20:12

Die zwölf und wir, wir und die zwölf
Predigt zu Lk 24,44–53

24 Ordinationspredigt –, 21.5.2020, Bremen

Etwas zu meiner Überraschung habe ich festgestellt, dass unsere Agende für den Himmelfahrtstag und die Ordination die selbe Evangeliumslesung vorsieht: Den Schluss des Lukas-Evangeliums. In ihm beschreibt der Evangelist, wie Jesus ein letztes Mal bei seinen Jüngern ist und dann vor ihren Augen in den Himmel aufgehoben wird. Die Verbindung zwischen dem leiblich gegenwärtigen Christus, der Kirche als Leib Christi und dem Amt innerhalb der Kirche, betrachte ich in dieser Predigt anlässlich meiner eigenen Ordination und Primiz an o.g. Datum.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
ist die Lesung des Evangeliums,
die wir gerade gehört haben.
Unser Gesangbuch sieht sie vor,
sowohl für den Himmelfahrtstag (unter der Nummer 042),
als auch für die Ordination (unter der Nummer 0102).

Lasst uns beten:
Herr, Gott, himmlischer Vater:
Wie unbegreiflich sind deine Gerichte
und wie unerforschlich deine Wege!

Führe uns in deinem Heiligen Geist
und lass uns sichere Tritte tun,
wenn wir nun das Evangelium
deines Sohnes,
unseres Heilands
– Jesus Christus –
bedenken.
— Amen

Liebe Brüder und Schwestern,

das Himmelfahrtsfest und die Feier einer Ordination
haben einen inneren Zusammenhang.
So scheint es zumindest unsere Agende zu sehen.
Für beide Anlässe sieht sie vor,
den Schluss des Lukas-Evangeliums als Evangelium zu lesen.

In Görlitz (und wahrscheinlich auch anderswo)
gibt es die Tradition,
an Himmelfahrt im Gottesdienst
das Feuer der Osterkerze zu übertragen:
- an die Kerzen auf dem Altar
- und an die Kerze neben dem Lesepult.
Dies soll symbolisieren,
dass Christus wegen Himmelfahrt nicht weg ist.
Statt dessen ist er auf andere Weise unter uns gegenwärtig:
in seinem Wort und Sakrament –
Lesepult und Altar.
Das heißt, in der Kirche –dem „Leib Christi“ –,
begegnet uns Christus als ein körperliches Gegenüber.
Christus existiert als Kirche in der Welt.
Er nimmt Raum ein im Kosmos.

Was bedeutet es vor diesem Hintergrund,
dass die Agende für Himmelfahrt und die Ordination
die selbe Lesung vorsieht?
Es muss um das Verhältnis gehen zwischen
- der Kirche in der Welt
- und den ordinierten Pastoren, die in ihr arbeiten.

Dem möchte ich auf die Spur kommen.
Ich beginne damit,
unsere Evangeliums-Lesung,
in die Geschichte von Jesus einzusortieren:

Lukas’ Himmelfahrts-Szene ist nahtlos angeschlossen an die Emmaus-Geschichte:

Zwei Jünger sind auf dem Weg in das Städtchen Emmaus
und auf dem Weg begegnet begleitet sie in Unbekannter.

Erst sind sie traurig,
aber der Wanderer öffnet ihnen die Schrift
und sie verstehen,
welche frohe Botschaft Jesu Leiden und Tod in sich trägt.

Beim Abendessen,
dem Brot-Brechen,
erkennen sie Jesus und wissen:
„Der Herr ist auferstanden“.

Sie wetzen zurück nach Jerusalem,
platzen bei den elf verbliebenen Jüngern ’rein und rufen:
„Der Herr ist auferstanden,
er ist wahrhaftig auferstanden!“
Genau dieser Ruf findet nach wie vor sein Echo,
jetzt, hier bei uns,
wenn wir ihn in der Osterzeit wiederholen.

In diesem Moment
tritt Jesus „mitten unter sie“.
Lukas betont, dass Jesus leiblich dort ist:

Er sagt: „Fasst mich an und seht“.
Ich bin kein Geist, ich bin es wirklich.

Er isst etwas mit ihnen und vor ihren Augen.

Direkt danach kommt der Abschnitt unseres Evangeliums.

Für diese Himmelfahrts-Szene malt Lukas uns ein Bild
mit drei Personen-Gruppen:

Jesus – und der ist wirklich, leiblich, fühlbar dort.

Die beiden „gewöhnlichen“ Jünger,
die gerade eine intensive, geistliche Begegnung hatten

und die elf Jünger,
die eigentlich der „Zwölferkreis“ sind, ohne Judas Iskariot.

Dieses Bild,
so findet die Agende,
passt für „Himmelfahrt“ und für „Ordination“.
Ich glaube, das „funktioniert“,
weil der Zwölferkreis eine Doppelrolle hat.
Die Zwölf Jünger sind in den Evangelien eine feste Größe:

Ein Kreis von Männern,
die immer um Jesus waren
und später eine besondere Rolle für die junge Kirche hatten.

Aber es waren eben auch zwölf.
Damit stehen sie für die Zwölf Stämme Israels.
Sie vertreten das ganze Gottesvolk.

Die „Zwölf“ sind zugleich die Kirche
und ihre Amtsträger.
Das Amt stehe „in“ und nicht „über“ der Gemeinde,
formuliert die „Lutherische Orientierung“ zu dem Thema.
Dieses „in“ hat m.E. aber zwei Seiten:
- Der Zwölferkreis steht „in“ der „größeren“ Kirche
- und die Kirche spiegelt sich im Zwöferkreis.

Was heißt das denn jetzt konkret?

Als Soldat hat sich uns mal der katholische Militärdekan vorgestellt, der zuständig war für unseren Bereich.
Er war früher selbst Soldat gewesen
und sein Bild von Kirche war sehr stark von seinem alt Beruf geprägt.

Der katholische Priester,
so erklärte er uns,
sei ein Soldat.

Über ihm steht der Dekan, das ist der Dekurio,
der Unteroffizier.

Über dem Dekurio steht der Hauptmann,
das sind die Bischöfe.

Über den Hauptleuten steht der General.
Das sind die Kardinäle.

Und an der Spitze steht der Feldherr.
Das ist der Papst.

Was kommt in diesem Bild gar nicht vor?
Die Gemeinde!
Später habe ich gelernt,
dass dies nun überhaupt nicht die „offizielle“ Lehre
der röm.-kath. Kirche sei.
Auch dort gibt es auch ein breites Spektrum an Meinungen.

Für uns interessant ist die Frage:
Warum ist dieses Bild von Kirche,
in dem die Gemeinde nicht vorkommt,
biblisch falsch?
…weil die große Kirche
sich im Zwölferkreis nicht mehr spiegelt.

Wenn man in diesem Bild „Kirche“ sagt,
meint man den Klerus.
Und das ist falsch:
Der Klerus ist nicht die Kirche,
sondern die Kirche ist das Ganze.

Bei uns im Gottesdienst kommt das dann zum Ausdruck,
wenn die Gemeinde Psalmen singt.
Nicht die Pastoren,
nicht die Mönche,
nicht ein herausgehobener Chor,
sondern die Gemeinde singt Psalmen.

Psalmen sind die Lieder des auserwählten Volkes.
Sie verbinden uns mit der Kirche aller Zeiten
und in differenzierter aber ungebrochener Art
auch mit dem Gottesvolk des Alten Bundes.

Die Gemeinde, die Psalmen singt, sagt:

„Wir sind die Kirche“.

Schau mal nach links,
schau mal nach rechts –
die „Gemeinschaft der Heiligen“:
Das sind die Menschen,
die du da siehst!

Es gibt noch eine zweite Seite,
an der man vom Pferd fallen kann:
Wenn man sagt, die Zwölf seien immer nur die ganze Kirche,
dann ignoriert man ihre Sonderstellung.
Pastor zu sein ist dann eine Frage der Funktion.
Das ist so, wie in einem Verein,
in dem
- einer den Vorsitz hat,
- und einer Schriftführer ist
- und wieder einer Kassenwart.
Dazu wird gerne gebraucht das Bild der Kirche als
„Leib Christi“:
Es sind verschiedene Glieder
(mit verschiedenen Funktionen),
aber ein Leib.

Das ist ja nicht falsch:
Es sind verschiedene Aufgaben.
Wenn ich mir meine akademischen Zeugnisse anschaue,
spiegelt sich auch,
dass ich für eine bestimmte Funktion ausgebildet worden bin:
- Schrift auslegen,
- Unterricht erteilen,
- Gottesdienste planen und durchführen.

Das Problem ist zu sagen,
die Funktion sei das Einzige,
das die Pastoren von den anderen Christen unterscheidet.
Das stimmt mit der Bibel einfach nicht überein.
„Die Zwölf“ sind eine feste Größe in den Evangelien
und unterschieden von den anderen Jüngern.

Das ist im Detail lange nicht so klar,
wie man sich das wünschen würde –
gerade, wenn dazu tendiert,
den Klerus als Armee zu sehen.

Wenn man man die Bibelstellen sortiert,

in denen die Zwölf (explizit) vorkommen,

und die Stellen,
in denen Jesus Aufträge erteilt,

gehören ganz viele in den Topf „Gemischtes“.

Wer euch hört,
der hört mich.

Das sagt Jesus nicht zu den Zwölf.
Das sagt Jesus zu den 72 Jüngern,
die er aussendet für einen konkreten Zeitraum
in eine konkrete Region.

Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch…

Er blies er sie an und spricht zu ihnen:
Nehmt hin den heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst,
denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet,
denen sind sie behalten.

Das sagt er erstmal „den Jüngern“.
Das steht nicht dabei, dass es die „Zwölf“ sind.
Es sind erst mal „die Jünger“,
die da in dem Raum zusammensitzen.
Und erst, als Thomas genannt wird,
wird erklärt, er sei „einer der Zwölf“.

Und wer jetzt meint:

O prima,
es ist in der Bibel nicht ganz klar,
da können wir ja machen,
was wir wollen…

…der ist auf dem Holzweg:
Dass die Kirche ein Amt hat,
also dass sie einen Personenkreis in sich bestimmt,
der sich besonders Jesu Auftrag widmet,
ist nicht freiwillig:
Innerhalb der Jünger gibt es die Zwöf.
Innerhalb der Kirche, gibt es den Personenkreis „Amt“.

Die Art, wie die Bibel dies darstellt,
ist aus meiner Sicht realistisch.
Eine scharfe, rechtliche Regelung,
ist immer auch künstlich.
In Wirklichkeit haben diese Dinge ein bisschen „Spiel“.

Zwei Beispiele:

Der „Taufbefehl“ Mt 28
ist ganz klar den elf Jüngern gesagt:

Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg,
wohin Jesus sie beschieden hatte…

Gehet hin und lehret alle Völker:
Taufet sie auf den Namen des Vaters
und des Sohnes
und des heiligen Geistes…

Trotzdem gibt es in der Kirche die Nottaufe.

Im Prinzip „predigen“ nur Pastoren „wirklich“.
Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung
gehören – nach Kirchenrecht – in die Hand des Amtes.
Was ich letzten Sonntag hier auf der Kanzel gesagt habe,
war keine Predigt.
Und jetzt ist es eine Predigt,
weil Markus mir gerade die Hände aufgelegt
und bestimmte Dinge gesagt hat…

Ihr merkt:
Das hat alles etwas Spiel
und es ist nicht so präzise gefasst
wie eine mathematische Formel oder ein Computerprogramm.

Ich glaube,
das ist dem Gegenstand der Angelegenheit angemessen,
denn es ist ein Handeln Gottes,
von dem wir da reden.

Wir glauben daran,
dass Gott selbst in der Predigt redet
in unser Herz.

Wir glauben daran,
dass das Wort der Vergebung
im Himmel und auf Erden verbindlich ist.

Wir glauben daran,
dass in und unter dem Brot und dem Wein
der himmlische Leib Christi wirklich gegenwärtig ist.

Trotzdem ist unser Handeln
und Gottes Handeln
nicht einfach das Selbe.
Wir haben keine Fernbedienung für Gott,
auch die Pastoren nicht. —

Ich habe damit angefangen,
dass in dem Bild,
das Lukas von der Himmelfahrt malt,
Jesus körperlich gezeichnet wird.
Das ist das einzige Mal,
dass der Auferstandene etwas isst –
Das weltliche und das himmlische sind im Auferstandenen
ganz übereinander.
Und gleichzeitig ist er entzogen,
wie in einem Traum:
- Er tritt mitten unter sie.
- Er entfernt sich und wird in den Himmel enthoben.

Gott ist ganz da,
– für uns –
doch er liefert sich uns nicht aus.
Der Heilige Geist wirkt durch greifbare „Mittel“,
die leiblichen Menschen angemessen sind:
- die Predigt,
- das Evangelium von der Vergebung der Sünden,
- die Sakramente.
Doch der Geist wirkt, „wo und wann er will“.

Und das ist eine wirklich gute Sache
für alle Beteiligten:
- Glauben zu schenken
- und Heil zu wirken unter den Menschen,
ist und bleibt Chefsache.
Und trotzdem begegnet Gott uns nicht
in einer feinstofflichen Wolke.
Wir sind auch nicht angewiesen auf flauschige Gefühlen,
die das eine oder das andere heißen können
und mal kommen und mal nicht.

Gott begegnet uns in
- konkreten,
- greifbaren,
- sichtbaren
Menschen.

Schau mal nach links,
schau mal nach rechts –
Die Menschen,
die du da siehst,
das ist die „Gemeinschaft der Heiligen“,
die Gott sich erwählt hat.

Schau mal nach vorne links:
Der Mann in schwarz,
der hat den Auftrag von Gott,
hier zu predigen und das Sakrament zu verwalten.

Wie unbegreiflich sind die Gerichte Gottes
und unerforschlich seine Wege!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

Predigtabschnitt Lk 24,44–53

44Jesus sprach aber zu seinen Jüngern:

Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe,
als ich noch bei euch war:
Es muss alles erfüllt werden,
was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose,
in den Propheten und in den Psalmen.

45Da öffnete er ihnen das Verständnis,
so dass sie die Schrift verstanden,
46und sprach zu ihnen:

So steht’s geschrieben,
dass Christus leiden wird
und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
47und dass gepredigt wird in seinem Namen
Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern.
Fangt an in Jerusalem,
48und seid dafür Zeugen.
49Und siehe, ich will auf euch herabsenden,
was mein Vater verheißen hat.
Ihr aber sollt in der Stadt bleiben,
bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

50Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien
und hob die Hände auf und segnete sie.
51Und es geschah,
als er sie segnete,
schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52Sie aber beteten ihn an
und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

 1.Kor 1,3

 Nach Röm 11,33.

 Bonhoeffer: „Christus als Kirche existierend“, DBW 1.

 Vgl. Lk 24,33f.

 V. 36.

 Vgl. Lutherische Orientierung 8, S. 12.

 Ebd.

 Lk 10,16

 Joh 20,21–23

 Vers 24.

 Mt 28,16.19

 Nach Röm 11,33.

 Phil 4,7