Die wartende Gemeinde
Predigt zu Eph 3,14–21
Exaudi ist der Sonntag der Zwischenzeit. Exaudi ist der Moment zwischen Blitz und Donner, zwischen Klausur und Noten. In diesem Moment der Anspannung betet die Kirche einen Psalm, in dem sie Gott um sein Gehör bittet.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.1 Amen.
Diese Predigt legt ein Gebet aus
im Brief an die Epheser im 3. Kapitel.
Der Apostel schreibt:
14Ich beuge meine Knie vor dem Vater,
15der der rechte Vater ist über alles,
was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
16dass er euch Kraft gebe
nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit,
- stark zu werden durch seinen Geist
an dem inwendigen Menschen, - 17dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
- und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
18So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen,
welches
- die Breite
- und die Länge
- und die Höhe
- und die Tiefe ist,
19auch die Liebe Christi erkennen,
die alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
20Dem aber,
der überschwänglich tun kann über alles hinaus,
was wir bitten oder verstehen,
nach der Kraft, die in uns wirkt,
21dem sei Ehre in der Gemeinde
und in Christus Jesus zu aller Zeit,
von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!2 — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
„Exaudi“ heißt der heutige Sonntag,
„höre“,
nach dem Eingangspsalm, den wir gerade gesungen haben:
Höre, Herr, meine Stimme, wenn ich rufe.
Verbirg dein Angesicht nicht vor mir!
Exaudi ist der Sonntag der Zwischenzeit.
Exaudi ist der Moment zwischen Blitz und Donner,
zwischen Klausur und Noten,
zwischen dem Aufheulen der Motoren
und dem Abheben des Flugzeugs.
Der Kosmos hält den Atem an
zwischen der Himmelfahrt des auferstandenen Jesus
und der Herabkunft des Heiligen Geistes.
In diesem Moment der Anspannung,
in diesem Moment des Wartens auf den Knall
betet die Kirche einen Psalm,
in dem es um das Beten geht:
Höre, Herr, meine Stimme, wenn ich rufe.
Verbirg dein Angesicht nicht vor mir!
Unser Preditgabschnitt heute ist auch ein Gebet.
Es ist ein Gebet,
von dem der Apostel Paulus den Ephesern schreibt,
dass er es auf den Knien für sie betet.
Wie unser Sonntag,
ist es ein Gebet für die Zwischenzeit,
und zwar die Zwischenzeit
zwischen der Taufe und der Vollendung im Himmel.
Paulus äußert in seinem Gebet drei Bitten für die Epheser.
Es sind drei Bitten,
die er für jeden Christenmenschen stellen könnte. —
Deswegen ist dieser Brief an die Epheser auch in die Bibel gekommen! Der Brief an die Epheser ist auch ein Brief an uns.
Paulus bittet drei Dinge für uns:
(1) Erstens, dass Gott uns die Kraft gebe,
stark zu werden an dem inneren Menschen,
durch seinen Geist.
Bei dieser Bitte musste ich an einen jungen Mann denken,
der eine Lungenkrankheit hatte.
Der hat quasi sein ganzes Leben nicht wirklich Luft bekommen.
Ich weiß die medizinischen Details nicht,
aber er konnte sich nicht richtig bewegen
und hatte im Grunde immer zu wenig Sauerstoff im Blut.
Die Ärzte sahen auch keine Chance,
dass es ihm mal irgendwann besser gehen könnte.
Er war ein schmächtiger Typ,
mit eingefallenen Wangen:
Ein Schatten seiner selbst.
Er hat dann mit Krankengymnastik angefangen,
um seine Muskulatur zu stärken.
Erst ganz vorsichtig,
später ist er immer in ein Fitness-Studio gegangen.
Heute macht er Bodybuilding!
Er ist immer noch ein schlanker Kerl,
aber von oben bis unten durchtrainiert.
Er hat langsam angefangen,
und hat seine Muskulatur aufgebaut.
Er hat sich Stückchen für Stückchen stark gemacht,
bis die innere Muskulatur seine Lunge unterstützen konnte.
Wenn Paulus für uns betet,
dass wir stark werden mögen, am inneren Menschen,
dann meint er etwas ganz ähnliches.
Die Krankheit,
die wir überwinden,
nennt die Bibel „Sünde“.
Die Sünde ist, was uns von Gott trennt.
Sie ist, was uns daran hindert, der Mensch zu sein,
den Gott in uns erschaffen hat.
Es kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich aussehen, was das ist!
Aber wegen dieser „Krankheit“
sind wir ein Schatten unserer selbst.
Paulus bittet Gott,
er möge unseren „inneren Menschen“ stärken:
das an uns, das Gott gemäß ist.
So wie ein Stück Obst ganz reifen muss,
oder wie ein Sauerteig ganz durchsäuern muss,
sollen wir „durchheilen“.
Unter Gottes Pflege sollen wir durch den Geist wachsen,
so dass unser innerer Mensch uns am Ende ganz ausfüllt.
(2) Paulus bittet für uns,
dass Christus in unseren Herzen wohne.
Das Herz ist der Kern des Menschen,
sein Zentrum und seine Mitte.
Heute würden wir sagen:
„Das Hirn ist das Nervenzentrum des Menschen“.
Antike Menschen waren der Meinung,
das Herz sei der Ort
- des Glaubens,
- des Wollens
- und des Entscheidens.
Wenn Paulus sich wünscht,
dass Christus in unserem Herz wohnen soll,
dann möchte er,
dass sein Wille
und unser Wille zusammenfallen.
Das hat etwas zu tun mit Nähe,
fast mit Intimität.
Denken sie sich ein Paar guter Freunde;
Menschen, die sich richtig gut kennen;
Oder auch ein Ehepaar:
Da weiß der eine vom anderen, was er denkt.
Er weiß, was der andere möchte.
Sie verstehen sich ohne Worte. —
Das ist die Art von Nähe,
das ist die Art von gemeinsamen Willen,
an die Paulus denkt,
wenn er sagt,
dass Christus in unseren Herzen wohnen soll.
Wir haben vorhin eine Weissagung des Propheten Jeremia gehört, der geschrieben hat:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr,
da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen…3
Dieser neue Bund, dieses neue Testament ist gemeint,
wenn Jesus sagt:
„Dies ist das neue Testament in meinem Blut…“
Jeremia führt aus, was das (unter anderem) heißen soll:
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben
und in ihren Sinn schreiben,
und sie sollen mein Volk sein,
und ich will ihr Gott sein.4
Wir haben manchmal das Gefühl,
Gesetze seien etwas,
das von außen kommt.
Etwas, das gegen uns ist
und uns vielleicht sogar
von unserem eigentlichen Selbst abbringt.
Hier ist das Gesetz ganz positiv besetzt.
Dies ist nicht ein Gesetz, das Menschen einschränkt,
sondern eines, das fruchtbare Beziehung ermöglicht
zwischen Gott und dem Einzelnen.
Dies ist ein Gesetz, das dem Menschen erlaubt,
sich zu entfalten.
Wenn Paulus davon redet,
dass Christus in unseren Herzen wohnen möge,
ist das das, aber noch viel mehr.
Christus ist lebendig.
Er gestaltet uns und unser Leben neu.
Wir werden nicht durch ein Gesetz –von außen– entfremdet,
sondern durch Gottes Schöpfungsmittler,
der unser Bruder geworden ist,
–von innen– verwandelt.
(3) Paulus bittet für uns,
dass wir in Liebe verwurzelt und gegründet sein sollen.
Unser „Fundament“ soll die Liebe sein.
Die „Liebe“ ist keine romantische Liebe
und sie muss auch nicht mit flauschigen Gefühlen einhergehen.
Es ist die Art Liebe, die von Gott kommt.
Doch wie muss ich mir das vorstellen?
Der Evangelist Johannes schreibt:
So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
Das ist eine ganz starke Botschaft:
Du bist es Gott wert,
dass er in Christus Mensch geworden ist.
Er ist ein Mensch geworden, wie du einer bist.
Er ist geboren worden, wie du geboren wurdest.
Er hat als Mensch gelebt.
Er hat am Kreuz gelitten.
Er ist seinen Tod gestorben und ist begraben worden.
Er hat das für dich getan,
weil er dich liebt.
Das ist die Basis, von der du auf dein Leben schauen kannst.
Auf unserem Lebensweg ist es mit zunehmendem Alter so,
dass wir mehr und mehr nachweisen müssen,
dass wir es Wert sind:
- In der Schule müssen wir gute Noten abliefern.
- In der Ausbildung Prüfungen bestehen.
- An der Universität Scheine machen
oder Kreditpunkte nachweisen. - Wir müssen bestimmt Sachen auf unseren Lebenslauf schreiben können und dürfen keine Lücken haben:
„Was haben sie denn zwischen 2012 und 2014 gemacht? Weltreise? Arbeitslos? Zeitverschwendung?“
Mehr und mehr müssen wir uns dafür rechtfertigen,
wie wir es verdient haben,
da zu sein, wo wir sind,
und das Geld zu verdienen, das wir kriegen. –
Und selbst als Rentner muss man nachweisen,
dass man denn auch fleißig einbezahlt hat!
Als wir klein waren,
war es noch anders:
Noch bevor du alleine auf den Topf gehen konntest,
warst du für deine Eltern wertvoll
und sie haben Arbeit und Mühe für dich aufgewendet.
Deswegen nennen wir Gott unseren „Vater“:
Schon bevor du geboren wurdest,
wusste er, dass es dich geben wird
und er hat dich geliebt.
Er hat seinen Sohn Jesus Christus geschickt,
um dich zu erretten und zu erlösen.
Das ist, was das Neue Testament mit „Liebe“ meint.
Das ist die Liebe, auf die du gegründet bist,
auch wenn deine Eltern mal nicht mehr sind.
(Schluss)
Liebe Brüder und Schwestern,
in dieser Zwischenzeit,
zwischen Himmelfahrt und Ostern,
zwischen Taufe und Himmelreich,
haben wir ein Gebet bedacht,
das Paulus einst für die Gemeinde in Ephesus gebetet hat.
Wir haben dieses Gebet als ein Gebet für uns gehört,
dass Gott uns die Kraft gebe,
stark zu werden durch seinen Geist am inneren Menschen.
So wie der junge Mann, der durch Training stark wurde
zu einem gesünderen Leben.
Es ist ein Gebet,
dass Christus in unseren Herzen wohne.
Wir möchten uns so gut mit ihm verstehen,
wie mit ganz alten Freunden,
einen Willen und einen Sinn mit ihm haben.
Es ist ein Gebet,
dass die Liebe Gottes unserer Fundament sei.
Hier dürfen wir fest verwurzelt sein
und Kraft beziehen,
für unser Leben.
Ich finde, das ist ein gutes Gebet für diese Zeit
und wir dürfen es schließen mit den Worten des Psalmes:
Herr, höre, meine Stimme, wenn ich rufe.
Verbirg dein Angesicht nicht vor mir!
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!5 Amen.
1 1.Kor 1,3
2 Ps 119,105
3 Jer 30,31, atl. Lesung
4 Jer 30,33b
5 Phil 4,7
Weitere Predigten zu Exaudi:
Ströme des lebendigen Wassers
Joh 7,37–39,
Exaudi
Ströme lebendigen Wassers sollen aus unseren Leibern fließen. Wie kann das sein? Und was hat das zu bedeuten? …also, konkret, in meinem Leben?