Das Schnitzel, die Avocado und
das Hochzeitsmahl des Lammes
Predigt zu Heb 9,15.26b–28.26b–28
Ich habe neulich Fleisch gekauft von einer Hausschlachtung. Ich kam ’rein, um mir meine Teile abzuholen, und die Hausfrau begrüßte mich mit den Worten: „Wir sind tot“.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Das Wort Heiliger Schrift, das diese Predigt auslegt,
steht geschrieben im Brief an die Hebräer im 9. Kapitel:
15Christus ist der Mittler des neuen Bundes,
damit durch seinen Tod,
der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund,
die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26bNun aber, am Ende der Welt,
ist er ein für allemal erschienen,
durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27Und wie den Menschen bestimmt ist,
einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
28so ist auch Christus einmal geopfert worden,
die Sünden vieler wegzunehmen;
zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.
Lasst uns beten: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege! — Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte heute morgen drei Dinge im Licht dieses Abschnitts aus dem Hebräerbrief betrachten:
(1)Das Schnitzel,
(2)die Avocado
(3)das Hochzeitsmahl des Lammes.
(1) Ich habe neulich Fleisch gekauft von einer Hausschlachtung. Ich kam ’rein, um mir meine Teile abzuholen, und die Hausfrau begrüßte mich mit den Worten:
„Wir sind tot“.
Es klingt ein bisschen nach der berühmten Schlagzeile der Bildzeitung. Als Ratzinger zum Papst gewählt wurde, titelte das Blatt:
„Wir sind Papst“,
Ratzinger ist Deutscher. Wir sind Deutsche.
Und wenn Ratzinger Papst ist,
sind wir auch ein bisschen Papst.
Die Familie, die ihre Kuh geschlachtet hat,
hat über mehr als ein Jahr mit dem Tier gelebt.
Die Kuh musste gefüttert werden.
Sie musste abends in den Stall gebracht werden.
Der Tierarzt kam und hat sich um sie gekümmert.
Sie war ein bisschen Teil der Familie.
Sie hatte einen Namen.
Dann kam eines Tages der Fleischer.
Auf dem Hof,
über den sie vor Kurzem noch in den Stall geführt wurde,
kam die Kuh in einen Holzverschlag.
Der Schlachter hat sie mit einem Bolzenschussgerät betäubt
und dem zuckenden Zier die Halsschlagader aufgeschnitten.
Das Herz pumpt weiter,
bis das ganze Blut ’rausgelaufen ist und der Kreislauf versagt.
Ein Leben geht zu Ende.
Es gibt einen Unterschied zwischen „vorher“ und „nachher“:
Die Muskulatur erschlafft
und was vorher ein Tier war,
ist jetzt Fleisch.
Es geht nicht spurlos an einem vorbei.
Es wird einem doch sehr klar, dass man selbst sterblich ist.
Man stirbt ein bisschen mit: „Wir sind tot“.
Den Menschen in der antiken Welt
war dieser Eindruck sehr präsent.
Die haben nicht oft geschlachtet, vielleicht einmal im Jahr.
Wenn sie geschlachtet haben,
haben sie eigene Tiere geschlachtet.
Tiere, die in der eigenen Herde geboren wurden,
die mit den anderen gefüttert und gehütet wurde.
Wenn man solch ein Tier geschlachtet hat,
war das eindrücklich.
Man hatte ein Gespür dafür,
dass ein Leben zu Ende geht.
Man hatte ein Gespür dafür,
dass man etwas anrührt,
das eigentlich nur Gott gehört.
Und man hatte das Bedürfnis,
die Welt wieder gerade zu rücken.
Das ist der Hintergrund von dem,
was man in der Religionswissenschaft als „Opfer“ bezeichnet:
Man schlachtet ein Tier
und will mit Gott (oder mit „den Göttern“)
wieder ins Reine kommen.
Für die Alten Griechen war dieser Zusammenhang so dicht,
das sie für „schlachten“ und „opfern“ das selbe Wort hatten.
Ein Stück davon ist auch in unserer Kultur erhalten:
Das Wappen der Fleischer-Zunft
ist das Lamm mit der Siegesfahne,
so, wie es hier direkt über mir als Figur abgebildet ist:
Christus, das Lamm Gottes, ist das ultimative Opfer.
Gerade das ist das Thema des Hebräer-Briefs,
gerade das ist das Thema unserer Stelle aus dem Hebräer-Brief.
Das Apostel schreibt:
26bNun aber, am Ende der Welt,
ist [Christus] ein für allemal erschienen,
durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27Und wie den Menschen bestimmt ist,
einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
28so ist auch Christus einmal geopfert worden,
die Sünden vieler wegzunehmen.
Christus, das Lamm Gottes, ist das ultimative Opfer.
Was hat das aber jetzt zu tun mit meinem Schnitzel?
Das Kreuz Christi,
sein Tod,
stellt uns vor Augen,
dass wir am Tod beteiligt sind,
ja, dass wir vom Tod leben.
Für das Schnitzel, das Du isst, ist ein Tier gestorben.
Für das Lebensmittel, das Du zu Dir nimmst,
ist einem Geschöpf Gottes das Leben genommen worden.
Das hat erst mal nichts mit Moral zu tun.
Es geht jetzt nicht um die Frage,
ob das richtig ist oder falsch,
und in welchem Maß und unter welchen Bedingungen
wir das zulassen wollen oder nicht.
Das sind alles wichtige Fragen!
Als meine Oma ein Mädchen war,
hat die Familie einmal die Woche Fleisch gegessen.
Die Männer, die hart körperlich gearbeitet haben,
haben den Braten gekriegt
und die Frauen die Sauce.
Mehr als einmal in der Woche
konnte sich die Familie nicht leisten!
Nicht, weil sie arm waren,
sondern weil das Fleisch so teuer war.
Meine Oma ist 1913 geboren,
das ist noch nicht mal 100 Jahre her.
Heute kosten Fleisch und Gemüse im Grunde das gleiche.
Das ist ökologisch und ökonomisch unverantwortlich.
Aber das alles ist alles „Frage Zwei“.
Das, worum es beim Kreuz geht,
ist, dass Gott uns vorführt,
dass wir in den Tod verstrickt sind.
Wir haben die Unschuld des Paradieses verloren.
Wir sind nicht mehr in der Fülle des Lebens.
Wir sind nicht mehr bei Gott.
Wir sind da, was die Bibel „unter der Sünde“ nennt.
Unsere Sünde hat Christus dorthin gebracht.
Wir haben ihn ans Kreuz geschlagen.
Wenn Du ein Schnitzel isst,
weißt Du, dass die Kuh tot ist.
Wenn Du ehrlich zu Dir selber bist,
weißt Du,
- dass Du andere Menschen verletzt hast,
- dass Du andere Menschen ausgenutzt hast
oder daran beteiligt warst, - dass Du profitiert hast,
als andere Geschöpfe
und auch andere Menschen
ihr Leben gelassen haben.
(2)Es gibt viele gesellschaftlich anerkannte Strategien,
sich dieser Wahrheit zu entziehen.
Wenn ich bei meinem Beispiel mit dem Schnitzel bleibe,
ist die einfachste Strategie, dass man sagt:
„Ich esse kein Fleisch mehr,
ich werde Vegetarier“.
Oder, wenn man es noch ernster betreiben will:
„Ich lebe vegan!
Enthalte mich also aller tierischen Produkte“.
Erstmal muss ich sagen,
dass dahinter ein hehres Anliegen steht.
Es hat den Zug eines Opfers:
Man verzichtet auf etwas,
um die Welt einen besseren Ort zu machen.
Und innerhalb der Welt
macht es einen ökologischen und ökonomischen Unterschied,
ob man tierische Produkte isst oder nicht
oder in welchem Maß man das tut.
Problematisch ist,
wenn man meint, jetzt sei man „’raus aus der Nummer“.
Problematisch ist,
wenn man meint, dass man die Verstrickung in den Tod
aus eigener Kraft überwunden habe, weil man vegan ist.
Und das ist, wo die Avocado ins Spiel kommt.
Die Frucht kommt ursprünglich aus Südamerika
und ist sehr beliebt, weil sie sehr gute Fette enthält,
die man braucht, wenn man sich ohne Fleisch ernährt.
Die Avocado ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden.
Sie hat so etwas wie einen Kult-Status unter Veganern.
Jetzt ist das Problem,
dass die Avocado nicht nur eine Frucht ist,
sondern auch ein Produkt.
Ein Produkt, das sich gut verkauft,
muss mehr produziert werden.
So funktioniert der Kapitalismus.
Was passiert also?
Plantagen werden angelegt.
Wälder werden abgeholzt.
Wasser wird in die Landwirtschaft umgeleitet.
Menschen leiden Durst, weil wir Avocados essen.
Tiere sterben und ganze Arten sind gefährdet,
weil wir Avocados essen.
Natürlicher Lebensraum wird vernichtet,
weil wir Avocados essen.
Da bemüht man sich,
sein Konsumverhalten anzupassen
und kommt doch nicht ’raus aus der Verstrickung des Todes.
Man opfert
und doch bleibt man mit Gott unversöhnt.
Diese Wahrheit spiegelt sich im Kreuz Christi.
Unsere Sünde hat Christus dorthin gebracht.
Wir haben ihn ans Kreuz geschlagen.
Wenn Du ehrlich zu Dir selber bist,
weißt Du,
dass Du selbst Dein Gemüse nicht unschuldig essen kannst.
(3) Ich bin der Meinung,
dass der Karfreitag seinen eigenen Wert hat.
Die Rede von der Sünde
als der Macht des Todes über uns und zwischen uns
ist im höchsten Maße wirklichkeitshaltig.
Sie trifft mein Leben auf vielen Ebenen.
Schnitzel und Avocado sind ja nur Beispiele für etwas,
das uns unter vielen Gestalten jeden Tag begegnet!
Von der Sünde zu reden,
eröffnet die Möglichkeit tiefer Sebstreflexion,
denn ich weiß, dass ich nicht alleine dastehe,
unter der Last des Todes.
Mein Herr Jesus Christus steht mit mir hier.
Als er, der es nun absolut nicht nötig gehabt hatte,
sich von Johannes hat taufen lassen,
hat er damit quasi gesagt:
„Ich bin einer von euch.
Ich weiß wie es ist,
in der Verstrickung des Todes zu leben“.
Es berührt mich tief:
Erstens ist es unfassbar großzügig.
Das ist unfassbar lieb von ihm.
Zweitens weiß ich dadurch, dass er das gemacht hat,
dass mein Leben und sogar mein Tod einen Sinn hat.
Schon an Karfreitg weiß ich,
dass ich nicht verzweifeln muss.
Ich weiß, dass das alles nicht ausweglos ist,
sondern dass alles ein Ziel hat, das voller Leben ist.
Ich weiß noch nicht, wie das genau aussieht.
Aber ich kann das Leben erspüren in liebevoller Gemeinschaft.
Ich kann es erahnen in Schönheit und Erkenntnis.
Doch:
„jetzt sehe ich wie in einem dunklen Spiegel.
Dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“.1
„Dann“ ist das „Hochzeitsmahl des Lammes“.
„Dann“ ist der „Tag des Herrn“.
Von diesem Tag redet der Apostel in unserem Abschnitt so:
Christus ist einmal geopfert worden,
um die Sünden vieler wegzunehmen.
Zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten,
[in der Verstrickung des Todes] zum Heil.
Dann aber wird er mit uns ein Mahl halten,
bei dem er selbst aus der Fülle des Lebens schöpfen wird.
Wenn Du da isst, ist kein Tier dafür gestorben.
Wenn Du da isst,
- ist kein Urwald dafür abgeholzt worden,
- kein Bauer wurde betrogen,
- kein Händler übervorteilt.
Der Herr selbst deckt den Tisch und wir sind geladen.
Jetzt ist der Tisch des Herrn leer,
gedeckt nur mit den Zeichen des Todes und der Schmerzen,
ein Schatten seiner selbst.
Bald gibt es wieder einen Vorgeschmack auf das Hochzeitsmahl, hier an diesem Ort:
„Nimm hin und iss.
Nimm hin und trink“ — die Fülle des Lebens;
Morgen Abend wieder und an fast jedem Sonntag.
An diesem Altar. — In echt. Für dich. — Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!2 Amen.
Offene Schuld
(Die Gemeinde erhebt sich)
P: Laßt uns miteinander vor Gott bekennen, daß wir gesündigt haben mit Gedanken, Worten und Werken, auch aus eigener Kraft uns von unserem sündigen Wesen nicht erlösen können. Darum nehmen wir Zuflucht zu der grundlosen Barmherzigkeit Gottes, unseres himmlischen Vaters, begehren Gnade um Christi willen und sprechen: Gott sei mir Sünder gnädig.
P+G: Der allmächtige Gott erbarme sich unser, er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben. Amen.
P: Der allmächtige, barmherzige Gott hat sich unser erbarmt, seinen einzigen Sohn für unsere Sünde in den Tod gegeben und um seinetwillen uns verziehen, auch allen denen, die an seinen Namen glauben, Vollmacht gegeben, Gottes Kinder zu werden und ihnen seinen heiligen Geist verheißen. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Das verleihe Gott uns allen.
Gemeinde: Amen.

1 Nach 1.Kor 13,12.
2 Phil 4,7