17:32

Hauptmann Kornelius: Grenzen und ihr Bruch
Predigt zu Apg 10,9–28

10 Auswahl aus: 3. So. n. Epiphanias, 26. Januar 2020, Bremen und Bremerhaven

Hauptmann Kornelius ist Heide, aber in einer Vision hat ihn ein Engel beauftragt, Petrus zu sich einzuladen. Petrus hat Skrupel: Bei einem Heiden ins Haus gehen? Verstößt er damit nicht gegen das Gebot Gottes? Diese Predigt handelt von Grenzen, die uns gesetzt sind, davon, dass sie konstruktiv und segensreich sein können, aber auch destruktiv und störend. Im zweiten Teil der Predigt setze ich mich mit dem „geschlossenen Abendmahlstisch“ auseinander, wie ihn die Kirchenordnung der SELK vorschreibt. – Diese Predigt habe ich geschrieben anlässlich der Erstkommunion eines neuen Kirchgliedes.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist die Geschichte vom Hauptmann Kornelius.
Sie steht geschrieben in der Apostelgeschichte des Lukas
im 10. Kapitel.
Petrus ist bei Freunden zu Gast
und da ereignete sich folgendes:

9Am nächsten Tag […] stieg Petrus auf das Dach,
zu beten um die sechste Stunde.
10Und als er hungrig wurde, wollte er essen.
Während sie ihm aber etwas zubereiteten,
geriet er in Verzückung 11und sah den Himmel aufgetan
und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen,
an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde.
12Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels.
13Und es geschah eine Stimme zu ihm:

Steh auf, Petrus, schlachte und iß!

14Petrus aber sprach:

O nein, Herr;
denn ich habe noch nie etwas Verbotenes
und Unreines gegessen.

15Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm:

Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.

16Und das geschah dreimal;
und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen
gen Himmel.

17Als aber Petrus noch ratlos war,
was die Erscheinung bedeute,
die er gesehen hatte,
siehe, da fragten die Männer,
von Kornelius gesandt,
nach dem Haus Simons und standen an der Tür.
18Sie riefen und fragten,
ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre.
19Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung,
sprach der Geist zu ihm:

Siehe, drei Männer suchen dich;
20so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen
und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.

21Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach:

Siehe, ich bin's, den ihr sucht; warum seid ihr hier?

22Sie aber sprachen:

Der Hauptmann Kornelius,
ein frommer und gottesfürchtiger Mann
mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden,
hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel,
dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören,
was du zu sagen hast.

23Da […] machte er sich auf und zog mit ihnen […].

24Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea.
Kornelius aber wartete auf sie
und hatte seine Verwandten
und nächsten Freunde zusammengerufen.

25Und als Petrus hereinkam,
ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen
und betete ihn an.
26Petrus aber richtete ihn auf und sprach:

Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.

27Und während er mit ihm redete,
ging er hinein
und fand viele, die zusammengekommen waren.
28Und er sprach zu ihnen:

Ihr wisst, daß es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist,
mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt,
dass ich keinen Menschen meiden
oder unrein nennen soll […]
Nun erfahre ich in Wahrheit,
dass Gott die Person nicht ansieht;
35sondern in jedem Volk,
wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege! — Amen

Liebe Brüder und Schwestern!

0. Einleitung

In dieser Predigt soll es um Grenzen gehen:
- Wo sie notwendig und schöpferisch sind,
- wo sie aber auch störend und zerstörerisch sind.

Ich habe eine Flasche Wasser mitgebracht.

– Die Flasche hochalten –

Das Glas der Flasche und der Deckel obendrauf
begrenzen das Wasser.
Ohne das Glas würde alles zerfließen.
Diese Grenze ist schöpferisch:
Sie erlaubt mir überhaupt erst,
das Wasser zu transportieren
und zu handhaben.

Die Grenze kann mir aber schädlich sein.

– Versuchen, aus der Flasche zu trinken –

Jetzt will ich was trinken und die Grenze ist mir im Weg.

– Macht den Deckel ab und trinkt was –

Ah… viel besser!
Erst, wenn ich die Grenze überwinde,
nutzt es mir etwas,
das Wasser handhaben und transportieren zu können.

Das ist eine Sache, worum es in dieser Geschichte geht:
Petrus lernt, eine Grenze zu überschreiten.

Für ihn selbst ist das eine Erleuchtung
und für viele andere ein Segen.
Eine Erleuchtung ist es für ihn,
weil Gott ihm Erkenntnis und Gemeinschaft schenkt,
die vorher unmöglich war.
Ein Segen für andere ist es,
weil auf diese Art Menschen das Evangelium
von Jesus Christus gehört haben,
die es sonst nie vernommen hätten.

Der Zaun um die Torah: „Grenzen“ im antiken Judentum

Für die meisten von Petrus’s jüdische Zeitgenossen
bestand das Leben aus vielen Grenzen.
Diese Vorschriften und Gebote hat man nicht eingehalten,
weil man dumm oder gehässig war,
sondern sie wollten sich ganz besonders bemühen
um den Willen Gottes.

Ich bin der Herr, dein Gott…
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Das ist das erste Gebot,
so, wie es auch für uns noch gilt!

Um dieses Gebot aber auch ganz gewiss einzuhalten,
haben die Schriftgelehrten einen Zaun gebaut
um die Gebote der Bibel.
Sie haben Bestimmungen erlassen,
dies es den Menschen in ihren Gemeinden
verboten, mit Heiden zu essen,
ihre Häuser zu betreten
oder sie anzufassen.

„Unrein“ wurden die Heiden genannt,
und ein „anständiger“ Jude hat sie gemieden,
genau wie Petrus es in seiner Rede beschreibt.

In einer Kultur,
in der fast jeder Mensch daran glaubt,
dass es viele Götter gibt,
ist es auch total sinnvoll,
sich zu unterscheiden.
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
ist nicht einer von den vielen Göttern wie
Jupiter, Belenus und Minerva.
Einen toten Götzen sollen sich die Juden nicht machen.
Diesen „Göttern“ sollen die Israeliten nicht folgen.
In dieser Unterscheidung ist die Grenze schöpferisch,
denn sie vermittelt eine Wahrheit über den Gott Israels.

In dem Moment aber,
in dem Gott einen Heiden angesprochen hat,
und ihn zum Glauben gerufen hat an Jesus Christus,
war diese Grenze nicht schöpferisch,
sondern zerstörerisch.
Petrus, als ein anständiger Jude,
hätte Kornelius’ Haus nicht betreten!
Er hätte Kornelius’ großer Familie
und seinen einflussreichen Freunden
das Evangelium nicht verkündigen können.
Was für eine Chance wäre ihm durch die Lappen gegangen.

Petrus hatte eine Vision und ist ihr gefolgt.
Das ging entgegen seine Erziehung,
entgegen alle Erwartungen
und gegen alles,
was man als „normal“ und „anständig“ erachtete.

2. Der geschlossene Abendmahlstisch als Grenze

Liebe Gemeinde,
solche Regeln,
dass man Menschen meidet
und sie „unrein“ nannten,
kommen uns heute vielleicht merkwürdig vor.
Aber auch wir haben solche Grenzen und Regeln.

Die SELK vertritt nach wie vor,
dass nicht jeder an ihren Altären zum Abendmahl gehen darf.
Damit stehen wir (in Deutschland) unter den Kirchen,
die aus der Reformation hervorgegangen sind,
praktisch alleine da.
In den meisten Kirchengemeinden der EKD herrscht
„eucharistische Gastfreundschaft“.
Das gilt auch für römische Katholiken
und andere Konfessionen,
die in dieser Hinsicht zurückhaltender sind.
Die SELK hält fest am „geschlossenen Abendmahlstisch“.
Warum?

Zum einen ist eine Grenze ein Zeichen von Wertschätzung:
Das Abendmahl ist uns wichtig
und es ist nicht egal,
was das Abendmahl ist
und was es bedeutet.
Es ist wie bei der Flasche Wasser:
Würde das Glas den Inhalt nicht begrenzen,
würde alles zerfließen.
Wenn es egal ist,
was wir beim Abendmahl machen,
dann könnten wir’s auch lassen.

Zum anderen stellen wir einen Anspruch an Wirklichkeit.

Dies ist der wahre Leib und das wahre Blut Jesu Christi.

Es geht nicht um scheinen und meinen,
sondern um sein.
Ich bin ein Mensch.
Ich bin aus Fleisch und Blut. —
Ich komme zum Altar Gottes
und Gott begegnet mir hier in einer Art und Weise,
die mir angemessen ist:
körperlich, greifbar, nahbar.

Gott kommt zu mir,
nicht im Himmel oder in Gedanken,
sondern hier her,
wo ich bin
und wie ich bin.

Zum dritten geht es um das Wort Gottes:
Christus spricht:

Nimm und iss,
- dies ist mein Leib,
- dies ist mein Blut,
für dich gegeben.

Er sagt das zu mir und zu dir.
Im Abendmahl macht Gott Ort und Zeit durchlässig.
Hier am Altar bist du im Obergemach,
in der Nacht vor der Kreuzigung.
Jesus lädt dich ein.
Jesus schenkt sich dir.
Und mit Jesus bist du auch im Reich Gottes,
am Tage des Herrn.

Sein wir mal ganz ehrlich:
Unser Glaube ist ganz schön „steil“!
- Wir nehmen das Abendmahl wichtig,
- weil in und unter Brot und Wein Gott wirklich zu uns kommt
- und in und unter den Worten des Pastors wirklich zu uns redet.
Wie soll man das einem „normalen Menschen“ erklären?
Da ist es schon einladend zu sagen:

Wir passen unseren Glauben unseren Alltagserfahrungen an!
Wir reden nur noch „symbolisch“ von Abendmahl,
betonen Gemeinschaft und Erlebnis.
Wir betonen die Dinge, die man sieht
und schweigen über die Dinge, die man nicht sieht.

Erinnerungsmahl: Versteht jeder!

Das Problem ist,
dass es dann zerfließt.
Das Abendmahl wird zu einem Ritual wie jedes andere.
Es unterscheidet sich nicht mehr.

Das wäre so,
als würden sich Sprache nicht mehr unterscheiden.
Eine Wahlbenachrichtigung ist etwas anderes als ein Roman.
Ein Zeitungsartikel klingt anders als ein Gedicht.
Eine Rechnung unterscheidet sich von einer Liebeserklärung:

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Und haben sie schon von unserem Sonderangebot gehört??

Dagegen:

Ich liebe dich.
Ich schenke mich dir.
Nimm hin…
dies ist mein Leib…
für dich gegeben…
zur Vergebung aller deiner Sünden.

Wenn diese beiden Dinge für jemanden gleich klingen,
dann macht es nicht so wahnsinnig viel Sinn,
hier bei uns zum Abendmahl zu gehen.
Das ist eine echte Grenze,
denn hier wird klar,
wie viel uns das Abendmahl bedeutet.

3. „Gnadenmittel“

Liebe Brüder und Schwestern,
als ich den letzten Abschnitt der Predigt fertig hatte,
habe ich mich gefragt:

Kannst du dich am Sonntag auf die Kanzel stellen,
und das predigen?

Hier oben zu stehen
und das mit dem Brustton der Überzeugung vorzutragen,
das ist das eine.
Aber was ist denn mit dem Herz in meiner Brust?
Ist das wirklich so voller Glauben,
wie ich das gerade von denen verlangt habe,
die hier zum Abendmahl gehen?
Wenn ich mich selbst derart auf Glauben prüfe,
würde ich bestehen?

Stellt da nicht das Kirchenrecht eine Grenze auf,
die zerstörerisch ist?
Immerhin hätten die Gebote der Schriftgelehrten
Petrus fast von seiner Predigt abgehalten.

Liebe Gemeinde:

Das heilige Abendmahl ist ein Gnadenmittel.

Das heißt:
Hier begegnet uns die Gnade Gottes,
nicht sein Anspruch oder Gesetz.

Gott handelt im Abendmahl an uns und für uns.
Er überwindet unseren Zweifel und vergibt unsere Sünden.

Wir brauche dazu weder große Leidenschaften
noch flauschige Gefühle.
Ein gesunder Glaube ist der,
der den Zweifel kennt
und sich mit ihm auseinandersetzt.

Die Grenzen sind dafür da,

unsere Wertschätzung für das Abendmahl
zum Ausdruck zu bringen

und unseren Glauben daran,
dass Jesus sich uns selbst
– körperlich –
nahe sein will

und sich schenkt.

Das Abendmahl ist nicht dafür da,
deinen Glauben zu prüfen,
sondern deinen Glauben zu stärken.

Im Zweifel schau auf Christus, nicht auf dich selbst.
Auch im Angesicht der Grenzen und Regeln:
Schau auf Christus
und folge seiner Einladung.
Auch wenn das heißt, dass du die Kirchenordnung links liegen lässt.

Er ist es, der sagt:
„Kommt! Und seht, wie freundlich der Herr ist!“

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Ps 119,105

 Ex 20,2f

 Vgl. V. 28.

 Vgl. Lev 19,4 u.ö.

 Vgl. 1.Sam 12,21 u.ö.

 Die ELFK u.a. mögen mir verzeihen, dass ich sie hier unterschlage um der Kürze willen.

 Vgl. 1Kor 11,28.

 „Mit Christus leben. Kirchliche Regelungen aus der Wegweisung für ev.-luth. Christen“ (in der Fassung vom 15.6.2007), zitiert nach den Kirchlichen Ordnungen der Selk, Nr. 502.3.

 Phil 4,7