14:53

Glaube und Wirklichkeit
Predigt zu Jes 49,1–6

94 18. So. n. Trinitatis, 16. Oktober 2022, Frankfurt

König von Gottes Gnaden, ein Ehepartner aus Gottes Hand, ein Prediger mit Gottes Wort? Welch ein Anspruch! Für einen Menschen ist das eigentlich eine Nummer zu groß.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist die alttestamentliche Lesung,
die wir eben gehört haben.
Ich werde sie im Verlauf der Predigt
einiges davon wiederholen.

Lasst uns beten:
Herr Gott, Heiliger Geist,
komm in unsere Mitte
und erleuchte unsere Herzen,
damit die Worte des Propheten
zu Worten an uns werden.
— Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

(1a) als vor ziemlich genau einem Monat
Königin Elisabeth II. von England verstarb
und ihr Sohn Charles ihre Nachfolge antrat,
war das ein Medien-Ereignis.
In der ganzen Aufregung
gab es dann aber auch einige Stimmen in England,
die die Frage stellten:

Brauchen wir das noch,
oder kann das weg?

Und sie meinten damit die konstitutionelle Monarchie.

Einen König –
von Gottes Gnaden? —
Von Gnaden eines Gottes,
von dem die meisten nicht mal mehr glauben,
dass es ihn gibt?

Und selbst diejenigen, die an Gott glauben,
zweifeln.
Dafür sollen wir das Geld ausgeben
und uns einen König halten?

Gerade Königin Elisabeth II.
hat immer wieder ein gutes Bild für die Monarchie abgegeben.
Sie hat ihre Rolle als einen Dienst begriffen,
nicht als ein Privileg.
Bis zum letzten Tag hat sie alles gegeben.
Dafür haben sie selbst Kritiker der Monarchie bewundert. —
Aber dieser aberwitzige Anspruch,
dass Gott persönlich ihr diesen Auftrag gegeben hat,
scheint trotzdem aus der Zeit gefallen zu sein.
Wer würde so etwas ernsthaft von sich selbst behaupten?

(1b) Ich.

Oder viel mehr:
Wie die Pfarrer unserer Kirche zu ihren Posten kommen,
das Verfahren,
ist mit dem Anspruch gestaltet,
dass der Heilige Geist die Entscheidungen der Gremien wirkt.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen:
Es ist das Selbstverständnis,
dass sowohl das Kollegium der Superintendenten der SELK
als auch die Gemeindeversammlung der Trinitatisgemeinde
von Gott gelenkt waren,
als sie ihre Entscheidungen getroffen haben.
Ich stehe hier,
weil Gott das will.
Gott hat in den Lauf der Welt eingegriffen,
damit ich euch predige. – 
Glaubt ihr das?
Glaube ich das?

In Bezug auf andere fällt mir das leicht.

Es fällt mir leicht,
die Predigt als Gottes Wort zu hören.

Es bedeutet mir etwas,
wenn ein „ordinierter und berufener Diener des Wortes“
mit zusagt:

„Dir sind deine Sünden vergeben“ –

und nicht einfach Theo oder Peter oder Pino oder Michael.

Aber in Bezug auf mich selbst,
wird mir schwindelig, wenn ich daran denke.
Es ist einfach für einen Menschen
eine Nummer zu groß.

2 Dem Propheten Jesaja muss es so ähnlich gegangen sein.
Er hatte eine starke Berufungs-Vision,
die im 6. Kapitel seines Buches
aufgezeichnet ist.
Die Vision ist so stark,
dass sie bis heute nachwirkt.
Immer, wenn wir Abendmahl feiern,
singen wir:

Heilig, heilig, heilig
ist der Herr Zebaoth.

Es war Jesaja bei seiner Berufung,
der diese Worte von den Engeln gehört hat.

Trotzdem scheint sein Glaube
mit Zweifel durchsetzt gewesen sein.
Viele Dinge, die er zu sagen hat,
sagt er in Gedichten.
Das Buch des Propheten
ist über weite Teile in Poesie verfasst.
Sie schillert und schimmert
- zwischen Himmel und Erde,
- zwischen Gott und Mensch,
- zwischen Glaube und Zweifel.

Unser Abschnitt heute Morgen ist ein gutes Beispiel dafür.
Es ist eines der Gottesknechtslieder. –
Da merkt man schon am Namen,
dass es um Poesie geht, weil es „Lied“ heißt.

Und man merkt auch:
Dieser Gottesknecht ist schwer zu fassen.

Es es ein einzelner Mensch?
Vielleicht der Prophet selbst?

Ist es eine Gruppe von Menschen?

Oder das ganze Volk Israel?

Was der Gottesknecht zu sagen hat,
ist für einen Menschen eine Nummer zu groß:

Jes 49,1Hört mir zu, ihr Inseln,
und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!

Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an;
er hat meines Namens gedacht,
als ich noch im Schoß der Mutter war.

2Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht,
mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt.
Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht
und mich in seinem Köcher verwahrt.

Der Gottesknecht ist nicht gerade schüchtern.
Er macht das ganz große Panorama auf:
- Die Kontinente
- und alle Völker
ruft er als Zeugen an.
Dann verkündigt er:

Gott hat mich vom Mutterleibe an berufen,
um zu sagen,
was ich zu sagen habe.

Das ist doch mal Selbstbewusstsein!

Ich habe den Eindruck,
dass Jesaja den Gottesknecht als eine literarische Figur benutzt.
Wenn er die Figur sagen lässt,
wird ihm nicht so schwindelig
von der eigenen Berufung.

Es ist einfacher,
Gandalf sagen zu lassen:

Erwartet mein Kommen
beim ersten Licht des fünften Tages.
Bei Sonnenaufgang, schaut nach Osten.

Stellt auch mal vor,
unser Bundeskanzler –
oder der Frankfurter Oberbürgermeister –
würde sich hinstellen und sagen:

Erwartet mein Kommen
beim ersten Licht des fünften Tages.
Bei Sonnenaufgang, schaut nach Osten.

Alles wird gut!

Das wäre doch lächerlich!

Aber einer literarischen Figur verzeiht man das. –
Gandalf reitet voran,
mit der Flamme von Anor in der Hand,
und die Reiter Rohan werfen sich in die Schlacht.
Alles wird gut!
Und selbst der religionskritischste Atheist im Kino
freut sich,
dass die Verheißung in Erfüllung geht.

Ich glaube, im Grunde wünschen wir uns, das sei wahr.
Im Grunde wünschen wir uns, Gandalf gäbe es wirklich.

Wenn wir so eine Szene im Kino sehen
oder der Gottesknecht redet,
dann entsteht in uns ein Kraftfeld aus Spannungen:
- Wunsch und Wirklichkeit,
- Enttäuschung und Hoffnung,
- Glaube und Zweifel. – 
In diesem Spannungsfeld spricht Gott uns an
und das macht etwas mit uns.

Der Prophet redet seine Zeitgenossen an und sagt:

So spricht der Herr:
3b„Du bist mein Knecht, Israel,
durch den ich mich verherrlichen will“.

Ja, ihr seid gemeint!
Ich rede schon die ganze Zeit von euch:
Ihr seid Gandalf!
Ihr seid dieser Gottesknecht.

Ihr seid Gottes erwähltes Volk,
sein Eigentum unter allen Völkern,
Königreich von Priestern
und ein heiliges Volk.
Gott wird euch nicht im Stich lassen,
sondern sein Licht leuchtet durch euch durch –
und es wird Wirkung zeigen.

Dabei verschweigt Jesaja nicht,
dass Glaube echt schwer sein kann:

4Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich
und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz…

Doch selbst im Zweifel
bleibt der Glaube stärker:

6Gott spricht:
„Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist,
die Stämme Jakobs aufzurichten
und die Zerstreuten Israels wiederzubringen,
sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht,
dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde“.

Das Licht,
das in euch leuchtet,
Gottes Kraft,
ist so groß,
dass euer Volk und eure Familien
wieder zusammenfinden werden.

Und noch mehr:
So groß ist Gottes Kraft,
dass nicht nur Israel,
sondern auch alle anderen Völker
von Gottes Licht und Heil erfasst werden. –

Das muss für Jesajas Zeitgenossen
wir Phantasy
oder wie Science Fiction geklungen haben, –
doch für uns ist es vollkommen selbstverständlich:
An den Ufern des Mains zu Frankfurt
sitzen Heiden zusammen
und hören die Prophetie Jesajas
als Prophetie für sie.

Ja, ihr seid gemeint,
die Trinitatisgemeinde in Frankfurt!

Gott hat seinen Geist ausgegossen über die ganze Kirche.

Bei deiner Taufe
hat hat Chrsitus sein Licht angezündet in deinem Herzen.

Hier am Altar stärkt er dich mit heiligen Brot,
das dich stärkt und bewahrt
auf deinem Weg zum Himmelreich.

Gott greift in euer Leben ein,
um euch zu führen
und zu stärken.

Aus seiner Vergebung erwächst dir ein Neuanfang
inmitten von Streit und Fehler und Sünde.

Glaubt ihr das?

Nun, das alles geschieht im Spannungsfeld von
- Wunsch und Wirklichkeit,
- Enttäuschung und Hoffnung,
- Glaube und Zweifel. – 
So war es für Jesaja und seine Hörer
und so ist es auch für uns. —

3 Der Ehepartner,
den wir aus Gottes Hand empfangen,
ist manchmal ganz schön anstrengend.
Gerade da,
wo Gott uns einen Auftrag gibt,
steht er uns auch mit seinem Segen zur Seite.
Trotzdem ist manchmal eine Ehe ist nicht zum aushalten –
und scheitert.
Gottes Vergebung steht uns auch im Scheitern offen.

Das gilt auch für die Arbeit.
Der „Beruf“ mag für einen die Erfüllung sein,
für manch anderen ist er eine Last.
„Von Gottes Gnaden“ berufen zu sein,
heißt lange nicht, dass es leicht sei.

Das nehme ich aus der Betrachtung des Gottesknechtsliedes mit:
In all dieser Spannung
in der Wirklichkeit der Welt
mit Scheitern und Zweifel,
ist Gott derjenige,
der uns hält.

Darum bin ich vor dem Herrn wertgeachtet,
und mein Gott ist meine Stärke.

Die ersten Christen
haben in Jesajas Gottesknecht Jesus Christus gesehen.
Am Kreuz sieht er aus wie der ultimative Verlierer,
aber unter dem Gegenteil
hat er hier einen Großen Sieg errungen.
Dieser Sieg ist dein Sieg geworden.
Christus ist bei uns auch in Spannung und Zweifel.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Nach Ex 19,3.

 Vgl. Apg 2.

 Vers 5.