14:55

Gottes Album mit den Menschen
Predigt zu 1.Kor 15,1–11

112 Ostern, 9. April 2023, Frankfurt

Die Bibel ist Gottes Album mit den Menschen. Jesus Christus ist etwas vollkommen Neues, aber die Liebe Gottes ist nicht neu. Deswegen ist es Paulus wichtig, dass der Glaube an Jesus an die Bibel zurückgebunden ist.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht im 1. Brief des Paulus an die Korinther.
Der Apostel schreibt:

15,1Ich erinnere euch aber, liebe Brüder,
an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe,
das ihr auch angenommen habt,
in dem ihr auch fest steht,
2durch das ihr auch selig werdet,
wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt,
in der ich es euch verkündigt habe;
es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.

3Denn als erstes habe ich euch weitergegeben,
was ich auch empfangen habe:
Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;
4und dass er begraben worden ist;
und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift
[und dass];

  • 5Er [ist] gesehen worden von Kephas,
  • danach von den Zwölfen.
  • 6Danach ist er gesehen worden
    von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal,
    von denen die meisten noch heute leben,
    einige aber sind entschlafen.
  • 7Danach ist er gesehen worden von Jakobus,
  • danach von allen Aposteln.
  • 8Zuletzt von allen ist er auch von mir gesehen worden,
    als einer unzeitigen Geburt.

9Denn ich bin der geringste unter den Aposteln,
der ich nicht wert bin,
das ich ein Apostel heiße,
weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
10Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen,
sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle;
nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
11Es sei nun ich oder jene:
so predigen wir,
und so habt ihr geglaubt.

Lasst uns beten:
Herr, Gott, himmlischer Vater,
sende deinen Geist auf diese Gemeinde,
dass die Worte des Apostels nach Korinth
zu einem Brief an uns werden. — Amen

2Liebe Festgemeinde,
wenn man in ein altes Fotoalbum guckt,
kann das schonmal etwas peinlich sein:

So seid ihr damals ’rumgelaufen?

Nun ja, was mal total in und schick war,
gilt einige Jahre später nicht mehr als modisch.
Trotzdem schmeißt man die Fotos nicht aus den Alben.

Fotoalben halten Erinnerungen wach,
sie dokumentieren die Beziehungen,
die wir zueinander haben,
das Leben,
das wir miteinander verbracht haben.
Sie dokumentieren die Liebe, die zwischen uns lebt.

Poesiealben können so einen ähnlichen Effekt haben.
Man erinnert sich an alte Freundschaften,
aber wundert sich,
was man als 13- oder 14-jähriger schön fand
oder für relevant hielt.
Poesiealben sind auch Dokumente
von Freundschaft
und vielleicht auch von Liebe.

Unsere Familien und unsere Freundeskreise –
das ist, was uns prägt.
Hier wird unser Blick geschärft
für das, was wichtig ist,
hier entsteht unsere Identität.
Wenn uns etwas Neues begegnet,
sortieren wir das ein in die Schubladen,
die wir hier gelernt haben.

Mit diesem Gedanken als Hintergrund
möchte ich uns den Predigtabschnitt beleuchten.

(1) Die Bibel ist Gottes Album mit den Menschen

Paulus ist es wichtig,
dass er von Jesus’ Leben, Tod und Auferstehung
nicht im Luftleeren Raum geschehen ist.
Das Evangelium besagt:

Dass Christus gestorben ist
für unsre Sünden
nach der Schrift;
und dass er begraben worden ist;
und dass er auferstanden ist am dritten Tage
nach der Schrift.

Jesus Christus, das ist etwas vollkommen Neues:

Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des einzig-geborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.
3

So formuliert der Evangelist Johannes,
was hier geschehen ist.
Aber auch Johannes sucht den Rückbezug auf die Bibel.
Er beginnt sein Evangelium mit den Worten:

Im Anfang war das Wort…4

Das ist ganz deutlich eine Anspielung
auf den Anfang der Bibel:

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.5

Jesus ist etwas vollkommen Neues,
aber die Beziehung zwischen Gott und den Menschen
ist nicht neu.
Von Anfang an, seit der Schöpfung,
sind wir Menschen auf Gott bezogen.
Und selbst noch,
als wir uns von ihm abgewendet haben,
hat Gott seine Gnade und seine Güte nicht von uns genommen.

Er ist für uns da, wie eine Familie,
die uns erträgt, auch, wenn wir in der Pubertät sind.
Er ist der liebende Vater,
der uns gerne vergibt,
wenn wir zu ihm kommen.

Darauf können wir uns verlassen
und wenn wir daran zweifeln,
können wir unser Fotoalbum rausholen
und uns erinnern, wie es damals war – 
und wie es jetzt noch ist.
Da sehen wir, wie sehr Gott uns liebt.

(2) Verkündigung und Erfahrung

Liebe Gemeinde,
der Apostel Paulus hatte ein starkes Umkehrerlebnis.
In seinen Briefen erzählt er keine Details,
aber er gibt an mehreren Stellen zu,
dass er die Gemeinde Gottes verfolgt hat.
Eines Tages kam dann der auferstandene Jesus selbst zu ihm
und machte aus dem,
der die Gemeinde verfolgt,
einen Apostel,
der sein ganzes Leben für die Kirche einsetzt.

Zuletzt von allen ist [Christus] auch von mir gesehen worden,
als einer unzeitigen Geburt. […]

Paulus weiß um sein Werk und seine Leistung:

[Gottes] Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen,
sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle;
nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

Trotzdem macht er sich selbst nie zum Maßstab der Dinge.
Er stellt sich nicht hin und sagt etwa:

…weil ich diese intensive Glaubenserfahrung hatte,
könnt ihr euch darauf verlassen,
was ich sage!

Oder:

Ihr müsst auch so eine Erfahrung haben,
damit ihr richtige Christen seid!

Nein,
sondern Paulus bindet sich immer an die Menschen zurück,
die ihm im Glauben vorausgegangen sind.
Den Korinthern schreibt er:

[Ich] habe euch weitergegeben,
was ich auch empfangen habe:
[- dass Christus gestorben ist
- und begraben wurde
- und auferstanden ist am dritten Tage, nach der Schrift].

Und dann schreibt er uns eine lange Liste von Menschen,
die dieses Zeugnis teilen:
- Kephas, sein Gegner in manchen theologischen Fragen,
6
- die Zwölf,
- mehr als fünfhundert Brüder,
- alle Apostel
- und nur als Letztes und Unwichtigstes: Paulus selbst.

Die meisten von uns können keine spektakulären Glaubenserfahrungen vorweisen.
Die meisten von uns
haben den Glauben weitergegeben bekommen
- in der Familie
- im Kindergarten
- oder in der Kirchengemeinde,
- im Kindergottesdienst
- und später in der Predigt.
Das Wesentliche daran ist,
dass dies in der Beziehung mit Gott geschieht.
Daher hat das Evangelium seine Autorität.

Ein intensive oder spektakuläre Erfahrung
ist nur etwas wert,
wenn sie in das Beziehungsgeflecht
zwischen Gott und seiner Gemeinde eingebunden ist.
Gleichzeitig ist jede Verkündigung wertvoll,
die von der Liebe Gottes getragen wird,
auch wenn sie unscheinbar und bescheiden daherkommt. —

In unsere Kirche gilt, dass alle Verkündigung
schrift- und bekenntnisgemäß sein muss.
Das wird oft so verstanden,
dass es sich dabei um Denk- und Redeverbote handelt;
als müssten wir engstirnig
an einmal erkannten „Wahrheiten“ festhalten.

Es kommt aber nicht darauf an,
dass
wir spektakuläre Erfahrungen haben
oder besonders fest an irgendwas festhalten.
Es kommt darauf an,
dass die Liebe Gottes
uns festhält.

  • Genau das vermittelt uns Gott
    durch das Album seiner Geschichte mit uns;
    das ist die Bibel.
  • Genau das vermittelt uns Gott
    durch die Menschen,
    die uns den Glauben weitergeben.
  • Deswegen geben wir auch den Glauben weiter
    im Gleichklang dieser Liebe – 
    schrift- und bekenntnisgemäß.

(3) Der Glaube an das leere Grab

Liebe Gemeinde,
es ist in dieser lebendigen Beziehung,
dass der Glaube an die Auferstehung seinen Ort hat.
Ein leeres Grab ist kein Beweis für eine Auferstehung.
Eine Auferstehung ist kein Beweis dafür,
dass Gott die Welt liebt.
Das leere Grab ist verwechselbar – 
wer weiß, was dort geschehen sein
könnte.
Eine Auferstehung – irgendwie – 
ist gerade mal eine medizinische Kuriosität.

Glaube ist da,
wo die historischen Tatsachen
geschichtlichen Wahrheit sind.

Es geht um die Geschichte Gottes mit den Menschen,
wie sie von der Bibel bezeugt wird
und von der Kirche verkündigt wird.

Gottes Wort spricht in unser Leben hinein:

  • „Dir sind deine Sünden vergeben“.
  • „Ich habe dich angenommen und neu gemacht in der Taufe.“
  • „Du bist wertvoll und ich würde alles für dich geben“.

Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben,
Kusch und Seba an deiner Statt,
weil du in meinen Augen so wertgeachtet […] bist
und weil ich dich liebhabe.
7

Glaubst du ihm das?

Jesus sagt:

Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt,
der wird leben,
auch wenn er stirbt. —

Glaubst du das?8

In diesem Glauben versichert uns das leere Grab,
dass Gott uns in Jesus Christus angenommen hat
mit Leib und Seele,
Haut und Haaren –
und allem, was dazu gehört, ein Mensch zu sein.
So ist seine Auferstehung
deine Auferstehung
und du lebt jetzt schon im Himmelreich, mitten in der Welt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!9 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Dieser Predigt liegen u.a. Gedanken zugrunde aus , bzw. sie bezieht Inspiration aus: Luise Burmeister: „Auferstehung in die Nachfolge“ in Michael Welker et alii: „Die Wirklichkeit der Auferstehung“, Neukirchen 2001, S. 111ff, verweisend auf Dietrich Bonhoeffer: „Nachfolge“, DBW 4, S. 219–226, „Die Taufe“, insb. Fn 10.


3 Joh 1,14. LUT84 habe ich etwas geschönt, um μονογενής besser wiederzugeben.


4 Joh 1


5 Gen 1,1


6 Vgl. Gal 2,11.


7 Aus Jes 43,3f.


8 Vgl. Joh 11,25f.


9 Phil 4,7