17:02

Die Kühle des Grabes
Predigt zu Mt 27,57–60

83 –, 6.4.2022, Frankfurt a.M.

Mit dieser Haltung lege auch du dich in dein Grab: Jesus hat vor dir hier gelegen. Er ist dir diesen Weg vorausgegangen – und er ist auferstanden. Im Glauben ist seine Auferstehung deine Auferstehung.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Folgenden Abschnitt der Heiligen Schrift habe ich ausgewählt,
um ihn uns heute Abend auszulegen zum Thema „Grab“.
Dies steht Geschrieben im Evangelium nach Matthäus
im vorletzten Kapitel.
Dort heißt es:

57Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa,
der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu.
[Er „wartete auf das Reich Gottes“].

58Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu.
Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.

59Und Josef nahm den Leib
und wickelte ihn in ein reines Leinentuch
60und legte ihn in sein eigenes, neues Grab,
das er in einen Felsen hatte hauen lassen,
und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes
und ging davon.

61Es waren aber dort Maria von Magdala
und die andere Maria;
die saßen dem Grab gegenüber.

Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege! — Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

ich habe einige wenige Erinnerungen an Gräber
aus meiner Kindheit:
- die Beerdigung meines Opas
- die Beerdigung einer Großtante
- ein Besuch mit meinem Vater am Grab seiner Mutter.
Ich kriege vielleicht so vier oder fünf Begegnungen mit Gräbern zusammen, wenn ich meine Erinnerungen anstrenge.

Das hat sich vollständig geändert,
seit ich meinen jetzigen Beruf erlerne.
Ich bin jetzt dauernd auf Friedhöfen
und stehe des öfteren an Gräbern.

Die erste Beerdigung,
bei der ich eine offizielle Rolle gespielt habe,
war in Görlitz.
Ich war Vikar, also Pastor-in-Ausbildung,
und mir fiel die Aufgabe zu,
die Traueransprache zu halten.

Das war mit der Familie abgesprochen,
dass der Vikar das macht
und ich war dankbar,
dass ich diese Aufgabe unter der Ägide
meines Vikarsvaters Gert Kelter ausfüllen konnte.
Dadurch fand das alles im Schutzraum der Ausbildung statt.
Ich habe mir damals immer gesagt:

Vikar sein ist toll:
Du hast den ganzen Spaß
und keine Verantwortung.

Ich fühlte – und fühle –,
die Last der Verantwortung in dieser Situation.
Die Menschen,
denen ich bei einer Beerdigung predige,
sind in Trauer.
Ihre Herzen liegen offen.
Sie sind verletzlich
und ich will auf ihre Last nicht noch etwas drauflegen,
sondern helfen
und führen
und stützen.

Ich hatte das Glück,
den Mann zu kennen,
den wir an diesem Tag zu beerdigen hatten.
Er war ein regelmäßiger Gottesdienstbesucher,
jemand, dessen Namen ich kannte.
Ich hatte die Freude,
ihn und seine Frau zu Hause zu besuchen:
Kaffee und Kuchen,
und Schlaglichter aus dem Leben der beiden – 
Familie, Beruf, Interessen, Erfahrungen.
Das ist ein Privileg für einen Freikirchen-Pfarrer,
viele seiner Gemeindeglieder persönlich zu kennen.

Für diesen Herrn kam der Tod überraschend.
Er stand auf vom Nickerchen in seinem Gartenhaus,
sagt noch zu seiner Frau:

Schatz, mir ist schwindelig.

Setzt sich auf den Steinweg am Eingang
und ist tot.

Wenn ich das so erzähle,
werden viele denken:

Das würde ich nehmen!
Ist für die Familie nicht so schön,
aber für ihn selbst – 
Das habe ich schon schlimmer gesehen!

Und da ist auch was dran:
Ich habe das auch schon schlimmer gesehen.

Diese Familie jedenfalls
war vom Tod des Ehemannes, Vaters und Opas
schwer getroffen.
Sie haben sich für eine Einäscherung entschieden.
Damit sich aber alle noch mal richtig verabschieden können,
fand in der Leichenhalle eine Aussegnung statt
bei offenem Sarg.

In vergangenen Zeiten war das ein sehr normaler Vorgang,
dass ein Toter aufgebahrt wurde.
Bestatter können das auch noch
und in diesem Fall wurde das gemacht.

Es gab eine Andacht
und auf dem Weg nach draußen
haben sich alle vom Toten verabschieden können:

Der Enkel hatte mit dem Opa das Malen angefangen.
Er hat ihm Pinsel mitgegeben,

die Söhne einen tapferen Handschlag,

seine Frau eine letzte Liebeserklärung.

Als alle gegangen waren,
standen Gert Kelter und ich neben dem Sarg – 
im Priesterkragen und schwarzen Talar.
Ich betrachte noch den Toten
und da sagt mein Mentor zu mir:

Ich möchte, dass du ihn anfasst.

Bitte?

Ja.
Es ist eine Gelegenheit,
die man heute nur noch selten hat.
Ich glaube,
es ist gut für dich,
die Angst davor zu verlieren.

Ok…

„Da muss ich jetzt wohl durch“, denke ich mir.

Gert machte es vor
und ich habe dem Toten dann die Hand gegeben.

Es war überhaupt nicht ekelig.
Es fühlte sich ganz normal wie Haut an.
Sie war nur kalt.

In dieser Berührung
kamen in meiner Wahrnehmung zwei Dinge zusammen:
- Das Mensch-sein dieses Menschen
- und die Kühle des Grabes.

Mir ist klar geworden,
dass beides auch für mich gilt:

Ich bin ein Mensch.

Und die Kühle des Grabes wartet auf mich.
Ich werde sterben.

Wenn ich einen Gottesdienst zur Bestattung abhalte,
sitze ich immer in der Gemeinde – 
in der ersten Reihe zwar,
weil ich aufstehen muss, um was zu sagen,
aber ich sitze immer da,
wo alle sitzen.
In den Friedhofskapellen ist es oft wie hier:
Da gibt es eine Kanzel,
die leicht erhöht ist.
Hinter der Kanzel steht oft ein Stuhl für den Pfarrer.
Der steht dann auf,
zwischen den Liedern,
und redet wohl die ganze Zeit von der Kanzel runter.
So scheint das zumindest vorgesehen.

Ich mache das nicht,
sondern ich bin die allermeiste Zeit
auf der Seite der Gemeinde.
Ich bin ein Mensch der sterben wird
unter Menschen, die sterben werden.
Es gibt nur einen Moment,
in dem ich diese Rolle verlasse
und erhöht stehe – 
so, wie ich es jetzt tue gegenüber euch.

Die Einsicht,
dass ich einst sterben werde,
teile ich mit dem Josef aus Arimathäa.
Der wusste schon,
wo er liegen würde.
Er hatte sich ein Grab machen lassen.
Das ist seine Bestattungskostenversicherung.
Er wollte das seinen Kindern nicht aufbürden.
Er hatte alles organisiert.
Das war geklärt.

Als dann Jesus den Kreuzestod starb,
hat er sein Grab hergegeben.
Er muss Jesus sehr verehrt haben,
dass er ihm diesen Dienst erweist.
Er behandelt Jesus,
als sei er ein geliebtes Mitglied der Familie.

In der Kunst des Mittelalters
spielte die Grablegung Jesu eine große Rolle.
Man war damals mit dem Tod viel öfter konfrontiert.
Man starb früher
und viele Krankheiten war nicht heilbar.

Die Erfahrung,
die für mich so besonders war,
– nämlich: einen Toten zu berühren –,
war den Menschen viel vertrauter.
In Bildern haben sie sich vorgestellt,
wie es war, Jesus zu beerdigen.

Darin steckt der Gedanke:

Jesus,
der hat bestimmt genau so ausgesehen,
wie meine Mutter,
die ich nach schwerer Krankheit beerdigt habe.

Jesus hat sich so angefühlt,
wie mein Bruder,
der bei einem Unfall gestorben ist.

Jesus ist einer von uns!
Wenn ich mal sterben werde,
dann werde ich auch so kalt sein
und ich werde in mein kühles Grab gelegt werden. —
Aber wenn es für Jesus richtig war,
dann ist es für mich auch richtig.

Am Ostermorgen war das Grab des Josef von Arimathäa leer.
Da sind sich alle Evangelien einig.
Sein Leib wurde transformiert.
Nach der Auferstehung trat Jesus unter seine Jünger,
obwohl alle Türen und Fenster geschlossen waren.

Der Auferstehungsleib gehört zur Sphäre Gottes.
Es ist ein himmlischer Leib,
aber es ist ein Leib.
Und das ist wichtig,
denn das Wunder der Auferstehung
ist ein Eingriff Gottes in diese Welt.
Das Wunder findet nicht in Gedanken statt,
sondern in dieser Welt.
In dieser Welt lebe ich leiblich
und sterbe leiblich.

Ja, ich werde dereinst erkalten,
aber der Tod ist schon besiegt.
Das Grab war leer.

Fragt mich nicht,
wie das in der Nacht passiert ist,
hinter diesem Stein.
Ich weiß es nicht.

Aber Christus ist auferstanden,
er ist wahrhaftig auferstanden – 
und das Licht dieses Ostermorgens
strahlt auch noch heute in unsere Herzen.

Um das zu verkündigen,
steige ich auf die Kanzel.
Das ist der Unterschied zwischen
- der Begrüßung,
- den Gebeten,
- den Bibelworten
und der Predigt.
Ein sterblicher Mensch kann dir das nicht sagen,
aber mit dem Licht des Ostermorgens im Rücken,
verkündige ich dir „senkrecht von oben“
diese himmlische Botschaft:
Christus ist auferstanden
und durch den Glauben
ist seine Auferstehung
deine Auferstehung.

Josef von Arimathäa ist gestorben,
wie jeder andere Mensch auch.
Es ist anzunehmen,
dass seine Familie sein Grab
seinem eigentlichen Zweck zugeführt hat:
Sie werden Josef darin beerdigt haben.
Warum auch nicht:
Das Grab war ja leer.

Sie haben Josef da hingelegt,
wo Jesus vor ihm gelegen hatte.

Mit dieser Haltung lege auch du dich in dein Grab:
Jesus hat vor dir hier gelegen.
Er ist dir diesen Weg vorausgegangen –
und er ist auferstanden.
Im Glauben ist seine Auferstehung deine Auferstehung.

Die Kühle des Grabes ist nicht das Letze für dich,
sondern das Vorletzte.
Das Letzte ist der Herr Jesus Christus,
der dich erwecken wird
zu seinem Himmelreich!

Ihm sei Ehre und Lob,
jetzt und in Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen. 1.Kor 1,3

 Aus Lk 23,51 füge ich dies ein, weil das Motiv des Wartens auf das Himmelreiche gleich noch eine Rolle spielen könnte.

 Ps 119,105

 Phil 4,7