17:14

Alle, wir, ich, Christus
Predigt zu Jes 51,16

Ausgehend von einem Wort Jesajas, das mir persönlich viel bedeutet, beschreibe ich die Gemeinde als ein Gewebe, das der Hl. Geist zu mehr macht, als die Summe seiner Teile.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
1 Amen.

Der Abschnitt Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist ein Wort des Propheten Jesaja.
Es steht aufgeschrieben in seinem Buch im 51. Kapitel.

So spricht Gott, der Herr:

Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt
und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen,
auf dass ich den Himmel von neuem ausbreite
und die Erde gründe
und zu Zion spreche: „Du bist mein Volk“.
2

Lasst uns beten:
Herr Gott, himmlischer Vater,
sende uns deinen Heiligen Geist,
damit das Wort des Propheten
zu einem Wort an uns werde.
— Amen

Liebe Gemeinde,

(1) am Sonntag Estomihi des Jahres 2007
bin ich in die SELK eingetreten.
Also:
Ich habe in der Woche vorher
die Dokumente im Pfarramt abgegeben.
An diesem Sonntag sollte ich dann im Gottesdienst aufstehen
bei den Abkündigungen
und Burckhard Zühlke hat mich vorgestellt:

Das ist Diedrich Vorberg.
Er ist in unsere Gemeinde eingetreten
und er überlegt,
ob er in Oberursel Theologie studieren wird,
um in unserer Kirche Pastor zu werden.

Burckhard hat für diesen Gottesdienst
das Jesaja-Wort als Lesung ausgewählt.
Ich muss ihm davon erzählt haben,
denn ich kannte es schon vor dem Gottesdienst.
Burckhard hat es mir mitgegeben
als ein Segenswort
auf meinem Weg.

Die Epistel am Sonntag Estomihi war das „Hohelied der Liebe“,
1.Kor 13.
Ermutigung und Liebe –
Was für ein guter Start auf dem Weg,
der mich heute zu euch geführt hat!
Ich bin dankbar dafür.

Aber auch dafür bin ich dankbar:
Dass man im Studium noch etwas dazulernen kann!
Ich habe dann nämlich gemerkt,
dass das Prophetenwort gar nicht unbedingt passt
auf mich als Einzelnen.

Der Prophet redet nämlich eine Gruppe von Menschen an,
das Volk Israel im Exil in Babylon.
Kann damit ein einzelner Pastor in Frankfurt
angesprochen sein?

Und dazu noch der Inhalt:
Welcher Mensch kann schon von sich behaupten,
dass er das Wort Gottes im Munde führt?
Ist das nicht anmaßend und sogar gefährlich?

Am Sonntag Palmarum diesen Jahres
hatte ich Superintendent Theo Höhn am Telefon,
der mich mit den Worten begrüßte:

Die Trinitatisgemeinde, Frankfurt,
hat dich zu ihrem Pfarrer berufen.

Am ersten dafür denkbaren Termin
hat die Gemeindeversammlung diesen Entschluss gefasst.
Ich danke euch dafür!

Aber:
Wenn der Zuspruch des Propheten mich nicht trifft,
was habe ich euch dann zu bieten,
außer heißer Luft?

Was könnt ihr von mir erwarten,
außer klugen Reden?

(2) Liebe Brüder und Schwestern!

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig
und schärfer als jedes zweischneidige Schwert…
3

…und es ist nicht gebunden an das,
was uns selbstverständlich
und eindeutig erscheint.

Die Bibel kann leicht eine Gruppe wie einen einzelnen anreden
oder in einem Einzelnen Menschen
den Stellvertreter eines ganzen Gruppe.

Jakob ist Israel.
Israel das Volk.
Das Volk ist Jakob.

Der Stammvater steht für alle
und alle sind im Namen des Stammvaters vereinigt.

Im Buch Jesaja finden sich die Gottesknechtslieder.
Gerade haben wir einen Ausschnitt als Lesung gehört.

Wer ist dieser Gottesknecht?
- Der Prophet selbst?
- Eine Gruppe von Prophetenjüngern?
- Das ganze Volk Israel?

Christen haben nach Ostern
staunend auf diese Texte geschaut und gesagt:

Der leidende Gottesknecht:
Das is Christus!
Ganz klar!

Und der eine Christus
ist in der Welt existierend
4
als sein Leib –
die Kirche,
die aus vielen Gliedern besteht
5
aus lebendigen Steinen.
6
Das sind wir!

- Alle,
- wir,
- ich,
- Christus:
Sie liegen auf einer Linie;
sie sind angeordnet auf einer gemeinsamen Achse.

Faszinierend!
Und jetzt?
Wie hilft uns dieser Gedanke,
(a) wenn wir auf die Predigt schauen?
(b) … oder auf unser Leben als Gemeinde?
(c) … oder auf die Rolle, die der Pfarrer dabei spielt?

(3) Für eine Antwort stelle ich mir die Kirchengemeinde vor
als ein Gewebe.
Unsere Beziehungen,
unsere Familien und Freundschaften,
das sind die Fäden, die das Gewebe ausmachen.

Das Gewebe wird zusammengehalten
- von unseren Gesten,
- unseren Blicken
- von jedem guten Wort, das wir für den anderen haben.

Es gibt auch schon mal Schwächen im Gewebe.
Manches muss bestimmt auch geflickt werden.
Anderes hat sich vielleicht zu einem Knoten zusammengezogen.
Aber alles aber ist von Gott angenommen,
denn dies ist Christi Leib auf Erden,
den er sich erwählt hat.

Das lateinische Wort für Gewebe ist textus.
Christus, Gottes Wort,
begegnet uns auf Erden als Text.
Der Text der Heiligen Schrift,
das Gewebe unserer Gemeinde:
Das ist, wo der Text der Predigt entsteht.

Hier kristallisieren sich die Anliegen heraus,
die in unsere öffentlichen Gebete eingehen.

Die Texte, die ich als Pastor schreiben will,
sind nicht schwebende Wahrheiten,
sondern sie sollen eingewoben sein
in das Geflecht unserer Gemeinde.

In einer Gruppe von begeisterten Menschen
kann es passieren,
dass aus dem Wir ein Ich wird
und aus dem Ich ein Wir.
Unter dem Segen Gottes kommt etwas von außen
7 hinzu,
das wir mit Kunst und Sachverstand nicht machen können:
Unsere Gemeinschaft
8 wird zu einem Resonanzraum
des Heiligen Geistes.
Es ist wie bei einer Geige oder einer Gitarre:
Der Holzkörper eines Musikinstrumentes
verstärkt den Ton der Saiten
und gibt ihm Farbe.
Im Klangkörper der Gemeinde Christi
wird aus dem Zusammenklang unserer Stimmen mehr,
als die Summe seiner Teile.

(a) Die Predigt ist auch eine solche Stimme.

Ich glaube an Wunder!
Ich glaube, dass es geschehen kann unter der Kanzel,
dass Gottes lebendiges Wort
in einer lebendigen Gemeinschaft
auf richtige Menschen trifft.
Dann ist da etwas ganz anderes als
- überzeugende Logik,
- brennendes Gefühl
- und moralischer Appell.
Dann spricht Gott zu uns als Schöpfer,
der uns bewegt und verändert
und etwas in uns schafft,
das vorher noch nicht da war.

Dabei sind wir diejenigen,
die angesprochen sind.
Deswegen ist es für einen Pastor wichtig,
dass er seine Gemeindeglieder kennenlernt
und möglichst treffend für sie
und in ihrer Sprache spricht.

…ob das mit dem Hessisch bei mir klappt,
das müssen wir dann mal schauen.
Unabhängig vom Dialekt wünsche ich mir aber,
dass wir uns gut verstehen.

(b) Der Klang eines Musikinstrumentes ist warm
und angenehm.
Der Resonanzkörper trägt ihn nach außen,
wo er gehört wird
und Menschen einlädt zu lauschen
und sich zu freuen über die Musik.

Bei einer Kirchengemeinde nennen wir das „Mission“.
Das Leben im inneren
strahlt über die Grenzen der Gemeinde aus
und lädt Menschen von außen ein.
Sie möchten dazukommen,
lauschen
und auf ihre Art mit einstimmen
und einen Beitrag leisten in unserer Mitte.

Das Zusammenleben in einer Gemeinde
kann selbstverständlich auch scheitern.
Menschen können ihre Kirchengemeinde
als einen Ort der Bedrückung
und sogar der Not empfinden.
- Wenn man sich immer nur benehmen muss,
- wenn man etwas markieren muss, das man gar nicht ist,
- wenn man immer nur „richtige“ Antworten geben darf.
Konflikt und Streit können unsere Gemeinschaft entstellen.
Wer kennt das nicht?

Richtig gut ist das Gewebe unserer Gemeinde dann,
wenn es Kritik aushält.

  1. Nur eine Gemeinde,
    in der kritische Fragen willkommen sind,
    ist eine lebendige Gemeinde.
  1. Nur, wo man sagen kann,
    wie man sich fühlt,
    ist man zu Hause.

Als ich in Bremen angefangen hatte,
so nach einem halben Jahr oder so,
schrieb jemand in die WhatsApp Gruppe vom Jugendkreis
ungefähr so:

Kirche ist gerade nicht so richtig Teil meiner Interessen
und erfüllt meine Bedürfnisse nicht so richtig.
Ich möchte mal für eine Weile nicht mitmachen.

Da war ich in meiner Eitelkeit gekränkt.
Ich komme hier als Pastor hin und gebe mir Mühe
und das Kindlein weis das nicht zu schätzen.
Dann setzte der pastorale Grundreflex ein:

Wie kann ich das junge Schäflein
für meine Herde zurückgewinnen?

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Was ist das für eine wundervolle Gemeinschaft!
Hier kann ein junger Mensch frei sagen,
was er denkt
und wie es ihm gerade geht.
Die Jugendlichen haben alles richtig gemacht!
Es ist nämlich ein Zeichen von Glauben,
darauf zu vertrauen,
dass die Wärme in unserer Mitte Strahlkraft besitzt.
Wir machen sie nämlich nicht selber,
sondern das ist der Herr Christus,
der hier mitten unter uns lebt.
Wer das glaubt,
braucht Menschen nicht mit Druck
und schlechtem Gewissen zu binden.

(c) Meine Aufgabe ist es,
im Leben und Weben
9 der Gemeinde
die Draufsicht
10 zu probieren.
Es geht darum, Muster zu erkennen, die entstehen,
und möglichst die guten von den schlechten zu unterscheiden.
Dabei geht es nicht so sehr um Kontrolle,
sondern darum, der Gemeinde zu spiegeln:

Von mir aus gesehen entwickeln sich die Dinge so und so…
Wollen wir das?

Ich bin natürlich derjenige,
der von der Erwerbsarbeit freigestellt ist,
um im Gewebe unserer Gemeinde
Texte für die Gemeinde zu schreiben.
Das mache ich auch gerne,
aber genau so sehr würde ich mir wünschen,
euch ein Segen zu sein
auf der Suche nach
eurer Stimme in diesem Chor.

Das kann sehr unterschiedlich aussehen:
Es müssen nicht alles vorne stehen
und vor der Gemeinde reden.
Das ist nicht für jeden.

Wie du auch immer du mitmachst,
- ob in der Technik,
- in der Gestaltung,
- Organisation
- oder in einem der Kreise:
Unter dem Segen von Gottes Geist
geschieht hier mehr,
als die Summe aller Teile.
Was du sagst und was du tust
stimmt in den großen Klang mit ein
und ich glaube daran,
dass Gott sein Wort auch durch dich zum Ausdruck bringt.

(Conclusio)
Liebe Gemeinde,
ich bin mit einem Wort losgezogen des Propheten Jesaja:

Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt
und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen,
auf dass ich den Himmel von neuem ausbreite
und die Erde gründe
und zu Zion spreche: „Du bist mein Volk“.

Dieses Wort hat in meinem Leben eine Saite angeschlagen.

  • Erst, weil ich es für mich persönlich gehört habe.
  • Dann, weil ich es noch mal genauer verstanden habe,
    historisch und sprachlich.

Ich habe es für die Predigt gewählt,
um es
dir zuzusprechen:

  • Dir dem Gemeindeglied,
  • und dir, liebe Trinitatisgemeinde:

Dein Reden und Handeln in der Gemeinde Gottes
ist leben und weben an Gottes Reich.
Was wir sagen und tun ist mehr,
als die Summe seiner Teile,

  • weil Gott sein Wort in deinen Mund legt
  • weil Gottes Wort uns neu macht,
  • und uns durchträgt bis zum Himmelreich.
    Dann wird es einen neuen Himmel
    und eine neue Erde geben.

Ich freue mich darauf,
meinen Platz im Gewebe dieser Gemeinde zu finden.

Ich freue mich auf die Texte,
die dabei entstehen,
gesprochene und gelebte.

Ich freue mich auf den gemeinsamen Klang
und ich bete,
das mein Anteil daran uns allen zum Segen gereiche.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!11 Amen.

1 1.Kor 1,3


2 Vers 16.


3 Vgl. Heb 4,12.


4 Bonhoeffer.


5 Vgl. 1.Kor 12,27.


6 Vgl. 1.Petr 2,5.


7extra nos.


8 communio


9 Vgl. Apg 17,28.


10 ἐπίσκοπος, der, der von oben draufschaut, vgl. 1.Tim 3,2 u.ö.


11 Phil 4,7


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