder
und sein Vieh.

13Jesus antwortete und sprach zu ihr:

Wer von diesem Wasser trinkt,
den wird wieder dürsten;
14wer aber von dem Wasser trinken wird,
das ich ihm gebe,
den wird in Ewigkeit nicht dürsten,
sondern das Wasser,
das ich ihm geben werde,
das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden,
das in das ewige Leben quillt.

Lasst uns beten:
Herr Jesus Christus,
sende uns den Heiligen Geist
als Quelle des lebendigen Wassers
in unserem Leben.
Segne du alles Reden und Hören.
— Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

(Einleitung)

um unseren Predigtabschnitt heute Morgen auszulegen,
möchte ich zuerst einen kleinen Ausflug mit euch machen.
Wir gehen ins Kasperle-Theater.

Da gibt es die klassischen Figuren:
- den Kasper,
- den Peter,
- die Großmutter,
- das Krokodil
- und natürlich den Räuber Hotzenplotz,
als Handpuppen,
die auf einer kleinen, rechteckigen Bühne
eine Geschichte darstellen.

Eine der typischen Erzähl-Strategien des Kinder-Theaters ist,
dass das Publikum, also die Kinder,
mehr wissen, als die Figuren im Spiel.

Beispiel:
Wir sehen, wie Räuber Hotzenplotz sich verkleidet.
Er erzählt uns auch groß und breit,
warum er das macht.
In der Verkleidung will er den Kasper täuschen. –
Das ist nicht Theater für Erwachsene.
Bei einem Krimi für Erwachsene
muss die Polizei herausfinden,
wer der Böse ist
und was er sich gedacht hat.
Das ist ja gerade, was spannend ist.
Für Kinder ist aber alles vollkommen klar:
Räuber Hotzenplotz ist der Böse
und wir wissen genau,
was er vorhat.

Und dann begegnet der Räuber Hotzenplotz auch dem Kasper,
wie geplant.
Und da werden die Kinder schon unruhig:

Nein, das ist doch der Räuber Hotzenplotz in Verkleidung,
Kasper, warum siehst du das denn nicht?

Räuber Hotzenplotz erzählt dann dem Kasper,
was er hören soll.
Und der Kasper freut sich!
Und dann fragt er noch die Kinder:

Kinder, ist das nicht toll,
dass ich diesem freundlichen Mann begegnet bin,
der mir helfen kann auf meinem Weg?

Und die Kinder sind außer sich:

Nein, das ist doch der Räuber Hotzenplotz!

Die Kinder sind richtig mit dabei.
Sie machen keine Unterscheidung
zwischen ihrer Welt
und der Welt der Geschichte.
Die vierte Wand der Bühne existiert für sie nicht.

Für uns Erwachsene hat die Bühne vier Wände,
hinten, links und rechts –
und vorne:
Da denken wir uns eine Wand.
Die ist unsichtbar,
aber wie aus Stein und aus Stahl.
Unsere Wirklichkeit
und die Wirklichkeit der Geschichte
sind vollständig voneinander getrennt.

Jesus sagt:

Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder,
so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.
2

Im Unglauben sind wir wie die Erwachsenen.
Es gibt eine feste, undurchdringliche Mauer
zwischen unserer Welt
und der himmlischen Wirklichkeit.
Gott hat diese Mauer aber immer wieder durchbrochen.
Er hat sich den Menschen immer wieder zugewendet
und hat zu ihnen gesprochen,
durch die Propheten,
durch die Schrift,
dadurch, dass er das Leben mit Menschen geteilt hat,
wie es uns die Bibel bezeugt.

Wenn Gott die Mauer zwischen ihm und uns durchlässig macht,
nennen wir das „Offenbarung“.

Es ist unser Glaube,
dass Gott die Mauer
in Jesus Christus
vollkommen eingerissen hat.
Christus ist der Offenbarer.
3

Wenn wir unser Leben leben,
als gäbe es den Himmel nicht,
dann tun wir das nur in alter Gewohnheit.
Die Mauer ist in unserem Kopf!
Glaube ist da,
wo wir Gottes Wort hören,
das er zu uns spricht,
und wissen: Da ist keine Mauer!

Ich werde jetzt abschnittweise durch die Geschichte gehen
und versuchen,
uns deutlich zu machen,
wie spannend sie ist.

(1) Das erste,
das unsere Geschichte spannend macht,
ist der Ort.

5[Jesus] kam in eine Stadt Samariens,
die heißt Sychar,
nahe bei dem Acker,
den Jakob seinem Sohn Josef gab.
6Es war aber dort Jakobs Brunnen.

Gott hat schon eine Geschichte mit uns.
Er hat sich uns offenbart
auf dem Weg,
den wir zusammen gegangen sind. —
Auch wir Christen identifizieren uns gerne mit den Menschen
aus dem Alten Testament.
Für die Menschen,
die damals im Heiligen Land wohnten,
war dies ihre Familiengeschichte.
Das Grundstück, von dem die Rede ist,
war ihnen konkret vor Augen.
Der Brunnen,
den Gott ihrem Vorfahren Jakob gegeben hat,
ist praktisch und augenscheinlich mit ihrem Alltag verbunden.
Gott hat sich ihnen offenbart
und diese Offenbarung
war mit diesem konkreten Ort verbunden.
Die Erinnerung an Gottes Gnade
war spürbar gegenwärtig
in jedem Schluck Wasser aus diesem Brunnen. — 
Der Ort, an dem die Geschichte spielt,
ist ein Ort der Offenbarung.
Hier begegnet die Frau Jesus.

(2) Wo es um diese heiligen Dinge geht,
um Gott,
und das Himmelreich, das so ganz anders ist, als unsere Welt,
würde man etwas ganz anderes und abgehobenes erwarten.
Doch am Brunnen sitzt Jesus:
- erschöpft vom Fußmarsch,
- ermattet in der Mittagshitze,
4
- durstig in der Trockenheit.
Gott entäußert sich seiner göttlichen Gestalt,
um uns nahe zu sein.
Er lässt sich auf die Gefahr ein, dass er nicht erkannt wird,
weil er sich klein und verwechselbar gemacht hat.

Hier kommt es auf den Glauben an,
denn durch den Glauben erkennen wir,
dass hier mehr ist,
als weltlich zu sehen ist. —
Wir haben an Weihnachten gesehen,
wer da in die Welt gekommen ist,
- vom Stern angekündigt,
- von Engeln verkündet
- und von Königen verehrt.
Wir wissen,
dass er der Offenbarer ist,
der Weg, die Wahrheit und das Leben.
5
Die Situation ist spannend:
Wie die Kinder im Kasperle-Theater
warten wir jetzt darauf,
was in der Begegnung passiert.

(3) Jesus bittet die Frau um Wasser.
Sie kommt eh, um aus dem Brunnen zu schöpfen
und Jesus sagt:

Gib mir doch bitte einen Schluck.

Gottes Offenbarung
und Gottes Offenbarer
kommen nicht in eine perfekte Welt,
sondern in eine gebrochene Welt.
Konflikt und Streit,
Sünde und Schuld –
Wir haben keine ungebrochene Gemeinschaft mit Gott
und auch nicht untereinander.

Wie,

sagt die Frau,

du bittest mich um etwas zu trinken,
der du ein Jude bist
und ich eine samaritische Frau?

Und der Evangelist erklärt ihren Einwand:

Die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.

Versöhnung ist manchmal da am schwersten,
wo man sich am nähsten ist.
Die Samaritaner haben auf dem Berg Garizim zu Gott gebetet.
Noch als sich der Glaube durchsetzt,
dass man nur im Tempel auf dem Zion anbeten soll,
sind sie bei ihrem Gottesdienst geblieben. —

Als der König in den Gottesdienst eingegriffen hat,
gründeten lutherische Bekenner unsere Kirche.
Das macht Gemeinschaft schwer bis heute.
Es gibt Stimmen in unserer Kirche,
die ökumenische Gottesdienste völlig ablehnen.
Noch viel weniger als Ökumene
gab es zwischen Juden und Samaritanern:
- keine Gemeinschaft,
- keinen Handschlag,
- kein gemeinsames Essen und Trinken.
Das mache alles unrein, haben manche gesagt.
Doch Jesus Christus überspringt die Mauern in unseren Köpfen.

(4) Jesus geht gar nicht ein auf diesen Hinweis,
sondern er sagt:

Wenn du erkenntest die Gabe Gottes
und wer der ist, der zu dir sagt:
„Gib mir zu trinken!“,
du bätest ihn,
und er gäbe dir lebendiges Wasser.

Und die Frau antwortet:

Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest,
und der Brunnen ist tief;
woher hast du dann lebendiges Wasser?

Das wäre jetzt der Moment,
an dem die Kinder rufen würden:

Nein!

Du hast das ganz falsch verstanden!
Jesus ist der Gute, der Offenbarer,
er redet von was ganz anderem!

Jesus redet von himmlischem Wasser
und du denkst an Schöpfgefäße.

Die Mauer ist in unseren Köpfen.
Wir sind so daran gewöhnt,
wie Erwachsene zu denken,
dass wir unserem Glauben selbst im Weg stehen.

(5) Jesus erklärt ihr:

Wer von diesem Wasser trinkt,
den wird wieder dürsten;
14wer aber von dem Wasser trinken wird,
das ich ihm gebe,
den wird in Ewigkeit nicht dürsten,
sondern das Wasser,
das ich ihm geben werde,
das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden,
das in das ewige Leben quillt.

Dir hat Jesus dieses Wasser längst gegeben.

  • Dabei magst du an deine Taufe denken,
    wo Wasser und Wort dich von neuem geboren haben.
  • Du magst an das Abendmahl denken,
    das dich stärkt und bewahrt im Glauben.
  • Das lebendige Wasser ist dir zugeflossen immer da,
    wenn Gott mit dir einen Weg mitgegangen ist
    und seine Spuren in deinem Leben hinterlassen hat.

Gott will gerne eine Geschichte mit uns haben,
bis der Glaube unser Denken ganz durchdringt.
Wenn sein Tag kommt, wird uns keine Mauer mehr hindern,
Gott zu erkennen, wie wir erkannt worden sind. — Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Mt 18,3, „denn ihnen gehört das Himmelreich“, Mt 19,14 und Lk 18,16.


3 So, jetzt habe ich Bultmanns Begriff hier stehen und hoffe, dass mein Versuch, den „eigentümlichen joh. ‚Dualismus‘“ (z.St., S. 133) zu umschreiben erfolgreich ist, wobei ich (gegen Bultmann?) Gottfried Voigts Einschätzung Rechnung trage: Johannes „denkt nicht daran, die irdischen Dinge für nebensächlich oder gar entbehrlich zu halten“, „Der rechte Weinstock“, z.St., S. 87.


4 Vgl. „um die sechste Stunde“.


5 Vgl. Joh 14,6.


Manuskript pdf, 836 KB)

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Auswahl aus:, Apg 10,9–28, 3. So. n. Epiphanias

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