16:48

Sichtbar schauen wir Gott
Predigt zu Mt 3,13–17

207 1. So. n. Epiphanias, 11. Januar 2026, Frankfurt

Diese Predigt setzt Matthäus’ Erzählung von der Taufe Jesu in den Zusammenhang mit dem Lobpreis-Lied, das in der Weihnachtszeit vor dem Abendmahl gesungen wird.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist das Evangelium von Jesu Taufe,
das wir gerade gehört haben.
Ich möchte diesen Abschnitt der Schrift
mit einem Stück der Liturgie in Beziehung setzen,
der Präfation zum Christfest:

Wahrhaft würdig ist es und recht
dass wir dich,
heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott,
zu allen Zeiten und an allen Orten
loben und dir danken
durch unsern Herrn Jesus Christus.

Denn Fleisch geworden ist das ewige Wort.
Was von Ewigkeit her verborgen war,
das ist heute erschienen.

Und das neue Licht deiner Herrlichkeit
hat unsere Augen erleuchtet.

Sichtbar schauen wir Gott —
der in uns die Liebe zu den unsichtbaren Gütern entzündet.

Darum mit allen Engeln und Erzengeln,
mit den Mächten und Gewalten
und mit dem ganzen himmlischen Heer
singen wir deiner Herrlichkeit einen Lobgesang
und bekennen ohne Ende:

Heilig, heilig, heilig
ist der der Herr Zebaoth.
Alle Lande sind seiner Ehre voll.
Hosianna in der Höhe.

Lasst uns beten:
Herr Gott, Jesus Christus,
in dir ist die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes
2
vor unseren Augen erschienen.
Wir bitten dich:
Öffne unsere Ohren für dein Wort
und sprich zu uns durch die Predigt,
damit das Licht deines unsterblichen Wesens uns erneuert.
3
— Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

0) Einleitung: die Abendmahlsliturgie ist Lobpreismusik

die Abendmahlsliturgie ist Lobpreismusik.
Lobpreismusik ist christliche Popmusik,
- die einfache Strukturen hat,
- erwartbare Harmonien verwendet
- und biblische Anspielungen und Zitate
musikalisch vermitteln will.

Genau das gleiche macht Liturgie.
Sie ist musikalisch ganz einfach.
Eigentlich gibt es nur einen Ton,
auf den der Text gesungen wird.
Dazu kommt ein begrenzter Satz von Verzierungen,
damit man das Wichtige
von dem weniger Wichtigen unterscheiden kann.

Der Abschnitt, der Liturgie,
den ich gerade zitiert habe,
ist das große Dankgebet,
das zum Christfest das Abendmahl einleitet.

Wahrhaft würdig ist es und recht, […] dass wir dich loben!

Die Präfation ist ganz ausdrücklich Lobpreis.

Dann kommen biblische Anspielungen,

  • an den Anfang des Johannes-Evangeliums,
    „das Wort wurde Fleisch“,
    4
  • und an den den Anfang des Kolosser-Briefes,
    „das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten […]
    ist [nun] offenbart“.
    5
    Das war ein Schlüsselvers
    für die Weihnachtspredigt am 1. Feiertag.
    6

Das Präfation ist ein Lobpreislied,
das biblische Motive aus dem Weihnachtskreis aufnimmt.
Gott hat uns angesprochen,
überraschend
und wunderbar.
Und wir antworten mit einem verwunderten Bekenntnis:

Sichtbar schauen wir Gott –
der in uns die Liebe zu den unsichtbaren Gütern entzündet.

Jetzt und hier sehen wir Gott
und hier und jetzt macht das etwas mit uns:
Es entzündet eine Liebe in uns zu Dingen,
die wir von uns aus
weder sehen
noch anstreben können.

Hier wird eine Verbindung hergestellt
vom Unsichtbaren zum Sichtbaren,
vom ganz anderen zum Alltäglichen.
Hier steht der Himmel offen über dem Sohn,
der Geist kommt herab wie ein Taube
und wir hören die Stimme des Vaters.

Dies ist das Bild,
das Matthäus uns vor Augen malt,
als er Jesu Taufe schildert.
Und es soll die Gliederung sein für das Folgende:
Sohn, Geist und Vater.

1) Sohn

Liebe Gemeinde,
wenn man seine Freunde richtig kennen lernen will,
muss man mit ihnen auf eine Reise gehen.
Ich habe mir sagen lassen,
Freundschaften seien schon an Reisen zerschellt
und Ehem am Urlaub gescheitert.
Wie ein Mensch reagiert in der Fremde,
wie jemand klar kommt mit Un-Heimlichem,
wenn man nicht im Heim ist,
das zeigt viel davon,
wie man im Innersten gestrickt ist.

Wir sind mit Jesus Christus auf der Reise.
Das gilt mindestens in zweierlei Hinsicht.
Erstens sind die Evangelien Reiseberichte –
von Galiläa nach Jerusalem.
Zweitens geht unser Herr Jesus Christus mit uns
und begleitet uns auf unserer Lebensreise. —
Jesu Taufe
ist ein Schnittpunkt beider Reisen.
Hier überlappen sich
sein Leben und dein Leben
ganz ausdrücklich.
Du bist getauft
auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes.
Als der dreieinige
erscheint uns Gott in der Taufe Jesu.

An dieser Stelle unserer Reise erfahren wir,
dass Jesus Gott ist.
Gott ist in Christus einer von uns geworden
und stellt sich neben uns in diese Welt.

Johannes der Täufer predigt:

Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht,
dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? […]
Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt.
Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt,
wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
7

Wir gucken neben uns
und Jesus da steht immer noch.
Er muss da nicht stehen.
Immerhin ist er Gott.
Aber er tut es trotzdem.

Uns wird schlagartig klar,
wo wir auf dem falschen Weg sind,
wie wir Gott und unseren Nächsten missachten. —
Und wir gucken neben uns
und Jesus steht da immer noch.

Er geht mit uns auf unserem Weg.

Sichtbar schauen wir Gott.

„Wo Jesus redet und handelt,
da redet und handelt der Gott Israels selbst.“
8

Er macht uns neu.
Er heilt.
Er vertreibt das Böse.
Er predigt das Evangelium.
Er schenkt sich uns unter Brot und Wein. —
Er entzündet in uns die Liebe zu den unsichtbaren Dingen.
Diese Liebe hebt unseren Blick über den Horizont des Diesseits
auf sein Reich, das kommt.

2) Geist

Das Reich Gottes ist mitten unter uns gegenwärtig.9
Das ist mehr als die Gottesbeziehung
im Herzen des einzelnen Menschen.
Es gibt ein Herz,
das in unserer Gemeinschaft schlägt.
Die Gemeinschaft der Heiligen ist mehr
als die Summe ihrer Teile.

Dabei ist die Kirche auch nur ein Mensch
und die Gemeinde so anfällig für das Böse,
wie jede andere menschliche Gemeinschaft auch.
- Eitelkeit? Kommt vor.
- Falsche Zielsetzungen? Soll es geben.
- Streit und Kampf,
- Verletzungen und selbst Dinge, die richtig krank machen:
Die Kirche ist keineswegs die Insel der Seeligen
in einer stürmischen Welt.

In der Kirchengeschichte waren es gerade die Versuche,
die Welt zu einem Kloster ohne Zeitgeist zu machen,
die ihren eigenen Geist groß gemacht haben.

Die Kirche ist genau wo Welt
wie die ganze Welt um sie herum Welt ist.
Trotzdem nimmt Gott seinen Heiligen Geist nicht von ihr,
denn wir Menschen sind auch Teil dieser Welt.

Jesus sagt zu seinen Jüngern:

Nehmt hin den Heiligen Geist:
Welchen ihr die Sünden erlasst,
denen sind sie erlassen.
10

Er macht uns Mut zur Predigt
und sagt:

Wer euch hört, der hört mich.11

Und er lässt das Abendmahl nicht im Obergemacht,
an einer einzelnen Stelle der Geschichte,
sondern sagt uns:

Tut dies zu meinem Gedächtnis.12

Der Heilige Geist vollbringt durch die Kirche große Wunder.
Erweckungsbewegungen,
politische und soziale Erneuerung,
Gerechtigkeit für die Armen
und Freiheit für alle. –
Wo Gott ist, da wird die Welt dem Himmelreich ähnlicher.

Sichtbar schauen wir Gott.

…und zwar nicht nur im Außergewöhnlichen,
sondern gerade auch im laufenden Betrieb.

Warum feiert ihr in Frankfurt so oft Beichte?

Muss Abendmahl unbedingt jede Woche sein?

Nein, vielleicht nicht.
Doch:

Er entzündet in uns die Liebe zu den unsichtbaren Dingen.

Diese Liebe hebt unseren Blick über den Horizont des Diesseits
auf sein Reich, das kommt
und unter uns schon gegenwärtig ist.
Gott erhält eine sichtbare, fassbare Kirche in dieser Welt.
Die Kirche ist der Leib Christi –
und bei aller Problematik,
die sie auf so viele Art mit sich bringt:
Hier handelt Gott.
- Er vergibt,
- er stärkt,
- er macht neu.
Und das nicht in irgendeiner geistlichen Theorie
oder in einem frommen Ideal,
sondern in dem Leben,
das wir gemeinsam leben.

Wenn ich mich vor der Gemeinde verbeuge,
verbeuge ich mich vor meinem Gott,
denn ihr seid der Leib Christ.

3) Vater

Wenn wir uns Jesu Taufe
gemäß den Worten von Matthäus vorstellen,
arbeiten wir uns von unten nach oben:
Jesus steht im Wasser,
der Geist kommt hernieder wie eine Taube
und oben spricht der Vater mit der Himmelsstimme.

Die Bibel redet gerne von Gott als Vater.
Jesaja betet:

Du, Herr, bist unser Vater;
„Unser Erlöser“, das ist her dein Name von alters.
13

Doch was das Neue Testament über Gott sagt
als dem Vater von Jesus Christus,
ist etwas anderes und neues.

Dieser Sohn
ist „aus dem Heiligen Geist“ gezeugt (Mt 1,18.20).
„Gott“ wird damit auf eine neue Weise als Vater offenbart.
14

Diese Rede von Gott als Vater zeigt uns, wer Jesus ist.
Dabei vergisst das Neue Testament nie die Propheten,
denn Gott ist treu
und steht zu seinem Wort.

Wenn wir mit einem Freund auf die Reise gehen,
lernen wir ihn besser kennen.
Wir verstehen ihn besser
und uns werden im Nachhinein dinge klar:

Ach deswegen
hast du dich dann-und-dann
so-und-so verhalten. –
Jetzt verstehe ich!

Von Jesus aus blicken wir auf den Vater und verstehen:
Seine Menschenliebe und Barmherzigkeit
waren schon die ganze Zeit da.
Die Schöpfung geschah nicht ohne den Sohn oder den Geist;
Gott ist einer und nicht drei,
und in allem,
was er ist,
und wie er sich uns zeigt,
ist er für uns
und nicht gegen uns.

Wir Geschöpfe haben unsere eigene Kraft
und unseren eigenen Willen. –
Das ist ja oft genug problematisch! – 
aber nie ohne Sinn.

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
15

Du bedeutest Gott etwas.

Alle Haare auf deinem Kopf sind gezählt.16

Schöpfung ist nicht der Anstoß eines unbewegten Bewegers,
sondern die Arbeit eines liebevollen Vaters.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Dein Wert bei Gott steht nie in Frage.
Das liegt nicht daran,
dass du biologisch ein Mensch bist,
sondern daran, dass Gott dich gewollt hat,
lange, bevor es dich gab.
Dein Name ist in der Ewigkeit schon in ein Buch geschrieben
und nichts hier auf dieser Welt stellt das in Frage.

Das wissen wir, weil wir mit Gott-Sohn auf der Reise sind.
Christus spricht:

Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.17

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!18 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Vgl. Tit 3,4.


3 Vgl. Präfation zu Epiphanias, Agende I, S. 65.


4 Vgl. Joh 1,14.


5 Vgl. Kol 1,26.


6Christus, das Geheimnis“, Predigt zu Kol 2,1–10 zum Christfest 2025, Frankfurt


7 Aus Mt 3,7 und 10.


8 Deines: „Exegese für die Predigt“, z.St. unter A.5 „Theologische Perspektivierung“


9 Vgl. Lk 17,21.


10 Joh 20,22f.


11 Lk 10,16


12 Lk 22,19


13 Jes 63,16b


14 Deines: „Exegese für die Predigt“, z.St. unter A.4 „Schwerpunkte der Interpretation“.


15 Ps 8,5


16 Vgl. Mt 5,30.


17 Mt 28,20


18 Phil 4,7


Manuskript pdf, 972 KB)

Weitere Predigten zu 1. So. n. Epiphanias:
Das Wunder unter uns
Jos 3,5–11.17, 1. So. n. Epiphanias

Josua hat in große Fußstapfen zu treten. Er hat die Ausbildung, er hat den Titel, die Vorzeichen sehen gut aus. Doch hat er auch, was man braucht, um Gottes Volk zu führen?